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mich zu und riß mir den Schleier vom Antlitz. Meine Mutter wollte dem Räuber ihr einziges Kind entreißen, aber der Wüthende ſpaltete mit einem Säbelhiebe ihr Haupt. Da ſchloß mir Ohnmacht die Augen!“
Hier erſtickten Schetſchernens Thränen ihre Rede; ich küßte ihr die warmen Tropfen von der Wange, ſpendete meinen beſten Troſt, meine glühendſten Küſſe, ich zog ſie feſter an meine Bruſt; da ſchaute ſie mich trübe an, ſchmiegte ſich feſter in meine Arme und fuhr fort:
„Als ich wieder erwachte, lag ich mit ge⸗ bundenen Händen in einem Zelte, neben mir ſaß der ſchreckliche Türke, ſeine Waffen vom Blute reinigend. Ich ſchrak zuſammen, ſchloß wieder die Augen, hoffend, Alles ſei nur ein quälender Traum geweſen, allein der Schmerz der Feſſeln brachte mich zur Wirklichkeit zurück. Ich weinte und bat um den Tod. Der Un⸗ menſch lachte und antwortete mir mit Hohn⸗ reden. Ich ſchwieg und duldete. Bald ſtieß die große Karavane, die von Moſſul nach Haleb und Stambul zieht, zu uns. Mein Peiniger ſchloß ſich ihr an. Wie könnte ich Dir meine Leiden während der langen Reiſe ſchildern! In dumpfer Lethargie ſah ich endlich der Löſung meines Schickſals entgegen.“
„Stambul! Stambul! war eines Mor⸗ gens der Ausruf der ganzen Karavane. Wir waren frühe aufgebrochen, die Sonne ging eeben auf, und vor uns am Saume des Meeres lag in weiter Ferne die goldglänzende Mo⸗ ſcheenpracht!— Jeder fiel auf ſeine Knie, es war, als hätte der Muezzin ſein Allah vom Minaret herabgedonnert. Alles betete.— Die glühende Sonne brannte ſenkrecht auf unſere Scheitel, als wir Skutari erreichten, von wo ich mit vielen anderen Unglücklichen dem Skla⸗ venmarkte in Stambul zugeführt wurde. Der viereckige Raum des Sklavenbazars bot mir ein neues entſetzliches Bild. Haufen ſchmutziger Afrikaner lagen ſchnarchend umher, halbnackte Mohren reinigten ihre Gewänder vom Unge⸗ ziefer. Das machte meine Thränen verſiegen; ich richtete mich auf und durchſchritt die langen Reihen, im ſtillen Gebete Troſt ſuchend, und ich fand ihn. Man ſperrte mich in ein kleines Gemach mit niedriger Thür und ließ mich allein. Koſtbare Speiſen und Wein, der mir als Chriſtin zu trinken geſtattet war, ſollten mich aufheitern und zur preiswürdigen Waare machen. In meiner Einſamkeit drängte ſich mir mit erneuter Gewalt Alles auf, was ich erlebt, mein Herz drohte zu brechen, ich ſank auf die Kniee und nahm meine Zuflucht zum Gebete.“
„Du beteſt, meine Tochter! redete mich die ehrwürdige Stimme eines greiſen Emirs an, deſſen Eintritt ich nicht bemerkt, Allah gewähre Dir Erhörungl und er legte ſeine Hand auf mein Haupt. Du biſt Chriſtin; auch wir verehren den Nazarener, auch wir haben menſchliche Gefühle und ein menſchliches Herz. Die Stimme klang ſo liebreich, ich küßte das
Gewand des Greiſes und wollte ſprechen. Mein Hüter mußte auf einen Wink des Emirs das Gemach verlaſſen und ich ſchüttete alle Leiden der letzten Wochen in das Herz des theilneh⸗ menden Mannes.“
„Wohlan, hob er an, nachdem ich meine Erzählung beendet, willſt Du den alten ſchwa⸗ chen Greis pflegen, wie Du Deine Eltern ge⸗ pflegt, ſo hebe Deine Füße auf und folge mir, Du ſollſt mir eine Tochter ſein, die meiner wartet und die mich liebt.— Das war der Segen meiner Mutter aus dem Grabe, das war Schickung Gottes, der mich nach Stambul führte, um dort einen zweiten Vater zu fin⸗ den. Der Handel wurde geſchloſſen. Mohaſ⸗ ſim zahlte für mich den Preis von dreitauſen Piaſtern.“
„Jetzt kamen für mich nach ſo vielen böſen Tagen die guten. Ich pflegte Moh aſſim, wie ich meinen Vater gepflegt haben würde; ſein Haupt ruhte in meinem Schoße, aus mei⸗ nen Händen empfing er den lindernden Trank für ſeine wunde Bruft, ich ſcheuchte die Flie⸗ gen von ſeinem Lager, wenn er ſchlief, ich er⸗ weckte ihn am Morgen mit leiſer Melodie und ergötzte ihn durch Tanz und Geſang. Was ich wünſchte und begehrte ward mir gewährt, man betrachtete mich als die Königin des Harems, ſein geliebtes Kind. Der Emir ſchien das Na⸗ hen ſeines Endes zu fühlen, den meiſten ſeiner Sklavinen gab er die Freiheit; einige verhei⸗ ratete er an ſeine Diener; auch für mich ver⸗ ſprach er zu ſorgen.“
Eine Italienerin, die Witwe eines Kauf⸗ manns, welche häufig in das Haus kam, um mich zu unterhalten, lehrte mich ihre Sprache und das Spiel der Guitarre, und unterwies mich in allerhand weiblichen Arbeiten. Mo⸗ haſſim blieb mir immer gleich zärtlich, allein mit Schrecken ſah ich, wie ſeine Auflöſung ſich beſchleunigte. Eines Tages, da er kaum noch ſein Lager verlaſſen konnte, forderte er mich auf, die Italienerin zu rufen. Signora Anna kam. Mit ihrer Hilfe mußte ich fränkiſche Klei⸗ dung anlegen und dann wieder vor ſein Lager treten.„Meine Tochter,““ ſagte er mit ſchwa⸗ cher Stimme und ergriff meine Hand,„„höre auf meine Worte und handle, wie ich Dir heiße. Du kennſt das Gebot, das den Kaiſer zum Herrn alles Eigenthums ſeiner Untertha⸗ nen macht. Du biſt Chriſtin und darum dop⸗ pelt gefährdet. Wir müſſen uns trennen, jetzt da ich lebe; nach meinem Tode wäre es zu ſpät. Nimm dieß, und Du wirſt nie Mangel leiden. Ziehe in das Haus am Marmorameer, das Dir gehören ſoll. Sei frei und glücklich!““ — Umſonſt waren meine Bitten bei ihm blei⸗ ben zu dürfen, bis ſich ſein Auge ſchließe, er drängte, und ich mußte ihn allein zurücklaſſen. Ich habe ihn nie wieder geſehen. Noch wenige Wochen friſtete ihm der Arzt das Leben, dann ging er heim zu Allah. Sein Vermögen fiel dem Staate anheim.“
„So verlor ich meinen zweiten Vater.
Signora Anna lehrte mich die Welt kennen,
von der ich bis jetzt keine Ahnung gehabt. Die Geſchenke des Emirs geſtatteten mir ſorglos in ungeſtörter Stille ein glückliches Leben zu füh⸗ ren. Anna blieb meine einzige Freundin, bei ihr ſah ich Montfort, und durch ihn lernte ich Dich kennen.“
Daniit ſchloß Schetſcherne ihre Erzäh⸗ lung, der ich mit ungetheilter Aufmerkſamkeit zugehört hatte. Von da an wurde meine Theil⸗ nahme für das ſchöne Mädchen nur lebhafter, meine Liebe inniger— eine Trennung von ihr würde für mich Unmöglichkeit geweſeu ſein.
——— So weit die vertrauliche Mit⸗ theilung meines Freundes.
——— Wir hatten zuſammen das Gy⸗ mnaſium unter den heiligſten Verſicherungen einer unverbrüchlichen Freundſchaft und dem Verſprechen, uns wenigſtens alle Monate ein⸗ mal ſchriftlich zu unterhalten, verlaſſen. Sein Weg führte ihn nach Norden, mich der meine nach Süden. Er widmete ſich der Malerei, ich bereitete mich für den Ingenieurdienſt vor. Unſer Briefwechſel beſchränkte ſich von jeder Seite auf zwei kurze Schreiben, dann war zwi⸗ ſchen uns Alles ſtill und todt. Ich hatte ihn während der folgenden Reihe von Jahren ganz aus den Augen verloren, als ich mit ihm in einer franzöſiſchen Penſion zu Konſtantinopel zuſammentraf. Er war noch immer der Enthu⸗ ſiaſt, der er während ſeiner Schulzeit gewe⸗ ſen, und die Hartnäckigkeit in der Verfolgung ſeines nächtlichen Abenteuers befremdete mich keineswegs. Mein Aufenthalt war nicht allein von kurzer Dauer, die Angelegenheiten, die mich hierhergeführt, nahmen auch einen ſo gro⸗ ßen Theil meiner Zeit in Anſpruch, daß es mir nicht vergönnt ſein ſollte, das aſiatiſche Wun⸗ derbild kennen zu lernen. Mein Beruf führte mich weiter. Er blieb zurück und bezeigte noch wenig Neigung in ſeine nördliche Heimat zu⸗ rückzukehren.
Es mochte etwa ein Jahr ſpäter ſein. Ich befand mich am Bord des Zryni, der mich nach überſtandener Kontumaz nach Peſt füh⸗ ren ſollte. Wir befanden uns zu Semlin. Noch war es Nacht. Paſſagiere kamen eiligen Schrit⸗ tes, das Gepäck verſperrte mit jeder Sekunde mehr die freie Bewegung auf dem Verdeck. Ich legte mich behaglich auf einen langen Wollſack und ſchaute in die klaren Sterne über mir, die bald dem glänzenderen Geſtirn der Sonne, der Königin des Tages weichen ſollten. Ein war⸗ mer Wind fächelte die niederhängenden Zweige der Weiden am Ufer, der raſtlos fluthende Strom plätſcherte am Kiel— Alles war ſo feierlich und ſtill, bis auf das Lärmen der Paſ⸗ ſagiere, die ſich in der Kajüte zuſammendräng⸗ ten, das Klappern und Knarren des Takelwer⸗ kes und die Abſchiedsrufe der Zurückbleibenden. Der Aufgang der Sonne lockte einzelne Paſſa⸗ giere auf das Deck, und je höher ſie ſtieg, deſto
lebhafter wurde es.


