Heft 
(1858) 12 12
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noch mehr als bei den Griechen, einen ſehr wich⸗ tigen Theil der akademiſchen Studien, nur mit dem bedentenden Unterſchiede, daß die gymnaſti⸗ ſchen und Turn⸗Apparate ganz anderer Art und dadurch auch dieſe Uebungen weit ſchwieriger ſind. Man ſicht und ringt hier nicht mit ſeines Gleichen, ſondern auch mit andern liſtigen Geg⸗ nern, ſie heißen Gelüſte, Begierden und Leiden⸗ ſchaften.

Was endlich die Prüfungen auf dieſer Hoch⸗ ſchule betrifft, ſo ſind dieſelben zahllos und eige⸗ ner Art. Sie ſind manchmal ſo nnvorhergeſe⸗ hen und plötzlich, daß der Student nicht einmal weiß, daß er ſo eben examinirt wird, daß er jetzt eine Prüfung beſteht.

Die letzte Merkwürdigkeit iſt, daß die Rigo⸗ roſen nicht auf der Univerſität, ſondern erſt nach Abberufung von derſelben im väterlichen Hauſe ſtattfinden und dort erſt Diplom und Doktorhut, oder Zurückweiſung erfolgen. Ob im letzten Falle, wie Manche behaupten wollen, der Durchgefallene nochmals auf dieſelbe Hochſchule, nur unter an⸗ dern Verhältniſſen, oder auf eine andere Univer⸗ ſität in eine andere Welt geſchickt wird, weiß ich nicht zu ſagen und nicht zu entſcheiden.

Auch der Schreiber dieſes iſt ein bemoostes Haupt dieſer uralten alma mater Erde. Er hat viele bewußte und unbewußte Prüfungen durch⸗ gemacht, ob und wie er ſie beſtanden hat, das erfährt er wohl in kurzer Zeit, ſobald er zu den Rigoroſen abberufen wird.

Ein Uorddeutſcher über Zöhmen.

Im Charakter der Böhmeu zeigt ſich eine gewiſſe Natürlichkeit, ein naives Weſen, ein vorherrſchendes Leben im Gefühl, deſſen man bald inne wird, wenn man aus dem kältern ſpiri⸗ tuellern Preußen kommt. Bei dieſer Lebensrich⸗ tung wird das äußere Leben behaglicher und genußreicher.

Die Küche iſt trefflich, namentlich in der Kategorie der Mehlſpeiſen, worin es die böhmi⸗ ſchen Köchinnen ſehr weit gebracht haben, und wobei die norddeutſche Küche in aller Aerm⸗ lichkeit erſcheint. Es ſind nicht die gekünſtelten, zuſammengeſetzten überfeinen Schaugerichte der franzöſiſchen Küche, ſondern viel ſolidere Waare, und nicht minder wohlſchmeckend. Die Milchrahm⸗ und Aepfelſtrudel, die Nockerl und Schmankerl, die lockern Strietzel, Buchten und Kollatſchen, ſelbſt die feinſten Torten alles das weiß jede bürgerliche Hausfrau zu bereiten, wie der beſte Konditor. Mit einem Diner, das hier ein ge⸗ wöhnlicher Wirthſchaftsbeamte ausrichtet, kann ſich das eines preußiſchen Oberregierungsrathes nicht im Entfernteſten meſſen. Die feinſten Ge⸗ müſe werden, wenn ſonſt keine Gelegenheit da iſt, per Poſt verſchrieben; das feinſte Weizenmehl, von dem die Norddeutſchen keine Idee haben, wird unmittelbar aus Wien bezogen; fünf, ſechs Gänge ſind ganz gewöhnlich. Das böhmiſche Bier iſt anz vortrefflich, das reinſte, geſundeſte Hopfen⸗ ier, und auch die inländiſchen Peine, wenn auch zuweilen herb, ſind nicht zu verachten.

Auch in der Kleidung der Böhmen herrſcht viel Komfort und viel mehr Geſchmack als in Nord⸗ deutſchland. Ein Amtsdiener kleidet ſich hier beſſer, als anderswo ein Amtsrath, und vor der Toilette der Prager Damen müſſen die Berlinerinnen die Segel ſtreichen. Dabei iſt bei allem Luxus und aller Opulenz nirgends ein affektirtes Weſen, Ziererei und Oſtentation zu ſpüren; Hoch und Niedrig iſt gleicher Weiſe natürlich, unbefangen des Genuſſes ſich freuend. Dieſes heitere, ſorg⸗ loſe Weſen berührt den Norddeutſchen ſehr an⸗ genehm, da ihm wohl der Verſtand, nicht aber in gleicher Weiſe immer das Herz auf dem rechten

Flecke ſitzt. Alle Bewohner der öſterreichiſchen Länder haben mehr Natürlichkeit, mehr Gemüth, mehr geiſtige Geſundheit, und obwohl das prote⸗ ſtantiſche Deutſchland in geiſtiger Regſamkeit ſie überholt hat und vielfach übertrifft, ſo ſind ſie doch wieder im Vortheil, was eine harmoniſche Ausbildung der Gefühls⸗ und Erkenntniß⸗, der Leibes⸗ und Seelenkräfte betrifft.

Die Gaſtfreundſchaft iſt auch in Böhmen zu Hauſe, man wird überall bald mit den Leuten vertraut und findet ein herzliches Entgegenkom⸗ men, wofern man ſie nur in ihrer Weiſe ge⸗ währen läßt und nicht das eigene Weſen eigen⸗ ſinnig geltend macht, die böhmiſchen Eigenthüm⸗ lichkeiten nicht kritiſiren will.

Ein hervorſtechender Zug im Charakter des ganzen böhmiſchen Volkes iſt die Höflichkeit, mit dem fremden WorteDevotion genannt. Der Preuße iſt viel mehr kurz, knapp, ſpitzig, ge⸗ gen ſeine Vorgeſetzten eher zu dreiſt als zu höf⸗ lich; der Sachſe iſt ſchon weit bieg⸗ und ſchmieg⸗ ſamer, höflicher, in ſeiner Rede breiter. Wenn der Preuße einfachguten Morgen ſagt, ſo ſpricht ſchon der Sachſe:ſchönen guteu Morgen, in Böhmen aber kann man es bei der Elipſe nicht bewenden laſſen, ſondern vollendet den Satz: guten Morgen wünſch ich,guten Abend wünſch ich, damit indeſſen noch nicht zufrieden, nennt man auch noch das ſprechende Subjekt, den ge⸗ horſamſten Diener, und ein vollſtändiger Nacht⸗ gruß lautet:gute Nacht wünſch ich, Ihr ge⸗ horſamer Diener, ſchlafen Sie wohl.

Wie im Oeſterreichiſcheun überhaupt, wird auch in Böhmen Jeder mit einemHerr von be⸗ ehrt; dabei iſt aber die Anrede in der dritten Per⸗ ſon der Mehrheit immer noch zu gewagt, und an die Stelle des bloßenSie ſetzt man womöglich dasHerr von.Waren Herr von Müller geſtern im Theater?Wollen Herr B. Platz nehmen? u. ſ. w.

Ich lernte in einer Geſellſchaft eine alte vornehme Dame kennen, die(vielleicht nach alt⸗ adeliger Sitte und ähnlich wie im Polniſchen, wo die Kinder den Vater mit dem ganzen Amtstitel anreden) ſich von ihren Kindern nicht anders anreden ließ alsEuer Gnaden. Der älteſte Sohn war ſchon ein würdiger Herr von vierzig Jahren, ſagte aber zu ſeiner Mutter nie anders alsEuer Gnaden.

Der Bauer hat ſchon ſeinen Hut unter dem Arme, wenn er ſeinen Gutsherrn von weitem er⸗ blickt. Muß er mit ihm ſprechen, oder kommt er ſonſt in ſeine Nähe, ſo begrüßt er ihn mit einem Handkuß. Dieſe Sitte hat etwas Patriarchaliſches und Zutrauliches, und iſt viel beſſer als jenes Kniebeugen der Polen. Dem Pfarrer küſſen Alt und Jung, Männer und Weiber, Burſche und Mädchen die Hand, ſobald ſie ihm auf der Straße begegnen oder ihn in ſeinem Hauſe beſuchen. Sämmtliches Geſinde nicht nur, ſondern auch die oberen Hausbeamten, küſſen dem gnädigen Herrn, der gnädigen Frau und dem gnädigen Fräulein täglich, ſobald ſie derſelben anſichtig werden, die Hand. Die Dame vom Hauſe wird in der Re⸗ gel von allen Herren, die auf Beſuch kommen, mit dem Handkuß beehrt.

Barnum's RKegeln, ſich Erfolg im Leben zu ſichern.

1. Wähle ein ſolches Geſchäft, welches Dei⸗ ner natürlichen Neigung und Deinem Teinpera⸗ mente zuſagt.

2. Das heilig.

3. Was Du thuüſt, thue mit Deiner ganzen Willenskraft,

4. Mäßigkeit und Nüchternheit.

einmgl gegebene Wort ſei Dir

5. Verliere die Hoffnung nicht, aber gib Dich keinen Täuſchungen hin.

6. Zerſplittere Deine Kräfte nicht. Laß Dich nur in eine Art Geſchäfte ein, und bleibe dabei bis es glückt, oder Du es ganz aufgibſt. Wenn die ganze Aufmerkſamkeit eines Mannes ſich auf ein Geſchäft wendet, ſo wird ihm ſein Geiſt im⸗ mer auf's neue gute Mittel eingeben.

7. Annoncire Dein Geſchäft. Wenn Dein Geſchäft durch das Publikum unterſtützt werden muß, ſo annoncire tüchtig und ordentlich. Bar⸗ num ſagt:ich geſtehe offen, daß mein ganzer Erfolg mehr der Preſſe, als irgend einer andern Urſache zugeſchrieben werden kann.

Manche behaupten, ſie hätten das Annonci⸗ ren verſucht, es habe ſich aber nicht ausbezahlt; das iſt nur möglich, wenn es unvollſtändig und kärglich geſchah. Eine kleine Doſis macht übel und hilft nicht; die volle Mixtur wird helfen. Das Annonciren iſt das wohlfeilſte und ſicherſte Mittel zum Publikum zu ſprechen, und ſich Kun⸗ den zu erwerben.

8. Vermeide übermäßigen Aufwand, und lebe immer beſcheiden von Deinem Einkommen, wenn Du es, ohne Mangel zu leiden, thun kannſt.. Dr. J.

Des Zwanzigers Glück und Ende.

Humoreske.

Wie die Schwalben zur herbſtlichen Zeit 3

heimziehen nach ihrer wärmeren Heimat, nachdem ſie in allen Ländern herumgeflattert, ſo ziehen nun die Zwanziger heim in ihr Vaterland, in die Keller der Bank, nachdem ſie Jahre lang in ver⸗ borgenen Neſtern gewohnt und in aller Herren Länder kurſirt haben. Vor einem Dezennium da bekamen ſie plötzlich unbezähmbare Wanderluſt, es litt ſie nicht mehr in der Herrengaſſe, ſie woll⸗ ten hinaus, ſich die Welt zu beſehen. Wie luſtig ſprangen ſie auf den Zähltiſchen einher, als man ſie an die Luft brachte, wie geſchmeichelt waren ſie von der aufgeregten Haſt, mit welcher das Publikum ſie auf die Straße trug! Als die er⸗ ſten einmal draußen waren, da gab's kein Hal⸗ ten mehr für die anderen, alle wollten die Frei⸗ heit koſten; in hellen Haufen ſtürzten ſie hervor an's Licht, den Menſchen entgegen, welche ihnen ſo verlangend entgegenkamen. Die Art, wie man ſie aufnahm, mußte die Eitelkeit der blinkenden Geſchöpfe auf das Aeußerſte ſteigern; man über⸗ bot ſich in Beweiſen beſonderer Verehrung, ja man ſchätzte ihren Werth täglich höher und höher. Was Wunder, daß die guten Dinger da übermü⸗ thig wurden! Daß eine Guldennote drei Zwan⸗ zigern gleich ſein ſollte, das wollten die blanken

Geſellen gar nicht mehr gelten laſſen; wo drei

von ihnen beiſammen waren, hielten ſie ſich für weit eſler, für weit mehr, und nur einen preu⸗ ßiſchen Thaler hielten ſie ſo halb und halb für ihres Gleichen. Sie wurden allmälig blaſiet für alles Einheimiſche; die Verhältniſſe im Inlande gefielen ihnen nicht mehr, ſchaarenweiſe wander⸗ ten ſie aus. Nicht alle aber waren charakterfeſt genug, draußen ihrem Charakter als Zwanziger treu zu bleiben; viele, ja die meiſten der Aus⸗ wanderer waren feige genug, ihre Geburt zu ver⸗ leugnen, die glänzenden Thaten ihrer alten Fa⸗ milie zu vergeſſen und ihr altes Wappenſchild aufzugeben. Sie bewegten ſich in Geſellſchaft von allerlei Geſellen zweifelhaften Werthes, ſie ſchloßen Bruderſchaft mit ſchlechten ausländiſchen Gulden, und endlich Schmach dieſem Augenblicke traten ſie in auswärtige Dienſte, entäußerten ſich allen Vaterlandsgefühles, aller hiſtoriſchen Erin⸗ nerung, zogen fremde Livrée an und ließen ſich einſchmelzen, um in neuer Geſtalt in den Ver⸗ kehr zu treten. So zogen die entarteten Burſche

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