Heft 
(1858) 7 07
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Muth als du ſiebenunddreißigjähriger Knabe. Jetzt ſchon könnteſt du gllücklich, jetzt vielleicht ſchon im Beſitze des Gegenſtandes deiner Wünſche ſein!

Das Selbſtgeſpräch, welches in dieſer Weiſe geführt wurde, erlitt durch den Eintritt des Herrn mit den drei Damen eine raſche Unter⸗ brechung. Sie ließen ſich nicht weit von ihm an einem Tiſche nieder, und bald erkannte Herr Stängel aus ihren Geſprächen, wer die Dame ſeiner Wünſche ſei. Sie begleitete als Gouvernante die Tochter des Herrn und ſei⸗ ner ſtattlichen Gemalin. Sie Gouvernante und er Profeſſor ei da waren ſie ja beide ge⸗ wiſſermaßen Kollegen, und wie leicht wird eine Annäherung auf dem ebenen Boden der Standesgleichheit möglich! Stängel entſchloß ſich von Neuem, ein entſcheidendes Wort zu ſprechen. Als hätten die Götter ſein ſtilles Sehnen berückſichtigt und ſeinem Plane ihren Segen gegeben, ſo günſtig fügten ſie die Umſtände, welche eine ungeſtörte Herzensergie⸗ ßung möglich machten. Denn war es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß die Gouvernante, während ſie mit der Geſellſchaft auf den Thurm des Hauſes ſtieg, ſich plötzlich bewußt wurde, ihr geſticktes Taſchentuch unten im Salon ver⸗ geſſen zu haben? Als ſie dasſelbe zu ſuchen zurückeilte, trat ihr nach ihrem Eintritte in den Salon, Herr Stängel entgegen. Die lie⸗ benswürdigſte Verlegenheit des Jünglings aus Schiller's Glocke malte ſich auf ſeinem errö⸗ thenden Geſichte, als er, ohne ihr in's Auge zu blicken, folgendermaßen anhob:

Darf ich es wagen, mein Fräulein...

Die Angeredete, gleichfalls verlegen, blickte auf das Sträußchen Waldblumen herab, das ſie an dem Buſen trug, und lispelte:

Was wünſchen Sie, mein Herr?

Elias, der jetzt ganz nahe bei dem Fräu⸗ lein ſtand, hielt ebenfalls ſeine Blicke nach dem Blumenſträußchen gerichtet, von dem er kein Auge verwandte, während er fortfuhr:

Ich habe eine ſehr große Bitte an Sie, durch deren Gewährung Sie mich recht glück⸗ lich machen können.

Die Gouvernante erröthete leicht, und wäh⸗ rend ſie einen fragenden Blick ſchüchtern über den Profeſſor ſtreichen ließ, antwortete ſie: Ich habe es ſchon längſt bemerkt, daß Sie mir etwas ſagen wollen.

Ja, mein Fräulein, vom Prebiſchthore an, wo ich ſie ſah, trug ich mich mit dem Gedanken, Sie anzuſprechen, doch fürchtete ich ſtets, daß meine Kühnheit....

Die Abſicht des Profeſſors ſchien immer näher zu Tage zu treten, obwohl er das ent⸗ ſcheidende Wort noch zurückhielt. Die Gouver⸗ nannte ſah ihn gütig an; die Freundlichkeit in ſeinen Zügen ließ vergeſſen, daß ſie nicht gerade ſchön waren und die Ehrlichkeit des Auges ver⸗

tretendmeine Herrſchaft kann jeden Au⸗ genblick wieder hier ſein. Gutes Fräulein, wenn Sie denn ſo freund⸗ lich gegen mich ſein und das mir gewähren wollen, wonach ich ſchon lange vergebens ſuche, ſo geben Sie mir hier aus Ihrem Sträußchen die Pixtonia rarissima. Was kann Ihnen, mein Herr, an einem Pflänzchen liegen, das ich Ihnen gebrochen habe? Hier, mein Herr, wählen Sie. Schade nur, daß die Würzelchen nicht da⸗ bei ſind. Uebrigens bin ich Ihnen ſehr ver⸗ bunden und gebe Ihnen, wenn Sie es wün⸗ ſchen, als Austauſch einen ſeltenen Käfer. Die Gouvernante ſah ihn äußerſt betroffen an; auf dieſe Wendung der Dinge war ſie nicht gefaßt. Sie griff nach dem vergeſſenen Taſchen⸗ tuche und eilte ohne weitere Worte zu ihrer Geſellſchaft zurück; Elias Stängel aber zog mit ſeinem glücklich eroberten Pflänzchen, das ihm beim Prebiſchthore in die Augen gefal⸗ len war, in vollkommenſter Zufriedenheit von dannen.

II.

Drei Jahre waren ſeit der eben erzählten Begebenheit vergangen. Elias Stängel trat nun bereits in ſein viertes Dezennium, jenes bedenkliche Stadium des Junggeſellen, in welchem das Wörtchen:zu ſpät immer lauter und lauter zu tönen anfängt. Der gute Elias hatte dazu auch noch mancherlei Vor⸗ urtheile gegen ſich, die ſich über ihn in Krau⸗ tingen gebildet hatten. War es doch ſo weit ge⸗ kommen, daß man ihm nirgends mehr gern eine Wohnung einräumte! Kein Wunder auch, denn die Art, wie er ſein Zimmer auszuzieren pflegte, mochte die Krautinger eher an das Beinhaus auf dem Kirchhofe, als an die Wohnſtätte eines Le⸗ bendigen erinnern. Aus jedem Winkel ſtreckten Gerippe ihre Phalangen aus, allerhand Schä⸗ del glotteen von den Schränken herab, und ſelt⸗ ſame Ungeheuer, Schildkröten, Eulen und Gott weiß was für Gethier noch drohte von der Decke herunter und von dem Boden hinauf. Dazu kam ferner die ganze lebendige Wirthſchaft von Süß⸗ und Salzwaſſeraquarien, eine Me⸗ nagerie von Fröſchen und eine ganze Zucht von Blindſchleichen und anderen unheimlichen Rep⸗ tilien, von denen Herr Elias in heißer Sommerzeit immer einige zur Abkühlung bei ſich tragen ſollte. Nicht genug an dem, auch für die Nachbarſchaft war die ſonderliche Haus⸗ haltung des Naturforſches oft von recht auf⸗ dringlicher Widerwärtigkeit; wenigſtens ſchrieb man ihm bald die unendliche Vermehrung der Spinnen zu, die er auf den Gängen geſäet ha⸗ ben ſollte, bald ſogar das Ueberhandnehmen je⸗

hieß, das an Treue einzubringen, was vielleicht

an jugendlichem Liebesfener vermißt wurde. Sie wollten mich um etwas bitten, ſagte

ſie leicht drängend und deßhalb etwas näher

hatte. So war es gekommen, daß unſer ſonſt ſo

ner gewiſſen hüpfenden Sommergäſte, für die er der Sage nach einen eigenen Brutofen erfunden

harmloſe Profeſſor in keinem Hauſe mehr gelit⸗

einen einſamen Gartenhäuschen ſeine Wohnnng aufſchlagen mußte. So froh er auch anfangs war, hier fern von aller läſtigen Nachbarſchaft ungeſtört ſeinen Studien und ſeiner Laune leben zu können, ſo fühlte er doch unachgerade auch ſeine Vereinſamung und eine gewiſſe Leere, die alle Fröſche der Welt nicht auszufüllen ſchie⸗ nen. Mit der Gärtnerstochter, die ihn be⸗ diente, war er ſchon in den erſten Tagen ſo zer⸗ fallen denn ſie hatte einem zarten Laubfroſche eine große böſe Hummel in das Glas geſteckt daß er ihr den Eintritt in ſeine Studier⸗ ſtube für alle Zeiten auf's ſtrengſte unterſagte und ihr nur die kleine Vorhalle für den Zutritt geſtattete. Hier hatte der gewaltige Nero ſein Lager, von welchem aus er gleich einem Cerbe⸗ rus den Eingang zum Adyton ſeines Herrn be⸗ wachte. Die Gärtnerstochter, ſchalkhaft, wie Gärtnermädchen gewöhnlich ſein ſollen, und et⸗ was ergrimmt dazu, rächte ſich wegen des entzo⸗ genen Vertrauens durch die erdenklichſten Poſ⸗ ſen, die ſiedem närriſchen Kauze von einem Ge⸗ lehrten ſpielen konnte, wobei ſie ſich aber ſo trefflich zu verſtellen wußte, daß Elias mit ſei⸗ nem Gepolter nicht gegen die Miene gekränk⸗ ter Unſchuld oder die zungengeläufigen Be⸗ theuerungen aufkommen konnte. Unter Ande⸗ rem hatte Herr Stängel auch begründeten Verdacht, daß oft, wenn er Sonntags eine wei⸗ tere Exkurſion mit ſeinem Nero unternahm, Vorwitz und Neugierde ſich doch in ſein Zim⸗ mer wage; es war ihm zu Ohren gekommen, daß die Gärtnerstochter dann ihre Freundinen hieher indie Menagerie führe und daſelbſt auf die drolligſte Weiſe ſeine lebendigen und tod⸗ ten Schätze ſehr unwiſſenſchaftlich erkläre und das, was ihren Zuhörerinen Furcht einflößte, zu einem Gegenſtande des Gelächters mache. Die⸗ ſem Unweſen mußte auf eine andere wirkſame Weiſe geſteuert werden, da Verbote und Ermah⸗ nungen nichts fruchteten und auch ein Wechſeln der Schlöſſer nichts geholfen hatte.

So ſehen wir denn eines Sonntagsmorgens unſern Elias in der kleinen Welt ſeines Zim⸗

mers mit ungleichen Schritten, wie ſie gerade

der vielgetheilte Raum verſtattete, auf und ab

gehen. Sein geneigtes Haupt brütete über einem

Plane.O ich bin ein recht unglücklicher Menſch,

ſeufzte er dazwiſchen, unter Larven die ein⸗

zigfühlende Bruſt, wie der Dichter ſagt. Und

von den Menſchen iſt keiner, der mir ſo recht

wohl will; ich merke es wohl, den Einen bin ich

ein Thor, den Andern ein unheimlicher Genoſſe.

Wozu lebe ich doch, und was habe ich vom Le⸗

ben? Dürr und fahl, wie hier die Pflanzen in

meinem Herbarium, reiht ſich bei mir ein Le⸗

benstag an den andern.

Bei dieſen Worten ſchlug er heftig einige

Blätter um. Da wollte es der Zufall, daß gerade

das Pflänzchen Pyxtonia rarissima ihm vor

die Augen zu liegen kam. Er betrachtete ſtumm

das unſcheinbare Kräutchen, Erinnerungen tauch⸗

ten in ſeiner Seele auf.Es war doch ein gutes

freundliches Mädchen, ſagte er halblaut vor

ten wurde und ſchließlich wie ein Eremit in

ſich;und ſonderbar, es iſt von allen weiblichen