Heft 
(1858) 12 12
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vors Mutter wohnte. Die warmen Strahlen der Juniſonne fielen in ein freundliches Stüb⸗ chen und ſpielten auf den grünen Tannenrei⸗ ſern, mit denen der Fußboden beſtreut war. Ein Kranz von Blumen ſchmückte das einzige Bild der Hütte, und der Savoyardenknabe hätte wohl glauben können, in ſeinem eigenen ſchönen Italien zu ſein, ſo ſüß war der Man⸗ delduft der Lindenbüſchel, die in den Kranz ge⸗ flochten waren. Alles im Zimmer hatte ein feſtliches Gepräge, und Feſttagsfreude ſtrahlte aus den Augen dreier glücklichen Menſchen, die es einſchloß. Der vierte, der alte Maler, betrachtete mit einer Freude, wie er ſie noch nie über Raphaels und Correggios Meiſter⸗ werken empfunden, das lebende Bild vor ihm, zwiſchen Mutter und Schweſter den glücklichen Halvor, der ſich nicht ſatt ſehen konnte an der hübſchen Schweſter, die in lieblicher Schüch⸗ ternheit ihn nur halbverſtohlen anzublicken wagte; nicht ſatt ſehen konnte an dem gelieb⸗ ten, vor Freude verklärten Antlitz der Mutter. Auch der alte Maler war ein Schwede und wie gut verſtand er das Entzücken des Jüng⸗ lings; hatte er auch nicht Vater und Mutter mehr, klang es doch auch in ſeinem Herzen: Heimat, ſüße Heimat! und kein Wohlge⸗ ruch der Orangen im fernen Süden kam dem Duft der friſchen Tannenknospen für ihn gleich. Endlich ſagte er zu Halvor:Zeige ihnen nun auch, was Du mitgebracht haſt! und Halvor holte aus ſeinem Koffer ein Bild hervor, das Bild von der todten Kuh. Wie erſtaunten Mutter und Schweſter! Sie konnten es nicht faſſen, daß ſolche Dinge ſich darſtellen ließen, und nun war gar ihr Hal⸗ vor der Zauberer geweſen! Er aber umfaßte freudig die Mutter und ſprach:Siehſt Du, ich habe Dir doch eine Kuh mitgebracht und Du wirſt ſie lieb gewinnen, wie Du die lebende lieb hatteſt, weil Dein Halvor ſie gemalt. So ſollte der Savoyardenknabe fortan nicht mehr das alleinige Bild der Hütte ſein und dieſes zweite mahnte für immer daran, wie aus der bittern Wurzel des Schmerzes die ſüße Blume der Freude erblühen kann.

Be S:

Ma troppo tardi. Eine Skizze aus dem Hriente. Von W. T. R.

Es war mir unmöglich zu ſchlafen. Beäng⸗ ſtigt, als läge eine Welt drückender Sorgen auf mir und drohe mit ihrer Zentnerſchwere mir das Herz abzupreſſen, wälzte ich mich auf dem Bette umher und wagte nur dann und wann mit leichtem Augenblinzeln einen Blick durch das Fenſter in die dunkle Nacht, die rabenſchwarz vom Firmamente herabhing, zu werfen. Mochte es Krankheit oder Ahnung

ſein, mochte es der dumpfrollende Donner ver⸗ ſchulden, genug, ich konnte nicht ſchlafen und lauſchte auf jedes Picken der raſtlos gehenden Wanduhr. Immer lauter begannen draußen die Stürme ihr heulendes Spiel; mit entfeſ⸗ ſelter Wuth erſchütterten ſie die leichten Häuſer Stambuls, alle Fenſterſcheiben klirrten bei jedem erneuerten Stoße und durch das mo⸗ mentane Schweigen der Nacht konute ich deut⸗ lich das Brauſen des Meeres, den Schall der hochſpritzenden Wogen an die kalten Marmor⸗ felſen des Bosporus vernehmen. Eine unbe⸗ ſchreibliche Beklemmung, ein unnennbares ſchmerzliches Etwas trieb in fiebrigen Schlägen das Blut durch meine Adern, und was vorher aller Mühe unmöglich war, geſchah jetzt, ich ſchlummerte, ermattet von geiſtiger Aufre⸗ gung ein.

Aber meinen Geiſt beſchäftigten unaufhör⸗ lich wilde Träume. Ein langnaſiger Schauſch (Unteroffizier) machte ſich fertig, mir die Ba⸗ ſtonnade zu geben, als ich beim erſten Streiche ſchreiend aufflog und ſtarren Blickes auf die weiße Wand ſchaute. Ein heller Lichtglanz ließ mich glauben, der erſte Strahl der Sonne habe mich geweckt, als ein zweiter Blick aus dem Fenſter auf ein unendlich großes, aber fernes Feuermeer ſiel. Züngelnde Flammen leckten an den hohen Minarets empor, der gol⸗ dene Halbmond funkelte wie die glühende Sonne der Sahara in dunklem Roth, gleich winterlichem Schneegeſtöber flogen Millionen weißer Funken zu dem ſchwarzen Himmel hin⸗ auf und der Sturm trieb in raſendem Toben das entfeſſelte Feuer von Dach zu Dach, von Straße zu Straße.

Mit beiden Füßen ſprang ich im Nu aus dem Bette und halb angekleidet eilte ich mit der in Stambul ſtets nöthigen brennenden Laterne dem Feuer zu. Mein beſter Führer in jener ungeheuren Weltſtadt, durch Hunderte von ver⸗ worrenen Straßen und Gaſſen, war das Leuch⸗ ten der Flammen; eine ſtets wachſende Menſchenmenge, die der gleiche Zweck zur Eile trieb, riß mich mit ſich fort, und ohne zu wiſſen wie, ſtand ich plötzlich vor der Moſchee Ach⸗ mets, in deren Nähe, ſo weit das Auge reichte, alles eine Hölle praſſelnder Flammen war. Schaurig beleuchtete halbnackte Männer ſpran⸗ gen wie wahnſinnig umher, drängten ſich wie die Geiſter des Tartarus durcheinander, und Tauſende von Zuſchauern im bunteſten Ko⸗ ſtüme ſtanden gaffend dabei. Eine dem Samum gleiche Hitze trieb das Blut durch alle Adern, ſpannte alle Fibern und blendete das weit geöffnete Auge. Straßen ſtürzten mit Krachen zuſammen, bei jedem Sturze weder Habe und Gut, noch Menſchen ſchonend.

Das Heulen der Unglücklichen klang fürch⸗ terlich und das allgemeine Schreien und Rufen ſchien ſich, je undeutlicher es wurde, immer mehr in ein leiſes Murmeln und Brummen aufzulöſen, bisweilen durch das Geheul ganzer Herden von Hunden unterbrochen, die das Feuer aus ihren Lagern verſcheucht hatte.

Einzelne Gruppen Flüchtender, Entblößter, zogen eiligen Schrittes an mir vorüber, und eben ſo plötzlich ich zum Schauplatze der Wuth des entfeſſelten Elements hingeriſſen war, eben ſo raſch zog mich auch der Trubel der ſich verlaufenden Menſchenmenge mit ſich fort.

Schnellen Schrittes verfolgte ich meinen Weg und die Ermüdung machte es mir wün⸗ ſchenswerth, mich bald wieder auf meinem La⸗ ger ausſtrecken zu können. Der Sturm hatte nachgelaſſen, ein ſanfter kühlender Wind mä⸗ ßigte die Schwüle der Nacht, die hellen Sterne ſchauten ſo traulich auf die ſtillgewordene Erde nieder, und hätte ich nicht bei jedem Tritte eine Herde hungriger Hunde aufgeſcheucht, die mich mit ihrem Bellen eine Strecke weit begleiteten, ſo wäre ich in eine höchſt ſentimentale Stim⸗ mung gerathen. Raſtlos verfolgte ich meinen Weg und glaubte ſo noch die Hafenbrücke zu erreichen, ehe ſie nach althergebrachter Sitte nach dem Aufhören der Feuersbrunſt geſchloſſen würde. Nachdem ich eine Menge Straßen aller Art bergauf und bergab zurückgelegt hatte, nachdem ich mich vergebens mehrere Male zu orientiren beſtrebte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß ich mich in ganz entgegengeſetz⸗ ter Richtung befinden müſſe. Je mehrich ſuchte, je mehr verirrte ich mich, und endlich wandelte ich zwiſchen nie geſehenen, dunklen vergitterten Häuſerreihen, deren Einſamkeit ſelbſt das Ge⸗ bell der Hunde floh.

Hier war guter Rath theuer.

Der türkiſchen Sprache nicht genug mäch⸗ tig, hätte ich um keinen Beſcheid fragen kön⸗ nen, ſelbſt wenn ich eine Patrouille oder irgend jemand Andern getroffen hätte. Das Licht mei⸗ ner Laterne drohte zu verlöſchen. Mirblieb nur die Wahl, weiter zu wandeln, oder mich nie⸗ derzulegen und auf irgend einer ſteinernen Schwelle zu bivouakiren, bis eine Patrouille mich aufgefunden und in ein ſcheußliches Loch geſperrt hätte.

Ich wählte das erſtere. Zu meiner Freude bemerkte ich, daß ſich die Häuſer immer mehr vereinzelten und lange Gartenmauern meinen Weg einſchloſſen, der mich jetzt ſchon in eine der unzähligen Vorſtädte geführt haben mußte, da ich beim lauſchenden Aufhorchen das Plät⸗ ſchern des ſtillgewordenen Meeres vernehmen konnte. Mit pochendem Herzen, mit ermüde⸗ tem Körper, in Schweiß gebadet, erwartete ich mit Ungeduld das erſte Grauen des Morgens; aber in unendlich langer Weile dehnte ſich die Nacht aus, die kein Ende nehmen zu wollen ſchien.

Was ich befürchtet hatte, geſchah. Ein tückiſcher Stein brachte mich zum Straucheln, meine Laterne verlöſchte, und einſam ſtand ich

welcher Gegeud ich meinen Weg nehmen ſollte, bis ich beſchloß, Poſto zu faſſen und den Tag zu erwarten. Hatte ich vorher durch das Blen⸗ den der Laterne nicht das Dunkel der Nacht durchdringen können, ſo war es mir jetzt mög⸗ lich, deutlicher die mich umgebenden Gegen⸗

ſtände zu erkennen.

in der dunklen Straße, ohne zu wiſſen, nach

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