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Wiedererkennen ſchwer zu machen. Dieſe Ent⸗ deckung ſtürzte Thomas in ein Meer von Vermuthungen, Träumen und Plänen. Wieder war ſie von Gefahr bedroht, wieder bedurfte ſie eines Retters. Wie gerne hätte er jetzt wieder ſeine Hilfe angeboten! Jetz war indeſſen die Sache nicht ſo leicht.“
Mehrere Tage verfloßen, ohne daß Tho⸗ mas ſeines alten Verwandten oder der jun⸗ gen Dame anſichtig wurde. So gleichgiltig ihm der erſte Umſtand war, ſo wenig ange⸗ nehm war ihm der letzte; denn ſeine Phantaſie war nur mit dem Bilde derjenigen beſchäftigt, die er einſt gerettet hatte, und die ſein Mit⸗ gefühl um ſo mehr erregte, als ſie mit allen weiblichen Reizen geſchmückt in einer höchſt bedrohlichen Lage ſich befand. Ein zufälliger Blick auf ſeinen Ring, den er von ihrem Va⸗ ter erhielt, brachte ihn auf eine glückliche Idee. Schrubbs wurde als Vermittler benützt, ihr den Ring mit einem Schreiben zu überbrin⸗ gen, in welchem er ſich ihr zu erkennen gab, und in dem er ihr in den ehrerbietigſten Aus⸗
In kurzer Zeit
i ſeine Hilfe anbot. lus Thomas von der Hand eines Ma⸗ ſen folgende Zeilen als Antwort.
„Wenn nicht Ihr Anblick allein ſchon, Jo würde doch ſicher Ihr Ring, der einſt die Hand meines Vaters zierte, mich an meinen Lebensretter erinnert haben. Wie gerne würde ich Ihnen perſönlich meinen Dank für jenen unermeßlichen Dienſt abſtatten, den Sie uns beiden geleiſtet und den wir Ihnen damals nicht vergelten konnten! Aber die Verhältniſſe geſtatten mir nicht, mich Ihnen zu nähern. Für Ihr edelmüthiges Anerbieten, mir mit Auf⸗ opferung Ihres Lebens zu dienen, ſage ich Ih neinen tiefgefühlteſten Dank. Ich fühle mich ſchon getröſtet durch den Gedanken, daß Sie, einſt mein Lebensretter, mir nahe ſind, und freundlich denken an Julie Murray.“
Eine viel ernſtere Begegnung während der langen Fahrt war ein Piraten⸗Ueberfall, ſchon nicht weit entfernt von der indiſchen Küſte. In einer der langen und zugleich ſchwülen Nächte, welche die Annehmlichkeit des Lebens unter jenem Himmelsſtriche bedeutend beein⸗ trächtigen, wurde das Schiff von Korſaren plötzlich überfallen. Thomas und Shrubbs waren der unerträglichen Hitze wegen den en⸗ gen Schiffsräumen entflohen, um auf dem Verdeck eine, wenn auch nicht kühlere, doch freiere Luft einzuathmen. Plötzlich ließ ſich an den Schiffswänden ein Klirren von Waffen, ein Stoßen und Flüſtern vernehmen. Ein Men⸗ ſchenknäuel arbeitete ſich an der einen Seite des Schiffes empor und ſprang auf das Ver⸗ deck. Ein lautes und wildes Schreien, das Kampf und Tod bedeutete, zerriß die Lüfte und verkündete den überraſchten Wachen, daß eine Piratenſchaar, begünſtigt von der Fin⸗ ſterniß der Nacht, ſich genähert und das Fahrzeug erklommen habe. Thomas hatte
hier Gelegenheit, ſeinen Muth und ſeine ſol⸗ datiſche Befähigung in's ſchönſte Licht zu ſtel⸗ len. Schnell war die ganze Schiffsmannſchaft, aus Matroſen und Grenadieren beſtehend, kampfbereit auf dem Verdeck, nach Umſtänden und in der überſtürzten Eile mit den ver⸗ ſchiedenſten Waffen verſehen; Thomas er⸗ griff einen ihm nahe ſtehenden Enterhaken, der mit einem ſpitzen gekrümmten Eiſen verſe⸗ hen war. Mit dieſer furchtbaren Waffe ſtürzte er in den dichteſten Haufen der Feinde, und mit einer wilden, niederſchmetternden Kraft, wie ſie nur die Gewißheit eines unvermeid⸗ lichen Todes geben konnte. Sein Beiſpiel wirkte ermuthigend auf die übrige Mannſchaft des Schiffes, ſo daß die bald verminderte Anzahl der Feinde wenigſtens ein Gleichgewicht in den Kampf brachte. Der ältere Clive, der ſich ebenfals an dem Kampfe betheiligte, wurde ſoeben von einem rieſigen Neger bewältigt und zu Boden geworfen; ſchon holte der Räu⸗ ber einen kräftigen Säbelhieb nach deſſen Kopfe aus, als Thomas noch im rechtzei⸗ tigen Augenblicke durch einen tüchtigen Schlag auf den Schädel des Negers denſelben un⸗ ſchädlich machte, und ſo ſeinen Verwandten von unvermeidlichem Tode rettete. Eine Ka⸗ none, neben welcher er ſtand, zog er mit Rieſenkraft aus ihrer Lage und richtete ſie auf den dichten Haufen der Seeräuber. Ein Blitz, ein Knall und die Feinde zerſtoben mit furcht⸗ barem Wuthgeſchrei. Eine friſche Streitmacht wurde indeſſen, regelmäßiger bewaffnet, vom Kapitän des Schiffes ſelbſt angeführt, und fiel den Korſaren gerade in den Rücken. Dieſe mußten die Hoffnung auf Sieg endlich auf⸗ geben und einzig auf ihre Rettung bedacht ſein, die ſie nur in der eiligen und wilden Flucht finden konnten.
Als die Sonne mit ihren gelben Strah⸗ len ſich aus den Meeresdünſten erhob, da war der Kampf auf dem Schiffe beendet. Die Spu⸗ ren des wilden Gemetzels boten Szenen des Entſetzens.
Thomas, nach der Anſtrengung des Kampfes erſchöpft zu Boden geſunken und aus mehreren Wunden blutend, erhielt von allen Anweſenden den Ausdruck des Dankes und der Bewunderung ſeines außerordentlichen Muthes.
10.
Dariman ſetzt indeſſen ſeine Wanderung mit Sakuntala fort, und begab ſich unter dem Schutze der Nacht nebſt ſeiner Begleite⸗ rin, nach einer in einiger Entfernung von der Stadt liegenden großen Pagode. Hier über⸗ gab er ſie den Prieſterinen der Liebesgöttin, den Bajaderen, welche ſie in allen jenen Künſten, die weibilche Reize zur Geltung bringen, ausbilden ſollten. Von Dariman’s Ankunft ſchon früher unterrichtet, waren alle Vorbereitungen zu ſeinem und ſeiner Gefähr⸗
tin Empſang getroffen worden; außer a⸗ ren mehrere Briefe für ihn angekom die ihm überreicht wurden. Er warf ſich in de
für ihn prachtvoll hergerichteten Gemache auf 1 ein Ruhepolſter und eröffnete die ihm geſandten Briefe. Sie waren theils von ſeinen uder
Seat, theils von Perſonen am Hofe err⸗ ſchers von Bengalen, Sarajah⸗Dowlah ſei⸗ nes Fürſten. Er erfuhr, daß der Fürſt ſeiner lan⸗ gen Abweſenheit wegen kalt gegen ihn zuwerden und einer ihm feindlichen Partei ſich zu zuwen⸗ den ſcheine, weßhalb[man ihm rathe, ſobald als möglich nach Muscadavad, der Reſidenz Saraja⸗Dowlabh's zu eilen, um ra Eindruck, den ſeine Abweſenheit hervorgebr cht, zu verwiſchen..*
Während er noch mit Briefen beſchäftigt war, begehrten mehrere vermummte Perſonen durch leiſes Klopfen Eintritt. Er befahl ſie einzulaſſen. Es waren Spione, welche er in Calcutta hielt, und die ihm über alle Angele⸗ genheiten der Engländer in der Stadt, über die Stärke ihrer Kriegsmacht zur See und zu Lande, den Umfang ihrer Vertheidigungsmittel, die Zahl ihrer Schiffe und Kanonen, über den Stand ihrer Handelsbeziehungen und ihres Verhältniſſes zu den Holländern und Franzo⸗ ſen genaue Auskunft zu geben. Er zeichnete ihre Nachrichten ſorgfältig auf, entließ ſie ſo⸗ dann, und verwendete die ganze Nacht zur Ver⸗ fertigung von Briefen an ſeinen Bruder, an ſeine Freunde und an den Fürſten. Letzterem machte er die ausgedehnteſte Vorſtellung von der nothwendigen Zeitverwendung zu den höchſt wichtigen und umfangreichen Erkundigungen über die in ſeinem Reiche ſich ausbreitenden Fremden. Er unterließ nicht als Zeichen ſei⸗ nes Dienſteifers und ſeiner Fürſorge für das perſönliche Wohl ſeines Fürſten Sakuntala’s zu erwähnen, deren Reize er mit orienta⸗ liſchen Farben malte und ſie die ſchönſte Perle Hindoſtans nannte; er bemerkte ferner, daß dieſes Wunder weiblicher Schönheit in die Ob⸗ hut der Bajaderen Calcutta's gegeben, um hier ihre Reize vor jeder Nachſtellung zu wahren, und daß ſie ſich in den Händen von Lehr⸗ meiſterinen befinde, welche in der Kunſt weib⸗ liche Reize zu entwickeln, am berühmteſten wä⸗ ren. Die ſo lange Abweſenheit vom Hofe recht⸗ fertigte er angelegentlichſt durch die zu Sakun⸗ tala's Heranbildung nöthige Zeit, welche er auch zur Erlangung der Mittel verwendet habe, die er zur Durchführung eines Planes zur völligen Vernichtung der ſich immer mehr aus⸗ breitenden Macht der Fremden benöthigte.
Nach Beendigung dieſes Geſchäftes über⸗ ließ er ſich der nun ſchon höchſt nothwendigen Ruhe.
Aber auch die engliſche Regierung hatte ihre gut organiſirte Polizei, und ſo wurde um dieſe Zeit das engliſche Direktorium in Calcutta benachrichtigt, daß der Herrſcher von Bengalen, zu deſſen Gebiet auch Calcutta ge⸗ hörte, entſchieden feindliche Abſichten gegen die Kolonie habe, und ein Heer von Kundſchaf⸗
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