Heft 
(1858) 7 07
Seite
218
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Radetzky.

Wir bringen in dieſer Nummer das Bild des Feldmarſchalls Radetzky. Wie einſt Frie⸗ drich der Große und Napoleon in bildli⸗ cher oder plaſtiſcher Darſtellung in jedem Hauſe zu treffen war, in derſelben Weiſe und für uns Oeſterreicher gewiß mit größerem Rechte findet jetzt das Bild unſers verewigten Hel⸗ den allüberall in Paläſten und Hütten eine willkommene Aufnahme und einen Ehrenplatz in der heimiſchen Wohnung. Die freundlichen Züge des würdigen Greiſes ſind ſo bekannt, daß jedes Kind bei Erblickung eines Bildes desſelben ausrufen wird: Vater Radetzky! In dieſem Ausdrucke, der ſo populär und mund⸗ gerecht geworden iſt, daß man ihn wie einen aus zwei Theilen beſtehenden Namen kaum mehr zu trennen vermöchte, liegt die ſchönſte Lobrede auf den Helden.Vater Radetzky, unter dieſem Titel hat der beliebte Schriftſteller Julius Ebersberg ein Buch geſchrieben (Bellmanns Verlag 1858), in welchem er ſich die Aufgabe ſtellte,bei einer warmen und überzeugenden Schreibweiſe alles das in geſichteter Auswahl zu umfaſſen, was bisher über den Lebenslauf des Verewigten bekannt wurde und vollen Glauben verdient. Jeder Leſer wird dem Verfaſſer das Zeugniß geben, daß derſelbe ſeiner Aufgabe auf das ſchönſte gerecht wurde. Da das Verdienſt ſeines Bu⸗ ches in dieſen Blättern bereits gewürdigt wurde (Maiheft 1858 Seite 154), ſo weiſen wir dar⸗ auf zurück und heben aus dem Buche ſelbſt jenen trefflichen Abſchnitt aus, welcher über Radetzky's Perſönlichkeit meiſt nach Hack⸗ länders und Schneidawind's Schilderun⸗ gen zuſammengeſtellt iſt.(Eine kurze Biogra⸗ phie Radetz ky's und eine Beſchreibung ſeines Ruheortes Werdorf brachte das dießjährige Fe⸗ bruarheft der Erinnerungen Seite 61.)

In dem dichteſten Gewühle des Manövers, des Marſches oder der Schlacht reichte ein ein⸗ ziger Blick hin, um den berühmten Feldmarſchall augenblicklich aus ſeiner Umgebung herauszu⸗ finden; nicht als ob er eigenthümlich gekleidet geweſen wäre, er trug denſelben grauen Rock, wie alle übrigen Generale, und einen ſchlichten, kleinen Dreiſpitz mit grünem Federbuſch; eben⸗ ſowenig war ſeine Geſtalt vor anderen her⸗ vorragend, im Gegentheile, er war faſt der kleinſte ſeines Gefolges, und doch mußte Jeder ſagen, der ihn auch nur zum erſten Male ſah, dieſer und kein Anderer iſt der große Feld⸗ marſchall; denn er hatte zu Fuß und zu Pferde etwas Beſtimmtes und Eigenthümliches, das ihn vor allen Anderen auszeichnete.

Feldmarſchall Graf Radetzky verrieth in den italieniſchen Feldzügen und ſelbſt noch in der erſten Hälfte des laufenden Jahrzehends, obwohl dann ſchon ein Neunziger, ein ſo hohes Alter durch ſein Aeußeres nicht, welches ſich erſt kurz vor ſeinem Hinſcheiden durch Mahnungen aller Art ernſtlicher ankündigte. Er war nicht groß, aber kräftigt gebaut, ohne jedoch ſtark

geweſen zu ſein; ſein Gang verrieth den alten Kriegsmann, ſeinen Kopf trug er nicht auffal⸗ lend gebückt und blickte frei um ſich; die Züge ſeines Geſichtes waren das einzige, woran man ſein hohes Alter erkannte; doch hatten ſie dabei einen ungemein gewinnenden Ausdruck und tru⸗ gen ſichtbar das Gepräge einer unendlichen Herzensgüte. Sein Kopf war eher rund als länglich, ſeine Stirne hoch, der Blick ſeines Au⸗ ges freundlich und beredt, und, wenn er mit Jemanden ſprach, ſah er ihn feſt an. Dieſer Blick, ohne hart oder ſtrenge zu ſein, hatte et⸗ was ſo Ergreifendes und Gewinnendes, dabei Forſchendes und Gebietendes, daß es unmöglich war, vor ihm etwas zu verheimlichen, was man auf dem Herzen hatte, oder noch unmöglicher, vor dem alten Herrn eine Lüge über die Lip⸗ pen zu bringen. Sein Haar war weiß und eben ſo ſein Schnurrbart, ſeine Stimme klang tief und kräftig. Hörte er einen wichtigen Vortrag an, ſo ſenkte er nachdenkend den Kopf und ſtützte wohl eine Hand in die Seite. Er liebte es, mit ſchnellen Schritten einherzugehen. Befand er ſich in ſeinem Zimmer, ſo hatte er gerne die Hände auf dem Rücken, ſprach er mit Jeman⸗ den, den er wohl leiden konnte, ſo ſchob er ſei⸗ nen Arm unter den des Andern oder nahm ihn auch bei der Hand und ſpazierte mit ihm auf und ab. Wenn er vergnügt war und einen Offizier etwas fragte, ſo wich er bisweilen von dem förmlichenSie durch die Worte ab: Meint Ihr's vielleicht nicht auch ſo, mein Freund? Seine Geſpräche waren eben ſo geiſt⸗ reich als feſſelnd, und die unzähligen Anekdoten, die er mit eben ſo viel Lebendigkeit als Gut⸗ müthigkeit zum Beſten gab, trugen ſtets das Ge⸗ präge jener erquickenden Heiterkeit an ſich, welche geradenwegs aus dem Herzen kommt. So gerne er ſelbſt erzählte, ſo gerne hörte er auch erzählen, wobei er nie unterließ, bei paſ⸗ ſender Gelegenheit charakteriſtiſche, oft kauſtiſche Bemerkungen einzuſtreuen.

Eben ſo gern er einen Scherz hörte, machte er auch ſelbſt einen; der Greis beſaß die beſte Laune und gab ſeine guten Einfälle mit einer Gutmüthigkeit zum Beſten, die hinreißend war; wenn er ſo recht heiter und vergnügt war, na⸗ mentlich wenn er lachte und er konnte recht herzlich lachen ſo ſteigerte ſich der lebendige Ausdruck ſeines Geſichtes ungemein; ſeine bie⸗ dere, große Seele lag in ſolchen Augenblicken offen da und man ſah auf den klaren Grund ſeines Herzens, der rein und glänzend, ohne Falſch und Bitterkeit war. Wenn er heftig lachte, wiſchte er ſich mit ſeinem Sacktuche bis⸗ weilen die Augen.

Berichte, die eingelaufen waren, ließ er ſich meiſtens vorleſen; aber Alles, was abging, las er trotz der Schwäche ſeiner leidenden Augen ſelbſt durch. Beim Durchleſen u. ſ. w. der Be⸗ richte über glänzende, gelungene Gefechte, oder wenn er ſah, wie ſeine braven Truppen muthvoll und freudig angriffen, lachte er gerne laut auf vor Freude. Dagegen umflorte ſich ſein Blick, wenn er von Gefallenen und Verwundeten hörte

und tiefe Bekümmerniß malte ſich in ſeinem Antlitz beim Anblick all des menſchlichen Elends, denn er hatte ein offenes fühlendes Herz für alles Unglück, mochte es Freund oder Feind treffen, und handelte mit größter Unparteilich⸗ keit. In Zorn gerieth er ſelten und kam dieß nur bei groben Nachläſſigkeiten vor. Radetzky hatte eine vielſeitige Bildung und einen großen Geiſt. Er ſprach deutſch, franzöſiſch, italieniſch mit großer und ganz glei⸗ cher Fertigkeit, unterhielt ſich jedoch am lieb⸗ ſten in der deutſchen Sprache. Seine Hand⸗ ſchrift war nach der alten Schule, aber deutlich und leſerlich. Bei Dienſtſachen zeichnete er ein⸗ fachRadetzky, bei Courtoiſie aber ſchrieb er auch:Graf Radetzky. Oft wenn es eilig war, unterfertigte er ſeine Depeſchen auf dem Knie. In ſeinem Salon, bei ſeinen Diners war er ein vollendeter Weltmann und der freund⸗ lichſte Wirth. Die Verbeugung eines jeden Eintretenden beantwortete er, auch wenn er im Geſpräche begriffen war, mit einer vertrauli⸗ chen Handbewegung und eine gewiſſe Panto⸗ mime lud augenblicklich ein, Hut und Säbel abzulegen; auch hatte er für Jeden ein paar liebenswürdige Worte und ging gewöhnlich bei der ganzen Geſellſchaft herum, ohne dabei in die Steifheit des gewöhnlichen Cercleabhal⸗ tens zu verfallen. Hierbei kam ihm natürlich ſein außerordentlich ſtarkes Gedächtniß zu Hilfe; als ein Beweis von der Stärke desſelben mag es gelten, daß, wenn er in ſeinen Erzählungen auf die Türkenkriege kam, die er mitgemacht hatte, es ihm nicht ſchwer fiel, wenn er von gewiſſen Gefechten ſprach, der Namen unbedeu⸗ tender Anführer ſich zu entſinnen, ſo wie der meiſten ſeiner Kameraden, die damals mit ihm Kadeten oder Lieutenants geweſen waren; er kannte das Leben faſt jedes Einzelnen, der zu ihm kam, und wußte das Geſpräch immer mit einer freundlichen Erinnerung zu beleben; auch erweckte er in hohem Grade das Zutrauen Al⸗ ler, die ihm nahten, daher bewegte ſich auch ſeine ganze Umgebung, den großen Feldherrn und Staatsmann natürlich auf das Höchſte achtend und verehrend, doch ſtets ohne Zwang und leere Förmlichkeit um ihn. Mit den höhe⸗ ren und niederen Offizieren ſeiner Umgebung lebte der Feldmarſchall auf vertraulichem, an⸗ genehmſten Fuße und ließ dieſelben nie in einer ſie verletzenden Weiſe die Ueberlegenheit ſeiner Stellung und Perſönlichkeit fühlen. Von ſei⸗ ner Gabe mit dem Soldaten umzugehen haben wir ſchon oben geſprochen; liebevoll und herz⸗ lich wie nicht bald ein Feldherr war er gegen ſie bei allen Veranlaſſungen. Die Lebensweiſe des Feldmarſchalls war außerordentlich einfach und regelmäßig. Mor⸗ gens fünf Uhr ſtand er auf, nahm ſeine Arbeit vor und frühſtückte um ſechs Uhr Kaffee mit den Adjutanten und Ordonnanzoffizieren vom Dienſte. Um zehn Uhr kam ein kleines Gabel⸗ frühſtück und um vier Uhr Nachmittags das einfache Diner, wozu der Feldmarſchall gewöhn⸗ lich eine Flaſche Rheinwein trank. Im Feld⸗

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