Heft 
(1858) 12 12
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denn ſonſt iſt in Kamtſchatka nichts zu haben und wollen ſie dieſelben verſpeiſen, müſſen ſie erſt ſelber den Fiſcher machen. Mit vieler Schlau⸗ heit wiſſen ſie auch die Fiſche zu erhaſchen, und haben ſie eine hinreichende Menge beiſammen, ſo freſſen ſie gleich den Bären blos die Köpfe. Dieſe ihre Freuden⸗ und Ruhezeit dauert jedoch nur bis zum Monate Oktober, wo jeder Eigenthümer ſeine Hunde zuſammentreibt und ſie in der Nähe ſeiner Wohnung anlegt. Ihre Dienſtzeit beginnt damit, daß man ſie hungern läßt, damit ſie das überflüſſige Fett, welches ſie in der Freiheit ge⸗ wonnen, wieder verlieren und zum Laufen ge⸗ ſchickter werden. Sobald der erſte Schnee gefallen iſt, beginnt auch ihre Arbeit. Ihr gewöhnliches Futter ſind nun verſchimmelte Fiſche, welche der Menſch nicht mehr genießen kann, da ſie blos aus Gräten und Knochen beſtehen, von de⸗ nen faſt immer den Hunden der Rachen blutet. Wird der Hunger zu groß, ſo ſteigen ſie als entſchloſſene Diehe auf den Leitern keck in die Vorrathskammern ihres Herrn und zerfreſſen Alles, was von Leder iſt. 3 Man fährt in drei Tagen 45 Meilen mit denſelben Hunden. Ihre Spürkraft iſt trefflich und in den Schneeländern ganz unſchätzbar. Selbſt in der größten Dunkelheit und unter den heftigſten Stürmen finden ſie den⸗Ort ihrer Beſtimmung, und irren ſich nur ſelten, wofern man nur ge⸗ troſt ihrer Führung ſich überläßt. Iſt der Weg ſo weit, daß man, was oft geſchieht, die Nacht auf dem Schnee zubringen muß, ſo legen ſich die Hunde neben ihren Herren, und erhalten da⸗ durch, daß ſie die Wärme mittheilen, ihrem Pei⸗ niger das Leben. Wenn ſie den Schnee auf⸗ ſcharren, ſo werden die Menſchen dadurch ge⸗ warnt, denn es iſt ein ſicheres Vorzeichen eines herannahenden Sturmes. Stirbt ein Hund, ſei es an Erſchöpfung oder an Alter, ſo benutzt ſein Herr auch noch das Letzte, was er brauchen kann, die Haut, und ſo muß das hart behandelte Thier, welches im Leben ſo oft den Herrn wärmte, die⸗ ſem im Tode noch denſelben Dienſt erweiſen.

Der Araber und ſein Pferd.

Es iſt wohl kein Volk der Erde mit ſeinen Hausthieren inniger vereint, als das arabiſche. Das wichtigſte und geſchätzteſte Thier des Ara⸗ bers iſt pugle dem Kameele das Pferd. Ueber jedes Thier wird ein Stammbaum geführt, den man nicht ſelten auch dem Pferde in Leder ge⸗ wickelt um den Hals hängt. Bei der Geburt eines Füllen pflegt man einige Zeugen zu ver⸗ ſammeln und eine Beſchreibung der Kennzeichen und Merkmale desſelben, ſowie die Namen ſeiner Eltern niederzuſchreiben. Das Junge wird faſt ſorgfältiger gepflegt, als die Kinder, unter de⸗ nen es auch ſchläft, und mit denen es ſpielt. Vom zweiten Jahre an gewöhnt man das Füllen zur Arbeit; Tag und Nacht müſſen ſie einen Sattel tragen, und die Zügel befeſtigt man ſo an den Sattel, daß die Thiere den Kopf ſenk⸗ recht und den Hals ſchön gekrümmt tragen ler⸗ nen; außerdem müſſen ſie Tage lang in der größten Sonnenhitze ſtehen. Bei alledem geht man aber liebevoll mit ihnen um, ſtrengt ſie an⸗ fangs wenig an, gewöhnt ſie nach und nach an die Gangarten, Schritt, Galopp und Rennlauf Trab reiten die Araber nicht und daran, daß ſie im vollſten Laufe auf der Stelle pariren. Nur die Bewohner der Städte und Dörfer, die ſeßhaften Araber, haben Ställe für ihre Pferde; bei den Beduinen bleiben ſie mit Ausnahme der Füllen und der Lieblingsſtute, die häufig mit in's Zelt genommen werden und mitten unter der Familie lagern, ſtets draußen in der freien Luft. Angebunden werden die Pferde nur an

den Füßen, und das Futter empfangen ſie in Futterſäcken; es beſteht vorzugsweiſe aus Gerſte und zerhacktem Gerſtenſtroh. Sonſt gibt man ihnen wohl auch Datteln, Hirſeſtroh, ja ſogar Fleiſch, Butter und Käſe.

Ein Pferd zu ſtehlen, gilt bei den Wüſten⸗ ſöhnen als eine ſehr rühmliche That, wenn der Beſtohlene ein Fremder, oder von einem feind⸗ lichen Stamm iſt. Dabei wenden ſie mitunter viel Liſt an. So z. B. verkleidete ſich einſt ein Araber, der eine von ihm gewünſchte Stute um keinen Preis erlangen konnte, als Bettler, legte ſich an einen Ort, wo der Beſitzer des Thieres vorbeikommen mußte, bat dieſen mit kläglicher Stimme um Hilfe, namentlich ihn auf ſeinem Pferde mitzunehmen. Der Angeredete ſtieg ab und half dem Elenden auf ſein Thier, da dieſer vorgab, allein nicht aufſteigen zu können; kaum aber fühlte er ſich feſt im Sattel, als er mit dem Rufe davonſprengte:Die Stute iſt mein! Der Betrogene rief dem Diebe zu, anzuhalten, da er ihm etwas zu ſagen habe. Dieſer hielt an, weil jetzt nach arabiſcher Sitte nichts mehr für ihn zu fürchten war, und der Beſtohlene ſagte:Du haſt Dir meine Stute zugeeignet. Da es Allahs Wille iſt, ſo wünſche ich Dir Glück dazu; aber ich bitte Dich, erzähle Niemand, wie Du ſie gewonnen haſt, weil ſonſt leicht einmal ein wirklich verſtümmelter Bettler hilflos am Wege liegen bleiben könnte. Betroffen von dieſer Rede, ſtieg der Räuber ſogleich ab, um⸗ Aerüte den Eigenthümer und gab ihm ſeine Stute zurück.

Solch ein wunderliches Gemiſch von Edel⸗ muth und Raubluſt findet ſich in dem Charakter dieſer Wüſtenſöhne!

Thierkämpfe bei den Javanen.

An Unterhaltungs⸗ und Beluſtigungsmitteln ſind die Javanen ſehr reich. Vor Allem ſind Thierkämpfe ſehr beliebt. Beſonders iſt der Hahn wegen ſeiner Streitſucht und Tapferkeit des Javanen Liebling. Oft bindet man den kämpfenden Hähnen eiſerne Sporen an, in Form einer Sichel oder einer Federmeſſerklinge, um den Kampf blutiger zu machen. Auch Wachteln läßt man mit einander kämpfen. Man gebraucht dazu gewöhnlich die Weibchen, welche größer und tapferer ſind als die Männchen. Die är⸗ mern Leute nehmen Heuſchrecken zu Kampfes⸗ helden. Dieſe kleinen Thierchen feuert man da⸗ durch zum Kampfe an, daß man ſie mit Gras⸗ halmen am Kopfe kitzelt. Auch wilde Schweine läßt man mit Ziegenböcken kämpfen: ein lächer⸗ licher und unſchuldiger Kampf; denn das java⸗ niſche wilde Schwein wird höchſtens zwei Fuß hoch und hat weder die Stärke noch den Muth unſerer Wildſchweine.

Die Schule des Lebens.

Dieſe Welt iſt die Hochſchule für den menſchlichen Geiſt. Der Menſch gelangt ſchon als Kind auf dieſelbe, und ſtudirt hier von der Wiege an bald mit großem, bald mit geringem Erfolge. Von Ausſtattung zur Univerſität, müt⸗ terlichem Proviant, Reiſegepäcke und dergleichen, iſt keine Rede.

Der Fuchs(der auf die Hochſchule neu an⸗ kommende Student) bringt aus dem väterlichen Hauſe nur die zwei unentbehrlichſten Dinge mit, nämlich:

Erſtens einen Rock, eine Art Uniform, für ſein ganzes Verweilen auf der Hochſchule den Körper, der, um alle Schneider⸗Rechnungen zu

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vermeiden, mit ihm wächſt, wie das Haus mit der Schnecke.

Zweitens Geld, ohne welches Hilfsmittel man hinieden unmöglich ſein kann Zeit. Time is monney, ſagt der Engländer, Zeit iſt Geld ein Geld, das nie den Schwankungen eines Kurſes unterworfen iſt, das nie und nir⸗ gends an Werth verliert, außer bei Leuten, die kangeweile haben. Dieſes Geld hat viele herr⸗ liche Eigenſchaften. Es kann dem Beſitzer ohne ſein Wiſſen nicht geſtohlen werden, er kann es ohne ſeinen eigenen Willen nicht verlieren, er kann es eben ſo wenig verborgen, wie von ſei⸗ nen Kommilitonen entlehnen. Untserſitätsſchullem ſind daher unmöglich. Da der akademiſche Bür⸗ ger auf der Hochſchule ganz ſein eigener Herr und Herr ſeines Geldes iſt, ſo hat die väterliche Güte aus Fürſorge es ſo weislich eingerichtet, daß er trotz ſeiner unbeſchränkten Selbſtändig⸗ keit doch ſein Geld unmöglich auf einmal ver⸗ geuden oder verſpielen kann, ſo daß der Ver⸗ ſchwender auch noch ſo ſpät wenn er zur Beſin⸗ nung kommt, immer noch ein Sümmchen übrig hat, um ſich aufzuhelfen, und durch beſſere Wirth⸗ ſchaft das Verlorene einzubringen. Der Studio⸗ ſus iſt lediglich auf die Summe beſchränkt, die er vom Vaterhauſe mitbekommen hat, und dieſe muß für ſeine ganze akademiſche Laufbahn aus⸗ reichen. Daß dem Sohne Geld auf die Univer⸗ ſität nachgeſchickt wird, findet hier durchaus nicht ſtatt. Wir kennen in der Geſchichte nur einen einzigen ſolchen Fall, bei dem Könige Jehes⸗ kia, dem ein hübſches Sümmchen nachgeſchickt wurde.(2. Buch der Könige, Kap. 20, Vers 6.)

Obwohl jeder akademiſche Bürger, wie oben geſagt, ſeine ihm beſtimmte Summe, die übri⸗ geus bei verſchiedenen Individuen auch ungleich groß iſt, mit bekommt, ſo weiß doch keiner von ihnen, wie viel ihm mitgegeben wurde. Er glaubt zwar in den erſten Jahren ſeiner Anweſenheit auf der Hochſchule, ſein Seckel berge ſo viel, daß er nie leer werden könne, doch ſpäter nach we⸗ nigen Decennien merkt er, wie unaufhaltſam raſch ſein Inhalt fort und fort ſich mindere. Aber ſo wenig er anfangs ſeine Vermögensſumme kannte, ſo wenig weiß er ſpäter, wie viel er noch in dem Seckel zum Verzehren habe. Wie weiſe und mu⸗ ſterhaft dieſe Einrichtung iſt, braucht wohl nicht erörtert zu werden.

Was den Studienplan betrifft, ſo iſt hier

ſowohl der Raum, als auch der Schreiber ſelbſt zu beſchränkt, um denſelben ausführlich darzu⸗ ſtellen, doch einige beſondere Merkwürdigkeiten dürfen nicht unerwähnt bleiben. Erſtens: Von der rein wiſſenſchaftlichen Bil⸗ dung kann hier blos bemerkt werden, daß dieſelbe auf einer ſehr hohen Stufe ſteht und ſehr in's Große betrieben wird. Jede Fakultät hat Mu⸗ ſeen, Kabinete und Laboratorien von ſo beträcht⸗ licher Ausdehnung, daß die unſrigen dagegen als liliputaniſche Miniaturen erſcheinen. Der bota⸗ niſche Garten z. B. iſt ſo vollſtändig, daß es durchaus keine Pflanze gibt, die ſich hier nicht vorfände. In den unterirdiſchen chemiſchen La⸗ boratorien ſpringt nicht eine Flaſche, eine Re⸗ torte, ſondern manchmal eine ganze Stadt in die Luft.

Zweitens: In der Moralphiloſophie finden nicht nur theoretiſche, ſondern auch praktiſche Uebungen ſtatt. Es werden nämlich nicht blos dem einzelnen Studenten, ſondern auch den gan⸗ zen Klaſſen gemeinſame moraliſche Aufgaben zur Uebung aufgegeben. Solche Klaſſenaufgaben ſind z. B. eine mißrathene Ernte, verheerende Krank⸗ heiten, Kriege u. ſ. w. Solche Themata ſind die beſten Prüfungen, um darzuthun, ob die vorge⸗ tragene Morallehre beim Zuhörer zu Fleiſch und Blut geworden iſt.

Drittens: Die Gymnaſtik. Die gymnaſti⸗ ſchen Uebungen, als: Fechten, Ringen, Turnen ꝛc. bilden hier, was man kaum vermuthen ſollte,