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Seltſamer Weiſe bedünkt ihn auch die endloſe Pußta eben in ihrer Oede wie ein Stück neuen Vaterlandes, und die Klänge, die er auf ihr er⸗ lauſchte, mahnen ihn an die Weiſen der Mem⸗ nonsſäule, fern in ſeiner Urheimat Egypten. Dieſe Klänge werden das Eigenthum ſeiner Geige, und ſo hat man nicht ſo ganz Unrecht, wenn man den Zigeuner einen muſikaliſchen Phönix nennt, aus deſſen Aſche ſtets ein neuer Wundervogel erſteht.
Hiezu kömmt die frühzeitige Uebung. Ge⸗ hör wie Hand erhalten ſchon in der früheſten Zugend durch ſtete Anſtrengung eine faſt fabel⸗ hafte Gewandtheit; was das erſtere vernahm, weiß die letztere getreu wiederzugeben. Es be⸗ darf keiner Noten— Uebung und Gedächtniß erſetzen die Partitur. Ausländer bedünkt der Vortrag des Zigeuners Anfangs freilich unge⸗ mein ſeltſam; Rhythmus wie Tonfall wider⸗ ſtreben allem, was ſein Ohr bisher von den Geboten muſikaliſcher Satzlehre vernommen; auch bringen ihn die vielen Läufe und Triller der Zigeunermuſik vollends aus der Faſſung. Das Gehör jedoch gewöhnt ſich in Kürze an die
ungewöhnlichen Melodien, zumal wenn der Be⸗
ſcher kreiſt und die ängſtliche Kritik der Begei⸗ ſterung weicht. Dann lernt er begreifen, wie bei dem Laſſu tiefe Rührung die geſammten Zuhörer überkommt, und brüderlicher Sinn ein feſtes Band gegenſeitiger Anhänglichkeit um alle Herzen ſchlingt. Dann faßt er, weßhalb der Triß, der Anfangs gar ſchüchtern zu beginnen pflegt, urplötzlich in wilden freudenvollen Klän⸗ gen dahin rauſcht, jedes Gemüth elektriſirend, die Füße zu tanzesmuthigem Schritte an⸗ ſpornend.
Freilich verhallt ſpäter die alte trübe Weh⸗ muth, aber dann beherzige der Fremde, daß der Zigeuner auf ſeiner Fiedel eben nichts an⸗
deres vortrage, als die beinahe ſagenhafte Ge⸗
ſchichte des räthſelhaften Volkes aus dem Oſten, das ſeit den Tagen des Königs Attila— in drei Zwiſchenräumen— als ſeltſamer Gaſt herüber kam aus dem märchenhaften Morgen⸗ lande.
Im Vormärz war, wie geſagt, die Muſik der einzige Freipaß, welcher den Zigeuner auf ſeinen Wandergängen unangefochten durch ganz Ungarn und Siebenbürgen geleiten half. Man konnte die Klänge ſeiner Fiedel als das tö⸗
mentfähig machte in der dielenloſen Cſarda, wo der Roßhirt und Betyar zechte.
Die Zigeuner galten ſonſt als verrufenes Volk, in deſſen Nähe nicht ſicher zu hauſen ſei.
Man zählte ſie, wenn nicht zu den verwe⸗ genſten, doch ſicher zu den ſchlaueſten Dieben, und der Roßhirt horchte doppelt wachſam in die finſtere Nacht hinaus, wenn er wußte, daß ein Pferdefreund in der Nähe ſei, deſſen braune Geſicht farbe, pechſchwarze Haare und blendend weiße Zähne den Flüchtling aus dem Morgen⸗ lande verriethen.
Man erzählte ſich fabelhafte Dinge von der Liſt, mit welcher die Zigeuner mitten auf der
nende Legegeld bezeichnen, das ihn apparte⸗ Vorliebe zum Branntwein, verleitete ſie
Pußta, ſo zu ſagen aus dem Kreiſe der Roß⸗ hirten heraus, den edelſten Renner zu entwen⸗ gen wußten. Auch verſtanden ſie die Kunſt, dem kaum erbeuteten Roſſe durch künſtliche Färbung und anderweitige Geheimmittel ein ſo fremdartiges Ausſehen zu verleihen, daß es der Eigenthümer ſelbſt erſt bei genauerer Prüfung wieder zu erkennen vermochte.
Was den abenteuerlichen Ruf des Zigeu⸗ nervolkes ſteigern half, war die Gabe des zwei⸗ ten Geſichtes oder der Weisſagung, welche man den Zigeunerweibern nicht blos in Dörfern, ſondern ſelbſt in Städten zuzuſchreiben liebte. Eine Prophezeiung aus der flachen Hand galt meyc(s das Kartenorakel irgend einer be⸗ rühnaen ſtädtiſchen Kartenaufſchlägerin, ſo⸗ bald es anders aus dem zahnloſen Munde einer dürren, ſonnenverbrannten Alten kam, die man auf den erſten Blick als eine Blocksbergſchweſter zigeuneriſcher Abkunft zu erkennen vermochte.
Die Zigeunerinen wußten ferner auch an⸗ gebliche Liebestränke zu bereiten; ihre Kunſt machte die Milch gerinnen oder ſie verlieh der letzteren ein röthliches Anſehen wie friſch ver⸗ goſſenes Blut. Sie vermochten das Wetter zu beſchwören, verborgene Schätze zu entdecken; kurz ihre magiſche Allmacht unterlag bei dem un⸗ wiſſenden Landvolke nicht dem mindeſten Zweifel.
Trotz dieſes Aberglaubens wurden die Zi⸗ geuner im ungariſchen Vormärz mehr verachtet als gefürchtet. Man floh ſie, wie der Geſunde den Peſtkranken meidet. Haupturſache war ihre grenzenloſe Unreinlichkeit. Die Kinder gingen bis in das zehnte Jahr, um es in galanter Weiſe auszudrücken, barfuß vom Wirbel bis zur Zehe. Auch liebten die egyptiſchen Flüchtlinge wie alle morgenländiſchen Völker den Genuß von Zwie⸗ bel und Knoblauch. Sie ſcheuten ſich ferner nicht, das Fleiſch umgeſtandener Thiere zu verzehren, weßhalb man ihnen gar oft die Schuld an großen Viehſeuchen beizumeſſen pflegte, ein Umſtand, der die allgemeine Abneigung natürlich noch um ein Bedeutendes ſteigern mußte.
Vor einem halben Jahrhundert waren ſie ſogar in Ungarn als Anthropophagen in üblem Leumunde. Sie wurden hie und da angeklagt, wie die Karaiben Menſchen geſchlachtet und halb roh verzehrt zu haben. Dieß Verbrechen läßt ſich jedoch nirgends gerichtlich nachweiſen.
Ihr Hang zur Trunkſucht, namentlich aber
übrigens in Wahrheit zu Wanderungen nach Pfaden, die in dem Kriminalkodex aller geſitteten Völker durch rothe Pfähle als verboten bezeich⸗ net werden.
Was die Ehe der Zigeuner anbelangt, ſo wurden dieſe eigentlich nicht geſchloſſen, ſon⸗
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Niemand wußte ferner, ob die Zigeuner in der That ein eigenes Glaubensbekenntniß beſaßen. Unter die Türken gaben ſie ſich zur Zeit der Herrſchaft des Halbmondes in Ungarn als Mo⸗ hamedaner, in der Nachbarſchaft von Chriſten ſchlugen ſie ein ſcheinheiliges Kreuz.
Bei dem tauſendjährigen Drucke, welcher dieß räthſelhafte Volk ſeit Generationen belaſtete, mußten ſich wohl alle jene Fehler einſtellen, welche unterjochten Menſchenragen erblich anzu⸗ kleben ſcheinen.
Der großen Kaiſerin Maria Thereſia
ſchien es vorbehalten zu ſein, dieſe Kinder der Haide, die bisher unter ſelbſtgewählten Woi⸗
woden ein Leben mittelalterlichen Fauſtrechtes führten, zu nützlichen Bürgern des Staates um⸗ zugeſtalten. Eine Verordnung, die im Jahre 1768 erſchien, befahl den Zigeunern feſte Wohn⸗ plätze zu wählen, ein beſtimmtes Gewerbe zu treiben und ihre Kinder zu kleiden und in die Schule zu ſchicken. Fünf Jahre ſpäter wurden ihnen ſogar die Kinder weggenommen, um die Kleinen geſittet zu erziehen.
Es war aber vergebene Mühe. Der Zigeu⸗ ner blieb unzähmbar wie die Lüfte des Himmels. Selbſt Joſeph II. vermochte durch mildere Befehle keine bleibenden glänzenden Reſultate zu erzielen. Der Zigeuner gab ſich fort und fort als wilder Sprößling eines unglückſeligen Men⸗ ſchenſchlages.
Von ſeiner Heimat war nie die Rede. Heute ſtand ſeine Hürde in ſonnenloſer Waldeswildniß, morgen auf endloſer fahler Haide. Sein Ge⸗ werbe blieb wie ehedem Wahrſagen, Betteln und Muſiciren. Man wußte nicht einmal, wie viele Schriftſteller behaupteten, ob er einen Gott habe?!
Nur Eine Lichtgeſtalt aus Jenſeits hielt treu und troſtreich an der Seite des europäiſchen Paria aus.
Es war die Himmelstochter Muſik!
Sie ſtand an ſeiner öden Hürde, leiſe flü⸗ ſternd:
„Meine Klänge ſind tönendes Gold! Dar⸗ um ſpiele fein fleißig, mein Söhnlein, ſo lange Deine Saiten erklingen, biſt Du ein willkomme⸗ ner Gaſt. Darum ſpiele Flüchtling vom Nil oder Ganges, ſpiele!“
Die Ungarn aber riefen:
„Hört ihr wie die Geigen tönen, Wie ſie weinen, wie ſie ſtöhnen; Daß doch vier ſo kleinen Saiten So viel Zauber kann entgleiten!“
dern blos loſe geheftet; eine Art Trauung fand wohl ſtatt, aber ein alter Zigeuner vertrat dabei die Stelle des Prieſters. Paare, die ſich nicht mehr liebten, gingen freiwillig auseinander, um neuer Neigung zu fröhnen. Ihre Kinder wuchſen im Müßiggange auf und pflegten früh⸗ zeitig zu den Künſten des Stehlens angehalten zu werden.
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