Heft 
(1858) 7 07
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termaumit einem höchſtverſchmitzten Oberhaupte

an Spitze, unterhalte.

Dieſer Herrſcher, Sarajah⸗Dowlah, der im Jahre 1757 den Thron beſtieg, war effe des berühmten Alloverdy, der ein gleich großes Maß von Ta⸗ ind Niederträchtigkeiten vom Stande

Prinzen erwartet, zeigtener die Anlage zu den ſh deiten de an jungen Thieren die größten Hrauſamkeiten. Durch Gewohnheit, welche durch Schmeichelei noch unterſtüßt wurde, ward ſeine natürliche Grauſamkeit immer ſtär⸗ ker entwickelt. Er war nicht ohne Verſtand, aber, wie alle rohen Naturen vom Eindrucke des Augenblickes beſtimmt, ganz ſeinen Launen und Leidenſchaften hingegeben, dabei hartnäckig, finſter, unfähig den geringſten Widerſpruch zu ertragen. Seine Feigheit bewirkte, daß er Je⸗ dermann, der ſich ihm näherte, mit Mißtrauen betrachtete, ausgenommen ſeine Günſtlinge und Hofnarren, die er ſich von gemeinen Be⸗ dienten zu ſeinen Geſellſchaftern erkoren hatte. Mit dieſen lebte er in den zügelloſeſten Aus⸗ ſchweifungen, und der Hang zu ſtarken Ge⸗ tränken entflammte ſeine böſen Leidenſchaften ſo ſehr, daß ſie in Brutalität ausarteten.

Da die Engländer den Ausbruch eines Krieges mit Frankreich befürchteten, ſo befe⸗ ſtigten ſie das Fort von Calcutta, und trach⸗ teten ſich ſo viel als möglich in Kriegszuſtand zu verſetzen. Sie mußten aber erfahren, daß alle ihre Maßregeln, ſo geheim ſie auch ge⸗ halten wurden, augenblicklich dem Hofe Sa⸗ rajah⸗Dowlah hinterbracht wurden, und daß unter den Eingeborenen und den Moha⸗ medanern Calcutta's eine Verſchwörung ge⸗ gen ſie im Anzuge ſei, welche beim Ueberfall des Nabob von Bengalen zum Ausbruch kom⸗ men ſollte.

Gegen ſo viel drohende Gefahren war die äußerſte Wachſamkeit geboten. Man war ſo glücklich, einige Spione aufzugreifen und dieſe ließen ſich durch die gegen ſie angewand⸗ ten Mittel verleiten, ihr Oberhaupt zu ver⸗ rathen.

Dieſer war der uns wohlbekannte Dari⸗ man. Schon in der nächſten Nacht wurde der⸗ ſelbe plötllich in ſeiner Wohnung überraſcht, ausgehoben, und unter ſtarker Bedeckung in ſichers Verwahrſam gebracht.

Umſonſt war ſeine Berufung auf ſeine hohe Stelſung und ſeinen Einfluß am Hofe des Fürſten, mit deſſen Rache er drohte Man wolte ſeiner Perſon wegen mit dem Hofe in Unterhandlung treten und den Ungrund der dort angegebenen Beſchuldigungen und Ver⸗ leumdungen nachweiſen.

Dariman wurde einem Mitgliede des großen Rathes von Calcutta, Namens Hol⸗

well, dem die Polizei der Stadt oblag, über⸗ geben, und von dieſem zwar ſeinem Range gemäß behandelt, aber mit argwöhniſcher Sorg⸗ falt bewacht, ſo daß eine Entweichung unmög⸗ lich war.

9(Schluß folgt.)

20d GCo

Die Zigeuner.

Eine ungariſche Skizze.

Von Demeter Dudumi.

Der Märzſturm, welcher vor einigen Jah⸗ ren zwar verderblich, doch luftreinigend durch alle Schichten der bürgerlichen Geſſellſchaft brauſte, warf auch die Scheidemauer des Vor⸗ urtheiles um, welche bisher die wandernden Zi⸗ geuner von den übrigen Anſiedlern in Ungarn zu trennen pflegte.

Der Zigeuner iſt nicht mehr der Paria des Welttheiles Europa. Er nennt ſich mit Stolz Bürger des Landes und treibt er in den Städ⸗ ten auch wie früher das Gewerbe des Bettel⸗ muſikanten, ſo haben ſich doch viele ſeiner klang⸗ kundigen Brüder auf eine höhere Stufe des Muſikantenthumes hinaufzuſchwingen gewußt, und die Gebrüder Patikarus zum Beiſpiele ſpielen in Peſt faſt dieſelbe glänzende Rolle, wie nach Maßgabe anderer Verhältniſſe in frü⸗ heren Jahren die Walzerfürſten Strauß und Lanner in Wien.

Einzelne Zigeuner emancipirten ſich noch im Vormärz. Da war unter Anderm der be⸗ rühmte Bihari, den man auch den Geigen⸗ könig zu nennen liebte, und der alsOberon im Attila Jung und Alt, Vornehm wie Ge⸗ ring, Reich wie Arm in wilder Luſt tanzen machte nach den ſtürmiſchen Klängen ſeiner alten Fidel, welche der Aberglaube im Mittel⸗ alter zweifelsohne als bezaubertes Inſtrument auf irgend einem Scheiterhaufen verbrannt haben würde.

Die ſogenannte Nationalbande, ein Schwarm beſonders klangkundiger Zigeuner, erregte einige Zeit vor dem Beginne des erwähnten März⸗ ſturmes nicht blos in Ungarn, ſondern auch in halb Europa ungewöhnliches Aufſehen, und es gab wenige deutſche Journale, die nicht halbe oder ganze Spalten von dem Triumphzuge der Urenkeln der egyptiſchen Pharaonen nach Paris zu erzählen wußten. Sie kamen an die Seine, geigten und ſiegten.

Bihari drehte ſich vor Freude im Grabe um. Was die bürgerliche Stellung anbelangt, ſo blieb jedoch auch dieſe Nationalmuſikbande in einem ſehr knechtiſchen Verhältniſſe, was bei dem angeborenen Hange des Zigeuners zur Trunkſucht freilich als vollkommen gerechtfer⸗ tigt erſchien.

Die übrigen Zigeuner, welche in der Haupt⸗

ſtadt Ungarns verweilten, verharrten in der de⸗ müthigen Rolle des Bettelmuſikanten. Man konnte ſie bei Ausflügen nach den Umgebungen von Peſt⸗Ofen an jeder Krümmung des We⸗ ges ſtehen ſehen, einzeln wie zu zweien oder dreien, um durch das ſogenannteAngeigen ein Paar Kreuzer auf Brod und Wein zu ver⸗ dienen.

Der Ungar pflegte bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten übrigens nicht zu knauſern. Bei wirklichen Tanzfeſten flogen nicht blos Zwanziger und Thaler, nein, ſelbſt oft blanke Goldſtücke in die Taſche des Zigeuners, der im Namen ſeiner Kameraden den klingenden Dank für die aufge⸗ führten Muſikſtücke einſammeln ging.

Derlei Verſchwendung herrſcht noch jetzt.

Sie manifeſtirte ſich im Nachmärz am Glänzendſten in dem damaligen Gaſthauſezu den Raben in der Peſter Rathhausgaſſe; ja man gewahrte ihr großmüthiges Walten noch in den letzten Faſchingszeiten ſelbſt auf den ele⸗ ganteſten Geſellſchaftsbällen in der ungariſchen Hauptſtadt. Wer einenJungenherrenball mitgemacht, wird ſich erinnern, wie frei manche Kavaliere die braunen Söhne. tens zu beſchenken pflegten.

Es liegt aber auch ein eigener Reiz in der ungariſchen Muſik, namentlich in der Art und Weiſe, wie der Zigeuner dieſelbe vorzutragen verſteht.

Die ungariſche Muſik iſt von den Klängen und Weiſen ſeiner Nachbarn, der Slaven und Deutſchen ſehr verſchieden. Dieſe Verſchieden⸗ heit bedingt aber nicht blos der elegiſche Grund⸗ ton, der überall vorherrſcht, mag der Ungar ſei⸗ nem Liebchen ein Ständchen bringen oder trau⸗ rige Geſchicke ſeines ſchönen Vaterlandes beſin⸗ gen. Das Fremdartige liegt auch nicht in der Vorliebe für die Moll⸗Tonarten, ſondermin der oft nur zu grell hervortretenden Regelwidrig⸗ keit, welche alle Gebote der allgemeinen muſi⸗ kaliſchen Satzlehre rein umſtößt. Es iſt der ſelt⸗ ſame Rhythmus und der bizarre Tonfall, wel⸗ cher Ausländern als ein muſikaliſches Räthſel erſcheint.

Die Löſung dieſes Räthſels iſt noch nicht gefunden. Der Zigeuner iſt aber ſelbſt ein le⸗ bendiges Räthſel. Woher kommt er? Von wannen ſtammt er? Was hat ihn aus ſeiner Heimat vertrieben? Iſt er wirklich ein Ab⸗ kömmling der alten Egyptier oder ſtand ſeine Wiege an dem Geſtade des heiligen Ganges?

Wer vermag es zu ſagen! Fragt die Stürme, dieſe Ahasvere der Lüfte, vielleicht, daß ſie Euch Auskunft zu geben vermögen!

Wer alſo vermöchte bei dieſer eigenthümli⸗ chen Natur der ungariſchen Muſik einen ge⸗ treueren Dolmetſch abzugeben, als eben der Zi⸗ geuner, der, um mit einem ungariſchen Schrift⸗ ſteller zu ſprechen, als obdachloſer Sohn der Pußta, dem ewigen Juden ähnlich, in ſteter Wanderung ſein Vaterland zu ſuchen ſcheint, es nirgends findet, und ſeine heiße Sehnſucht daher in der Weltſprache der Empfindung, in der Tonſprache nämlich, auszudrücken ſtrebt.

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