Heft 
(1858) 7 07
Seite
222
Einzelbild herunterladen

8

Anregendes.

Iungendliebe und Treue. Es gibt viel⸗ leicht nichts Poetiſcheres, als eine innige Jugend⸗ liebe, aber auch andererſeits kaum etwas Be⸗ denklicheres. Der junge Mann, deſſen Weſen nicht ſo raſch zum Abſchluſſe kommt, wie das des Mädchens, findet ſich bei gereifterem Denken von den Träumen und Wünſchen ſeiner Jugend ſo gezwängt und eingeengt, wie er es von den Klei⸗ dern ſeiner früheren Jahre wurde. Leichtſinnige Menſchen ſchütteln dann ohne ſonderlich viel Ge⸗ wiſſensbeſchwerde die Bande ab, ſobald ſie ihnen drückend erſcheinen, ehrliche Naturen hingegen gerathen mit ſich ſelbſt in einen peinigenden Zwie⸗ ſpalt. Sie wollen nicht die Treue aufgeben, ob⸗ ſchon die Liebe ſchon geſchwunden iſt. Die allge⸗ meine Meinung, der nichts höher zu gehen pflegt, als Konſequenz, ſpricht ſich durchſchnittlich für die Treue um jeden Preis aus, und darum hat auch Göthe in Betreff ſeiner jugendlichen Herzens⸗ angelegenheiten eine meiſt ſehr bittere Beurthei⸗ lung gefunden. Lewes hingegen unterläßt es in ſeiner trefflichen Biographie:Göthe's Le⸗ ben und Schriften einen Stein auf unſern Dich⸗ ter zu werfen, er bringt vielmehr bei Gelegen⸗ heit der Seſenheimer Idylle einige recht beher⸗ zigenswerthe Gründe zu ſeiner Rechtfertigung vor, die wir unſern freundlichen Leſerinen zur Beur⸗ theilung hier ausheben wollen.Verſuchen wir, ſagt er,ohne Sophiſterei die wahre Sachlage unparteiiſch aufzufaſſen. In allem Ernſte will ich fragen, ob Göthe nicht durchaus recht that, ein Verhältniß zu löſen, das ſeine Liebe, wie er ſelbſt fühlte, ganz auszufüllen nicht ſtark genug war. Wie mir ſcheint, war es moraliſcher von ihm, ſie zu verlaſſen, als wenn er dieſen kleine⸗ ren zu einem größeren Fehler erweitert und das Unrecht eines Treubruches durch den ſchlimmern Treubruch einer Ehe voll Abneigung ohne Liebe vermieden hätte. Die Unbeſonnenheit der Ju⸗ gend und der ungeſtüme Drang der Leidenſchaft führen häufig in übereilte Verbindungen, und in ſolchen Fällen liebt die formelle Moralität der Welt, welche den Schein mehr berückſichtigt als die Wahrheit, es für edler zu erklären, daß ſolche unüberlegte Verpflichtungen, ſelbſt wenn die Be⸗ treffenden ihre Thorheit einſehen, gehalten wer⸗ den, als daß eines Mannes Ehre mit der Zu⸗ rücknahme eines Wortes ſich beflecke. So geht der Buchſtabe dem Geiſte vor; ein Vorurtheil zu befriedigen wird ein Menſchenleben geopfert; eine unglückliche Ehe rettet die Ehre, und Niemand denkt daran, für alles Elend jenes Vorurtheil vexantwortlich zu machen. Ich vergeſſe dabei nicht, daß dabei nachdrückliche Strenge nöthig iſt gegen die gewöhnliche Gedankenloſigkeit, mit der die Jugend ſolche Verhältniſſe eingeht, ich ſage nur, daß, wenn ein ſolcher unbeſonnener Schritt einmal geſchehen iſt, man beſſer thut, den Schmerz der Trennung zu ertragen, als durch eine un⸗ ſittliche Ehe, die nie zum Guten führt, ſich ihn zu erſparen.

Damen⸗ und Männerkonverſation. Wer alles das aufſchreiben möchte, was ſo fünf⸗ zehn oder zwanzig Damen zuſammen in Geſell⸗ ſchaft ſprechen, machte gewiß das ſchlechteſte Buch von der Welt, und das ſelbſt dann, wenn unter den fünfzehn oder zwanzig Damen einige darun⸗ ter wären, die viel Geiſt haben. Aber man laſſe einen Mann eintreten, einen einzigen und nicht etwa einen von beſonderen Vorzügen: dieſelbe Konverſation wird ſich ſogleich erheben und mit einem Male geregelter, geiſtreicher, angenehmer werden. Kurz, die liebenswürdigſten Frauen don der Welt, wenn ſie in großer Zahl beiſammen und keine Herren darunter ſind, ſagen faſt nie etwas von Belang, und ſie langweilen ſich mebr, als wenn ſie allein wären. Was hingegen die Män⸗ ner betrifft, ſo iſt ihre Unterhaltung ohne Zweifel

weniger anmuthig und heiter, wenn keine Da⸗ men dabei ſind, aber ob ſie auch gleich mehr ernſt iſt, ſo hat ſie doch im Gewöbnlichen den Vorzug der Verſtändigkeit und die Herren kön⸗ nen leichter die Damen entbehren als ſich die Damen bei der Konverſation der Herren ent⸗ ſchlagen können. (Histoire de la conversation.)

Der Geiſt, den man haben will, verdirbt den, den man hat.

Pascal ſagt in ſeinen Pensées: Niemand ſpricht von uns in unſerer Gegenwart ſo, wie er von uns in unſerer Abweſenheit ſpricht. Die Vereinigung, welche unter den Menſchen beſteht, iſt nur auf dieſer gegenſeitigen Täuſchung be⸗ gründet, und wenig Freundſchaften hätten Be⸗ ſtand, wenn Jeder wüßte, was ſein Freund von ihm ſagt, wenn er nicht dabei iſt, obwohl er dann aufrichtig und ohne Leidenſchaft von ihm ſpricht.

Wir wollen ſo gefallen, ſagt Domant, Pascals Freund,daß wir den Andern nicht mißfallen wollen, wenn wir uns auch ſelbſt miß⸗ fallen, und daß wir ſelbſt denen gefallen wollen, die uns mißfallen.

Humoriſtiſches.

Der Geisbockvon Lambrecht. Die Ge⸗ meinde Lambrecht beſitzt in den ausgedehnten Waldungen Deidesheims verſchiedene Weide⸗ und Streunutzungsberechtigungen, für welche ſie ſchon ſeit dem 14. oder 15. Jahrhunderte verpflichtet iſt, alljährlich dieſem Städtchen unter Beobachtung gewiſſer Förmlichkeiten einen Geisbock zu liefern. Denſelben muß am Dienſtage nach Pfingſten je⸗ desmal der jüngſte Bürger Lambrechts an einem Stricke über das Gebirge führen und vor Son⸗ nenaufgang nach Deidesheim an das beſtimmte Haus bringen, woſelbſt dann der Führer einen Imbiß, beſtehend in Brod und Wein erhält. Der Bock ſelbſt wird in Deidesheim noch am Nach⸗ mittage des nämlichen Tages zum Ergötzen von Alt und Jung öffentlich an den Meiſtbietenden verſteigert.

Schon oft haben Klagen und Prozeſſe we⸗ gen dieſer Verpflichtung die Gerichtshöfe beſchäf⸗ tigt, aber jedesmal wurden die Anträge Lam⸗ brechts, jene Bocklieferung in eine Geldleiſtung umzuwandeln, abgewieſen. Vor einigen Jahren indeß führte die Sache abermals zu einem Pro⸗ zeſſe. Obgleich nämlich der Vertrageinen wohl⸗ gehörnten und wohbeſchaffenen Bock fordert, ge⸗ ſchah es doch, daß das beſtimmte Thier marſchun⸗ fähig ankam. Weil daher ſo die Lambrechter ihre Verbindlichkeit nicht vorſchriftmäßig erfüllt hatten, wollten auch die Deidesheimer nichts mehr von den Berechtigungen Jener in ihrem Walde wiſſen. Der darobentſtandene Prozeß wurde unlängſt zu Gunſten der Gemeinde Lambrecht entſchieden, welche daher ihr Weiderecht nach wie vor ausüben und wieder alljährlich einen Geisbock liefern darf. Da aber während des Prozeſſes, d. i. ſeit dem Jahre 1851, die jährliche Geisbocklieferung ein⸗ geſtellt worden war, mußten jetzt acht Geisböcke auf einmal zur Erhaltung der Gerechtſame wohl⸗ behörnt und gut beſchaffen ſich in Deidesheim präſentiren. Die Sache hat aber ſchon wieder ein Häkelchen bekommen. DiePfälzer Zeitung ſchreibt nämlich:

Statt am Pfingſtdienſtage den altherge⸗ brachten Gang nach Deidesheim zu machen, wird der berühmte Geisbock von Lambrecht aller Vor⸗ ausſicht nach in den nächſten Jahren wieder in den Gerichtsſälen der Pfalz herumgeführt werden, um da zu erfahren, was Rechtens. Er hat ſich

nämlich heute das grobe Vergehen zu Schulden kommen laſſen, ſtatt vor Sonnenaufgang, wie vorgeſchrieben, erſt um halb ſieben Ühr ſich in Deidesheim zu präſentiren, trotzdem hier zahlreiche Gruppen ſchon ſeit dem erſten Tagesgrauen der Ankunft des gehörnten Tributs entgegenharrten. Wie groß war die Freude, als aus dem dicken Gewölk, das über die neugierige Menge einen feinen Regen herabſandte, die Sonne eben einen raſch wieder verſchwindenden Strahl hervorbre⸗ chen ließ und der Bock noch immer nicht erſchienen war.Jetzt hieß esiſt der Vertrag ver⸗ letzt, jetzt werden wir endlich die Lambrechter aus dem Walde bringen! Noch lange wartete die Menge, bis endlich geführt von den acht jüngſten Bürgern Lambrechts, naß, müde und ihre Annäherung ſchon von fern durch bekannte Düfte verkündigend, die acht Böcke ihren Beſtim⸗ mungsort erreichten. Schweigend wurde der ma⸗ leriſche Zug nach dem Rathhauſe begleitet, vor welchem die Böcke einer Muſterung unterwor⸗ fen und für Awohlgehörni und wohlbeſchaffen erklärt wurden.Wer iſt der jüngſte Bürger von Lambrecht? wurde jetzt gefragt. Der Ge⸗ rufene trat, den Bock am Stricklein, hervor. Die ſieben andern Böcke, der Tribut für die ſie⸗ ben vorhergehenden Jahre ſo lautet der Ent⸗ ſcheid,ſind angenommen, da für ihre Ankunft kein Zeitpunkt feſtgeſetzt war; der achte aber, ge⸗ führt von dem jüngſten Bürger, iſt, der Ver⸗ tragsbeſtimmung entgegen, nicht rechtzeitig ein⸗ getroffen: ſeine Annahme wird verweigert. Ein Notar nahm dieß zu Protokoll und verblüfft ſtanden die Lambrechter. In einem trockenen Stalle fanden die ſieben glücklichen Böcke auf den ermüdenden Marſch die erſehnte Nahrung und Ruhe, der arme achte aber, von Deidesheim verſchmäht, blieb angebunden an einem Bäumchen im Regen ſtehen, ohne Futter und fortwährend den Neckereien der muthwilligen Jugend ausge⸗ ſetzt. Sogar ſein bisheriger Führer wandte ſeine Sorgfalt von ihm ab und erklärte, ſich nicht um ihn kümmern zu wollen, da er zwar verpflichtet ſei, ihn nach Deidesheim zu führen, nicht aber zurück nach Lambrecht. Allein der Hartherzigkeit folgte die Strafe auf dem Fuße. Den Führern wurde nach altem Herkommen je eine Flaſche Wein und ein Stück Brod gereicht; doch zu ſei⸗ nem Schrecken erhielt der jüngſte Bürger Lam⸗ brechts, da ſein Bock nicht angenommen worden, Nichts, und ohne Speiſe und Trank ſaß er grollend zwiſchen ſeinen ſich erquickenden Gefähr⸗ ten. Mit Sehnſucht erwarteten die Deideshei⸗ mer und die vielen von nah und fern zu dem ſeltenen Schauſpiel herbeigeſtrömten Fremden die Stunde, in welcher die öffentliche Verſteigerung der Böcke beginnen ſollte. Schon nach 4 Uhr be⸗ deckte eine zahlloſe Menge den Platz vor dem Rathhauſe, die Fenſter der benachbarten Häuſer waren von den Schönen Deidesheims eingenom⸗ men und auf den Bäumen des Platzes hatte die liebe Straßenjugend Poſto gefaßt. Schlag 5 Uhr erſchien der erſte Bock, die Gebote erfg⸗ ten unter dem ausgelaſſenſten Jubel des Publi⸗ kums raſch auf einander, und bald hatten die ſieben Böcke ihre Eigenthümer gefunden. Ihre höhere Rolle iſt aber damit noch nicht ausgeſpielt und es kann noch lauge dauern, bis ſie wieder in das gewöhnliche Gleis ihrer Lebensbahn zurück⸗ kehren. Sie wurden nämlich erſtanden durch Wirthe der Umgegend, um als würdige Preiſe bei Kegel⸗ und anderen Spielen verwendet zu werden. Welches Schickſal mag dagegen dem bedauernswer⸗ then achten Böcklein vorbehalten ſein? Ohne Zwei⸗ fel wird es jahrelang in dicke, ſtaubige Aktenſtöße geſteckt und in allen Gerichtsſälen herumgeſchleppt werden, gezerrt und gezupft von den Parteien. Denn Deidesheim iſt entſchloſſen, nochmals ſein Recht zu verfolgen.

* Wie ſich ein Irländer ausdrückt. Ein

jj4

y,