Heft 
(1858) 7 07
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kald kein Froſch und 4

Wie Herr Elias Stängel, der Na⸗ turforſcher, zu einer Braut kam. Schwankweis erzählt von W. Ernſt.

I.

Wer die heurige Kunſtausſtellung in Prag beſuchte, hat gewiß nicht ohne Vergnügen Spitzweg's gemüthliches Genrebild betrachtet, das zwei Cactusgewächſe darſtellt. Der eine Cactus, welcher ſich mit ſchmunzelndem Wohl⸗ gefallen über den andern beugt, iſt ein ältlicher Junggeſell in langem grünem Rocke und ohne Zweifel dem ebenſoſaftreichen als ſtachligem Gelehrtenſtande angehörig. So oft ich dieſes Bild anſah, mußte ich immer des guten Elias Stängel gedenken, nicht anders, als hätte ich ſein wirkliches Konterfei vor mir mit den war⸗ men, ſtillvergnügten Blicken. Man ſah es dem ſchlichten Männchen nicht an, wie viel Gelahrt⸗ heit in ſeinem Kopfe ſteckte, denn Stängel verſchmähte jedes Prunken mit ſeinem Wiſſen, obwohl er gleich Adam jedem Thiere ſeinen Namen geben und gleich Salomon jede Pflanze benennen konntevon der Ceder bis zum Mſop. Stängel war Naturfors mit Leib und oas will ich nicht ſo

eeen. In der guten Stadt Krau⸗ ch tingen hatte er den Poſten

eines Lehrers der Naturwiſſenſchaften in einer Privaterziehungs⸗ anſtalt inne und für jährliche ſechshundert Tha⸗

ler die Pflicht, ſich wochentlich zwanzig Stun⸗ den über die hoffnungsvollen Zöglinge zu är⸗

gern, denen aus dem Pflanzenreiche nichts lie⸗ ber war, als der Salat zum Braten, von den okten nichs bekannter als die Maikäfer aus Lyokolade, und von den vierfüßigen Thieren keines angenehmer und vertrauter, als die Röß⸗ lein, welche ſie auf Ferien holten. Dieſe Nei⸗ gung für die Ferien theilte auch Herr Stän⸗ gel mit ſeinen Schülern; es ſchien ihm, als ob in den Ferien die Welt weit größer, die Luft reiner und geſünder und Alles weit heiterer und friſcher wäre als in den übrigen zehn Mo⸗ naten des Jahres. Seine etwas gekrümmte Haltung hob ſich auffallend, ſobald er den Streuſand auf das letzte Zeugniß geſtreut hatte, und wenn er nun gar ſeinen Torniſter ſchnallte, ſeinen langen Reiſerock mit den hundert Ta⸗ ſchen für allerhand Fläſchchen und Schächtel⸗ chen anſtreifte und ſchließlich zu dem mit Beil und Hammer verſehenen Wanderſtock griff; da ſchlug ihm das Herz ſo jugendlich friſch in der Bruſt, wie weiland vor zwanzig Jahren, da er ſelbſt noch Student war. Nero, ſein wackerer ſchwarzzottiger Gefährte, der nie von ſeiner Seite wich und jede Ferienreiſe mitmachte, zeigte ſich dann vor Freude ganzpudelnär⸗ riſch, ein ſo geſetztes und ernſtes Vieh er auch während des Schuljahres war. Er ſchien zu glauben, man müſſe in den Ferien jede unbe⸗ queme Würde bei Seite legen und auf dem Lande nach Laune ſich gehen laſſen. Da war keine Eidechſe mehr vor

ihm ſicher, er apportirte Alles,was da kreucht und fleugt, ſobald er es nur erſchnappen konnte, ſeinem naturforſchenden Herrn, ja er ſcharrte ſelbſt mit ſeinen ſtarken Pfoten den Boden auf, wo er mit feiner und geübter Naſe etwas Taugliches für die Sammlung des Pro⸗ feſſors witterte. Wenn ihm dann Herr Stän⸗ gel bei einem glücklichen Funde ſtreichelnd über Kopf und Nacken fuhr und ſagte:Bravo, Nero, mein Famulus, du ſollſt erſte Klaſſe mit Vorzug haben, ſo ſchien der ſchwarze Geſelle es wirklich zu verſtehen, welche Auszeichnung in den Worten lag, denn mit ſtolzem freudi⸗ gem Bewußtſein trabte er dann neben ſeinem Herrn her und ſah mit ungemeiner Verachtung auf die unwiſſenſchaftlichen Dorfhunde, die aus der Naturgeſchichte nichts weiter verfolgten als Katzen und Gänſe.

Auf einer ſolchen Ferienwanderung hatte Herr Elias Stängel mit ſeinem treuen Begleiter auch die ſächſiſche Schweiz durchſtreift, leider aber das, was er ſuchte, trotz aller Be⸗ mühung nicht finden können. Mißmuthig ſaß der Profeſſor unter dem gewaltigen Bogen des Prebiſchthores, für das er dießmal ebenſowe⸗ nig ein Auge hatte, wie für die andern gro⸗ tesken Sandſteinformationen: war doch das Hauptziel ſeiner Reiſe nicht erreicht, das Pflänz⸗ en Pyxtonia rarissima, vas hier wachſen ſoll, nicht in die Botaniſirbüchſe gelangt! Schon wollte er wieder thalabwärts nach Hernskret⸗ ſchen ſteigen, als eine Geſellſchaft von vier Per⸗ ſonen, die eben aus der netten Reſtauration heraustrat und knapp an ihm vorbei ging, ſeine Aufmerkſamkeit in ungewöhnlichem Grade auf ſich zog. Er ſtutzte, ſeine Wangen rötheten ſich und ſein Auge bekam auf einmal lebendigeren Glanz. Die Geſellſchaft beſtand aus einem Herrn und vier Damen; Elias aber ſchien nur eine von den letztern zu ſehen; unver⸗ wandt richtete er ſeine Augen nach ihr, ja er trat ſelbſt bis an das Geländer vor, bei wel⸗ chem die Geſellſchaft, um die Ausſicht zu genie⸗ ßen, ſtehen geblieben war, und ſeine ſonſt über⸗ ängſtliche Schüchternheit überwindend, fixirte er die eine Dame ſo auffallend, daß es von der⸗ ſelben, wie von den übrigen bemerkt wurde. Die Dame, welche Stängel's Aufmerkſam⸗ keit ſo lebhaft beſchäftigte, war ein Fräulein, das zwar nicht für ſchön, aber doch für angenehm gel⸗ ten konnte und bereits in jenem Alter ſtand, das ein Nodaü nicht mehr nach Frühlingen, ſon⸗ dern nach Sommern zu zählen pflegt. Als ſich hierauf die Geſellſchaft zum Gehen wandte und den Weg nach dem großen Winterberge ein⸗ ſchlug, blieb der Profeſſor erſt eine Weile un⸗ ſchlüßig ſtehen, während er mit ſehnſüchtigem Auge die Unbekannte verfolgte; als ſie endlich ſeinen Blicken zu entſchwinden drohte, fuhr er mit ungewöhnlicher Raſchheit auf und indem er die abgelegte Botaniſirbüchſe ſich wieder über die Schultern hängte, rief er aus:Mein muß ſie werden und wenn ich dem Mädchen folgen ſollte bis an's Ende der Ferien!

Mit langen haſtigen Schritten eilte er auf

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demſelben Wege, den er vor Kurzem gekommen war, den Vorangegangenen nach und achtete es nicht, daß bei ſeinen heftigen Bewegungen die Spiritusfläſchchen in den Taſchen ſeines langen Rockes klirrend aneinander ſchlugen wie weiland die Pfeile im Köcher Apoll's, da er vom Olymp ſich herab ſchwang. Nero folgte verwundert, denn das war ihm noch auf keinem wiſſenſchaftlichen Ausfluge vorgekommen, daß der Herr ſeine Jagd auf derartige Species ge⸗ richtet hätte. Stängel, der als ein unver⸗ ſöhnlicher Weiberfeind verſchrieen war, Stän⸗ gel, der nie bitter und ſarkaſtiſch wurde, außer wenn er auf die Frauen zu ſprechen kam, Stängel, von dem die Sage ging, er halte alle Kreatur in Waſſer, Luft und Erde für ſchön und liebenswürdig, die Damen allein ausgenommen: derſelbe Stängel eilte jetzt athemlos einem Mädchen nach mit einer Haſt und Leidenſchaftlichkeit, mit welcher kaum je ein Leander zu ſeiner Hero geſchwommen iſt. Wer erklärt das Räthſel des Menſchenherzens? Erſt als er auf zehn Schritte Entfernung den Gegenſtand ſeiner Sehnſucht eingeholt hatte, mäßigte er wieder ſeinen Lauf und befliß ſich eifrig, dieſe Diſtanz weder zu erweitern noch zu verengern. Waren es ſeine etwas ſchwerfälligen Tritte, die ihn verriethen, oder waren es ſeine warmen intenſiven Blicke, denn dergleichen Blicke ſollen, wie Viele behaupten, die getrof⸗ fene Perſon zum Umſehen bringen kurz die freundliche Unbekannte wendete zu wiederhol⸗ ten Malen ſich nach dem zurückgelegten Wege zurück und ſchien nicht ungern zu bemen een, daß, ſo oft ihr Blick auf den nachfolgenden Natur⸗ forſcher fiel, dieſer halb verſchämt, halb freudig erbebte. Der wohlgepflegte Sandweg zog ſich jetzt durch eine dichte Buchenwaldung hinan, deren Stämme gleich ſchlanken Marmorſäulen zur Höhe ragten, wo das üppig grüne Laub⸗ werk ein im Sonnenlichte transparentes Ge⸗ wölbe mit dem lieblichſten Halbdunkel bildete. Stängel wiſchte ſich den Schweiß vom Ge⸗ ſichte und flüſterte in ſein blaugedrucktes Lein⸗ wandtuch:Muth, Elias, Muth, entweder jetzt, oder vielleicht nie wieder!

Die Unbekannte war, wie allzu ermüdet, wenige Schritte hinter der übrigen Geſellſchaft zurückgeblieben; Stängel beſchleunigte ſeinen Gang, ſchon hat er ſie erreicht, und indem er ſeinen mit Käfern und Schmetterlingen wohl ausſtaffirten weißen Cylinder zieht, geht er mit offenem Munde an der freundlich Danken⸗ den vorüber. Im entſcheidenden Momente hat⸗ ten ihm die Worte verſagt, die er ſich doch wäh⸗ rend des Weges vom Prebiſchthore her aufs zierlichſte zurechtgelegt hatte. Mit Schamröthe auf den Wangen und Ingrimm in den Blicken ſchoß er an der übrigen Geſellſchaft vorbei und ſtürmte zornmuthig den Berg hinan, bis er auf dem Gipfel desſelben das hübſche Schweizer⸗ haus erreichte, wo er ſich bei einem Glaſe Wald⸗ ſchlößchen die ärgſten Injurien ſagte.Du biſt ein Feigling, ſprach er zu ſich ſelbſt,ein

Mädchen aus einer Kloſterſchule hat mehr