„Welch' herrliche Geſtalt!“ flüſterte neben mir die fadendünne Stimme eines ſpindelbei⸗ nigen Engländers, indem er das viereckige Lorgnon feſter zwiſchen Auge und Naſe einkniff, und eine junge Dame, die eben gefolgt von einem reichgalonirten Neger, über das Deck ſchritt, zudringlich muſterte. Ich war noch nicht wieder in die Kajüte zurückgekehrt, und hatte ſonach von den Neuangekommenen erſt Wenige geſehen. Ich ſelbſt vermochte kaum meinen Blick von ihr abzuwenden. Ihre Geſtalt be⸗ zauberte eben ſo ſehr, als das reine Proofil ihrer Züge. Ohne Zweifel war ſie eine Süd⸗ länderin. Ich erhielt darüber Gewißheit, denn ſie redete ihren Diener türkiſch an. Wer be⸗ ſchreibt indeß mein Erſtaunen, als ich meinen Freund, den ich noch immer in Stambul glaubte, aus der Kajüte kommen und vertrau⸗ lich auf die Dame zugehen ſah. Eine Ahnung ſagte mir, daß fie das Ideal geweſen ſei, von dem er mir in ſo begeiſterten Worten erzählt. Sie hatte mich nicht getäuſcht. Als ſeine Gat⸗ tin ging ſie mit ihm nach Italien, nur wollte er ſie zuvor die Prachtſtädte des ſüdlichen Eu⸗ ropas bewundern laſſen. In Peſt begegneten wir uns.
Es ſind ſeitdem wieder einige Jahre vor⸗ übergegangen, ohne daß ich von ihm eine brief⸗ liche Mittheilung erhalten hätte; ſeinen Namen hörte ich indeß öfter als einen der vorzügliche⸗ ren deutſchen Künſtler in Rom nennen. Vor ganz kurzer Zeit erſt langte von dorther ein Brief für mich an. Er kam von ihm. Er war voll von Schilderungen ſeines Glückes; am Schluſſe bat er, die vielen Tintenkleckſe damit zu entſchuldigen, daß eine allerliebſte kleine Schetſcherne, das würdige Ebenbild ihrer Mutter, während des Schreibens auf ſeinem Schoße ſitze und mit ſeinem Geſchreibſel ihr Spielwerk treibe.
Ida Pfeiffer.
Von M. R.
Die berühmte Reiſende, Frau IdaPfeif⸗ fer, iſt in der Nacht des 27. Oktobers im Kreiſe ihrer Freunde und Verwandten ver⸗ ſchieden. Sehr leidend war ſie von ihrer letzten Weltfahrt vor einigen Monaten zu⸗ rückgekehrt.
Dieſe letzte Reiſe war ein neuer Beweis von der unbeugſamen Energie dieſer merkwürdigen Frau. Nie verließ ſie, ſelbſt in der größten Gefahr, Beſonnenheit und Muth. Die Ent⸗ behrungen und das Alter vermochten nicht ih⸗ ren Willen zu ſchwächen, und obgleich ſie ganze Welttheile durchſtreift hatte, war ihre Wißbe⸗ gierde noch immer nicht befriedigt.
Wenn die Begeiſterung für die Wiſſenſchaft, die Leidenſchaft zur Eroberung und die Luſt
des Erforſchens großen Männern die Kraft verlieh, neue Wege zu entdecken und anzubah⸗ nen, ſo liegt in ihrem Zwecke ſelbſt die Erklä⸗ rung für ihr kühnes Unternehmen.— Betrach⸗ ten wir aber die Wanderluſt dieſer unermüd⸗ lichen Frau, ſo ſind wir faſt geneigt, ſie uns wie eine in ihr wohnende Naturnothwendigkeit zu deuten, die ſte, einmal ihr folgend, nicht mehr unterdrücken konnte, aber wir haben eigentlich kein Recht dazu. Nicht ein unerklär⸗ licher Zwang, ſondern der Wille leitete Frau Ida Pfeiffer, und wie früh er ſchon bei ihr eine beſtimmte Richtung hatte, beweiſt fol⸗ gende Anekdote.
Als Napoleon in Wien als Eroberer eingezogen war und in Schönbrunn reſidirte, zog ein bedeutender Theil der Wiener Bevölke⸗ rung hinaus, um den größten Kriegshelden des Jahrhunderts bei der bekannten Revue zu ſehen. Die eilfjährige Ida hatte kürzlich in der Schule von den Helden des klaſſiſchen Alter⸗ thums gehört, und glühte für Männer von dem Schlage des Leonidas, Mucius Scävola und Horatius Cocles, deren Vaterlandsliebe in dem Herzen des Mädchens einen ſchwärmeriſchen Wiederhall fand. Ida erkannte in Folge deſſen in Napoleon nur den Tyrannen und Unterdrücker ihres Vater⸗ landes und wollte ihn nicht einmal ſehen. Ihre Mutter aber zwang ſie mit nach Schönbrunn zu kommen und ſtellte ſich mit ihr da auf, wo der Kaiſer mit ſeinem brillanten Stabe von Marſchällen und Generalen vorbeikommen mußte. Als es hieß:„Der Kaiſer kommt!“ drehte die kleine Ida ſich raſch um. Es waren indeß nur einige Generale, welche vorbeiritten. Die Mutter aber, welche die Wendung ihrer Tochter wohl bemerkt hatte, war ſo erzürnt über ihren Trotz, daß ſie ihr in der erſten Lei⸗ denſchaft eine Ohrfeige gab, welche Ida mit derſelben ſtolzen Reſignation geſättigter Vater⸗ landsliebe empfing, mit dervielleicht Nucius Scävola auf ſeine verbrennende Hand blickte. Als nun wirklich der Kaiſer vorüberkam, hielt die Mutter die Kleine an den Schultern feſt; dieſe jedoch— ſchloß die Augen und ſah auf dieſe Weiſe den Verhaßten nicht, der mit einer Eskorte glänzender Helden vor den dichtge⸗ drängten Haufen ſtaunender Neugieriger vor⸗ überſprengte.
Ein Charakter wie der, welcher ſich ſchon bei dieſem Kinde zeigte, hält auch an ſeinen Neigungen feſt. Ida hatte ſchon früh den un⸗ widerſtehlichen Drang zu reiſen, doch obgleich ſie ihren Wünſchen nur erreichbare Ziele ſetzte, ſah ſie ſie dennoch nicht erfüllt. Sie verheira⸗ tete ſich früh, lebte in einfachen Verhältniſſen und nur ihren häuslichen Pflichten, aber als die Erziehung ihrer zwei Söhne vollendet war, erwachte wieder ihr mühſam unterdrücktes Ver⸗ langen, fremde Länder zu ſehen. Sie hatte während ihrer Ehe alles, woran Frauen Ver⸗ gnügen finden, ſich entſagt und das Geld, das für ihren beſcheidenen Putz beſtimmt war, zu ihrem Reiſezwecke zurückgelegt. Nach und nach
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hatte ſie tauſend Gulden erſpart, und da ſie Witwe wurde, konnte ſie frei darüber disponi⸗ ren. Sie beſchloß Italien zu ſehen, denn ihre Mittel ſchienen ihr nicht ausreichend für eine Reiſe nach Jeruſalem, wohin ſie eine heiße Sehnſucht zog. Der Domherr Salzbacher, der von einer Wallfahrt aus dem gelobten Lande zurückgekehrt war, ermuthigte ſie dazu, und ſo trat ſie denn die langerſehnte Reiſe an, und da ſie höchſt ſparſam lebte, kam ſie mit ihrem Gelde bis nach Suez und Egypten, und kehrte über Italien nach Wien zurück. Hier be⸗ gann ſie ihre Reiſeerlebniſſe niederzuſchreiben und für den Druck vorzubereiten. Das Buch, welches ſie darüber veröffentlichte, verſchaffte ihr die Mittel zu einer Reiſe nach Schweden, Norwegen und Island. Sie ſammelte aus den Blättern ihres Tagebuches, welches ſie ſorg⸗ fältig auf ihrer neuen Reiſe geführt hatte, wie⸗ der Stoff zu einem Werke. Es wurde ſo gut aufgenommen und gewährte ihr ſo günſtige Reſultate, daß die Idee, eine Weltreiſe zu un⸗ ternehmen, in ihr erwachte. Bei der Ausfüh⸗ rung derſelben zeigte ſie die ganze Beharrlich⸗ keit ihres energiſchen Willens. Sie ſchiffte ſich nach Braſilien ein, ſegelte um das Kap Horn nach Chili, dann nach China und Indien, machte von Perſien aus die Reiſe zu Lande durch Kurdiſtan nach Tiflis, fuhr über das ſchwarze Meer nach Konſtantinopel und von da aus zurück nach Wien, wo ſie 1848 eintraf
Ihre Freunde hofften, daß ihre Weltreiſe ihr genügen und ſie von nun an ruhig in der Heimat leben würde, aber die erduldeten Stra⸗ pazen hatten ſie nicht entmuthigt und der Drang nach der fernen Fremde war in ihr nicht ge⸗ ſchwächt, ſondern noch geſteigert worden. Sie ſuchte den Zweck und den Inhalt ihres Lebens nur im Reiſen. Immer reicher an großartigen Erfahrungen zu werden, immer neue merkwür⸗ dige Erlebniſſe zu niachen, die Natur in ihrer wilden Größe und Anmuth, in ihrem Aufruhr und in ihrer Stille zu beobachten, fremde Völ⸗ ker mit ihren Sitten und Gebräuchen kennen zu lernen, wurde zu einem unabweisbaren Ver⸗ langen in ihr. Sie ſcheute keine Leiden und Gefahren, keine Entbehrungen und Anſtren⸗ gungen, und mit einer bewunderungswerthen Charakterfeſtigkeit und einem männlichen Muthe ſuchte ſie das ſich geſteckte Ziel zu erreichen. Vor ſechs Jahren hatte ſie London verlaſſen und ſich nach der Kapſtadt begeben, von wo ſie nach Singapore an der Südſpitze von Malacca ſegelte. Dann durchſtreifte ſie nacheinander die vier großen Sundinſeln: Borneo, Sumatra, Java und Celebes, und mehrere Eilande der Molukengruppe, ſuchte die wilden Kopfjäger Borneos und die Menſchenfreſſer Sumatras mit einer unglaublichen Verwegenheit auf— und aus der Gefahr, getödtet und verzehrt zu werden, rettete ſie ſich mit einer Geiſtesgegen⸗ wart, die bewunderungswerth iſt.
In dem Battakerlande auf Sumatra iſt ſie am weiteſten vorgedrungen, und großmüthig hat man oft die Frau da geſchont, wo ein


