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glaubte der junge Wanderer zu ſehen, der, in
die Tracht der Bewohner des nördlichen Theils
von Gefle Lehe gekleidet, ſich der Stadt jetzt näherte. Das Bedürfniß nach leiblicher Nah⸗ rung, welches er noch vor Kurzem empfunden, war verſchwunden; der Schmerz der wunden Füße war über die Herrlichkeit dieſes Anblicks vergeſſen. Er ſetzte ſich auf einen Stein und betrachtete mit gefalteten Händen und verklärtem Blicke das vor ihm liegende Gemälde.
So finden wir Halvor am Ziele ſeiner Wanderung, die reich an Beſchwerden aber rei⸗ cher an Genuß für ihn war. Gegen 25 ſchwe⸗ diſche Meilen lag die Hütte ſeiner Mutter von der Hauptſtadt entfernt; er hatte ſie ausſchließ⸗ lich zu Fuß zurückgelegt, oft den Weg verfehlt, und ihn ſo verlängert. Selten hatte er einen Gefährten gefunden; auch zog er es vor, allein zu gehen. Und welche Zeit war es für eine junge empfindliche Seele, ſo allein zu ſein mit der Natur, jetzt, da ſich mit jedem Tage neue Reize entfalteten! Wie nahm er ſich vor, nun genau auf das Werden der Pflanzen und das Entfalten der Blätter zu achten; aber die Na⸗ tur hütete ſich wohl, ihn in ihre Werlſtatt ſehen zu laſſen und ehe er es erwartete, ſtand Alles immer in vollſtem Schmucke da. Es führte ihn ſein Weg durch einige der ſchönſten Gegenden Schwedens. Er ſah den herrlichen Sturz des Thalelfs in der Nähe der Stadt Ghefle ſchäu⸗ mnend und brauſend ſeinen Silberregen über dunkle Tannen ſpritzen; er ruhte an den lieb⸗ lichen Seen, die derſelbe durchſtrömte, und ſah die wilden Schwäne in ihre Fluthen tauchen, welche ſo klar die Gegenſtände am Ufer wieder⸗ gaben, als wären es italieniſche Seen. Die ganze Herrlichkeit der Schöpfung wirkte auf ihn ein und ſein Gemüth entfaltete ſich wie eine Blume im Frühlingsglanz; doppelt fühlte er nun, wie ſehr er die Seinen liebte.
Nur ſelten verhandelte er in den kleinen Städten, durch die er kam, einige von ſeinen Schätzen. Es war, als trüge er einen Talis⸗ man an ſich, der ihm die Herzen öffnete, ſo freundlich wurde er in den Hütten aufgenom⸗ men, in die er eintrat. Beſſere Nahrung, als er gekannt, reichte man ihm oft unentgeltlich; denn ſein Weg führte ihn durch Gegenden, die nicht wie ſein Heimatsort von der ſchweren Zeit heimgeſucht waren, und gern bewilligte man dem freundlichen Knaben ein Nachtlager. Gegen die Mühſeligkeiten des Weges war er abgehär⸗ tet, er, der ſo oft mit den Ziegen um die Wette die Klippen erklettert hatte. Man hatte ihn, wenn er ſich erkundigte; beſonders in den Ge⸗ genden, die an„Dalarne“(die Thäler) gren⸗ zen, deren Bewohner auch ſo geſchickt zur Ver⸗ fertigung von allerhand Geräthſchaften ſind, die Hauptſtadt als den rechten Ort geprieſen, um Sachen, wie die ſeinigen, abzuſetzen; ſo hatte er ſich denn unverrückt das Ziel geſteckt, —war es erreicht.
länger als gewöhnlich an dieſem ſo kehrte auch nach und nach „digkeit überwältigend zu⸗
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rück und er blieb ſo lange auf dem Steine ſitzen, daß es ſchon ziemlich dunkel geworden war, als er in die Stadt ſelbſt einſchritt. Er gelangte bald in eine der beſuchteſten Straßen. Bisher hatte ihn ſein Weg nur durch kleine Städte geführt, durch Upſala war er nicht ge⸗ kommen; nun befand er ſich denn mit einem Male in dem Gedränge der Hauptſtadt. Kaum konnte er Beſinnung genug behalten, um den von allen Seiten kommenden Wagen auszu⸗ weichen. Die Menge fremder Geſtalten, das verworrene Geräuſch, Alles betäubte ihn. Die Stadt, die ihm aus der Ferne ſo ſchön geſchie⸗ nen, ängſtigte ihn jetzt. In der einſamen Na⸗ tur, in dunklen Wäldern, hätte er ſich ſo wenig gefürchtet, wie das Kind bei ſeiner Mutter. Der Sturz des Waſſerfalles war ſeinem Ohre ein vertrautes Geräuſch; in dieſer unbekannten Welt aber ſchreckte ihn der Gedanke an das Allein⸗ und Fremdſein. Das Herz wurde ihm bewegt; ein unmerkbares Heimweh nach den Seinen ergriff ihn; er ſetzte ſich auf die ſtei⸗ nerne Treppe eines alterthümlichen Hauſes und einzelne Thränen drängten ſich hervor, wie ſehr er ſich auch mühte, ſie zurückzuhalten. Er ſtellte ſeine Schachtel neben ſich, legte den Arm dar⸗ auf und ſtützte den Kopf gegen die Mauer. Er⸗ ſchöpft wie er war, dauerte es nicht lange, bis ſeine Augen ſich ſchloſſen.
Er mochte eine Stunde geſchlafen haben, als die Thür ſich leiſe öffnete und ein alter Herr heraustrat. Er bemerkte den ſchlafenden Knaben und ſich über ihn herabneigend, be⸗ trachtete er theilnehmend den wehmüthigen Ausdruck, den ſeine Züge, die im Mondlicht nur noch weicher und ſchöner erſchienen, ſelbſt im Schlafe beibehalten hatten, und als er ſo neben ihm ſtand, mit ſeinem grauen Haar faſt die goldenen Locken des Knaben berührend, da hatte wohl der Mond auf ſeiner ganzen Reiſe um die Erde kaum Alter und Jugend in einem lieblicheren Bilde repräſentirt geſehen. Der alte Mann legte die Hand auf des Knaben Haupt; dieſer erwachte von der Berührung und blickte auf, und ſo begegnete er den milden Augen, die auf ihn gerichtet waren. Er fühlte es gleich, ihm ſei ein Freund von Gott geſandt, und zu⸗ verſichtlich ſeine Hand ergreifend, ſo zuverſicht⸗ lich und kindlich vertrauend, wie er die Hand ſeines Schutzengels ergriffen hätte, ſagte er: „Du willſt mir helfen?“„Ja, mein Knabe!“ war die Antwort. Sie hatten ſich Seele in Seele geſchaut, das Kind und der Greis, und wie an eines Vaters Hand trat das junge Ge⸗ birgskind in das alterthümliche Haus.
Der Mond ſchien freundlich in das Zim⸗ mer, welches ſie betraten, als wollte er noch länger das Bild betrachten, welches von der Schwelle verſchwunden war. Der alte Mann ließ Halvor neben ſich fitzen, und nun er⸗ zählte der Knabe von den Seinen und von ih⸗ rem Verluſte, von ſeiner Hoffnung, durch ſei⸗ nen Erwerb ſich glücklich zu machen, von ſeinen Wanderungen und ſeinen Schätzen. Und er öffnete die Schachtel, die er neben ſich geſetzt,
und ſtellte auf den blanken Tiſch die Schöpfun⸗ gen ſeiner Hand, die in der milden Beleuch⸗ tung ſo ſchön erſchienen, daß der Alte kaum ſeinen Augen traute.
Als der Mond etwas ſpäter durch ein an⸗ deres Fenſter blickte, ſah er neben dem Bette des alten Mannes, welches ſeit ſo vielen Jah⸗ ren einſam geſtanden, ein anderes ſtehen, in dem der junge Wanderer ſchlief, deſſen Weg er ſo oft beleuchtet hatte. Der Greis aber wachte. Er war ein kinderloſer Mann, der vor Jahren ſchon ſeine treue Gefährtin verloren hatte und ſich nun, wie Abraham, in ſeinem Alter ge⸗ ſegnet glaubte; denn ſein Herz nannte den Knaben Sohn.
Und was hätteſt Du, freundlicher Pfarrer Lenſtröm, geſagt, wenn Du, wie der Mond, den Blick voll Liebe geſehen, mit dem er Hal⸗ vor betrachtete? Du, der Du meinteſt, dieß Talent müßte im Schatten verkümmern? Was würdeſt Du geſagt haben, hätteſt Du in dem warmen Liebesſtrahl ſeiner Augen das Son⸗ nenlicht erkannt, welches die Blume des Ge⸗ nies entfalten helfen würde?
5.
In ſeinem Lehnſtuhle ſaß der Pfarrer und hielt einen Brief von Halvor in der Hand, den er mit bewegter Stimme vorlas. Ob er eine aufmerkſame Zuhörerin hatte, wird man wiſſen, wenn man erfährt, daß es die Mutter war, welche den Bericht vernahm von Allem, was ihrem Lieblinge widerfahren war. Welch' ein Ereigniß war der Brief an ſich ſchon für ſie geweſen, der erſte, der in ihre Hütte gekom⸗ men war, wo die Gedanken erſt mit Halvor zugleich„den Wanderſtab ergriffen hatten“ und über die Berge hinabgeſtiegen waren, die ſie bisher von der Welt geſchieden. Nie hing das Auge eines Alterthumsforſchers begieriger an den unverſtändlichen Runen eines Denkmals vergangener Zeiten, als die Mutter an dieſen Schriftzügen, die ſie, des Leſens unkundig, nicht zu entziffern vermochte. Die Tochter war in der Schule, ſonſt hätte ſie, des ſpäteren Zeitalters Kind, ihr helfen können, und wie gern hätte ſie wohl das Leſebuch des Schul⸗ meiſters mit dem Briefe des Bruders ver⸗ tauſcht! Welch' ein Lehrer wäre die Liebe ge⸗ weſen! Die Mutter entſchloß ſich, da ihre Un⸗ geduld ſie nicht warten ließ, zum Pfarrer zu gehen, der faſt ſo froh überraſcht wurde, wie ſie. Halvor hatte wohl Recht gehabt, den Boten ſelbſt mit dem Briefe auf die Poſt be⸗ gleiten zu wollen, um ihn den Leuten dort recht an’'s Herz zu legen; denn von allen Brie⸗ ſen, die dem Poſtſacke anvertraut wurden, ek⸗ zählte wohl keiner ſo wunderbares und erweckte auch wohl keiner ſo eine ſolche ſtille, ſelige Freude. Der alte Pfarrer im Lehnſtuhl ſchien ſich vor den Augen der Mutter, während Hal⸗ vors Worte von ſeinen Lippen ertönten, in den geliebten Knaben zu verwandeln; ihr war, als ſpräche er ſelbſt zu ihr. Mit wenig Worten


