ſeiner Seele war ein Plan zur Reife gediehen, den er mit ſich herumgetragen hatte ſeit jenem Tage, als der Pfarrer vor dem Bilde von den Kindern des armen Landes erzählte, die in der Fremde wanderten, um etwas für die Ihrigen zu verdienen.
Wie war er betrübt, daß es in ſeinem Lande keine Murmelthiere gäbe. Hätte er nur ein ſolches kleines Thier beſeſſen, er wäre gleich davon gewandert und hätte geſammelt und hätte geſpart bis.... und wenn er ſo weit ge⸗ kommen war in ſeinem Gedankengange, glühten ſeine Wangen, und wer vermag das Entzücken zu beſchreiben, mit dem er ein Bild ſeiner Phantaſie betrachtete, die ihm hier einen Kna⸗ ben vorſpiegelte, der heimkehrend an die Thür der Hütte klopfte und eine Kuh am Seile führte. Tag und Nacht zerbrach er ſich den Kopſ, um ein Mittel ausfindig zu machen, wo⸗ durch er Geld verdienen könne. Da führte ihn eine glückliche Fügung eines Abends in eine benachbarte Hütte, wo er den erwachſenen Sohn eifrig mit Schnitzwerk beſchäftigt fand. Wie froh klang es jetzt in des Knaben Seele. „Gefunden!“ jubelte er. Er hatte ſich oft mit Schnitzarbeit beſchäftigt, wie dieß bei den Ge⸗ birgsbewohnern häufig der Fall iſt; nun aber wollte er ſich erſt recht darauf legen und etwas Schönes zu Tage fördern. Von der Zeit an ſah ihn die Mutter, wenn ſie Abends um den Herd verſammelt waren, faſt unabläſſig mit ſeinem kleinen Meſſer beſchäftigt. Er wußte ſich das ſchönſte, weichſte Holz zu verſchaffen und hatte ſchon manche zierliche Blume und Thiergeſtalt nachgebildet; er ſah im Geiſte die ſchöne gelbe Butter mit Hilfe ſeiner Formen dieſelbe zierliche Geſtalt einnehmen. Dasſelbe Talent leitete jetzt ſeine Hand, das ſo manches Abbild des Savoyardenknaben hervorgerufen hatte. Er wußte es nicht; aber es waren kleine Kunſtwerke, die er ſchuf. Die Mutter wunderte ſich, was er mit allen den Sachen wollte, ließ ihn aber doch gewähren und wenn ihm Etwas beſonders gelungen war, wünſchte ſie, der Pfar⸗ rer möge kommen, um es ihm zu zeigen; doch dieſer treue Freund der Armuth war ſchon Wochen lang durch eine Krankheit an's Haus gebunden.
Halvor hatte indeß ſeine Ermahnung, fleißig zu ſein, um etwas Tüchtiges zu lernen, nicht vergeblich ſein laſſen. Er und ſeine Schweſter fehlten nie in der nahe gelegenen Schule. Hand in Hand wanderten die Kinder dahin; doch wenn es heimwärts ging, konnte das zarte Mädchen dem Bruder nicht in ſeinem raſchen Laufe folgen und oft, wenn ſie zur Thür hineintrat, ſah ſie ihn ſchon mit ſeiner Arbeit am Herde ſitzen und ſein Geſicht ſtrahlte vom Scheine der Flamme auf demſelben, und von dem noch lichteren der innern Begeiſterung. Still ſetzte ſie ſich dann neben ihn und ſchaute mit Aufmerkſamkeit zu, und oſt wennHalvor den Blick erhob und in ihre Augen ſchaute, blau und treu wie ſeine eigenen, drängte ſich ſein Geheimniß auf die Lippen und er mußte
ſich Gewalt anthun, um auf dieſe kleine lieb⸗ liche Vertraute zu verzichten.
So fuhr er fort Schätze auf Schätze zu häufen in einer von ihm ſelbſt verfertigten Schachtel von der leicht transportablen Art, die im Norden gebräuchlich iſt. Leiſe hatte un⸗ terdeſſen der Frühling die Schneedecke hinweg⸗ gezogen, die ſein Walten verbarg. Das Gras keimte aus der Erde ſo grün und ſchön; es war, als wenn es den Auftrag gehabt hätte, von der herrlichen Weide zu erzählen, die der Sommer brächte. Solche Gedanken rief es bei Allen hervor. Die Zugvögel waren aus den fernen Ländern angelangt und mit großem In⸗ tereſſe hatte der Knabe eines Morgens den erſten Storch auf dem Felde ſpazieren ſehen. Er wußte, daß er viele hundert Meilen weit hergekommen war und daß ein Trieb ihn leite, der ihn nie den rechten Weg verfehlen ließ. Wie ſehnte er ſich, auch einen ſolchen Trieb zu beſitzen, nicht bedenkend daß dieſelbe Hand, die den Vogel aus fernem Lande hergeführt, auch ihn unſichtbar leitete. Und doch war es gerade dieſes höhere Walten, was ihn jetzt fühlen ließ, daß die Zeit gekommen ſei, um ſeinen Plan auszuführen.
3.
Leiſe war die Mutter früh Morgens auf⸗ geſtanden, um die neben ihr ſchlafende Tochter nicht zu wecken. Ihr Blick ſuchte, wie er es immer zu thun pflegte, die Ecke, wo ihr Knabe lag; allein ſein Platz war leer. Sie wunderte ſich darüber, daß es ihn ſo früh hinausgetrie⸗ ben hatte, und als ſie auch draußen keine Spur von ihm fand, meinte ſie, er ſtreife zwiſchen den Bergen umher und machte ſich weiter keine Sorge um ihn. Als ſie aber ſpäter der Tochter ſagte, daß er ſo früh ſchon fortgegangen ſei, ſah ſie das kleine Mädchen erſchrecken, dem es am vergangenen Abend ſo eigen um's Herz ge⸗ worden, als der Bruder ſie beim Zubettegehn geküßt und ihr ſo innig in die blauen Augen geſchaut hatte. Je länger er zu kommen zögerte, deſto unruhiger wurde ſie und ſteckte zuletzt die Mutter an. Zur Mittagszeit trat ein Bauer aus einem eine Meile entfernten Dorfe in ihre Hütte und brachte Grüße von Halvor, der ihm zu ſagen aufgetragen, ſie würden ſchon wiſſen, weßhalb er fortgegangen, wenn ſie an ſein liebes Bild dächten. Die Mutter ſchüttelte den Kopf; ſie verſtand die Botſchaft nicht; allein der Bauer konnte ihr keine weitere Auf⸗ klärung geben. Er war Halvor früh Mor⸗ gens in ſeinem Dorfe begegnet, hatte verſpro⸗ chen, den Auftrag auszurichten, da ihn der Weg an ihrer Hütte vorbeiführte, und ging, nun es geſchehen, ſeinen Geſchäften nach. Die
Mutter aber ſaß ſtill und ſinnend; das kleine
Mädchen kniete vor ihr und legte den Kopf in ihren Schooß. Da ſah es plötzlich auf, ihre Augen ſtrahlten... Alles war der Schweſter klar geworden; ſie hatte den Schlüſſel zu ſei⸗ nen fleißigen Arbeiten gefunden. Er hatte es
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gemacht wie der kleine Knabe auf dem Bilde; wie auch ihre Landsleute weiter weſtlich, wie ſie früher gehört, es thäten; er war fortgegan⸗ gen, und ſie müßte nicht die Kuh mit ihm ge⸗ liebt und betrauert haben, wenn ſie nicht das Ziel geahnt hätte, das er ſich geſetzt. Sie theilte der Muttee mit, was die eigene kleine Seele bewegte, ohne zu ahnen, wie es ſie be⸗ trüben würde. Selbſt gänzlich unbekannt mit den Gefahren, denen ſich ihr Bruder ausſetzte, ſchloß ſich das Wiederkommen nun ſo leicht in ihren Gedanken an das Fortgehen, wie Glück und Freude an das Wiederkommen. Die Mut⸗ ter aber ſah alles anders. Obgleich ſie nie aus dem Thale hinausgekommen war, in dem ihre und ihrer Kinder Wiege geſtanden, wußte ſie doch, welche Schwierigkeiten ſich gegen ein ſol⸗ ches Unternehmen aufthürmten. Thräne auf Thräne floß von ihren Wangen herab und ſie ſagte immer wieder vor ſich hin:„So jung und ſo allein?“ Freilich ſtand ſie auf und machte ſich auf den Weg zum Pfarrhaufe, wo⸗ hin ſchon mancher Bekümmerte gewandert war, der es leichteren Herzens wieder verlaſſen hatte; denn die Krankheit verhinderte den Pfar⸗ rer zwar an ſeiner Thätigkeit außer dem Hauſe, aber weit geöffnet war die Thür ſeines Hauſes und Herzens, um Alle einzulaſſen, welche Rath und Troſt begehrten, und ſo wurde die ſchein⸗ bare Trennung nur ein feſteres Band der Ver⸗ einigung zwiſchen ihm und ſeiner Gemeinde.
Mit Erſtaunen hörte der gute Pfarrer den Bericht der Mutter. Während er ihre Beſorg⸗ niſſe theilte, erfüllte doch ein wunderbares Ver trauen auf die Vorſehung ſein Herz, deren Walten er hier deutlich zu erkennen glaubte.— Die Richtung, die der junge Wanderer genom⸗ men, hatte der Bauer nicht gewußt; es blieb ihnen alſo nichts weiter übrig, als durch Still⸗ ſein und Hoffen ſtark zu ſein. Und ſo zuver⸗ ſichtliche Hoffnung drückten die Worte aus, die er an die bekümmerte Mutter richtete, daß ſie beruhigt heimging. Der Greis und das Kind hatten die gleiche Zuverſicht ausgeſprochen; war es ein Wunder, wenn ſie dem Mutterher⸗ zen wie eine ſüße Prophezeiung klang?
4.
Es war in den letzten Tagen des Maimo⸗ nats. Die Sonne war glühendroth am Himmel untergegangen und im purpurnen Scheine ſtrahlten die Fenſter der hoch emporragenden Kirchen der ſchwediſchen Königsſtadt. Schwärzer erſchienen im Schatten des Abends die dunklen Tannen⸗ und Föhrenwälder, die ſie umgaben. Der Mälar aber ſpiegelte die Gluth des Him⸗ mels wider und wie aus einem Zauberſee ſchienen die Klippen aufzutauchen, die reizende Gärten und Landhäuſer trugen. Der Reiſende, der die Welt geſehen, zählt, von dem Anblick der nordiſchen Stadt entzückt, ſie zu den ſchön⸗ ſten unter den ſchönen Städten. Das himmli⸗ Jeruſalem ſelbſt, von dem er in den— chen, die in ſein Dorf gedrungen, ⸗ 6.
ſollte, 2


