Heft 
(1858) 12 12
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Kleider abzulegen und kurze Röcke und Hoſen zu tragen. So ſonderbar und unglaublich auch dieſes und ähnliches einem deutſchen Ohre klin⸗ gen mag, ſo wenig auffallend iſt es jedoch im Lande ſelbſt. Von dem deutſchen Handküſſen findet man aber dort keine Spur. Da es in Amerika überhaupt keinen Unterſchied des Stan⸗ des gibt, Niemand von Standes wegen mehr oder weniger geachtet wird; ſo verſteht es ſich, daß das Geſagte von den amerikaniſchen Da⸗ men allgemein gelte.

Wer das Unglück hat, in Nordamerika mit mehreren Damen im Poſtwagen zu reiſen, der kann ſich von dem Stande eines Sklaven eine ziemlich richtige Vorſtellung machen, beſonders wenn etwa ſolchen Reiſegefährtinen zu Hauſe Sklaven zu Gebote ſtehen; dann ſehen ſie ohne weiters jeden Mann ohne Unterſchied, ſo lange er in ihrer Nähe iſt, als ihren Bedienten an.

Während in dem Städtchen Buttler die Pferde gewechſelt wurden, kamen zwei Damen und ein Herr in voller Haſt geritten. Der Herr hatte eine Menge Käſtchen und Schachteln am Sattel und an ſich hängen, daß er nur mit dem Kopfe ein wenig über dem Haufen hervor⸗ ragte; er mußte einen qualvollen Ritt beſtan⸗ den haben. Sobald er ſich aus ſeiner Schach⸗ telſphäre herausgearbeitet hatte, kam er an den Wagen, warf einen forſchenden Blick in das Innere, ſchien mit der geringen Beſetzung, be⸗ ſtehend aus mir und einem Kaufmann aus St. Louis, zufrieden, rapportirte das Reſultat ſei⸗ ner Rekognoscirung den Damen, und ſie ſchrit⸗ ten dem Wagen zu. Ich und mein Sitzgenoſſe zogen uns gleich auf die vorderſten Rücklings⸗ ſitze zurück, um der ankommenden Geſellſchaft und ihrem Plunder, der in den Gepäckkaſten gehört hätte, hinlänglichen Raum zu laſſen. Als die Damen ihre Sitze gewählt hatten, wur⸗ den auch alle die hölzernen und papiernen Be⸗ hältniſſe hereingeſchoben, der Schlag zugeworfen und fort gings im ſauſenden Galop. Der Ka⸗ ſten bewegte ſich wie ein Schooner auf ſtürmi⸗ ſcher See, die heftigen Rucker hatte er aber vor dieſem noch voraus. Mittlerweile poſtirte der Herr meinem Nebenmanne ſchweigend eine Anzahl Schachteln auf den Schooß, mir wurde ein Aufſatz von drei ſolchen anvertraut, ohne daß ich mich etwa zu dieſer Bedienſtung ange⸗ boten hatte. So zuwider mir auch dieſe Säule war, die bis an mein Kinn reichte, ſo beruhigte ich mich mit der Hoffnung, daß dieſe Belaſtung nur von kurzer Dauer ſein dürfte. Doch das war ein Irrthum und eitel Hoffen. Ich wollte nicht indiskret erſcheinen, und hielt die Tortur lange geduldig aus. Es war keine leichte Auf⸗ gabe, dieſen Schachtelthurm bei den ungeheu⸗ ren Stößen im Gleichgewichte zu erhalten, da man ſein eigenes Gewicht nicht zu balanciren vermochte. So hatte die Pein eine ganze Poſt⸗ ſtation gedauert. Der Wagen hielt, die Pferde wurden umgeſpannt. Nun glaubte ich, der Augenblick der Erlöſung ſei gekommen. Doch meine Hoffnung wurde nicht nur zu Waſſer, ſondern das Loos der Schwerbelaſteten ſollte

bald noch ſchwerer werden. Noch eine Dame kam auf den Wagen zu, begleitet von einem Dienſtmädchen, das unter jedem Arme eine große Schachtel trug. Die Dame ſtieg ein, warf ihren Mantel ſchweigend dem Herrn zu, der ihn ſorgſam in Empfang nahm, und dann mir und meinem Nebenmanne noch eine ver⸗ wünſchte Schachtel auflud; ich rief:lt is too much!(Das iſt zu viel!) aber meine Prote⸗ ſtation wurde gar nicht beachtet. Die Peitſche des Poſtillons knallte, und unſere vermehrte Qual begann. Die letzte Schachtel hatte nicht nur das Gewicht der Säule, ſondern auch die Höhe derſelben ſo vermehrt, daß ich darüber nicht mehr wegſehen konnte; und war mir auch an der Ausſicht nicht ſo gar viel gelegen, die öfteren Konflikte des oberen Säulenſtückes mit meinem Kopfe, wobei das häufige Verrücken der Mütze und der Brille nicht das einzige Lei⸗ den war, konnte ich auf die Dauer durchaus nicht ertragen. Mein Leidensgefährte, nicht minder belaſtet als ich, verrieth nicht die ge⸗ ringſte Unzufriedenheit und ſchien Alles ſo in der Ordnung zu finden. Solche heroiſche Ge⸗ duld in ſolch unwürdigem Joche war für mich unerreichbar. Hätte ich meine Effekten nicht auf dem Wagen gehabt, ich wäre unverzüglich abgeſtiegen und hätte gern auf das bezahlte Fahrgeld verzichtet; denn ich war bereits auf dem Punkte, wo man entrüſtet zu ſich ſpricht: Das ertrage ich nicht! Den läſtigen, foltern⸗ den Plunder von mir werfen, wäre doch ein zu greller, unerhörter Verſtoß gegen die allgemeine! Sitte geweſen. Zufällig war das hohe Schlag⸗ fenſter zur rechten Seite offen. Ich war er⸗ ſchöpft und ſchläfrig; der Wagen fuhr mit gro⸗ ßem Gepolter und ausgiebigen Stößen über eine in Unordnung gerathene Prügelbrücke, die ſtellenweiſe in den Sumpf verſunken war. Der Zuruf der jüngeren Dame:Look of the bo- xes!(Gebet auf die Schachteln Acht!) konnte mich nicht mehr zur gewünſchten Wachſamkeit anſpornen; eine mit aller Wucht nach der rechten Seite erfolgte Schwenkung des Wagenkaſtens machte, daß drei der verhaßten Behältniſſe, durch das Schlagfenſter über Bord gingen. Ich fuhr erſchrocken aus dem Schlaf auf, griff ha⸗ ſtig nach dem Entſchwundenen, aber zu ſpät. Der Wagen hielt auf den Ruf Aller; der Herr und mein Nebenmann eilten hinaus und brach⸗ ten die Güter zurück, die aus Kleidern und Backwerk beſtanden. Man lud ſie mir nicht zum zweiten Male auf, ja man nahm ſogar das auf meinem Schooße zurückgebliebene Poſtament der Säule von mir, und wußte Alles recht gut auf und unter den Sitzen unterzubringen. Als der geduldige Nachbar ſah, daß für mich die Stunde der Befreiung geſchlagen habe, begann auch er entſchloſſen ſeine Laſt Stück für Stück den übrigen Behältniſſen beizufügen, wo weit weniger Gefahr zur Beſchädigung vorhan⸗ den war.

Als ich mich von dieſem Schrecken vollſtän⸗ dig erholt hatte, übermannte mich bald der

Kaufmann an meiner Seite überließ; und wir konnten ſchlummernd die ſtrenge Kritik verneh⸗ men, der beſonders ich unterworfen wurde, weil ich den Unfall mit den Schachteln, wenn nicht abſichtlich herbeigeführt, ſo doch abſichtlich nicht verhindert haben ſollte.

Da es in Amerika keinen Adel gibt, ſo hat man ein mehr als genügendes Aequivalent erfunden, indem man das ganze Frauengeſchlecht faktiſch in den Adelſtand erhoben hat. Die zwei zuerſt in Poſtwagen angelangten Frauen waren Schneiderfrauen, ihr Begleiter ein Fabrikant aus Pittsburg, der zufällig eben nach Buffalo reiſte; die dritte dann eine Putzmacherin ledigen Standes.

Ich machte im anſcheinenden Schlummer meine ſtillen Betrachtungen über dieſe und an⸗ dere Modifikationen der Freiheit in dem gro⸗ ßen Freiſtaate, wo eben auch, wie überall, eine größere Freiheit des Einen zur unlieben Be⸗ ſchränkung des Anderen wird.

s C=e

Feſche Burſchen.

Nach dem Böhmiſchen des F. Rubes. Von Prerhof.

Wer vor mehreren Jahren Gaſthäuſer am Zdaraz und Vysehrad beſuchte, wird ſich vier junger Leute erinnern, die unter dem Namen feſche Burſchen in jenen Gegenden manch' luſtiges, oft nur zu luſtiges Stückchen aus⸗ führten.

Der feſcheſte dieſer feſchen Burſchen war Herr Grill, ein kleines, etwas ſchief gebautes Männlein. Sein Geſicht bewies, daß er nicht zugegen war, als man die Schönheit ver⸗ ſchenkte. Er ſpielte gut die Violine und Piano, lehrte in Prag Muſik, trug einen blauen Frack mit gelben Knöpfen, und wenn er genug ge⸗ trunken hatte, machte er auf ſeinen rothen Kopf Verſe, die aber leider nie in Druck kamen.

Der zweite feſche Burſch war Herr Vic⸗ torini, zweiundzwanzigjähriger Porträtma⸗ ler, ein ſchlanker, ſchön gebauter Mann. Er kleidete ſich fein, ſang Baſſo, war ſtolz auf ſeine Adlernaſe und ſeinen ſchönen Namen, ſchimpfte jeden Maler einen Pater, trank in Handſchuhen und trank gut, malte mittelmäßig und machte ſchlechte Witze, deren Zielſcheibe der arme Grill war.

Der dritte feſche Burſch war Herr Storch, ein Schreiber vom Lande, welcher ſich ſchon das dritte Jahr zur Prüfung aus der Buchfüh⸗ rung vorbereitete. Seine Geſtalt machte ſeinem Namen keine Unehre. Er trug einen Frack mit langen ſchmalen Schößen, ſpielte ſehr gut Sechsundzwanzig, hatte ein weiches Herz und einen harten Kopf, und ſprach faſt nach jedem

Schlummer wieder, dem ſich auch der befreite

zweiten Worte:Bitte recht ſehr.