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chen mußten. Bald darauf vernahmen wir, daß wir vor der Obrigkeit verklagt ſeien. Alſo ſtahlen wir noch unſerem Nachbar, der für die Hochzeit ſeiner Tochter gemäſtete Gäns in ſeinem Stalle hatte, drei Stück von denſelben und zogen in einen andern Stadttheil. Dort kamen die Schwei⸗ zer zu uns und wir zechten miteinander.
Drauf zogen wir auf Hall in Sachſen zu, und von da über Dresden nach Breslau, mußten aber viel Hunger unterwegs leiden, ſo daß wir etliche Tag nichts denn Zwiebeln, gebratene Eicheln, Holz⸗ äpfel und Birnen zu eſſen hatten. Manche Nacht auch brachten wir unter freiem Himmiel zu, da man uns nirgends bei den Häuſern leiden wollt, ja zuweilen die Hunde auf uns hetzte. Da wir aber gen Breslau in Schleſien kamen, da war alles die Fülle und ſo wohlfeil, daß ſich die ar⸗ men Schüler überaßen und oft in große Krank⸗ heit fielen. Die Stadt Breslau hat 7 Pfarren, jegliche eine beſondere Schul und es durft kein Schüler in des andern Pfarre ſingen und betteln gehn oder ſie ſchrien: ad idem, ad idem! ſo lie⸗ fen dann die Schützen zuſammen und ſchlugen einander gar übel. Es ſind auf einmal in der Stadt, wie man ſagt, etliche tauſend Bachanten und Schützen geweſen, die ſich alle des Almoſens ernährten. Den Winter liegen die Schützen auf dem Herd in der Schul, die Bachanten aber in den Kämmerlein, deren zu Sct. Eliſabeth et⸗ liche Hundert waren; den Sommer aber, wenn es heiß war, lagerten wir uns auf den Kirchhof, trugen Gras zuſammen und lagen darin wie „die ſüw in der ſtröwe.“ Wenn es aber regnete, liefen wir in die Schul, und wenn es Ungewitter gab, ſo ſungen wir ſchier die ganze Nat re⸗ sponsoria.
Zuweilen gingen wir im Sommer nach dem Nachtmal in die Bierhäuſer Bier heiſchen. Da ga⸗ ben uns die vollen„Poläggen“ pures Bier, daß ich oft mit Unwiſſen ſo voll bin worden, daß ich nicht habe wieder zu der Schule können kommen, wenn ich ſchon nur bei einem Steinwurf weit von derſelben war. Summa da gabs Nahrung genug, aber man ſtudirt nicht viel.
Von dannen zogen unſer acht wieder hin⸗ weg auf Dresden. Als wir da ankamen, ſchicket der Schulmeiſter etliche von uns Buben und unſere Bachanten aus, wir ſollten um etliche Gäns lugen. Da wurden wir eins, ich ſollt die Gäns werfen, ſie aber ſollten ſie nehmen und wegtra⸗ gen. Wir brachten zwei Stück davon, die ver⸗ zechten die Bachanten mit dem Schulmeiſter. Drauf zogen wir nach Nürnberg zu und von da nach München. Als wir da eine Zeitlang waren, be⸗ ſchloßen wir, wir wollten einmal heimziehen, denn wir waren ſeit fünf Jahren nicht daheim geweſen.
Als wir nach manchem Kreuz⸗ und Quer⸗ zug wieder gan München kamen, fanden die Ba⸗ chanten Herberg, wir drei kleinen Schützen aber keine, wollten alſo die Nacht über auf dem Korn⸗ markt auf die Kornſäcke uns lagern. Da ſaßen etliche Weiber bei dem Salzhaus an der Gaſſe und fragten, wo wir hin wöllten? Da eine von ihnen, ſo eine Metzgerin war, hörte, daß wir Schweizer ſeien, ſagt ſie zu den Jungfrauen: „Louff, henk den Haffen mit der Suppen und Fleiſch über, das uns über iſt blieben, ſy muſſen by mier über Nacht ſin.“ Die gab uns genug zu eſſen und trinken und legt uns wohl. Morgens ſprach ſie zu uns:„Wenn üwer einer by mier welt ſin, ich welt im Herberg, zu eſſen und zu trinken gen.“ Wir waren all willig, fragten, welchen ſie wöllte? Und wie ſie uns beſichtiget, nahm ſie mich. Nun mußt ich aber immer noch für den Bachanten betteln gehen; das hatte die Frau nicht gern und ſie ſprach zu mir:„Botz marter laß den Bachanten faren und byß bei mir, du bedarfſt doch nütz zu bätteln.“ Kam alſo in 8 Tagen weder zu dem Bachanten noch in die Schul. Da er kam und an der Metzgerin Haus klopft, ſprach ſie zu
mir:„Din Bachant iſt do, ſag du ſigiſt krank!“ und ließ ihn ein, ſagt zu ihm:„Jer ſind wer⸗ lich ein finer Herr, mochtend doch glugt han, was Thoman dätte. Er iſt krank geſin und noch.“ Sprach er:„Es iſt mier leid; Bub, wenn du wieder uß magſt gan, ſo kum zu mir.“
Darnach an einem Sonntag ging ich in die Vesper. Nach der Vesper tritt er an mich und ſagt:„Du Schütz, du kumſt mit zu mir, ich will dich einmall mit Fießen dräten.“ Da gedachte ich hienweg zu laufen, zog über den Fluß Iſar auf Freiſingen zu. Eh zwei Tag hin waren oder drei, kam Paulus mit einer Helebarte. Als mir dieß die Schützen ſagten, lief ich zum Thor hinaus und zog gen Ulm. Uiber etliche Wochen kommt Einer zu mir, der ſpricht:„Din Vetter Pauli iſt hie und ſucht dich.“ Da ich das hörte, wiewohl es ſchier Nacht war, lief ich zum Thor aus auf Konſtantz zu und von da gen Zürich, von Zürich mit andern Bachanten gen Straßburg, von Straß⸗ burg auf Schlettſtadt zu. Da war die erſte Schul wo mich dünkte, daß es recht zugieng. Als ich in die Schul kam, konnt ich noch nicht leſen und war doch ſchon 18 Jahr alt, ſetzte mich alſo unter die kleinen Kinder und war eben wie eine Gluck⸗ henne unter den Küchlein. Wegen Mangel an Nahrung zog ich dann gen Solothurn und von da nach Zürich. Hier war ein Schulmeiſter Wolf⸗ gang Knövel, Magister Parisiensis, den man zu Paris benannt hat grand-diable. Er-war ein großer redlicher Mann, hatte aber der Schul nicht viel acht, ſondern lugte mehr, wo die hüb⸗ ſchen„Maidlin“ waren, vor denen er ſich kaum erwehren mocht. In derſeſben Zeit kam ein Schul⸗ meiſter von Einſiedeln, Myconius mit Na⸗ men, ein gar gelehrter Mann, aber grauſam wunderlich. Da machte ich mir einen Sitz in einem Winkel, nicht weit von des Schulmei⸗ ſters Stuhl und gedachte: in dem Winkel willſt ſtudiren oder ſterben. Da iſt der Schulmei⸗ ſter oft mit mir umgegangen, daß mein Hemd⸗ lein naß iſt worden und mir das Geſicht vergan⸗ gen; aber Streich hat er mir nie geben, außer einen mit der flachen Hand. Wenn er aber ſchon
hart mit mir war, führte er mich dann heim und
gab mir zu eſſen.
Ich fuhr in meinen Studiis in großer Ar⸗ muth fort, denn da ich ſchon ziemlich groß war, ſchämt ich mich zu ſingen. Da nahm mich ein Meiſter zu einem paedagogo für ſeine zwei Söhne und gab mir alle Tag zu eſſen. Da hatt ich keine Noth mehr, außer daß ich mich ſchier halb todt arbeitete mit Studieren. Hab manche Nacht wenig geſchlafen, ſondern mich wider den Schlaf jämmerlich gemartert, habe oft kalt Waſſer, rohe Rüben in den Mund genommen, oder auch Sand, daß ich, wenn ich entſchliefe, mit den Zäh⸗ nen auf einander ſtieße. Griechiſch lernt ich für mich ſelbſt durch Conferiren, denn die griechiſch Sprach war damals noch„ſeltſam“; hebräiſch lernt ich von einem hochgelehrten Herrn, der eine hebräiſche Grammatik geſchrieben und bei meinem Myconio Tiſchgaſt war. Als ich ſo weit war, daß ich hebräiſch gedruckt und geſchrieben leſen konnte, ſtand ich alle Morgen auf, heizte dem Myconio ſein Stüblein und vor dem Ofen ſitzend ſchrieb ich die Grammatik ab, dieweil er ſchlief, daß er's nie iſt innen worden.
Da kam ein gelehrter junger Mann, mit Namen Rudolphus Collinus; der lernte das Seilerhandwerk. Als er Meiſter war, bat ich ihn, er ſollte es mich auch lehren. Sprach er, er hätte nicht Hanf. Da war mir von mei⸗ ner Mutter ſelig etwas zu Erb worden, da kaufte ich dem Meiſter einen Centner Hanf, und lernte dabei ſo viel als möglich und hatte doch alle Zeit eine Luſt zu ſtudiren. Wann der Meiſter wähnte, ich ſchliefe, ſtund ich heimlich auf, ſchlug ein Licht und hatte einen Homerum und heimlich meines Meiſters Verſionen. Da mein Lehrjahr aus war, nahm ich von dem Meiſter Abſchied, blieb
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aber noch ſechs Wochen verborgen und gloſſirte den Eurivides, um ihn beim Wandeln mit auf die Straß zu nehmen. Hierauf zog i egen Baſel und kam zu Meiſter Sa 3 ih ün. den man den rothen Seiler benannte. Als er mich anſtellte, konnte ich kaum den Hanfpoſſen aufhenken und faſt wenig drehen. Da zeigte der Meiſter ſeine Art, fing an zu balgen und flu⸗ chen. Ich aber ſprach den Meiſter freundlich an; alſo behielt er mich und gab mir eine Woche einen Batzen. Dafür kaufte ich Lichter und ſtu⸗ dirte die Nacht dabei. Da mir ein Druckherr einen Plantum ſchenkte, der noch nicht gebun⸗ den war, nahm ich einen Bogen nach dem an⸗ dern, ſteckte ihn in ein Gäbelein und das Gä⸗ belein ſteckt ich in den Hanf. So las ich im Hinterſich⸗ und Fürſichgehen und wenn der Mei⸗ ſter kam, warf ich ſchnell den Hanf drüber. Der Meiſter erlaubte mir alle Tage eine Stunde von 4 bis 5, da lehrte ich achtzehn feinen ge⸗ lehrten Geſellen die hebräiſche Sprache. Ich ſchämte mich zwar anfangs vor ihnen in meinem Seilerſchürzlein, doch ließ ich mich bereden und las ihnen die Grammaticam D. Munsteri und den prophetam Jonam zum Beſten, ſo ich mochte. Als ich ſpäter wieder gegen Zürich zog und bei dem Herrn Miconio ſtudirte, rieth er mir, wie auch die Mutter, ich ſollt ſeine Anni, die Jung⸗ frau, nehmen und nicht mehr wandern, ſo woll⸗ ten ſie uns zu Erben machen. Alſo ließ ich mich bereden und gab uns der Vater Myconius zuſammen. Da nahm ich mir vor, das Seiler⸗ handwerk zu treiben und Schul daneben zu halten.
„Ganz extra⸗ordinäre Ergötzlichkei⸗ ten.“ Mit dieſem Ausdrucke bezeichnet ein alter Bericht die Feſtlichkeiten, welche König Auguſt der Starke im Juni des Jahres 1725 in Pillnitz nach höchſteigener Angabe veranſtaltete. Wir ge⸗ ben im Folgenden einen möglichſt kurzen Auszug der ſonderbaren Schilderung, wobei wir uns meiſt der Worte derſelben bedienen.
„Zuvorderſt waren von dem Pillnitzer Schloß⸗ garten an in einer richtigen Symmetrie etliche und dreißig egale Häuſer, ſämmtlich mit rothen Dä⸗ chern verſehen, ganz neu aufgeführt worden. In ſothanen Häuſern logirten die franzöſiſchen und italieniſchen Komödianten, Virtuoſen und Tänzer, weßhalb auch dieſe Häuſer zuſammen das„fran⸗ zöſiſche Dorf“ genannt wurden.
Am 3. Juni begannen die Feſtlichkeiten mit der Vermählung des Grafen von Frieſen mit der Gräfin Auguſte Konſtanzia von Coſel, wo⸗ bei alle„Gloire und Pracht“ entfaltet wurde und der Dr. Marpergern eine„ſehr gelehrte und ner⸗ voſe“ Rede hielt. Die Tafel war für 100 Per⸗ ſonen hergerichtet und von 72 Grenadieren der Leibgarde bedient. Bei den Geſundheiten wurden die Kanonen unaufhörlich losgebrannt und„alſo beinahe die ganze Nacht in dem vollkommenſten Vergnügen zugebracht.“
Am 4. Juni traktirte Ihro Majeſtät die ſämmtliche höchſte und hohe Geſellſchaft abermals aufs„magnifiqueſte.“ Nach aufgehobener Tafel verfügte ſich der ganze Hof in das franzöſiſche Dorf, allwo derſelbe von den in Bauerhabit ver⸗ kleideten Komödianten, Virtuoſen, Muſikern und Tänzern mit ſolennem Aufzuge empfangen wurde.
Am 5. Juni offene Tafel und franzöſiſche Komödie.
Den 6. Juni wurde in dem Wirthshauſe des franzöſiſchen Dorfes eine Bauernſchule ge⸗ halten, und da der kleine Hofzwerg den Schul⸗ meiſter vorſtellete, konnte es ohne großes Ge⸗ lächter nicht abgehen.
Am 7. großes Vogelſchießen, wobei die Chur⸗ prinzeſſin die Spille geräumet und den Königs⸗ gewinnſt erhalten.
Am 8. das Maienfeſt celebriret, öffentlich geſpeiſt und getanzt.
Am 9. ward im Pillnitzer Schloßgarten eine
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einenn hölzer


