1 4
210
erkannte. Dieſer präſentirte ihr einen Ring, welchen ihr Bruder bei ihm verpfändet hatte; da dieſer ihn nicht einzulöſen gekommen, und er ihn wegen Geldmangel zu verkaufen ge⸗ nöthiget ſähe— bringe er ihn früher ſeiner Schweſter— ob ſie ihn vielleicht einlöſen wolle, um ihn ihrem Bruder zurückzuſtellen. Im Grunde wollte der gute Dringſcharp ein Geſchäft⸗ chen machen, indem er möglicherweiſe mehr er⸗ halten konnte, als er für den Ring vorgeſtreckt hatte. Sara erkannte ſogleich den Ring ihres Bruders, welchen er bei Gelegenheit der Ret⸗ tung des vornehmen Mädchens im Parke des Gutsherrn erhalten hatte.
„Wie viel habt Ihr darauf gegeben, Mann?“ fragte Joſef.
„Kleinigkeit,“ erwiederte der Ehrenmann, „die ganze Summe beträgt zehn Pſund, mit Zinſen zehn Pfund fünf Schillinge, nicht der Rede werth.“
„Ich weiß mich nicht zu erinnern, wie viel mein Bruder auf dieſen Ring erhalten hat,“ bemerkte Sara,„ich weiß nur, daß er auf denſelben großen Werth legte, und möchte Euch erſuchen, ihn nicht zu verkaufen, da er ihn ge— wiß auslöſen wird. Ich habe im Augenblicke nicht ſo viel um ihn zu bezahlen, aber lieber Dringſcharp, Ihr müßt noch Geduld haben, Ihr ſollet bald befriedigt werden.“
Da der gute Mann zum Warten ſich nicht einverſtehen wollte, ſchlug ſich Joſef in's Mit⸗ tel, zählte die geforderte Summe auf, und nahm den Ring in Empfang.
Der ehrliche Pfandleiher ſtrich das Geld mit wahrer Rabenfreude ein, und eilte davon, mit der freudigen Ueberzeugung, außer der Summe, die er nothgedrungen ſeiner Gattin überbringen mußte, noch fünf Pfund für ſich zur Verfügung zu haben.
In der Thüre begegnete ihm Sam, ein Diener des Hauſes, und meldete einen Gre⸗ nadier aus Sr. Majeſtät Regiment. Dieſer war Niemand anderer, als Schrubbs, der ein⸗ trat, und nachdem er mit militäriſchem An⸗ ſtande gegrüßt hatte, Sara einen Brief über⸗ reichte. Sie nahm ihn, erkannte die Schrift ihres Bruders und öffnete ihn zitternd. Er lautete:
„Theuere Schweſter!
Mit unverdienter Zurückſetzung und Ver⸗ achtung von denen behandelt, die ſich meine Verwandten nennen, habe ich nach dem Dir bekannten Vorfalle das Haus verlaſſen. Ich bin jetzt Soldat, und werde eine mir mehr zu⸗ ſagende ehrenvolle Laufbahn antreten, auf der mir Auszeichnung oder Tod winkt. Dich zu verlaſſen iſt mein eige Kummer, und ich kann es nicht, ohne Dich noch einmal geſehen und an mein Herz gedrückt zu haben. Ich er⸗ warte Dich morgen früh auf dem Kirchhofe; am Grabe unſerer Mutter laß uns Abſchied nehmen.
Dein treuer Bruder.“
Sara ließ den Brief fallen, und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. Sie zerfloß in Thränen, während Joſef den Brief aufhob und ihn las.
Schrubbs kehrte ſich kurz um, und ſchritt zur Thür hinaus. Der nächſte Morgen brei⸗ tete noch ſeinen grauen Nebelſchleier über das unendliche Häuſermeer des ungeheuern Lon⸗ dons aus, als Sara ſich ſchon auf den Weg nach dem Kirchhofe begab. Bekümmert und nachdenkend ſchritt ſie dahin, als ſich plötzlich die ſtattliche Geſtalt eines Soldaten ihr ent⸗ gegenſtellte. Es war Schrubbs, der ſich das Vergnügen nicht hatte verſagen können, ihr beim Ausgange aufzupaſſen, und ſie auf dem Wege zum Kirchhofe zu begleiten. Er tröſtete ſie über die Trennung von ihrem Bruder, in⸗ dem er ihr ſeine und folglich auch ihre Zukunft in ein glänzendes Licht ſtellte.
Auf dem Kirchhofe angelangt, warf ſich Sara in die Arme ihres ſie bereits erwar⸗ tenden Bruders; ſchmerzliche und doch ſüße Gefühle bewegten die Bruſt der beiden Waiſen. Der Moment der Trennung war gewiß, aber wie ungewiß das Wiederſehen! Wie viel Herz⸗ liches hatten ſie ſich zu ſagen! Nur wer es je gefühlt, kann es faſſen, was ſie ſich ſagten! Als ſie ihre reichlich fließenden Thränen trock⸗ neten und den Blick zur Seite wandten, be⸗ merkten ſie zwei Geſtalten, die ſich ihnen indeß genähert hatten.
Es war Joſef und ſeine Mutter.
Thomas erröthete, als er unerwartet ihrer anſichtig wurde. Welcher Beweggrund mochte ſie hierher geführt haben? Doch der freund⸗ liche und ſeelenvolle Blick der Frau Drum— mond belehrte ihn, daß die Gattin ſeines Onkels deſſen Gefühle nicht theilte. Selbſt Joſef's ſtereotypes Lächeln hatte einen an⸗ dern Ausdruck und ſöhnte Thomas völlig mit ihm aus.
Jedenfalls war er durch dieſen unerwar⸗ teten Beweis von Theilnahme dieſer beiden Perſonen über Sara's Schickſal beruhigter, was ihm den Abſchied jedenfalls erleichterte, und ihm eine troſtreiche Beruhigung auf ſeine weite Reiſe mitgab. Beim Scheiden über⸗ reichte ihm Sara den eingelöſten Ring, und Frau Drummond ein Päckchen, das ſie ihm erſt in ſeiner Behauſung zu eröffnen bat. Nach ausgetauſchten herzlichen Worten trenn⸗ ten ſie ſich.
9.
Auf dem Schiffe, welches unſere Helden nach Indien bringen ſollte, hatte derſelbe manche Begegnungen. So erkannte er unter den Mitreiſenden jenen Mann, der ihm einſt auf dem Kirchhofe am Grabe ſeiner Mutter begegnet war. Auch Schrubbs hatte ſeine Begegnung gehabt, welche in ihm eine dunkle Erinnerung erweckte. Er hatte den Neger ge⸗
ſehen, den er einſt an jenem Nachmittage ge⸗
prügelt, da Kapitän Clive ſich in Gegen⸗ wart ſeines Verwandten erſchoß. Er hatte daraus auf die Anweſenheit dieſes Verwandten geſchloſſen, und theilte ſeine Vermuthung dem jungen Freunde mit.
Thomas konnte ſich nun das eigenthüm⸗ liche Intereſſe erklären, daß jener Mann, den er erſt zweimal geſehen, und der ſeinen Na⸗ men nannte, ohne daß er ihn kannte, an ihm nahm. Thomas legte jedoch kein beſonderes Gewicht auf dieſe Entdeckung, er hegte keine
kommen, der ſo wenig gehandelt wie es einem ſo nahen Verwandten geziemt hätte. Ja das Gefühl der Abneigung, das ſich ſeiner wie inſtinktmäßig beim erſten Anblicke bemächtigte, flammte im glühenden Haß gegen ihn auf, wenn er des unglücklichen Schickſals ſeines Va⸗ ters gedachte.
Ferner wurde er einer weiblichen Geſtalt gewahr, die am Arme eines Offiziers auf dem Verdecke erſchien. Der Offizier, noch jung, zeigte in ſeinem Geſichte einen mürriſchen und ſtolzen Ausdruck und die Spuren eines frühzeitigen Ablebens. Seine Begleiterin, an der Schwelle des jungfräulichen Alters, von bezaubernder Schönheit, kam Thomas ſehr bekannt vor, ohne daß er ſich erinnern konnte, unter wel⸗ chen Umſtänden er ihr begegnet wäre. Er ſaß
von Tauen ſtand, ſo daß ihn die Ankommen⸗ den nicht gleich bemerken konnten, und er ſo in der Lage war, ihr Geſpräch unabſichtlich und ungeſehen anzuhören. So erfuhr er, daß der junge Mann, welcher Kapitän Ellis an⸗ geredet wurde, die ſchöne Dame, welche er ſeinerſeits„die ſchöne Julie“ nannte, mit Lie⸗ besbetheuerungen beläſtigte, welche die Ange⸗ betete mit Verachtung zurückwies, und daß die junge Dame ſo wie ihr Vater in den Händen des reichen Offiziers waren, da letzterer des Erſtern zerrüttete Glücksumſtände benützte, um ihn von ſich abhängig zu machen und die Tochter als Preis ſeiner Dienſtleiſtungen zu fordern.„Sie müſſen die Meine werden,“ ſchloß der Offizier ſeine Liebeserklärung,„ſelbſt wider Ihren Willen.“
Bei dieſen grauſamen und abſcheulichen Worten erhob ſich Thomas und blickte dem Sprechenden voll in's Geſicht. Das Geräuſch, welches ſein Aufſtehen verurſachte, bewirkte, daß die Beiden nach ihm ihre Blicke richteten. Ein Schrei der Ueberraſchung entſchlüpfte den Lippen der jungen Dame, auch ſie ſchien ei⸗ nen Bekannten zu ſehen. Der Offizier hinge⸗ gen warf auf Thomas einen feindſeligen, verachtenden Blick, nahm ſeine Begleiterin beim Arme und führte ſie vom Verdecke. Jetzt blitzte in Thomas eine Erinnerung auf— Julie war jenes junge Mädchen, das einſt in Be⸗ gleitung des Oberſten Murray im Park von einem wüthenden Stiere verfolgt und durch unſern Freund auf ſo wunderbare Weiſe
tiefen Eindruck auf ihn gemacht, um das
Luſt mit einem Verwandten in Berührung zu
auf einer Kanone, die neben einem Haufen
gerettet wurde; ihre Züge hatten einen zu
—
——


