Heft 
(1858) 7 07
Seite
214
Einzelbild herunterladen

[O

4 6 B 1 4

.y

214

Schickſale eines Waſſertropfens.

Ein Märchen. Erzählt von einem Kinde.*)

Es war an einem ſchönen Sommernach⸗ mittage, als ich auf unſerer Tour durch den tannenduftigen Harz mit meinen Eltern in die Baumannshöhle ſtieg, um den berühmten Tropfſteinſchacht zu bewundern, der bekanntlich ſeinen Namen hat von jenem armen Berg⸗ manne, welcher vor langen Jahren dieſe gewal⸗ tige Höhle zuerſt befuhr, weil er glaubte, Erze darin zu finden, und der dann zwei Tage lang tappen mußte, um den Ausgang wieder zu fin⸗ den, und als er ihn endlich gefunden hatte, in Folge der ausgeſtandenen Angſt ſtarb. So ſchlimm ging es uns nun nicht; vielmehr hat⸗ ten wir große Freude an den prachtvollen ho⸗ hen Säulen und Pfeilern, die der wunderſame Tropfſtein hier gebildet hatte. Wir waren ſchon faſt eine Stunde herumgewandert, da mit einem Male kam es mir vor, als ob ich feine ſilberne Stimmchen ganz hinten in der Höhle vernähme. Ich ſah unverwandt dorthin, wo ſie herkamen, konnte aber nichts Beſonderes bemerken, obſchon ich fortwährend die feinen Stimmchen hörte. Die Neugierde trieb mich jetzt dorthin. Bald hatte ich meine Eltern verlaſſen und befand mich plötzlich ganz allein, umgeben von hohen Tropf⸗ ſteinſäulen, ſo glänzend und durchſichtig, wie ich ſie vorher im ganzen Schacht nicht geſehen hatte. Ich merkte jetzt, daß es nur noch eine Stimme war, welche ſich folgender Geſtalt ver⸗ nehmen ließ:

Liebe Brüder, da Ihr mich aufgefordert habt, Euch als neuer Ankömmling meine Ge⸗ ſchichte zu erzählen, ſo will ich Euch dieſe Bitte gern erfüllen; doch wird dieſe meine Geſchichte nur ſehr kurz ſein, denn meine Gedanken rei⸗ chen nicht mehr ſehr weit, und was kann auch ſo ein kleiner Tropfen, wie ich bin, für eine große Geſchichte haben? In meiner früheſten Zugend ſpielte ich munter und froh mit meinen Geſpielen in dem unermeßlich großen Oceane und tanzte mit ihnen um die Wette auf den weißgekrönten Wellenbergen. Als ich aber eines Tages eben ſo im beſten Spielen war, kam ich unverſehens einer Klippe zu nahe, an welcher eine große Auſter feſtſaß. Kaum ſah ſie mich, der ich ſo fröhlich war, als ſie nach mir

**) Dieſes Märchen, welches wir einer freund⸗ lichen Mittheilung verdanken, wurde von Dr. Adolf Stahr mit folgenden Worten einbe⸗ gleitet:Das Märchen: Geſchichte eines Waſ⸗ ſertropfens darf in der That von einem Kinde erzählt heißen; denn es rührt her aus der Feder eines kaum zwölfjährigen Kindes, eines jungen Mädchens, das dieſe reizende Dichtung im Laufe einer Stunde als Probearbeit in der Schule un⸗ ter Aufſicht des inſpizirenden Lehrers auf's Pa⸗ pier geworfen hat. Da ich etwas Aehnliches von Begabung kaum je erlebt habe, ſo theile ich Ihnen die gedachte Dichtung, die ſich in meinem Beſitze befindet, mit. D. R.

ſchnappte; und ehe ich ihr entwiſchen konnte, hatte ſie mich armen Tropfen ſo feſt einge⸗ ſperrt in ihre enge Behauſung, daß ich nicht wieder herauskommen konnte. Hier mochte ich denn wohl einige Tage in der engen glatten Behauſung gelegen und mein Schickſal beklagt haben, als ich plötzlich einen heftigen Ruck fühlte und ſogleich darauf empfand, daß wir uns in die Höhe bewegten. Die erſchrockene Auſter ſchloß ſich ſo feſt zuſammen, wie ſie nur immer konnte; allein es half ihr nichts, und bald fühlte ich aus den Schwankungen, welche wir erlitten, daß wir uns auf einem Schiffe befän⸗ den. Und ſo war es in der That, wie ich be⸗ merkte, als die Aufter auf eine Sekunde ihr Haus öffnete, um Luft zu ſchnappen. Zuerſt ſchwankte das Schiff nur ganz unmerklich, bald aber wurden die Bewegungen immer wilder und wilder. Der Sturm heulte, die Matroſen ſchrieen durcheinander, einige Paſſagiere riefen jammernd:Wir gehen unter, wir gehen unter! und:Rettet, rettet! Dazwiſchen erklang die gewaltige Stimme des Kapitäns, welcher rief: Die Boote ausgeſetzt! Seinem Befehle wurde Folge geleiſtet. Die Matroſen rafften noch ſchnell ſo viel Lebensmittel zuſanmen, wie ſie finden konnten, um ſie in die Boote zu werfen. Unter denſelben war auch die Tonne mit Au⸗ ſtern, in welcher wir oben auflagen. Das Schiff war nämlich auf eine Klippe gelaufen

und ſaß feſt.

Wohl über einen Tag lang ſchwamm das Boot auf dem ſtürmenden Waſſer umher, und gerade als wir uns der Mündung der Elbe näherten, war der Wellenſchlag ſo heftig, daß eine ſchwere Welle in das Boot ſchlug und das⸗ ſelbe dem Unterſinken nahe brachte. Der Ka⸗ pitän kommandirte jetzt;Alles Ballaſt und alle Lebensmittel über Bord! und ſo wurde ich mit der Auſter über Bord geworfen. Meine Auſter, froh ſich frei zu ſehen, athmete auf, wo⸗ bei ſie ſich ein wenig öffnete.

Puh! Süßes Waſſer! ſchrie ſie verzwei⸗ felnd. Aber ehe ſie die enge Behauſung wieder ſchließen konnte, benutzte ich den Augenblick, und ſchlüpfte hinaus. Was weiter aus der häßli⸗ chen, alten Auſter geworden ſein mag, weiß ich nicht zu ſagen. Ich war froh, wieder unter freiem Himmel, in meiner Waſſerheimat und von der Sonne beſchienen zu ſein. Freilich ver⸗ lor ich meinen ſalzigen Geſchmack und wurde ſüß; aber das kümmerte mich wenig. Konnte ich doch nun wieder munter und fröhlich mit Kameraden ſpielen. 4

Auf den ſtürmiſchen Tag folgte eine ruhige Nacht. Der Mond und die Sterne ſpiegelten ſich funkelnd und flimmernd in der Elbe. Es war Fluthzeit. Ich ſchwamm gerade an einem lieblich gelegenen Orte hart am Ufer vorbei, als ich einen Augenblick ſtille hielt, um nach einem holden Mägdlein zu blicken, welches ſich in demſelben Momente dem Ufer näherte. Still⸗ ſchweigend tauchte ſie plötzlich den Krug, den ſie

in der Hand hielt, in das Waſſer. Ich war ſo nahe, daß ich unwillkürlich in den Krug ſchlüpfte.

Sie trug mich nach Hauſe ohne irgend das geringſte Wort zu ſprechen, und eben ſo ſchwei⸗ gend ſetzte ſie den Krug, als ſie angekommen war, auf den Schrank, welcher in der kleinen Stube ſtand. Erſt als ich dort ſtand, hörte ich, wie ſie zu einer alten Matrone, ihrer alten Mutter, die Worte ſprach:Mutter, ich muß es Dir nur ſagen, ich habe Oſterwaſſer geholt für Nachbars Lischen. Das arme Kind iſt ſo krank und liegt im Sterben. Wenn das Oſterwaſſer dießmal nicht hilft, ſo iſt ſie verlo⸗ ren. Ich muß gleich hingehen und ihrer armen Mutter das Oſterwaſſer bringen.

So geh' mit Gott, Anna, ſagte die Mutter,aber komme bald wieder, denn es iſt tiefe Nacht, und ich bin ſehr müde.

Darauf nahm das Mädchen den Krug von dem Schranke, und ging zum nächſten Hauſe, wo ſie dreimal an den verſchloſſenen Fenſter laden klopfte.

Sogleich wurde die Thüre geöffnet. Als wir in die Stube kamen, ſaß bei dem matten Schein einer Lampe eine Frau an dem Bette ihres Kindes und weinte.

Ihr kommt zu ſpät, rief die arme Mut⸗ ter der Eintretenden zu.Mein Lischen iſt todt! Ach, ich kann es gar nicht glauben, daß es ſo ſei! und dann brach die arme Mutter in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Annchen ſtellte den Krug mit mir an das Fenſter und verſuchte es, die Mutter zu tröſten, indem ſie ihr vorſtellte, wie jetzt ihr Lischen ein Engel und bei Gott ſei, von deſſen Throne aus ſie jetzt als Schutzengel über ihre Geliebten au, Erden wache. Da wurde die arme Mutter ruhiger und ruhiger, und ließ den Kopf auf die Hand fallen. Ich aber konnte es vor Sehnſucht nicht mehr aushalten. Ich ſehnte mich dahin zu kom⸗ men, wo das Kind bei Gott ſei und mit den anderen Englein ſpiele; und ich ſchwebte hinaus, immer höher und höher, ſo daß ich, als der Tag erwachte, nahe bei der Sonne war.

Bald ſammelten ſich eine Menge meiner Brüder um mich, ſo daß wir zuletzt eine dichte Wolkenmaſſe bildeten, die zuletzt ſo ſchwer wurde, daß ſie endlich wieder von dem Himmel herab⸗ fiel, hierher und dorthin. Auch ich befand mich unter den fallenden Tropfen und fiel auf die Erdlage, welche ſich über dieſer Höhle befindet, und indem ich ſo allmälig durchſickerte, wurde ich, wie ihr, meins lieben Brüder und Schwe ſtern, zulett auch wie ihr zu Tropfſtein. Was weiter mein Schickſal ſein wird, müßt ihr wiſſen.

Der Tropfen ſchwieg, und ich fuhr plötz lich erſchreckt auf. Denn ich hörte die Stimme meiner Mutter, welche zu mir ſagte:Marie, Du mußt heute um acht Uhr zur Schule um den Probeauſſatz zu ſchreiben, ſtehe alſo auf! Erſtaunt ſah ich mich um, und ſiehe, die ganzen Schickſale eines Waſſertropfens waren nur ein Traummärchen geweſen!

beſuch Spitz das; Cactt gefall Jung Zwei Gelehr Bild a Stän, ein wi nen, ſt ſchlchte heit in verſchn obwohl Namen benenn Stän

tingen Natur anſtalt ler die den uün gern, ber w wieß Shokc beines lein,

gung gel: in de reine und naten Halt Stee

und