Heft 
(1858) 7 07
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Geſichtern das einzige, das in der Kapſel meines Herzens eine friſche Farbe behalten hat. Er ſeufzte, aber nur um alſogleich mit einiger Bit⸗ terkeit über dieſen Seufzer zu lachen.Alter Junge, wirſt am Ende noch ſentimental? friſch jetzt an's Werk und den albernen Krautlinger Jungfern einen Streich geſpielt, der ihnen das Wiederkommen auf immer verleiden ſoll!

Was that Herr Elias? Er wollte das un⸗ heimliche Gefühl, das man vor ihm und ſeiner Wohnung hatte, auf's Höchſte ſteigern und ſelbſt auf die Gefahr hin, für einen Zauberer gehalten zu werden, durch Schreckbilder die ungeladenen Viſiten in die Flucht ſchlagen. Er traf darnach ſeine Vorbereitungen auf's beſte. Vermittelſt Draht und Bindfaden kam Leben in die Gerippe, ſobald er an einem Ende zog, in welchem ſich die Fäden vereinigten. Die herabgelaſſenen Rou⸗ leaux verurſachten jene paſſende Dämmerung, in welcher für eine abergläubiſche Einbildung alles Unbeſtimmte ſo gern zum Schreeklichen, alles Bewegte zum Lebendigen wird. Als der ganze Apparat zurbeſtmöglichſten Wirkung grup⸗ pirt war, die Szene aber unſerm Elias noch immer nicht ſchrecklich und entſetzlich genug vorkam, verfiel er auf einen neuen originellen Gedanken. Unter ſeinem Bette lag ein gewal⸗ tiger aber etwas ſchadhafter Panzer einer Rieſen⸗ ſchildkröte. Wie wäre es, dachte er ſich, wenn du dich als ein ſolch Reptil, als eine Chelonia Midas vermummteſt, und ſobald die Gerippe und Ungethüme ihre Rolle geſpielt, ſelbſt mit dem rauhen, ſchrecklichen Geſchrei derLederſchild⸗ kröte unter dem Bette hervorbrächeſt?

So ſonderbar dieſer Einfall war, ſo ſetzte

doch der Herr Profeſſor jedes Bedenken bei

Seite, und ging, einzig mit dem Gedanken, einen paniſchen Schrecken hervorzurufen, beſchäftigt an die Ausführung. Der Schild deckte ſeinen Rücken vollkommen; über den ganzen Kopf zog er ſich eine grauwollene Schlafmütze, in welche er für Augen und Mund drei Oeffnungen ſchnitt. Eine wollene Unterjacke, deren Aermelöffnungen er vorn zunähte, ſollte zur Bekleidung der vor⸗ dern Extremitäten dienen. In Kurzem war alles in Ordnung, der belebende Fadenbündel unter's Bett geleitet, das Koſtüm zurecht gelegt. Nun galt es nur noch, ſich den Schein der Abweſen⸗ heit zu geben. Zu dieſem Zwecke warf er ſich in ſeinen langen vieltaſchigen Ausflugrock und zog, mit ſeinem geolagiſchen Stocke bewaffnet, in Nero's Begleitung vor den Fenſtern der Gärt⸗ nerwohnung vorbei zum Garten hinaus. Seine Entfernung war, wie er mit Freude bemerkte, von zwei lauſchenden Mädchenaugen beobachtet worden. Kaum hatte er ſich ſo weit aus dem Geſichtskreiſe der Gärtnerei entfernt, als er es für nöthig erachtete, ſo ſtellte er unter einem Vorwande ſeinen Nero in der Wohnung eines Bekannten ein und eilte dann auf einem Um⸗ wege ſeinem Garten wieder zu, in welchen er durch ein Hinterpförtchen gelangte. Wie ein Dieb ſchlich er ſich in ſeine Wohnung, die er wieder hinter ſich verſchloß. Der mechaniſche Apparat wurde nochmals probirt, die Vermum⸗ Erinnerungen. 1858.

mung angelegt, der heimliche Poſten eingenom⸗ men. Er mußte hier geraume Zeit warten und

ſchon fing er an in ſeiner Langweile ſich recht

lächerlich und abgeſchmackt vorzukommen, als mit einemmale ein lautes Krachen der Thür ſeines Gartenhauſes ihn wieder rege machte und bei dem angelegten Plane beharren ließ. Es wurde wieder ruhig, kein Lärm ließ ſich hören. Sein Herz klopfte ungeduldig; er mochte ſich immer ſagen: Behalte kaltes Blut wie eine Schildkröte, ſeine Unruhe ſteigerte ſich doch immer mehr, zumal als wieder mit einemmale die Thüre von einem Steinwurfe erbebte. Gleich darauf hörte er die Stimme der Gärtnerstochter, die ein genug helles und lautes Organ beſaß, um ſich ſelbſt durch Wand und Thüren ver⸗ nehmbar zu machen.

Komm nur, Amelie, komm; es iſt Nie⸗ mand zu Hauſe, denn es hat auf zwei Stein⸗ würfe weder der Hund noch der Herr einen Laut gegeben. Ein Schlüſſel raſſelte in der erſten Thür, und gleich darauf war in der kleinen Vorhalle eine zweite weibliche Stimme zu hören; Liebe Couſine, ich bitte Dich, kehren wir um, ich zittere an allen Gliedern. Wenn uns der Herr überraſchte!.

Als nun ſtatt aller Antwort der Schlüſſel auch in der Zimmerthüre gedreht wurde, und der entſcheidende Moment heranrückte; da wurde dem guten Elias fürchterlich heiß unter ſeiner Horndecke. Die fremde Stimme war ihm ſo be⸗ kannt, ſo vertraut, ſo eigenthümlich vorge⸗ kommen.

Die Thür ging auf, doch Elias unterließ an dem Nervenbündel zu ziehen. Jetzt erſt fiel es ihm ein, daß er, wenn er in ſeiner Maske erkannt würde, für immer ein Stichblatt des Witzes abgeben müßte.Wie dunkel iſt's da, rief die Gärtnerstochter hereinſpringend;man ſieht ja die Hand vor den Augen nicht, und im Nu war ſie an den Fenſtern, deren Rouleaux ſie in die Höhe zog. Auch an dieſe Möglichkeit hatte Elias nicht gedacht. Es ſchützte ihn nun nichts mehr, als der zweifelhafte Schatten ſeines Bettes. Er wagte es nicht ſich zu rühren, ſelbſt dann nicht, als die Gärtnerstochter den ganzen Inder ſeiner liebenswürdigen Eigenſchaften auf die launigſte Weiſe ihrer Freundin herzählte, die ſich bis jetzt ganz ruhig verhalten und nur mit verwundertem Auge die Seltſamkeiten des Zimmers betrachtet hatte. Der gute Profeſſor unter ſeinem Bette ſah von ihr nichts, als ein paar überaus nette Füßchen. Dieſe ſetzten ſich nach Kurzem in Bewegung und machten vor dem Schreibpulte Halt, auf welchem das Herbarium aufgeſchlagen lag. Da rief auf ein⸗ mal die fremde und doch ſo bekannte Stimme: Mein Gott was ſeh' ich! Pyxtonia rarissima auf dem großen Winterberge der ſächſiſchen Schweiz den 26. Auguſt 1854. Hier ſteht es geſchrieben, das iſt alſo dasſelbe Pflänzchen, das ich einem guten lieben Herrn daſelbſt zum An⸗ denken gab, weil er mich ſo ſehr darum bat.

Die Schildkröte unter dem Bette hatte jetzt

keinen größeren Wunſch, als den Kopf hervor⸗

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zuſtrecken, allein die Szene wurde wieder ſo raſch verändert, daß er kaum mehr wußte wo ihm der Kopf ſtand; denn mit ſchrecklichem Ge⸗ bell nahte Nero, der ſeiner Haft entſprungen war und jetzt kam, das verletzte Hausrecht an den Eindringlingen zu rächen. Mit einem Schreckensſchrei entſprang die Gärtnerstochter, nicht aber ohne etliche Falten ihres fliegenden Rockes in dem Rachen des ergrimmten Thieres zu laſſen, das ſich jetzt vor die Zimmerthüre ſtellte und mit fletſchenden Zähnen und knur⸗ rendem Tone die gefangene Fremde bedrohte. Es war eine höchſt fatale Situation, bei der es ſich ſchwer entſcheiden ließ, wer von den Beiden, Elias oder die Dame, in ärgerer Lage war. Elias mühte ſich vergebens, da er wegen der vernähten Aermel nicht den freien Gebrauch der Finger hatte, ſeine enganſchließende Nachtmütze vom Haupte zu ziehen; wollte er ſeine Gefangene mit den reizenden Füßchen nicht länger der größten Angſt, ja ſogar einiger Gefahr dem er⸗ boßten Thiere gegenüber ausgeſetzt wiſſen, ſo mußte er hervorkriechen und den nöthigen Frie⸗ den ſtiften. Aber kaum hatte er mit dem Zurufe: Nero! Nero! ſeinen Schlupfwinkel verlaſſen, als die Dame kreiſchend auf den Tiſch, Nero aber muthig auf das ſeltſame Ungeheuer ſprang, das er, wie ehedem die Fröſche auf den Wieſen, ſchnell zu packen verſtand. Glücklicherweiſe hatte er ſeine Zähne nur in die Schlafhaube geſchla⸗ gen, die er nun ſeinem Herrn in einem Zuge über die Ohren ſtreifte. Nun, da Elias wenig⸗ ſtens ſeine menſchlichen Züge wieder erlangt hatte, ſprang er auf und verneigte ſich, immer noch ſeinen Schild auf dem Rücken, vor der Dame auf dem Tiſche, in welcher er die freund⸗ liche Gouvernante vom Winterberge auf den erſten Blick erkannte. Es war ein ſehr ſon⸗ derbares, aber darum nicht minder herzliches Wiederſehen, und als Herr Elias mit ſeinen Armſtümpfen dem bebenden Mädchen vom Tiſche half, wurde ihm gar warm und mit⸗ theilſam um's Herz, zumal da er merkte, daß die ſüße Laſt mit ſanfter Hingebung einen kleinen Augenblick länger, als eben dem Geſetze der Schwere nach nöthig war, in ſeinen Armen verharrte. Kurz, warum erzähle ich des Breiten, was der freundliche Leſer bereits mit Schmunzeln gemerkt hat kurz, ehe vier Wochen vergingen, waren Elias und Amelie ein Brautpaar. Sie leben in der glücklichſten Ehe, und Herr Stängel, der als Junggeſelle auf dem beſten Wege war, ein mürriſcher Sonderling zu werden, iſt durch ſein Weibchen ein ganz munterer, ge⸗ ſelliger Patron geworden, der jedem alten Jung⸗ geſellen in's Gewiſſen redet, ſeinem Glücke ſich nicht eigenſinnig in den Weg zu ſtellen.

Das iſt die Geſchichte, wie Elias Stän⸗ gel der Naturforſcher zu ſeiner Braut kam.

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