Heft 
(1858) 12 12
Seite
376
Einzelbild herunterladen

368

Mann nimmermehr durchgedrungen wäre; es war, als ob ſich ſelbſt die Wilden ſcheuten, einer ſchutzloſen Frau wehe zu thun, die ſo ſorglos und muthig zu ihnen kam, und gewiß lag in ihrem Geſchlechte ein Schutz für ſie, aber über Gefahren und Mühſeligkeiten konnte er ſie nicht hinwegheben, und oft trat der Tod in der gräßlichſten Geſtalt ihr vor Augen. Immer aber wurde ſie, bis jetzt, wie durch ein Wunder gerettet. Von Sumatra ging ſie nach Califor⸗ nien. In dem Goldlande blieb ſie drei Mo⸗ nate, machte von dort aus einen Abſtecher zu den indianiſchen Rothhäuten, die ſie aber bald verließ um nach Lima zu ſegeln, deſſen mildes Klima einen vortheilhaften Eindruck auf ſie hervorbrachte. Hier blieb ſie ſechs Wochen und ging von da nach Ecuador.

Sie überſchritt die Cordilleren in der Nähe des Chimboraſſo auf einer Gebirgseinſattlung, deren höchſter Paß 15,000 Fuß über der Mee⸗ resfläche liegt, und kam nach einer äußerſt be⸗ ſchwerlichen Reiſe in Quito an. Es war ihr Plan, von dieſer Stadt aus den Amazonen⸗ ſtrom aufzuſuchen, aber ſie mußte ihre kühne Idee auch aus pekuniären Rückſichten aufgeben, und in Folge deſſen ging ſie von Quito auf demſelben Wege wieder zurück. Das ſchönſte Wetter begünſtigte ſie bei ihrem zweiten Ge⸗ birgsübergange. Ihr Pfad führte ſie ganz an der Nähe des Chimboraſſogipfels vorüber, und in ſeiner ganzen großen unbeſchreiblichen Pracht ſah ſie dieſen Rieſen der Andenkette.

Um die Meerenge von Panama begab ſie ſich dann nach New⸗Orleans, wo ſie den gan⸗ zen Miſſiſippi bis zum Anthonyfall hinauf⸗ ſchiffte und den großen berühmten Waſſerfall am Niagara aufſuchte. Später reiſte ſie nach New⸗York, Boſton und nach England, und kehrte 1856 in ihre Heimat zurück.

Wir hatten Gelegenheit, dieſe merkwürdige Frau, die zu den bedeutendſten Reiſenden zählt, weil ſie in Ländern geweſen und zu Völ⸗ kern gekommen iſt, die nie ein Europäer er⸗ blickt hat, kennen zu lernen. Wir waren er⸗ ſtaunt, daß nichts von ihr dem Bilde glich, das wir uns von einer ſolchen Heroin entwor⸗ fen hatten. Eine kleine, hagere, von Anſtren⸗ gung gebeugte Geſtalt trat uns entgegen, deren einfache und ruhige Haltung nichts von dem ſelbſtbewußten Weſen zeigte, das hiſtoriſch ge⸗ wordene Perſönlichkeiten ſo leicht annehmen. Ihr Teint war nicht einmal von der Tropen⸗ ſonne dunkler gebrannt, als man ihn gewöhn⸗ lich findet, und ſelbſt wenn ſie uns ihre merkwürdigſten und intereſſanteſten Reiſe⸗ abenteuer erzählte, geſchah es immer mit den einfachſten Worten, die aber nie den Eindruck verfehlten, weil ſie immer das Gepräge der Wahrheit trugen, und von ihrem warmen Herzen, einer freien ſittlichen Anſicht und ihrer echten Humanität zeugten. Ihr Zimmer war mit Naturalienſammlungen und ethno⸗ graphiſchen Gegenſtänden angefüllt und bot eine Kollektion von höchſt merkwürdigen, viel⸗

denen Dingen. Entſetzlich anzuſchauen war ein mit Menſchenhaaren behangener Korb, in wel⸗ chem die Dayaken den abgehauenen Kopf ihrer Feinde legen, und ein Halsband aus den Zäh⸗ nen derſelben, das als der höchſte Schmuck kriegeriſcher Tapferkeit bei den Wilden gilt. Ein über ſechs Fuß hoher Stock, Lungal Panaluan genannt, war aus dem Holze des Baumes geſchnitzt, an welchen die Battaken ihre Opfer binden, ehe ſie dieſelben köpfen und verzehren. Er war ſehr zierlich geſchnitzt und eine menſchliche Figur erhob ſich über die andere an dieſem Stocke, dem die Wilden ſo gar wunderbare Eigenſchaften zuſchreiben. Der Mantel eines ihrer Häuptlinge zeichnete ſich durch geſchmackvolle und unverwüſtbare We⸗ berei aus, wie ein Buch durch regelmäßige ſchwarze Schrift auf Baſt.

Auch an zierlichen, freundlichen und ſel⸗ tenen Gegenſtänden war kein Mangel. Hier ſtand eine geſchnitzte Friedenspfeife der Kolus⸗ cions⸗Indianer von der Inſel Sitka, dort lag ein prachtvolles Strohgeflecht von der Inſel Celebes. Bald zog uns die Farben⸗ pracht einer Schmetterlingsſammlung oder indianiſcher Vogelneſter an, bald bewunderten wir peruaniſche Gefäße aus den Gräbern der Inkas aber am merkwürdigſten blieb uns doch die unſcheinbare Frau, die durch ihre Entſchiedenheit und unerſchütterliche Willens⸗ kraft aus einer ſo weiten Entfernung alle dieſe Dinge geholt hatte.

Frau Pfeiffer hat auf ihren vier gro⸗ ßen Reiſen 130,000 Seemeilen zu Waſſer und 18,000 engliſche Meilen zu Lande zu⸗ rückgelegt, und die Mittheilungen, welche ſie uns über ihre letzte Reiſe machte, waren eben ſo feſſelnd als lehrreich. Ein eigenthümliches Verlangen zog ſie beſonders nach jenen un⸗ erforſchten Gegenden hin, um den Zuſtand von Völkern kennen zu lernen, wie ſie unbe⸗ rührt von der modernen Civiliſation in ihren Schluchten und Wäldern leben. Es hat ſie ſehr geſchmerzt, ihren Plan, die großen Bin⸗ nenſeen im ſüdlichen Afrika zu beſuchen, auf⸗ geben zu müſſen; gerne wäre ſie bis zu dem Ngami⸗ und beſonders zu dem Nyaßi⸗See vorgedrungen, der noch nie von einem Euro⸗ päer erreicht wurde und eines jener Geheim⸗ niſſe des Erdtheils birgt, deren Enthüllung die Wiſſenſchaft(nicht allein) mit Spannung entgegenſieht. Sie verſicherte, daß ſie weder die Unfreundlichkeit der holländiſchen Boers, durch deren Anſiedlung der Weg führt, noch der Kampf der Engländer mit den Kaffern abge⸗ ſchreckt hätte, ſondern allein die Unmöglichkeit, den Koſtenaufwand erſchwingen zu können, denn ſie hätte zu dieſer Reiſe eine Mannſchaft, mehrere Wagen und Ochſengeſpann gebraucht. Frau Ida Pfeiffer reiſte aber immer nur mit leichtem Handgepäck, einem Schmetter⸗ lingsnetz und einer Botaniſirbüchſe, von einem

leicht in Europa nicht noch einmal vorhan⸗

Vermögens. Die öſterreichiſche Regierung hat ſie mit einem Zuſchuß von 1500 fl. unterſtützt, aber man muß ſo bedürfnißlos und kühn, ſo abgehärtet und gewaffnet gegen jede Entbeh⸗ rung wie Frau Pfeiffer ſein, um mit ſol⸗ chen Mitteln Weltreiſen machen zu können. Auf ihrer erſten hatte ſie bemerkt, daß in Sin⸗ gapore ſich die meiſten Schiffe für alle Him⸗ melsgegenden ſammeln, darum ging ſie wieder dahin, und die Fahrt war eben ſo anziehend als lohnend. Sie fand viele Briefe und Be⸗ kannte dort, von denen ſie auf's Freundlichſte empfangen wurde; aber ſie verweilte nur einige Wochen bei ihnen, dann reiſte ſie nach dem Fürſtenthum Sarawak auf der Inſel Borneo. Kapitän Brooke, der Sohn des Sir James Brooke, empfing ſie mit der größten Gaſt⸗ freiheit, und von ihm begünſtigt lernte ſie das Gebiet von Sarawak und die intereſſanteſten Punkte der Umgebung kennen. Ihre Schilde⸗ rungen haben uns lebhaft intereſſirt und um ſo mehr, da in der neueſten Zeit die dortige Gegend durch die Mordluſt der Chineſen ein Schauplatz der Verwüſtung geworden iſt. Frau Pfeiffer ſagte, daß ſie immer mit einem ge⸗ miſchten Gefühle von Freude und Bedauern die Anſiedelungen der Chineſen betrachtet habe, denn ſie findet ſie zwar arbeitſam und aus⸗ dauernd in allem, was ſie unternehmen, aber auch eben ſo falſch, gewinnſüchtig und liſtig, und wie ſie ihre Sitten und Gebräuche überall bewahren, ſo auch ihren Charakter.

Trotz aller Gegenvorſtellungen und Ab⸗ mahnungen beſtand Frau Pfeiffer darauf, im Norden des Sekamil Lupangebirges auf einen der landeinwärtsgehenden Flüſſe in das Innere von Borneo vorzudringen, um mitten durch die unerforſchten Wildniſſe der unabhän⸗ gigen Dayaken einen Weg über den Kamm der Gebirge zu ſuchen und von dort nach der hol⸗ ländiſchen Kolonie Pontianak zu gehen. Sie hat ihren Plan ausgeführt und iſt endlich wie⸗ der durch Gegenden gewandert, die nie zuvor ein Europäer betreten hatte, aber um einen Begriff von der ſchaudervollen Gefahr zu ge⸗ ben, die ſie erlebte, führen wir eine Stelle aus ihrem Werk:Meine zweite Weltreiſe an. Wir fuhren an mehreren Dayakenplätzen ungeſtört vorüber. Nachmittags kehrten wir wieder bei einem Stamme ein. Hier ſah es aber nicht ſehr gemüthlich aus, denn die Leute waren erſt vor zwei Tagen von einem Kampfe heimgekehrt und hatten einen Kopf mitgebracht, der nebſt den andern ſchon beinahe ganz aus⸗ getrockneten über der Feuerſtelle hing, an der mein Lager bereitet wurde. Es iſt dieß nämlich der Ehrenplatz, der einem Gaſte geboten wird; eine höchſt widerliche Auszeichnung, die man doch nicht ausſchlagen darf. Die dürren Schä⸗ del, die in dem ſtarken Zugwinde aneinander⸗ klapperten, der unbeſchreiblich erſtickende Ge⸗ ſtank, der von dem friſchen Kopfe ausging und

einzigen Führer oder Dolmetſcher begleitet, den mir der Luftzug zeitweiſe in's Geſicht trieb, denn ſie hatte, außer dem Ertrag ihrer Schrif⸗ der Anblick der Leute, die noch ſehr aufgeregt

ten, nur die ſpärlichen Einkünfte eines kleinen ſchienen und beſtändig um mein Lager kreisten,

-