„Aber Du kennſt ja nicht einmal das Haus,“ ſchrie ich ihm zu und blieb vor ihm ſtehen.
„Glaube und folge, oder wir kehren zu⸗ rück!“ erwiederte er, ohne anzuhalten.
Ich verbiß meinen Verdruß und folgte.
Am Palais des Seraskiers, am Irren⸗ hauſe vorüber, ſchritten wir durch den verwor⸗ renen Knäuel ſchmutziger Gaſſen. Ich wußte endlich eben ſo wenig wo ich war, als in jener verhängnißvollen Nacht.
„Du mußt mir verzeihen,“ hob mein Freund endlich an,„wenn ich Dich dieſe ſtarke Bewegung machen laſſe; ſie führt Dich zwar auch zum Ziele, aber Du mußt vergönnen, daß ich zuvor einen Armenier aufſuche. Ich ver⸗ ſpreche Dir, Dich nicht lange aufzuhalten.“
Mißgeſtimmt durch den ermüdenden un⸗ freiwilligen Spaziergang, fragte ich ihn, wie lange ich werde warten müſſen.„So lange Du willſt,“ antwortete er mit einem unbe⸗ ſchreiblich malitiöſen Lächeln und klopfte an die Thür eines Hauſes, deſſen Flügel ſich einer abſcheulichen Sackgaſſe zukehrte, während die Hauptfronte etwas zurückgedrängt war. Ich folgte ſeiner Einladung, an dem Morgenbe⸗ ſuche theilzunehmen und ſchlüpfte in das Haus, deſſen niederer Eingang in eine hohe Vorhalle führte, deren Boden, mit feinen Binſenmatten bedeckt, das Ausziehen der Schuhe zur Pflicht machte.
Montfort wechſelte mit dem Thürhüter einige mir unverſtändliche, aber wie es mir ſchien, vertrauliche Worte, worauf uns ein elegant dekorirtes Vorzimmer geöffnet wurde. Hier ſollte ich warten, während mein Freund den Vorhang eines Nebengemaches hob, und verſchwand. Meine Ungeduld zu bemeiſtern war für mich eine ſchwere Aufgabe, indeß wollte ich ſie verſuchen, indem ich mich auf dem Pol— ſter ausſtreckte und den blauen Dampf aus der dargebotenen Pfeife emporkräuſeln ließ.
Ich hatte noch nicht lange geſeſſen, als ein himmliſch göttliches„Ma troppo tardi“ ganz in meiner Nähe hinter dem Vorhange ertönte. Ueberraſcht ſprang ich auf, ſchleuderte Fez und Pfeife weit fort. Ja, das war jene Stimme, jene Welt voll Harmonie— es war mein Ideal! Ich riß den Vorhang bei Seite und ſtürmte in das Zimmer.
Da ſtand ſie wie ein Engel des Lichts, ein Bild der Schönheit, unendlich herrlicher, als alle meine Phantaſien es ausmalen konnten. Weiß wie in jener Nacht, glänzend wie der Schnee des Kaukaſus, im entblößten runden Arme das einfache Inſtrument; der halbgeöff⸗ nete Mund zeigte eine Reihe Perlen, weißer wie jene von Barein, das nur vom armeniſchen Kopfputz gefeſſelte Haar bedeckte halb die Schul⸗ ter— Alles war entzückend, vom dunklen ſüd⸗ lichen Auge bis zu dem nackten kleinen Fuß, deſſen Zehen von Ringen glänzten.
Meiner ſelbſt unbewußt, näherte ich mich ihr— ja, es war jene belebte Bildſäule Pyg⸗ malions!— Ein muthwilliges Gelächter mei⸗
ner Schönen brachte mich etwas zu mir ſelbſt; ich faßte an meinen glühenden Kopf. Ich ward ein Kind, ich hätte weinen mögen. Zu meinem Glück trat eben Montfort ein.
„Nun, wollen wir gehen?“ fragte er ſchalkhaft.—„Schetſcherne— mein Freund,“ ſtellte er uns gegenſeitig vor, und begann in ſeiner gefälligen Weiſe eine leichte Unterhaltung in italieniſcher Sprache, der einzigen, in wel⸗ cher ich mich mit der Armenierin verſtändigen konnte. Ich nahm daran nur wenig Theil, denn meine Sinne wurden zu ſehr von ihr ge⸗ feſſelt. Man brachte Narjilehs, die nach aſia⸗ tiſcher Art ſelbſt die Damen nicht verſchmähen,
d deren Aroma Gemüthlichkeit und Frohſinn
ördert. Ihm folgte der gewöhnliche Mokka in kleinen Fildſchan, dann Confitüren und Weine.
Das Zimmer, in welchem wir uns befan⸗ den, war zeltartig, mit großen weiten Fen⸗ ſtern, die eine Ausſicht auf den Garten ge⸗ währten. Die Wände entlang zog ſich ein him⸗ melblauer Divan mit reichen Goldſtickereien. Ein Marmorbaſſin mit ganzen Schaaren glän⸗ zender Goldfiſche und einer ſprudelnden Fon⸗ taine in der Mitte des Zimmers kühlte die von Orangerie durchduftete Atmoſphäre.
Ich trennte mich ſchwer von dieſem bezau⸗ bernden Orte, ich benutzte indeß die Einladung zum Wiederkommen, ſo oft es der Wohlſtand erlaubte.
Je öfter ich ſie ſah, je mehr lernte ich in ihr ein Weſen kennen, das ein eben ſo kindli⸗ ches Gemüth als vortreffliches Herz beſaß; nie aber noch hatte ich gewagt, den Ereigniſſen ihres Lebens nachzuforſchen. Ich ſollte ſie aus ihrem eigenen Munde erfahren.
Wir ſaßen auf einem Teppich im dunklen Grün des Graſes unter einer hochſtämmigen Cypreſſe, deren Schatten uns vor den ſengen⸗ den Strahlen der Sonne beſchützte. Tauſende von bunten Schmetterlingen und Käfern um⸗ ſchwärmten uns, vor uns der dunkelblaue wol⸗ kenloſe Himmel, und im Rücken die Weltſtadt mit ihrem Treiben— Alles gab ein Bild der Ruhe und des Friedens. Schetſcherne lehnte ihr Haupt an meine Schulter, meine Finger ſpielten mit ihren Locken, während die ihren eine Centifolie entblätterten. Ich erzählte von meiner Heimat im hohen kalten Norden, da wurde ſie ſtille und lauſchte mit Aufmerkſam⸗ keit meinen Worten, die ihr nie vernommene Gegenſtände ſchilderten. Bald ſprach ich von dem Lärmen und Rauſchen der vornehmen Welt, da lächelte ſie und freute ſich ihres Glü⸗ ckes; bald ſprach ich von den Mühen des Land⸗ mannes, von ſeinem ewigen Kampfe mit den Elementen, von dem Gram und Kummer der Armen, da ſtahl ſich eine Thräne in das himm⸗ liſch reine Auge, denn ſie kannte nicht Kum⸗ mer, nicht Schmerz, nicht Mangel.
Ich ſchwieg und ſie hob zu erzählen an, von dem unendlichen Spiegel des Sees von Eriwan, von den Felſenbergen, die ihn um⸗ kränzen, von dem fernen Schnee des Kaukaſus,
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von Frieden und Ruhe und von Liebe. Hinge⸗ riſſen vom Strome der Rede erzählte ſie mir ihre Geſchichte.
An den Quellen des Euphrat geboren und als Chriſtin in der Nähe Eriwans erzogen, wuchs ſie friſch und munter unter dem Schutze ihrer Eltern auf, wie die Roſe unter der Pal⸗ me. Einförmig folgten Tage auf Tage, und ſie war zur reizenden Jungfrau herangewachſen, als ihr Vater eine Reiſe in weite Ferne antre⸗ ten mußte, wobei ihn ſeine Familie begleiten ſollte.
„Ich erinnere mich wohl noch,“ hob ſie ſchwermüthig an,„jenes Morgens, der uns von unſern Bergen ſcheiden ſah. Mein alter, ehrwürdiger Vater tröſtete meine Mutter, die ſich überzeugt hielt, ihre Heimat nie wiederzu⸗ ſehen, ſelbſt mit einer Thräne in den grauen Wimpern. Ich war heiter und wohlgelaunt wie immer. Zu wenig kannte ich die Welt, um dieſe zu fürchten; ich ſehnte mich, jenes dun⸗ kelblaue Gebirge zu erreichen, welches den fer⸗ nen Horizont begrenzte, und unſere kindliche Welt von jener großen trennt, die für jeden Tropfen Seligkeit ein Meer voll Wermuth bieten ſoll. Voraus eilten die ernſten Männer mit ihren langen Pfeifen, die Verwandten und Stammesgenoſſen. Dann kamen die Weiber und Kinder in mit Ochſen beſpannten Wagen. Ich ſelbſt ritt, geleitet von dem alten Gre— gorio, auf einem muthigen Roſſe, und den Beſchluß machte unſer von wohlbewaffneten Männern geſchütztes Gepäck. Es mußte Krieg ſein, denn wir zogen nur bei Nacht, im hohen Gebirge bei Tage. Und voraus eilten Späher die Wege und den Wald zu durchforſchen. Wel⸗ cher Aufruhr aber, als eines Morgens die Späher uns entgegenflogen und alle Männer ſich zum Kampfe rüſteten. Weiber und Kinder jammerten und ſchrien, und das Vieh, von der allgemeinen Unruhe angeſteckt, begann ſich zu⸗ ſammenzudrängen. Dazwiſchen das Rufen und Schelten der Männer, die uns zwiſchen hohen Felſen in dunkles Gebüſch verbargen. Die Al⸗ ten blieben bei uns, um zu tröſten und zu be⸗ ſchwichtigen. Meine Mutterarkrankte; ſie for⸗ derte mich auf zu beten, und ich that es; da wurde ſie ruhiger und rauchte immer ſtiller ihre Pfeife.“
„Der Abend brach herein, von den Män⸗ nern kehrte keiner zurück. Um Mitternacht drang fernes verworrenes Geräuſch zu unſern lauſchenden Ohren. Da ſtürzte ein ſchaumbe⸗ decktes Pferd gegen unſere Wagenburg, brach zuſammen und verendete. Es war das ſchwer⸗ verwundete Roß meines Vaters. Ihn ſah ich nie wieder. O, es war eine furchtbare Nacht!“
„Ehe noch der Morgen graute, nahte ſich eine Schaar berittener Türken. Siegesmuthig und trunken von dem vergoſſenen Blute fielen ſie plündernd über uns und unſere Habe her. Ein alter bärtiger Moslem, deſſen glühende Augen wie die eines Leoparden um ſich blick⸗ ten, ſah mich weinend neben meiner vor Schre⸗ cken beinahe ſterbenden Mutter. Er ſprang auf


