Zu meiner Linken befand ſich eine niedrige Gartenmauer, und dahinter ein weißes Haus mit vergitterten Fenſtern, überhängende Fei⸗ genbäume und Platanen flüſterten ſich traulich Aſiens Wundermärchen zu und wiegten ihre
Zweige im Winde. Wenige Schritte weiter eine enge Gaſſe, die meiner Rechnung nach zu meinem Ziele führen mußte und jedenfalls ein ſichereres Aſyl gegen Patrouillen bot, als die größere Straße. Dorthin nahm ich meinen Weg und lagerte mich beſtmöglichſt auf ein kleines Grasplätzchen, dem weißen Hauſe ge⸗ genüber, welches ſich dicht hinter der Garten⸗ mauer erhob.
Mein Auge irrte noch forſchend umher, als ich plötzlich auf einer Terraſſe im Garten eine weiße Geſtalt bemerkte, die ſich eben gemäch⸗ lich niederſenkte und meinen Geiſt zu tauſend Muthmaßungen aufregte, beſtändig ungewiß, ob es Mann oder Weib ſei, erſteren jedenfalls mehr wünſchend, als letztere, da die nächtliche Nähe einer aſiatiſchen Schönen gewiß gefähr⸗ licher iſt, als eine Patrouille und ein unfrei⸗ williges Nachtquartier. Die ſtets bereite Eifer⸗ ſucht der Muſelmänner würde feſt an ein Ren⸗ dezvous geglaubt und mich ohne Zaudern vom Irdiſchen in's Himmliſche befördert haben. Wer beſchreibt aber mein Erſtaunen und meine Neugierde, als ich plötzlich in den herrlichſten Tönen, ſüßer wie das Flöten des Bülbül*), ein ſchmachtendes„Ma troppo tardi“ die Har⸗ monie italiſcher Kompoſitionen, begleitet von der Guitarre hörte, die mit aller Kunſt und dem klangvollſten Metall vorgetragen mein Ohr entzückte und jede Rückſicht vergeſſen machte. Ich lauſchte geſpannt, um keinen der Töne zu verlieren, die nur aus dem ſchönſten Munde kommen konnten. Aber wie hier eine Italienerin im alten Stambul— in dieſem einſamen Hauſe!
Tauſend Vermuthungen durchflogen mei⸗ nen Kopf, ohne mich zu einem Reſultate zu führen. Bald darauf ertönte ein leiſes Gekicher und das Gelächter ſchalkhafter Mädchen; einige mir unverſtändliche laute Worte in aus⸗ ländiſcher Zunge beendeten dieſe Unterhaltung und ließen mich gemartert von Neugierde zurück.
Jetzt fing ich an zu überlegen und beſchloß, Alles zu verſuchen, um die nächtliche Sängerin zu ſehen und mehr von ihr zu erfahren. Bald glaubte ich eine unglückliche geraubte Sklavin zu finden— aber das loſe Lachen drückte zu wenig Schmerz aus— bald glaubte ich eine hoffnungslos Liebende zu finden, die von aller Welt zurückgezogen, hier ihren Schmerz aus⸗ weinen wollte. Aber warum lachte ſie?— Ich muß geſtehen, dieß Gelächter verdroß mich; es verdarb alle meine Phantaſien und Träume.
Eine Türkin konnte es nicht ſein, denn wie ſollte dieſe italieniſch ſprechen? Wer türkiſche Bildung kennt, weiß, daß dieß unmöglich iſt. Vielleicht eine Renegatin? möglich, doch kaum
*) Die anatoliſche und perſiſche Nachtigall.
glaublich. Stets mußte mir das Bild einer Türkin mit Schnur und Galgen als unfehlbare Attribute einer unerlaubten Liebe alle Pläne durchkreuzen und zerſtören.
So quälte ich mich mit Gedanken, bis ich bemerkte, wie das Grauen des anbrechenden Morgens die Straßen erleuchtete und dieß mich zum Weitergehen trieb. Nachdem ich die Straßen meinem Gedächtniß eingeprägt hatte, ſchlug ich gedankenvoll den Nachhauſeweg ein, und warf mich mißmuthig auf mein Kana⸗ pee, wo ein kurzer Schlaf mir nochmals alle Bilder der jüngſt durchlebten Nacht im Traum vorüberführte.
Raſch warf ich mich dann in meine Klei⸗ der, verließ meine franzöſiſche Penſion und eilte nach Galata; dort wählte ich das beſte Miethpferd und im Trab wendete ich mich nach Stambul. Der ſchimpfende Pferdeknecht konnte mir kaum folgen.„Barnabak Effendi!“ rief er mir tauſendmal zu, um mich zum An⸗ halten zu bewegen, ſtieß dann einige Jeſchal⸗ laks und Maſchallaks aus und brummte Ver⸗ wünſchungen über Verwünſchungen in ſeinen Bart.
Sobald ich ſeinen Kunſtgriff gemerkt hatte, kehrte ich mich nicht weiter an ihn, warf ihm ein Trinkgeld zu, und verſprach in gebrochener Rede das Pferd gut zurückzubrin⸗ gen, worauf er mich, da ich ihm ſchon bekannt war, ruhig weiter reiten ließ und von ſeiner unangenehmen Nähe befreite.
Mein kleiner Gaul trabte ſcharf fort; ich ſchaukelte unaufhörlich auf dem hohen türki⸗ ſchen Sattel und war froh, endlich von wei⸗ tem das räthſelhafte Haus mit ſeinem ver⸗ borgenen Schatze zu entdecken. Ich ritt mehr⸗ mals vorüber, ſtachelte mein ehrbares Thier zu verſchiedenen Sprüngen, was ohne Zweifel eben ſo viele lächerliche Poſitionen von meiner Seite zur Folge hatte, und begab mich auf den Rückweg, ohne das Geringſte geſehen, ohne die Idee einer Aufklärung erhalten zu haben.
In einem nahen Kaffeehaufe, dieſen Sam⸗ melplätzen aller muſelmänniſchen Dandys und Bonvivants, hoffte ich Nachrichten einzuzie⸗ hen, indem ich mir zutraute, dem ſtets ge⸗ ſchwätzigen, kuppleriſchen Barbier die beſten Neuigkeiten abzulocken. Ohne mich weiter zu beſinnen, übergab ich mein rauchendes Pferd einem jungen Eleven der ausgebreiteten Bart⸗ künſtlerſchaft und ließ mir Narjileh und Kaf⸗ fee reichen.
Das Kaffeehaus war ziemlich leer; die ganze Unterhaltung drehte ſich um das Feuer und der thätige Kaffeewirth war gegen alle Gewohnheit ſchweigſam und tiefſinnig. Erſt ein hinreichendes Bakſchi(Trinkgeld) machte ihn geſprächiger, und nach allen Aufforderun⸗ gen, mir das Intereſſanteſte aus ſeiner Nach⸗ barſchaft zu erzählen, erfuhr ich in gebroche⸗ nem, jämmerlichen Italieniſch die Liebeleien eines Gurkenhändlers, die Eheleiden eines Zuckerbäckers und die Artigkeiten ſeiner eigenen ungezogenen Buben, die ſich gegen⸗
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wärtig ſchreiend und lärmend in der Stube umhertrieben.
Ich dankte meinem Gott, kein voreiliges Wort geſprochen zu haben und entfernte mich bald.
Was ich unterwegs dachte, was ich fühlte, kann ich nicht beſchreiben, ich befand mich auf einer Folter, die mir unangenehmer, als ſpa⸗ niſche Stiefel und polniſcher Bock erſchien.
Mein Pferd brachte mich glücklich nach Galata zurück; ich übergab das erhitzte Thier ſeinem Herrn und eilte einen Lohndiener auf⸗ zuſuchen, deſſen geſchwätzige Neuigkeitskrämerei ihm den Ruf einer ausgebreiteten Bekannt⸗ ſchaft und eines ſeltenen Talents zur Unter⸗ ſtützung aller Verliebten erworben hatte.
Battiſto wohnte hoch oben in Pera, der größten von Franken bewohnten europäi⸗ ſchen Vorſtadt Konſtantinopels. Mit vieler Mühe hatte ich mich durch Hunderte von Laſteſeln durchgearbeitet und war einen ſpie⸗ gelglatten Felſenpfad emporgeklommen, ehe ich das hohe hölzerne Haus Signor Battiſto's erreichte. Eine Maccaroni im Munde, einen durchlöcherten Stuhl, der dem dolce far niente dienen ſollte, in der rechten Hand, den jüng⸗ ſten Sproſſen ſeiner Liebe an der linken, er⸗ ſchöpfte ſich der Wirth in Kratffüßen und
Bücklingen. Sobald die Einleitungsceremo⸗
nien vorüber waren, erzählte ich ihm meine Geſchichte mit der rührendſten Sentimentali⸗ tät, bei der Battiſto nicht unterließ, mit den nöthigen Akklamationen und Augenver⸗ drehungen zu akkompagniren. Er erklärte ſich augenblicklich bereit, mir beizuſtehen, natür⸗ lich aber bat er mich, ihm den Weg zu„Ma troppo tardi“ zu zeigen.
Battiſto's Toilette war die einfachſte; er trug ſich, wie er ſagte, dem Klima ange⸗ meſſen, das heißt, es fehlte ſeiner Kleidung nicht an Oeffnungen, um ſeinem hitzigen Tem⸗ perament Luft zu verſchaffen. An jeden Knopf knüpfte ſich eine ſchreckliche Geſchichte, jeder Faden ſeines abgeſcheuerten Rockes wußte von Mord, Krieg, Liebe und Maccaroni zu erzählen. Ihn zu bewegen, mich ſogleich zu begleiten, war jetzt zur Zeit ſeines Dolce ganz unmöglich, er hatte tauſend Einwendungen für meine Ungeduld, und ich mußte mich zu⸗ frieden geben, ihn zu einer geeigneteren Zeit in Mehmiſch's Kaffeehauſe zu Pera wieder zu treffen.
Mit kaum verminderter Leidenſchaft be⸗ richtete ich hier meinem Herzensbeiſtand die Begebenheiten der verfloſſenen Nacht und flehte den plötzlich ſchweigſamen Battiſto um Rath und Hilfe an.„Gut, gut, aber nur Geduld!“ war ſeine Antwort. Was ich auch aufbot, ich konnte keine andere erlangen. Aergerlich eilte ich endlich von ihm fort. Ich wußte jettt Nie⸗ mand weiter, der mir hätte rathen und helfen können, als einen befreundeten Arzt. Er er⸗ freute ſich eines bedeutenden Rufes und kannte in Stambul ſo ziemlich jedes Haus. Mit vieler Mühe überredete ich ihn, mir den weiten Weg
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