Heft 
(1858) 12 12
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Der vierte feſche Burſch war Herr Kür⸗ bis, Vokaliſt, ein kleines dickes Männchen, 22 Jahre alt, eine gute, luſtige, ehrliche Seele.

Dieſe Herren wohnten zuſammen bei der ehr⸗ und tugendſamen Witwe Frau Waſſer⸗ mann im erſten Stocke eines unanſehnlichen Hauſes am Zdaraz ſchon durch zwei Jahre. Das Schickſal hatte ſie dorthin verſchlagen und beſcheidene Einkünfte haben ſie in dieſem be⸗ ſcheidenen Hafen beiſammen gehalten.

Bei Tag waren die feſchen Burſchen ſehr ſelten zu Hauſe; erſt gegen Abend gaben ſie ſich in ihrer Wohnung Rendezvous, um nach einer kurzen Berathung in Finanzangelegen⸗ heiten ſich vereinigt in's Wirthshaus des Herrn Korbelius zu begeben.

Herr Korbelius war das Muſter eines ordentlichen Wirthes: er war ein luſtiger Pa⸗ tron, hatte eine flinke Kellnerin, hielt viel auf gutes Bier, gab ein gutes Maß und kreditirte Jedem, an dem er nur einen halbwegs guten Rock bemerkte.

Das waren Zeiten beim Herrn Korbe⸗ lius! Schade um ſie!

Das Haus, in welchem die feſchen Bur⸗ ſchen wohnten, gehörte einer bejahrten Frau, welche, obzwar ſie jeden Nächſten wie ſich ſelbſt liebte, die feſchen Burſchen, zumal den unglück⸗ lichen Grill, dennoch nicht leiden konnte. Die Urſache davon war folgende traurige Be⸗ gebenheit. Die Hausfrau hatte einen Lieb⸗ lingsmops, derZuckerle hieß, und der Alles auf der Welt, nur kein Violinkonzert hören konnte. Herr Grill wußte dieß und vergaß nie, ſobald ſich Zuckerle auf dem Gange zeigte, etwas Ohrenzerreißendes beim offenen Fenſter auf der Geige zu ſpielen.

Was nun das Unglück haben will; unge⸗ fähr eine Woche nach dem letzten derartigen Konzerte beendete Zuckerle ſeine irdiſche Lauf⸗ bahn im ſechszehnten Jahre ſeines Alters, und die Schuld ſeines unſchuldigen Todes fiel ohne Gnade auf den rothen Kopf des gottloſen Grill, der den unglücklichen Zuckerle ſo ge⸗ äxgert habe, bis ihm die Galle geplatt ſei.

Gerade um die Zeit trieb in Prag ein verwegener Räuber ſein Weſen. Wohin man kam, ſprach man von nichts anderem, als von

dem Pflaſter, das dieſer Räuber ſeinen Opfern über das Geſicht zu kleben pflegte; man ſagte,

daß es nur mit kochendem Waſſer abzulöſen ſei und daß ein Gärber, welcher ſich das Pfla⸗ ſter mit Gewalt vom Geſichte riß, eine gute Hälfte der Naſe mit abgeriſſen habe, auch

machte man Leute namhaft, welche erſtickten,

bevor man ihnen das Pflaſter vom Geſicht ab⸗ löſen konnte.

Solche und ähnliche Geſchichten waren auch der Gegenſtand allabendlichen Geſprächs im Wirthshauſe des Herrn Ko rb elius. Wie ſehr die Siſire in Furcht waren, erſah man aus ihrer Eile, mit welcher ſie ſich noch zu früher Stunde aus dem Wirthshauſe verloren; und ſo geſchah es oft, keinesfalls zur Freude des Herrn Korbelius, daß ſchon gegen 10 Uhr

in ſeinem Gaſtzimmer außer den feſchen Bur⸗ ſchen und einigen nahen Nachbarn keine lebende Seele ſich befand.

Von unſerm vierblätterigen Kleeblatte, von dem ſich jetzt noch vor Mitternacht drei Blättchen zu löſen pflegten, berührte den ein⸗

zigen Grill die Angſt nicht; er ſaß im Wirthshauſe, ſo lange es ihm gefiel, ging ganz allein nach Hauſe, hieß ſeine vorſichti⸗ gen Kameraden in aller Artigkeit alte Weiber und ſtoppelte ein unſterbliches Lied zuſammen, in welchem er die tödtliche Angſt ſeiner Kame⸗ raden auf dem Wege vom Herrn Korbe⸗ lius zur Frau Waſſermann ſo witzig ſchilderte, daß Herr Korbelius vor Lachen hätte berſten mögen, als es Herr Grill zur großen Beluſtigung der ganzen Geſſellſchaft a conto ſeiner Freunde zum Erſtenmal ge⸗ ſungen hatte.

Die feſchen Burſche verdroß es und am meiſten zeigte des Malers umflortes Auge, daß ihm der Scherz nicht zweimal lieb war, ſagte aber nichts und ſang mit; den zweiten Tag, an welchem Grills Lied auf allge⸗ meines Verlangen einige Male geſungen wurde, entfernten ſich die feſchen Burſchen wie gewöhnlich zuſammen, und nur Grill hielt aus. Er hatte etwas tiefer in den Krug ge⸗ blickt und ſchlenderte nun ganz allein durch abgelegene Gäßchen nach Hauſe, ſich im Geiſte freuend, daß er doch einmal eine Ruthe ge⸗ funden, die ſeine Peiniger fühlten.

Als er ſo voll Heldenbewußtſein bis zu ſeinem Hauſe kam, ſpringt plötzlich ein langer Kerl aus einem dunklen Winkel auf ihn, ſchlägt ihm etwas in's Geſicht und verſchwindet.

Der arme Grill bleibt wie betäubt ſte⸗ hen, bedeckt mit beiden Händen ſein Geſicht, und ſchreit aus voller Kehle:Hilfe! Hilfe! Räuber! Hilfe!

Im Augenblicke waren alle Hausbewohner auf den Füßen; der Hausmeiſter flog wie ein Schuß mit einem Knittel aus dem Hauſe, ihm auf den Ferſen die Hausmeiſterin mit dem Spinnrocken nach, und hinter ihr Alles, was im Hauſe Muth und Füße hatte. Im Nu war unſer Grill in's Vorhaus gezogen und man brachte Licht. Welcher Schrecken! Sie erblickten den unglücklichen Geiger, und auf ſeinen Au⸗ gen ein Pflaſter.

Das Pflaſter! ertönte es im ganzen Hauſe.

Einige Frauen fielen ſogleich i in Ohnmacht.

Die feſchen Burſchen hatten mit Wiederbe⸗ lebungsverſuchen alle Hände voll zu thun. Der unglückliche Grill, in Finſterniß ge⸗ hüllt, hielt das Pflaſter mit beiden Händen, denn er befürchtete, durch ſchnelle Geſchäftigkeit des Hausmeiſters das traurige Schickſal jenes uuglücklichen Gärbers zu theilen. Er rief daher was er konnte:Waſſer, warmes Waſſer!

Das Verlangte wird gebracht.

Grill ſetzt ſich auf eine Bank, zwei Wei⸗ ber leuchten mit den Kerzen und Alles harret

mit Bangen der Dinge, die da kommen werden.

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Der Hausmeiſter tritt zur Operation.

Als nun Grill die Hände losläßt und das Pflaſter ſich in ſeiner ganzen fürchterlichen Größe zeigt, ruft zuerſt der Hausmeiſter und nach ihm Alle im Chore:J der Blitz, daß iſt ja ein Gußdalken!.

Grill reißt das Pflaſter ab, reibt ſein Geſicht, wälzt ſeine Augen weit heraus und ſeufzt:Bei meiner Seele, ein Dalken! Jetzt entſtand die Frage, wer der Urheber dieſes Vorfalls ſei?

Der erſte Verdacht fiel, wie Jeder leicht denken kann, auf die feſchen Burſchen; da ſie aber feſt leugneten und Frau Waſſermann ſelbſt beſtätigte, ſie wiſſe nicht, daß Jemand von ihnen ſich aus dem Zimmer entfernt hätte, wurden ſie für unſchuldig erklärt, und der arme Grill fiel in den Verdacht, daß er ſelbſt den ſchlechten Spaß ausgeführt habe, um die Nach⸗ barſchaft zu erſchrecken.

Grill wehrte ſich, was er konnte, es half nichts; denn es zeugten gegen ihn zwei Um⸗ ſtände, daß es ihm gerade beim Hauſe geſchah, und daß er das Pflaſter mit beiden Händen hielt, weil ihm der Dalken von ſelbſt herunter⸗ gefallen wäre, wenn er die Hände losgelaſſen hätte. Und obzwar Herr Grill zu ſeiner Recht⸗ fertigung anführte: daß er nur def ßwegen die Hände am Pflaſter hielt, damit es Niemand ohne warmes Waſſer herabzöge, ſo konnte er dennoch im ganzen Hauſe Niemand finden, der es geglaubt hätte.

Auf den ausdrücklichen Befehl der Haus⸗ frau bekam der arme Grill von der Frau Waſſermann eine vierwöchentliche Kün⸗ digung.

Grill wußte zu gut, daß niemand Ande⸗ rer ſich dieſen gewiſſenloſen Scherz gegen ihn erlaubt habe, als einer von ſeinen luſtigen Brüdern, da er es aber Keinem beweiſen konnte, ſo ſchwieg er, lachte mit ihnen darüber, und betrug ſich ſo, wie wenn es ihm gar nicht geſchehen wäre; er glaubte auf dieſe Art am eheſten die Wahrheit zu erfahren, und die Hoff⸗ nung hatte ihn nicht betrogen.

Eines Tages, da Grill und Kürbis allein zu Hauſe waren und über die Dalken⸗ komödie lachten, ſagte Grill lächelnd zu Kürbis:Ich weiß, daß mir niemand An⸗ derer den Schabernack gemacht hat, als einer von Euch, und daß Ihr alle Drei gut davon wußtet; aber gerne möchte ich erfahren, in ſen Kopfe dieſer Kapitaleinfall enkſtanden it, obwohl, wenn ich rathen wollte, ich es errathen würde. Nicht wahr, Freund Kürbis, es iſt Victorinis Einfall?

Kürbis lächelte und ſprach:Wenn Du ſchweigen wirſt, werd ich Dir's ſagen.

Wie das Grab, Bruder! rief Grill, nicht wahr, es war eine Erfindung des Victorini?

Du haſt's errathen, bejahte Kürbis, nich kauſte den Dalken und Storch klebte ihn

Dir in's Geſicht.