Heft 
(1858) 12 12
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Ich habe mir's ja gleich gedacht, ſagte Grill,und Storch kroch gewiß aus dem Fenſter über die Gartenmauer?

Und desſelben Weges kam er wieder in's Fenſter zurück, verſetzte lachend Kürbis.

Grill war froh, daß er die Gewißheit hatte, aber ſein, dem Kürbis gegebenes Wort hielt er gewiſſenhaft. Er ſagte nichts, war luſtig wie früher, ſchwur aber, daß er ſich rächen werde, noch bevor er ausziehe.

Um dieſe Zeit bezog ein ältlicher, wie es ſchien ſehr reicher Herr, mit ſeiner 16jährigen Enkelin, einer Blondine, eine Wohnung am Zdaraz. Wer er eigentlich war, und warum er ſich am Zdaraz niederließ, das konnte ſelbſt Frau Waſſermann nicht herausbekommen, die doch ganz Zdaraz und noch ein hübſches Stück Viehmarkt, wie man ſagt, im kleinen Finger hatte.

Die zwei Leutchen ſaßen den ganzen lieben Tag zu Hauſe, nur mit der Ausnahme, daß ſie jeden Morgen in die Kirche, und einmal in der Woche zur Frau Roſenkraut in die Korn⸗ thorgaſſe zu Beſuch gingen.

Der Maler Victorini war, wie oben bemerkt, ein ſchöner Mann, und kleidete ſich elegant, war es ein Wunder, daß nach der ge⸗ wiſſenhaften Berechnung des Herrn Storch dreizehn Mädchen aus der Neuſtadt, zwei vom Wyßsehrad, drei von der Altſtadt und eine von der Kleinſeite ſterblich in ihn verliebt waren. Daß ſoviel gute Herzchen für Victorini loderten, war eine ausgemachte Sache, daß er aber zu irgend einer in Liebe entbrannt wäre, das konnte ihm auf der Welt Niemand bewei⸗ ſen; es ſollte ihm jedoch auch bald ſein Stünd⸗ chen ſchlagen.

Es war gerade an einem Feiertage, die Leute ſtrömten aus der Kirche, und unſer Ma⸗ ler ſtand wie gewöhnlich vor dem Thore der⸗ ſelben, nicht aber, um die herausſtrömende Da⸗ menwelt zu bewundern, ſondern um ſich ſelbſt bewundern zu laſſen. Da kommt nun auch un⸗ ſere Blondine an der Seite ihres Großvaters, und wandelt, einer Veſtalin gleich, geſenkten

Slickes vorüber. Der Maler zuckte, als er ſie erblickte.Das iſt ein Engel, ſprach er zu ſich ſelbſt, ließ kein Auge von ihr, und ging hinter ihr bis zum Hauſe. Von der Zeit an war Victorini ein ganz Anderer. Seine Verän⸗ derung zeigte ſich nirgends auffallender, als wenn er beim Herrn Korbelius ſaß; er ſpielte zwar noch immer den Luſtigen, vergaß ſich aber manchmal, wurde nachdenkend, und wenn ſeine Seele die ſchöne Blondine umflat⸗ terte, trank er einige Male aus einem fremden Glaſe und ſteckte die Cigarre mit dem brennen⸗ den Ende in den Mund. Die feſcheu Burſchen hatten wenig darauf Acht, Grill wußte aber

aut, woher der Wind wehe und dachte:Es

iſt gut, ſobald die Kirſchen reif ſind, werden wir ſie pflücken.

So währte es faſt eine Woche, und der liebelodernde Herr Victorini war noch nicht ſo glücklich, einen Blick von der reizenden Blon⸗

dine zu erhaſchen, obſchon er ganze Tage vor ihrem Fenſter patrouillirte.

Inzwiſchen hatte Frau Waſſermann erfahren, daß der alte Herr ein hoher Offi⸗ zier ſei, daß das Fräulein Wilhelmine heiße, daß ſie weder Vater noch Mutter habe, daß ſie die Braut eines in Italien reiſenden jungen reichen Herrn ſei, daß ſie einen mond⸗ ſüchtigen Bruder hatte, der einmal, da ihn der Mond auf das Dach eines hohen Hauſes hinaufgezogen, durch einen Zuruf geweckt her⸗ abfiel und ſich todt ſchlug! und das war Alles wahr. Unter dieſen Umſtänden hätte ge⸗ wiß jeder andere Verehrer Wilhelminens ſeine Liebe zu Grabe getragen; Herr Victo⸗ rini aber war nicht bereit dazu, ſich vom Kampfplatze zu entfernen, ohne einmal dem Feind in's Geſicht geblickt zu haben, das hätte ſich der Generaliſſimus der feſchen Bur⸗ ſchen zur ewigen Schande gerechnet.

Wilhelminens Großvater war ein großer Muſikverehrer und ſpielte ebenſo mei⸗ ſterhaft die Violine, wie Wilhelmine die Harfe. Ihr Bräutigam war, wie die Frau Hausmeiſterin ſchon gehört hatte, ein Violin⸗ virtuos und ſo ſpielten ſie ſonſt faſt jeden Abend Terzette. Da nun der Bräutigam auf Reiſen war, verſpürte der alte Herr Lange⸗ weile, und da er's nicht mehr ohne Terzette aushalten konnte, ſuchte er einen Geiger, wel⸗ cher ſehr gut ſpielen und dabei wenigſtens ſo ausſehen ſollte, daß er für Wilhelmine nicht gefährlich werden könnte, denn er liebte Jaſſansky, ſo hieß Wilhelminens Bräutigam, wie ſeinen Sohn. In dieſer An⸗ gelegenheit wendete ſich unſer alte Herr an den Bruder der Frau Roſenkraut. Dieſer ſchlug ohne Bedenken unſern Grill vor, der auch ſeine Kinder in der Muſik unterrichtete. Noch desſelben Tages wurde Grill zum alten Herrn beſchieden, von demſelben freundlich empfangen und nach der erſten Probe mit voller Zufriedenheit als Erſatzmann des Ab⸗ weſenden angenommen.

Die feſchen Burſchen lachten Grill aus, als er ihnen ſein Glück erzählte, und riethen ihm, er möge ſich noch einmal ein Pflaſter in's Geſicht kleben, wenn er befürchten ſollte, daß ſich Wilhelmine in ihn verlieben könnte. Grill lachte, und dachte:Ich weiß, warum ich lache. Victorini lachte auch, dachte aber:Wäre ich Grill! und er dachte es aufrichtig; denn Wilhelmine hatte ihn noch nicht angeſehen. Er konnte ſich zwar jetzt den Grillals Vermittler nehmen, doch das ſchien ihm unter ſeiner Würde zu ſein und er meinte auch:Siege ich, ſo wird es ein ruhmvoller Sieg, ich ſiege allein; falle ich, ſo wird wenig⸗ ſtens Niemand davon wiſſen: und eine Nieder⸗ lage, von der Niemand weiß, iſt ein halber Sieg. Das waren die Gründe, weßhalb ſich Victorini Niemand, nicht einmal Grill anvertrauen wollte.

Allmälig lächelte das Glück dem Maler

Victorini. Nicht ein einziges Mal ging er

vor den Fenſtern ſeiner Wilhelmine vorbei, ohne daß ihn ihre Blicke ſehnſuchtsvoll begleitet hätten; in der Kirche wendete ſie früher ihr Geſicht nach dem Orte, wo Victorini zu ſtehen pflegte, und dann erſt begann ſie mit gefalteten Händen inbrünſtig zu beten, ja ſie ſeufzte einige Male tief auf, wenn ſie Victo⸗ rini erblickte.

Unſer Maler war jetzt ſeines Sieges faſt gewiß, und ſuchte nur eine Gelegenheit, ſich Zutritt in's Haus zu verſchaffen.

Eines Abends, als er eben ſeine Schritte heimwärts lenkte, ſpringt ein Knabe zu ihm, ſteckt ihm ein Briefchen in die Hand, und ver⸗ ſchwindet; Victorini eilt in ſeine Wohnung und lieſt:

Theuerer Freund!

Eröffnen Sie nicht Ihr Herz Ihrem Freunde Herrn Grill, darum bittet Sie inſtändig Ihre

W-ne.

Meine Wilhelmine, rief der feurige Jüngling und küßte den Brief,ſie liebt mich, denn ſie fürchtet Verrath. Dann ſetzte er ſich in den Lehnſtuhl der Frau Waſſermann, und ſeine Blicke weilten lange mit Vergnügen auf den theuren Zeilen.

Den dritten Tag darauf erhielt er mit derſelben Gelegenheit ein zweites Schreiben, in welchem ihm Wilhelmine ihre Liebe ge⸗ ſtand und einen Aufgabsort für die zu wech⸗ ſelnden Briefe beſtimmte. Dieſer glückliche Ort war der Rachen eines brüllenden Löwen, wel⸗ cher nicht ſehr kunſtvoll aus Stein gehauen, noch mit einem brüllenden Herrn Kollegen aus Stein die Treppe vor der Wohnung Wilhel⸗ minens zierte. Noch denſelben Abend ſchrieb Herr Victorini auf feinem Papier mit Gold⸗ ſchnitt eine Antwort, welche alsbald der brül⸗ leude Löwe zum Nachtmal, und die ſchöne Wilhelmine den andern Tag zum Frühſtück bekommen ſollte; und ſo wurde eine regelmä⸗ ßige Korreſpondenz zwiſchen ihr und unſerem Maler eröffnet.

Um dieſelbe Zeit, in welcher die blauen Augen Wilhelminens über den Sieger Victoriniiſiegten, ſiegten auch die ſchwarzen Augen der flotten He lene, Kellnerin des Herrn Korbelius, über das unſchuldige Herzchen des Herrn Storch.

Indeſſen nahte die Zeit langſam heran, wo Grill die Wohnung der Frau Waſſer⸗ mann räumen ſollte es war nämlich Sam⸗ ſtag, am Montag ſollte Grill ausziehen und ſeine Peiniger waren noch nicht beſtraft.

Am ſelben Samſtag zog ſich Victorini aus dem Rachen des brüllenden Löwen ein Briefchen, folgenden Inhalts:

Theuerer Freund!

Morgen Abends um 9 Uhr wird Sie bei der Kapelle hinter unſerem Garten er⸗ warten Ihre

W ne.

Victorini war vor Freude ganz außer ſich, daß Wilhelmine endlich ſeine Bitte