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mit Thränen; er trat aus dem Kreiſe, faßte vertraulich des Predigers Hand und bat:„Geh' mit mir zur Mutter! Sie iſt ſo betrübt, weil unſere Kuh geſtorben iſt. Du kannſt die Mutter vielleicht tröſten.“ Der Pfarrer war genau mit den Verhältniſſen der Witwe bekannt; er wußte daher, daß dieſe Kuh ihr größtes Beſitzthum und der kleinen Familie in's Herz gewachſen war, faſt wie ein liebes Glied in ihrem Kreiſe. Er ſtreichelte mitleidig des Knaben Wange und erklärte ſich bereit, mit ihm zu gehen. Wenige Schritte brachten ſie zur Hütte. Leiſe öffnete der Pfarrer die Thür und fand die Witwe ſo in Gedanken verſunken, daß ſie ſeinen Eintritt nicht bemerkte und erſt von der kleinen Mar— garethe, Halvors Schweſter, darauf aufmerkſam gemacht werden mußte. Sie ſtand auf, begrüßte den Pfarrer, bot ihm einen Stuhl an, den ſie, ſeiner Sauberkeit ungeach⸗ tet, erſt mit der Schürze abwiſchte, und ergoß ſich dann in Klagen über ihren Verluſt. Wie viele kleine Züge führte ſie an, zum Beweiſe, daß dieſe Kuh vernünftiger geweſen ſei, als alle andern Kühe. Wie bitterlich weinte ſie, als ſie erzählte, wie die Kuh, ſo oft ſie in den Stall gekommen war, den Kopf zu ihr umgewendet und ſo kläglich gebrüllt habe, weil das kärgliche Futter nicht hinreichte.„Es war,“ ſagte ſie,
„als ſähe ſie mich mit vorwurſsvollem Blicke
an; aber ich konnte ihr nicht mehr geben, wenn ich einigermaßen mit meinem Vorrath ausrei⸗ chen wollte. Geſtern Abends mochte ſie nicht mehr freſſen und heute fand ich ſie todt. Ach, ſie hat gewiß zu wenig Nahrung gehabt, und hält der Winter noch lange an, kann es uns Allen gehen wie ihr.“ Mutter und Kind wein⸗ ten. Manches tröſtende Wort ſprach der Pfar⸗ rer, und ermahnte dazu, daß der Eine dem An⸗ dern in dieſer ſchweren Zeit ein Beiſpiel der Ergebung und Geduld ſein müſſe. Die Mutter verſtand ihn, als ſein Blick bei dieſen Worten auf den Kindern ruhte; ſie trocknete ihre Augen und als die Mutter nicht mehr weinte, wiſchten auch die Kinder die Thränen ab. So hatte der Pfarrer gleich ein ſchönes Bild vor Augen von der Kraft des Beiſpiels, von dem er ſoeben ge⸗ ſprochen. Nachdem er der Mutter täglich Milch aus ſeinem Hauſe verſprochen, trat er mit den Kindern, um ſie zu zerſtreuen, vor das einzige Bild hin, welches die Hütte ſchmückte, und wie er wußte, in ihren Augen ein großer Schatz war. Jeder hätte es gewiß mit Vergnügen be⸗ trachtet; denn obgleich es nur eine wenig aus⸗ geführte Skizze von einem Savoyardenknaben mit ſeinem Murmelthier war, zog es wunder⸗ bar an und eine kunſtfertige Hand war nicht darin zu verkennen. Eine tiefe Innigkeit miſchte ſich in den ſchönen ſchwarzen Augen mit der den Kindern eigenthümlichen Lebhaftigkeit und rief in der Seele deſſen, der mitt den Verhält⸗ niſſen ſeiner Heimat bekannt war, Gedanken wach an ein liebes verlaſſenes Dach, nach dem des Knaben Sehnſucht ſtand. Ein reiſender Maler hatte es einſt an Halvor geſchenkt, der ihm als Wegweiſer nach einem ſchönen Punkte
in der Nähe diente, von wo aus er eine Anſicht der Gegend zu malen wünſchte. Halvor hatte ſo großes Vergnügen gezeigt, bei ihm zu blei⸗ ben und ihm zuzuſehen, daß der Maler es ihm erlaubte und bald an dem Knaben Gefallen fand, der mit einer Freimüthigkeit ſeine Freude über das entſtehende Bild äußerte. Wie groß wurde aber erſt ſein Entzücken, als eines Tages der Maler ſeine Mappe für ihn erſchloß, wo er unter vielen andern Schätzen zum erſten Male den Savoyardenknaben ſah. Wunderbar klan⸗ gen die Berichte, die er Abends Mutter und Schweſter abſtattete, und neugierig ſchauten ſie oft, wenn der Maler vorüberging, der Mappo, die ſo viele Herrlichkeiten Sa und für ſie ein mit ſieben Siegeln verſchloſſenes Buch war, deſſen Inhalt nur Halvor kannte. Doch dieſes Glück dauerte nicht lange; denn als er eines Abends in's Zimmer trat, erzählte er unter Thränen, daß der Maler ihm Lebe⸗ wohl geſagt habe und fort ſei. Aber ein Strahl der Freude verklärte ſein Geſicht, als er das Bild des Savoyardenknaben vor ihnen entfal⸗ tete, das ihm der Maler zum Abſchiede ge⸗ ſchenkt hatte. So war dieſer kleine Bewohner des Südens in eine Hütte des Nordens gebannt worden und Halvor ahnte es nicht, daß das Bild eines andern Knaben, mit lichtem Haar und blauen Augen, der ihm ſprechend ähnlich ſah, den Platz des andern in der Mappe ein⸗ genommen, welches nun mit dem Maler in ein fernes, ſchönes Land zog.
Der Pfarrer war, wie wir ſchon oben ſag⸗ ten, wohlbekannt mit der Vorliebe der Kinder für das Bild und die Art und Weiſe, wie es Halvors Eigenthum geworden war. Er hätte kein beſſeres Mittel wählen können, um ſie zu zerſtreuen, als ihre Gedanken auf dieſen Gegen⸗ ſtand hinzulenken. Er erzählte ihnen, wie das Heimatland des kleinen Knaben trotz aller ſei⸗ ner Schönheit ein ſehr armes Land ſei, aber, ſeiner Armuth ungeachtet, von ſeinen Bewoh⸗ nern doch ſo geliebt würde, ſo geliebt, ſagte er erläuternd, wie wir unſer eigenes, theures Va⸗ terland Schweden lieben. Und er erzählte wei⸗ ter, wie an das arme ein reiches Land ſtieße, und wie viele Hunderte aus dem armen in's reiche Land wanderten und mühſam eine kleine Summe erwürben, um dann dorthin zurückzu⸗ kehren, wo ihnen alles ſchöner ſchien, als an⸗ derswo, und wie ſelbſt Kinder fortzögen, nicht größer, als der hübſche Knabe auf dem Bilde, und auf mancherlei Weiſe etwas zu verdienen ſuchten, wie er mit ſeinem abgerichteten Mur⸗ melthiere, und wie Groß und Klein doch in der Fremde nur das eine Ziel hätten: die Rück⸗ kehr in die Heimat und zu ihren Lieben.
Als der Pfarrer geendet hatte, ſagte die Mutter:„Nun wird Dir das Bild erſt recht lieb werden, da Dir ſo viel Schönes davon erzählt worden iſt, obgleich es ihm,“ fügte ſie ſich zum Pfarrer wendend fort,„mehr als ein⸗ mal Verdruß verurſacht hat; denn als er es auf jedes Stück Papier, das ich beſaß, mit Kohle nachgemalt hatte, vergriff er ſich an den Bü⸗
chern, die der Vater hinterlaſſen, und malte auf jeden Band und jedes weiße Blatt den braunen Knaben.“ Der Pfarrer wünſchte einige Proben ſeiner Kunſt zu ſehen, und alsder Knabe, glühend roth vor Beſchämung, die Bücher brachte, die von ſeinem Unfug Kunde gaben, war er nicht wenig verwundert, als der Ver⸗ weis ausblieb, den er erwartete. Mußte es nicht den Pfarrer ſo gut wie die Mutter erzür⸗ nen? Was aber auch aus ſeinen Augen ſprach, Unzufriedenheit war es nicht, das ſah der Knabe ſogleich, obgleich er ven Blick des Erſtaunens nicht zu deuten verſtand, mit dem der Pfarrer, trotz des ſchlechten Materials den unverkenn⸗ baren Stempel des Talents in ſeiner Zeichnung ſah. Mit einem Seufzer gab der freundliche Mann das Buch zurück, er dachte daran, wie unter günſtigen Verhältniſſen ſo ſchöne Anla⸗ gen ſich entwickelt haben würden, die nun ver⸗ kümmern mußten, wie eine des Sonnenlichts beraubte Blume. Halvor deutete den Seußzer anders; er meinte er gelte ſeiner Unart, und machte ſich auf einen Verweis gefaßt. Der Pre⸗ diger aber ſtrich ihm die hellen Locken aus der Stirn, ermahnte ihn, nur ein fleißiger Knabe in der Schule zu ſein, damit er tüchtig viel lerne und ging mit einem freundlichen Gruße fort. Die kleine Familie ſah ihm lange traurig nach und begab ſich dann an ihre Geſchäfte.
Die Mutter ging zum Nachbarn, um ihn um ſeinen Beiſtand bei Fortſchaffung der Kuh in aller Frühe zu bitten; ſie wollte den Kin⸗ dern dieſen letzten Schmerz erſparen. Als ſie zurück kam, fand ſie Halvor in tiefes Sinnen verloren, vor dem Bilde ſtehen. Sie beachtete es damals nur flüchtig, dachte aber ſpäter oft daran zurück.
2.
Still und traurig verſtrichen Tage und Wochen. Noch immer lag der Druck der ſchwe⸗ ren Zeit auf der ganzen Gegend; doch die ſchlimmſten Wintermonate waren überſtanden; der Frühling mußte doch einmal kommen, und Frühling und Hoffnung ſcheinen dem Men⸗ ſchenherzen ſo nahe verwandte Worte. Beiträge aus den Gegenden, wo die Ernte beſſer gewe⸗ ſen war, liefen ein und erleichterten die Noth⸗ Die Witwe mit den Kindern hatte nicht Man⸗ gel gelitten; gute Menſchen in der Nähe hat⸗ ten ſie unterſtützt, die nicht von ihrem Ueber⸗ fluſſe gaben, ſondern ſelbſt entbehren mußten, um geben zu können. Die Kinder hatten der Mutter treulich tragen helfen und Halvor war ſeit dem Ereigniſſe ſehr viel ernſter und reifer geworden. Was den Knaben innerlich ſo beſchäftigte, daß er faſt nur ausſchließlich in ſeiner eigenen Gedankenwelt lebte, wußte die Mutter nicht. Wenn ſie aber ſeufzend von dem Frühling ſprach und der ſchönen Weide, die eine Quelle des Reichthums geweſen war, als ſie ihre Kuh noch hatten, glitt ein zuverſichtlich froher Ausdruck über des Knaben Geſicht, als wüßte er, es wartete ihrer auch Freude. In


