Heft 
(1858) 12 12
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Blanka Abſchied von ihr und der Wagen führte ſie zur nächſten Eiſenbahnſtation, der Mittagszug nach D. In der Villa am Strom war es ſehr einſam geworden.

Unterdeſſen erfreute ſich Richard Stein⸗ burg ſeinesMarienſchachtes. So ſollte er heute getauft werden, und der Platz um das Haus, um die Einfahrt war bereits feſtlich zur Weihe geſchmückt. Die ausgeworfenen Erdhau⸗ fen waren rund um die Tiefe feſtgeſchlagen wie Zuſchauertribunen, das Haus mit grünen Guir⸗ landen, nach innen aus Winterreis, und einigen bunten Fahnen geziert. Die Arbeiter, die Berg⸗ leute, die am Schacht geholfen hatten, immer unter Kopfſchütteln und der Meinung, er werde keine Ausbeute bringen Alle zeigten ſich, wie es dem feierlichen Tage angemeſſen war, und wie es die in Ausſicht ſtehende Bewirthung ver⸗ diente. Das Muſikkorps des nächſten Land⸗ ſtädtchens, große Schaaren neugieriger Zu⸗ ſchauer fehlten nicht, obgleich der Märzmorgen empfindlich kalt war und graue Nebel über dem Strom hingen. Das Dampſſchiff hatte in der Nähe der Kaiſerfelder einige Gäſte gelandet, auch Wagen ſteuerten von anderer Seite dem einſtöckigen neuen Hauſe zu, das in der Mitte der wüſten unbeſtellten, vom Winter arg zer⸗ wühlten Felder lag.

Richard hatte geſtern, nachdem er ſein Haus verlaſſen, und bis zu dieſem Morgen keine frohe Stimmung gehabt. Es lag ihm viel auf der Seele, er ahnte, daß er in ſeinem trun⸗ kenen Zorne überaus hart gegen Blanka ge⸗ weſen ſein müſſe. Das aber war es nicht allein. Die Nacht, die er in dem neuen Geſchäftshauſe zubrachte, hatte er dazu angewendet eine Ueber⸗ ſicht über den Stand des neuen Geſchäfts zu gewinnen. Er hatte ſie erreicht, und ſie war nicht erfreulich. Wenn nur erſt der heutige Tag vorüber und die Angelegenheit im ruhigen Gange wäre, ſo wollte er mit Lorenz Kon⸗ rad ernſte Rückſprache nehmen.

Er trat hinaus und wurde von einzelnen ſeiner Gäſte, von dem Haufen der Arbeiter mit lautem fröhlichem Zuruf empfangen. Wo nur ſeine Frau, wo ſein Agent, die vom andern Stromufer kommen mußten, bleiben? Trotz des ſcharfen Märzwindes, der ihm entgegenblies, ſuchte er den Stromnebel zu durchſpähen, ob kein Boot überſetze.

In dieſem Augenblicke übergab ihm ein Knabe, den er für kleine Beſorgungen in ſeinen Dienſten hatte, ein paar Briefe. Richard blickte dieſelben erſtaunt an; es war die Hand der beiden Erwarteten: Blankas und ſeines Agenten. Was ſchrieben dieſe zuſammen? Er eilte in ſein Geſchäftszimmer; die Gäſte bei gutem Ungarwein und kalter Küche geduldeten ſich wohl noch eine Weile, die Arbeiter wurden ungeduldig.

Während man um den Schacht und das Geſchäftshaus nicht begriff, was vorgehe, ſprengte ein einzelner Reiter über das Feld, vor

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das Haus, ſprang kurz vom Pferde und trat mit unverkennbarer Haſt in den Flur. Einzelne Gäſte grüßten ihn mitguten Morgen, Herr Bergrath!; er frug ohne viele Umſtände nach Steinburg, und als er erfuhr, daß der⸗ ſelbe in ſeinem Comptoir ſei, trat er ohne Um⸗ ſtände in dieſes.

Da lehnte Richard Steinburg, er⸗ ſchüttert und geängſtigt an ſeinem Schreibpult. Eben hatte er die beiden Brieſe geleſen; Lo⸗ renz Konrads, der ihm ſchrieb, daß er vor der Hand nicht zurückkehren werde; ſeines Wei⸗ bes, die ihn zwiſchen Thränen und letzten Lie⸗ berſägbien bat, über ihr Vermögen frei zu verfügen, ihr zu vergeben, daß ſie nicht blei⸗ ben könne.

Ihr zu vergeben? In Richards Kopf wirrten ſich wüſte Gedanken. Der Bergrath Halden, der eintrat, wollte ſicher in ein höhniſches Gelächter über dieſe Worte ausbre⸗ chen! Und war es nicht Hohn über ſein Un⸗ glück, ſeine Thorheit, die er jetzt blitzartig und in einem Momente erkannte, daß die Muſik draußen anfing, einen fröhlichen Bergreigen zu ſpielen; daß die Gäſte im andern Zimmer mit den Gläſern klirrten und auf das Wohl, das glückliche Gedeihen desMarienſchachtes anſtießen?

Gewiß, es war Hohn und Richard wußte eigentlich nicht, warum er dem Berg⸗ rath verzweifelt entgegenrief:

Mein Weib verläßt mich; mein Agent ſcheint ein Betrüger, er iſt flüchtig, er iſt ſicher flüchtig

Reiſt er nicht für Sie nach England? Er hat vorgeſtern ein Viſum dorthin erhalten bei dem engliſchen Konſul in D.

Jetzt war Richard betäubt. Kraftlos ſetzte er ſich in einen Rohrſtuhl; der Bergrath, der zur Rückſprache gekommen war, rief ihn an:

Etwas müſſen Sie thun! Sie dürfen ſich nicht übermannen laſſen! Sie müſſen ſich Ihr Weib oder Ihr Geld zu retten ſuchen!

Da flammte Richard empor. In ſeinem Auge glänzte wieder der alte edle Ausdruck; empört rief er:So ſchlecht halten Sie mich, mein Weib oder mein Geld? Bergrath Halden, fuhr er ruhiger fort,ich eile über den Strom, zur Eiſenbahn. Ich will nach D., will zu den Füßen, vielleicht wieder zum Herzen Blanka's. Dann, Bergrath, laſſen Sie mich ſehen, wie ich meine Verluſte aus⸗ gleiche. Sie aber haben die Güte, meinen Gäſten die ſchleunige Abreiſe mitzutheilen und zu ſagen, daß der Schacht heute nicht geweiht wird.

Fünf Minuten ſpäter eilte Richard Steinburg auf Haldens Pferde nach der Stromfähre, weiter, weiter, weiter.

Der Bergrath, ehe er mit den Gäſten ſprach, raunte für ſich:Sein Glück ſcheint gerettet! Es wird, nachdem auch er und ſie gleich uns den Kampf beſtanden, feſt, dauernd, unverrückt ſtehen, wie das unſere!

Das Haus und der Garten am Strom ſtehen noch, ſind ſtattlicher geworden; der Koh⸗ lenſchacht auf den Kaiſerfeldern liegt verfallen zwiſchen grünen Wieſen und das Volk der Ge⸗ gend erzählt ſich bereits Sagen vom ungetauf⸗ tenMarienſchacht.

Wie Einer ein Maler wurde. Von Max Dorn.(M. Roſenheyn.)

1.

Mit ungewöhnlicher Strenge hatte der Winter Schweden heimgeſucht. Die in den meiſten Gegenden ſpärliche Ernte des vergan⸗ genen Jahres machte ihn doppelt ſchwer und in manche Hütte waren Noth und Sorge als trau⸗ rige Gäſte mit ihm eingezogen. Schon miſchte man die Birkenrinde unter das Korn zum küm⸗ merlichen Brod, und manches Antlitz, auf das die Geſundheit bisher ihren heitern Stempel geprägt hatte, verkündete jetzt mit ſeiner gelben Farbe die trübe Geſchichte des Mangels. Mit dem Menſchen litt das Vieh, deſſen Nahrung von Tag zu Tag kümmerlicher wurde, und manche Bäuerin, die früher zur Zeit der Füt⸗ terung ſo froh in den Stall getreten war, ging jetzt ſchweren Schrittes dahin, weil ſie ſo wenig ſpenden konnte, und traurig und ſchweigend trug ſie den leichten Milcheimer in's Haus, deſſen ſchwere Laſt ſie immer ſingend getragen hatte. Nicht wie ſonſt glitten die Schlitten mit jubelnden Kindern die Höhen hinab; es war als hätten auch ſie ihr holdes Eigenthumsrecht auf die Freude verloren. Jedem, der ſelbſt nur als Fremder dieſe Gegenden beſucht hätte, würde es Leid gethan haben, die ernſten klei⸗ nen Geſichter zu ſehen; wie doppelt ſchmerzlich mußte es denn dem treuen Pfarrer Lenſtröm ſein, der auf einer Morgenwanderung in ſei⸗ nem Kirchſpiel begriffen, ſchon manche trübe Parallele zwiſchen ſonſt und jetzt gezogen hatte, und auf's neue ſo ſchmerzlich von der Verän⸗ derung ergriffen wurde, als er eine Schaar ſeiner kleinen Freunde auf einem freien Platze verſammelt fand. Als er ſtillſtand und ſiefreund⸗ lich grüßte, zogen die Knaben ihre rothen Filz⸗ mützen ab und die Mädchen machten ihren be⸗ ſten Knix. Wie vermißte er aber die rothen fri⸗ ſchen Wangen und die fröhlich ſtrahlenden Au⸗ gen, und wie ſo gern hätte er die ganze Schaar in eine volle Speiſekammer geführt! Doch auch in ſeinem Hauſe waren die Vorräthe nur klein und reichten kaum für die Bedürfniſſe ſeiner Familie hin. Das ermunternde Wort aber hatte und gab er, und es verbreitete einen flüch⸗ tigen Sonnenſchein über die ernſten kleinen Ge⸗ ſichter, über alle, bis auf eins. Er bemerf⸗ es und fragte:Was fehlt Dir, Halvp Da füllten ſich des Knaben große blauf.