(und welche Mühe hatten ſie dennoch gekoſtet) deutete er nur die Begebenheiten an; aber welche Fülle von Liebe und Glück ſchloſſen dieſe wenigen Worte ein! Wie klopfte ihr das Herz, als er erzählte, wie er zum erſten Male bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt ſich geäng⸗ ſtigt, wie er ſich nach der Mutter geſehnt und den Vater gefunden habe, der nicht blos der Mutter zu einer Kuh verhelfen, ſondern auch dafür ſorgen wolle, daß aus ihrem Halvor, wenn ſie ihn da ließe, ein tüchtiger Maler wer⸗ den würde.
Es wurde dem Pfarrer ſchwer, die Einwil⸗ ligung der Mutter zu erhalten, wie ſehr er ſich auch mühte, ihr die Vortheile auseinander zu ſetzen, die das gütige Anerbieten Halvor brächte. Es ſchien ihr unmöglich, ihn zu miſſen. Als ſie endlich eingewilligt, fetzte der Pfarrer ſich zum Schreiben und ſie wanderte nach Hauſe, ſehnſuchtsvoll die Tochter erwartend, um ihr volles Herz vor ihr auszuſchütten.
6.
Es war im Jahre 1838, in den erſten Tagen des Januarmonats. Auf den Straßen Roms lag der Schnee weiß und glänzend im Mondenſcheine und gab der Siebenhügelſtadt ein nördlich⸗fremdes Anſehen. Zwei junge Künſtler aus dem Norden, die ſich begegneten, begrüßten ſich vergnügt, als wäre der Boden, auf dem ſie ſtanden, durch die wohlbekannte weiße Decke zur heimatlichen geworden, und ſetzten dann ihren Weg zuſammen fort, nach dem Lokale, in dem ſich ein Verein von Künſt⸗ lern aus ihrem Vaterlande verſammelt hatte, wie es, dem gefallenen Schnee zur Ehre, be⸗ ſchloſſen worden war. Noch dauerte in ihrer Heimat die Feier des Weihnachtsfeſtes fort; der Schnee hatte ſie lebhafter an manchen Abend erinnert, wo ſie in der langen Reihe von Schlitten unter dem Spiele der klingen⸗ den Schellen als fröhliche Gäſte zum heiteren Feſte fuhren. Sie wollten heute vereint ver⸗ gangener froher Zeiten gedenken.— Die bei⸗ den jungen Leute traten in den Saal, der feſt⸗ lich erleuchtet und mit Bildern aus dem Nor⸗ den feſtlich geſchmückt war; denn wer eines ge⸗ malt, das an denſelben erinnerte, hatte es her⸗ gegeben zur Feier des Feſtes. Noch klang in ihren Ohren die weiche italieniſche Sprache, mit der die Wirthin ſie vor der Thür angeredet hatte. Wie unnennbar größeren Zauber übten aber die Töne der Mutterſprache aus, die jetzt zu ihnen drangen, nachdem ſie die Schwelle überſchritten hatten. Bald waren ſie mitten unter ihren Freunden und mit beſonderer Herzlichkeit wurde der Jüngere von Allen be⸗ grüßt; er ſchien ein allgemeiner Liebling zu ſein. Sein edles, offenes Geſicht machte auch dieſe Vorliebe leicht begreiflich. Er war zwar von der Sonne Italiens gebräunt; aber die blonden Locken und die treuen blauen Augen machten das Recht des Nordens auf dieſen ſchönen Sohn geltend. Einer der jungen Künſt⸗
Erinnerungen. 1858,
ler ſagte bei ſeinem Eintreten zu ihm:„Es iſt ein Maler hier, ein Fremder, von einem der Freunde eingeführt, der ſich durch Dein Bild dazu veranlaßt, ſehr eifrig nach Dir erkundigt hat. Du ſiehſt ihn jetzt vor demſelben ſtehen, wie er es faſt unabläſſig gethan.“ Die Blicke des jungen Mannes folgten der angegebenen Richtung, und als er den Bezeichneten gefun⸗ den, ließ er ſich von ſeinem Freunde zu ihm führen und vorſtellen. Der Fremde betrachtete mit großem Intereſſe die Züge des jungen Mannes und wandte ſich, nachdem er einige Worte mit ihm gewechſelt, wieder dem Bilde zu.„Die Kinder hier,“ ſagte er, auf dasſelbe deutend,„kann der Vorwurf nicht treffen, der mit Recht ſo oft gemacht wird, daß zuviel an die Zuſchauer bei den Hauptfiguren gedacht zu ſein ſcheint. Sie, junger Mann, haben die ganze Welt vergeſſen und ſich in Ihren Gegen⸗ ſtand vertieft; daher gewinnt es ein Intereſſe, das ihm ſonſt nicht zu Theil geworden wäre. Hier iſt nicht blos Talent und Studium, nein, das Herz ſelbſt im Spiele geweſen, und es iſt eine Scene aus dem wirklichen Leben, die ſo treu auf der Leinwand wiedergegeben iſt. In meiner Mappe liegt ein Bild, das mit dem Ihrigen zuſammen zu gehören ſcheint, und da ich nicht weit von hier wohne, will ich es ho⸗ len, um es mit dieſem zu vergleichen.“ Mit dieſen Worten ging er fort.„Wir Alle haben Dein Bild nicht ſo zu ſchätzen gewußt,“ ſagte der Freund lachend zu dem jungen Künſtler, deſſen Wange von einem ſchöneren Gefühl er⸗ glühte, als von dem der Freude über das ge⸗ ſpendete Lob,„wir meinten, Du hätteſt Dein Talent an einen beſſeren Gegenſtand verwen⸗ den können, als an eine todte Kuh.“—„Ihr habt aber auch mit mir nicht die todte Kuh be⸗ weint,“ ſagte der Jüngling und ſchien ſich in Erinnerungen zu vertiefen, indem er ſein eige⸗ nes Werk betrachtete; Erinnerungen, die ihn weit hinwegführten, in Gegenden, wo der Schnee keine flüchtige Erſcheinung war, ſondern Monate lang die Erde deckte, wo Aller Herzen ſo warm und treu ſchlugen, wie das Herz in ſeiner Bruſt. Das Bild, vor dem er ſtand, ließ das Innere eines ärmlichen Stalles ſehen. Eine Kuh, welche alleinige Beſitzerin desſelben geweſen war, lag todt auf der Erde ausge⸗ ſtreckt; neben ihr knieten zwei Kinder, ein Mäd⸗ chen und ein Knabe. Der Knabe hatte das Geſicht an die Kuh gedrückt und ſeine hellen Locken verhüllten es ganz. Des Mädchens Ant⸗ litz aber war ſichtbar und drückte auf rührende Weiſe den Kummer aus, der die Seele des Kindes erfüllte.
Der junge Maler ſtand noch in Gedanken verſunken, als er ſeine Schulter leicht berührt fühlte. Er wandte ſich um; der Fremde war wiedergekommen, und indem er auf den Kna⸗ ben zeigte, ſagte er, ein Papier in ſeiner Hand entfaltend:„Glauben Sie nicht, daß das Ge⸗ ſicht des Knaben da, wenn er es erhöbe, dieſem ähnlich ſähe?“
Der Jüngling betrachtete mit einem Aus⸗
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drucke des Erſtaunens das Blatt; ſein ſchneller Blick verglich es mit ſeinem Bilde; hier konnte kein Zweifel ſein; dieß war der Bruder des lieblichen Mädchens; dieß war ſein eigenes Kindesgeſicht. Wie kam es aber in den Beſitz des fremden Mannes? Er blickte ihn forſchend an, doch als ſeinem fragenden Blick ein wohl⸗ wollendes Lächeln begegnete, da tagte es in Halvors Seele; denn dieſer war der junge Maler, deſſen Talent auszubilden der Pflege⸗ vater Sorge getragen hatte und der ſich zu dieſem Zwecke ſeit einem Jahre in Rom befand.
„Sie waren es, der mir den Savoyarden⸗ knaben ſchenkte!“ rief er aus und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen;„durch Sie wurde zuerſt die ſchlummernde Kraft in meiner Bruſt geweckt!“ Und Halvor erzählte die Begeben⸗ heiten ſeines Lebens, und alles ſcheinbar Kleine und Unbedeutende war ſo bedeutungsvoll ge⸗ weſen, und alle einzelnen feinen Fäden der Ereigniſſe waren zum herrlichen Gewebe ge⸗ worden in der Hand des größten Meiſters. Er hatte ſich nach dem Trieb des Zugvogels ge⸗ ſehnt; wie unnennbar viel mehr war ihm ge⸗ worden. Die Vorſehung hatte jeden ſeiner Schritte gelenkt und weit über ſein Bitten und Verſtehen an ihm gethan. Der Jüngling, der am Eingang, und der Mann, der faſt am Ausgang des Lebens ſtand, fühlten ihre Seele gleich tief von Gottes wunderbarer Führung ergriffen, und wie oft, wenn ſie wieder ver⸗ traulich neben einander ſaßen, wie einſt auf dem Granitblock im Norden, gedachten ſie der⸗ ſelben mit Preis und Lob in ihrem Herzen.
Es verſtrich der kurze Winter ſchnell. Mit dem ſchönen Frühling kamzugleich eine traurige Nachricht für Halvor, der Tod ſeines Pfle⸗ gevaters. Er betrauerte ſeinen Verluſt, wie ein Sohn den eines geliebten Vaters; zugleich aber fühlte er, daß er fortfahren würde, den Ver⸗ ehrten ſo tief und innig zu lieben, als ob der Tod ſelbſt nicht vermocht hätte, ſie für dieſes Leben zu trennen. Von der Erde verſchwun⸗ den, lebte der väterliche Freund unvergänglich in ſeinem Herzen fort; es war ihm oft, als ſtände ſeine ehrwürdige Geſtalt vor ihm, mit dem ſchönen Ausdruck des Friedens in dem milden Antlitze. Wie es aber immer geſchieht, ſo erfaßte ihn bei dem Verluſte des Einen ſeiner Lieben doppelte Sehnſucht nach den An⸗ dern, und als er und ſein alter Freund an einem jener ſchönen Abende, die der frühe Frühling brachte, von dem Norden ſprachen, den noch Schnee und Eis deckte, da ergriff ihn das Verlangen nach der Heimat ſo mäch⸗ tig, daß er vor dem Freunde ſeine tiefe Sehnſucht ausſprach, und die Folge davon war, daß ehe ſie ſich trennten, der Entſchluß gefaßt wurde, zuſammen einen Beſuch in der Heimat zu machen.
7. Es war Sonntag. Ein Sonn⸗ und Feſttag ſeltener Art in dem Häuschen, wo Hal⸗ 46


