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nach dem weißen Hauſe zu folgen. Der gute Aeskulap verſicherte, die Straße nie geſehen zu haben.
„Menſch, Mann, Doktor, hilf mir!“ wollte ich eben ausrufen, als er ſich höchſt trocken umwandte und ſagte:„Du biſt ein Narr!“ Damit ließ er mich ſtehen und ſetzte ſeine Krankenbeſuche fort.
Raſtlos, und von aller Welt verlaſſen, ſtöhnte ich tief auf. Ich war nahe daran, mich ſelbſt für einen Narren zu halten, als ſich die Thür des Gartens öffnete und eine ſchwarze Sklavin heraustrat. Ihr einige Schritte vor⸗ auseilend, ließ ich nach gewohnter Art einige Münzen auf die Erde fallen, um dadurch ihre Aufmerkſamkeit auf mich zu lenken, dann redete ich ſie an. Aber, o Unglück, ſie verſtand mich nicht, oder wollte mich nicht verſtehen. Lachend ließ ſie mich ſtehen und ging ihren Geſchäften nach. Es konnte mir nicht lange verborgen bleiben, daß einige alte Türken mit langen weißen Bärten und ſtrengen Blicken, aus denen Rippenſtöße und Baſtonnade nicht zu mißken⸗ nen waren, mich ſchon ſeit einiger Zeit beob⸗ achteten, ich hielt es daher endlich doch für das beſte, ein Abenteuer aufzugeben, das mit jeder Stunde zweckloſer und gefährlicher zu werden ſchien.
Gab ich auch jede fernere Bemühung auf, ſo blieb jene Nacht doch ſtets unauslöſchlich in meinem Gedächtniſſe eingegraben, und bot ſich mir eine Ausſicht auf ein auch noch ſo gerin⸗ ges Reſultat, ſo verſäumte ich die Gelegen⸗ heit nicht.
Etwa acht Tage ſpäter war ich im Begriff mit einigen Bekannten einen Ausflug nach Bu⸗ jukdere zu unternehmen, als Battiſto erhitzt in mein Zimmer ſtürzte, und vor lauter Ach's und Oh's nicht zu Worte kommen konnte. Erſt eine Magenſtärkung gab ihm die verlorne Fä⸗ higkeit zurück.
„Herr, Herr!“ rief er in abgebrochenen Sätzen, wobei er ſich fortwährend mit einem Taſchentuche, deſſen Löcher er geſchickt durch das Zuſammenziehen mehrerer Falten zu ver⸗ bergen wußte, Kühlung zufächelte;„Herr,“ rief er mit konvulſiviſcher Bewegung zweier Lippen, die nur ſchlecht eine Reihe von Zahn⸗ lücken verbargen,„ich habe gefunden ma troppo tardi— ſie iſt todt!“
„Menſch!“ rief ich,„Du lügſt! Bat⸗ tiſto, Du haſt ſie gefunden,— wie heißt ſie, — wer iſt ſie?— Kann ich ſie ſprechen?“
„Ma troppo tardi!“ antwortete Batt iſto nach einem langen Zuge feurigen Santorinis, mit dem ich ihn bewirthete. Die von mir mit ſteigender Ungeduld erwartete Erklärung löſte ſich endlich von ſeinen Lippen.
Battiſto war ſchon ſeit langer Zeit der Anbeter der Primadonna einer wandernden Seiltänzergeſellſchaft, die ſeit Kurzem alle Schauluſtigen unter Gottes freiem Himmel verſammelte, um ſie durch ihre akrobatiſch⸗ athletiſch⸗herkuliſch⸗graziöſen Kunſtſtücke zu er⸗
lungen, als er aus einem einſamen Hauſe die Melodie des Liedes„Ma troppo tardi“ hörte. Meine Börſe war für ihn ein zu intereſſantes Objekt, um nicht allen Forſchungsgeiſt für eine ihn belohnende Aufklärung aufzubieten. Seiner wie er verſicherte, raſtloſen Beharrlichkeit war es gelungen zu ermitteln, daß die Sängerin die geiſteskranke Frau eines Sardellenhändlers ſei, die ſtündlich ihrem Ende entgegen ſehe. Als Kammerjungfer einer Sängerin der Scala war ſie von dem Sardellenkaufmann dem Stande der Kunſt entriſſen und nach dem alten Byzanz geführt worden.—————— —— Die fromme Lucretia iſt gottſelig ge⸗ ſtorben;“ ſchloß Battiſto ſeinen Bericht.
Ich vermochte mich vor Ingrimm kaum zu mäßigen.„Hole Dich der Henker,“ rief ich ihm zu, beleidigt, ſeine Abgeſchmacktheiten mit mei⸗ nen Vorſtellungen in Verbindung gebracht zu ſehen, und ließ ihn verblüfft ſtehen.
Die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, als wir Buiukdere erreichten; jenes herrliche Thal voll tropiſcher Pflanzen und ſeiner vom Bosporus abgekühlten Luft. Es gibt nicht viele Gegenden, die gleich viele Reize in ſich ver⸗ einen: das weite Meer mit ſeinen hohen ſteilen Küſten, belebt von Schiffen aller Art und aller Nationen, die felſigen Ufer geziert durch un⸗ zählige Gruppen muſelmänniſcher Prachtge⸗ bäude, dahinter das ſchroff emporſteigende Land mit ſeinen Villen, ſeinen Kiosks und Gärten, die prächtigen, weitſchattenden Plata⸗ nen, deren leiſes Geflüſter das heitere Dur zum ſchwermüthig⸗murmelnden Moll des Mee⸗ res bildet, die Blüthendüfte, das erſterbende Hauchen des Bülbül, die Orange mit ihrem glühenden Roth, die lächelnd wie die friſche Wange des Kindes durch das dunkle Grün der Myrte ſchaut, die üppig wuchernden Klematis mit ihrer ſchmachtenden weißen Dolde hoch hinauf ſich rankend bis zur Spitze der ſchwarzen trauerverkündenden Cypreſſe, der kühle, aro⸗ matiſche Schatten dunkler Feigenbäume— Al⸗ les das erzeugte Anklänge in meiner Bruſt, die mich mit ſtiller Wehmuth erfüllten und die Erinnerung an jene denkwürdige nächtliche Stunde wach riefen.
Warum konnte ich jenen Gedanken nicht fliehen?— Ich mied die Geſellſchaft und ſuchte Einſamkeit. Die jubelnde Schaar meiner Freunde geſtattete mir indeß nicht, mich lange meinen Träumereien zu überlaſſen; ſie ſuchten mich auf, und mochten ſie nun meine ſenti⸗ mentale Stimmung bemerken oder der feurige Cyperwein den Geiſt der Spottſucht in ihnen hervorgerufen haben, genug ich wurde ihr Stichblatt.
„Verzeih', Freund,“ ſagte ein alter Kauf⸗ mann, deſſen ehrbares Geſicht ihm die Leute betrügen half,„wie ich höre, gibſt Du Dir mit Battiſto Rendezvous; wie iſt es Dir möglich, Dich dieſem graubärtigen Spitzbuben anzuvertrauen, der den lieben Gott und alles
götzen. Er kam eben von einer jener Schauſtel⸗
und deſſen Gedanken ſo ſchmutzig ſind, wie die Gerbergaſſe Galatas.“
„Gut geſprochen!“ rief der ganze Chor, und das ehrwürdige Haupt fuhr fort:„Wenn Du rein von Schwärmerei bleiben und Dir Deinen nüchternen Verſtand erhalten willſt, wenn Du es nicht verſchmähſt, die hinkende Jeremiade eines bankerotten Spekulanten zu hören, ſo werde Mann, jage Battiſto zum Teufel und vertraue Dich uns an.“
Was ſollte ich thun?— ſollte ich meine Gefühle einer neckiſchen Geſellſchaft preisgeben? Ich würde geſchwiegen haben, wenn nicht das fortdauernde Drängen meinen Vorſatz erſchüt⸗ tert hätte.
„Wenn es nichts mehr als das iſt,“ lachte Montfort, einer der Luſtigſten, nachdem ich meinen Bericht geendet,„ſo hätte ich Deine Neugier ſchon längſt befriedigen können. Aber Freund, damit Du klüger wirſt und Dich künftig nicht Perſonen wie Battiſto, ſtatt Deinen Freunden anzuvertrauen, ſo warte bis morgen— dann ſollſt Du Aufklärung und Erfüllung Deiner Sehnſucht erhalten. Jetzt kein Wort mehr.“
Alles Bitten war umſonſt. Montfort, der ſeit lange unter den Orientalen lebte, war zu ſehr in das innerſte Leben der Hauptſtadt eingeweiht, zu ſehr ſelbſt Aſiate geworden, als daß ich bei dieſem allbekannten Roué nicht ſichere Aufſchlüſſe hätte finden ſollen. Im Ver⸗ trauen darauf ſetzte ich nicht den geringſten Zweifel in die Erfüllung ſeiner Verſprechen.
Wir beſchloſſen den Tag überaus vergnügt. Montfort, der mein Hausgenoſſe war, wich geſchickt jedem meiner Verſuche, ihn auszufor⸗ ſchen aus— ich mußte mich in mein Schickſal fügen. Der erſte Sonnenſtrahl ſah mich am Lager Montforts, ihn an ſeine Zuſage zu erinnern.
„Wozu Worte,“ rief er aus ſeinem Bette aufſpringend,„Thaten ſollen meinen Ruhm verkünden.“.
Ich machte den Kammerdiener; aber ſo unendlich langſam, wie heute, war mir mein Freund noch nicht vorgekommen, nie hatte er, der das türkiſche Koſtüm trug, ſo ſorgfältig die Falten ſeines Shawls geordnet, Niemand war zufriedener als ich, da ſich die Thür hinter uns ſchloß. Meine Ungeduld trieb mich ihm immer einige Schritte voraus, ich konnte mich nicht genug wundern, mit welcher Grandezza, wie ein türkiſcher Paſcha oder ein arabiſcher Emir, Montfort beſonnen hinter mir her kam. Wollte ich ihn über unſer Vorhaben aus⸗ fragen, ſo ſprach er vom Wetter, vom Pflaſter, von dem geſtrigen Ritte.
So durchwanderten wir Pera, ſtiegen nach Galata hinab, überſchritten die Brücke, und kamen glücklich in Stambul an.
„Aber wohin führſt Du mich?“ fragte ich endlich ärgerlich, eine neue Myſtifikation be⸗ fürchtend.
„In den Himmel!“ parodirte mein Ge⸗
Heilige nur nach Piaſtern und Paras taxirt,
fährte und ſchritt weiter.
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