Heft 
(1858) 7 07
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am Saume der Ebene etwa tauſend Fuß über ſie erhob.Noch dieſe Nacht wollen wir auf⸗ brechen, um mit Sonnenaufgang den Wohn⸗ ort unſeres Bruders zu erreichen.

Auf der der Karavane entgegengeſetzten Seite, die der obige Sprecher mit ſeinem Fin⸗ ger bezeichnete, brachte ein zartgeſtaltetes jun⸗ ges Mädchen auf einen derFelſen Früchte und Waſſer. Bei ihrer Annäherung erhob ſich aus der Höhle dieſes Felſens die Geſtalt eines Menſchen, die einen entſetzlichen Anblick darbot; das Mädchen ſchien dieſes Anblickes ſchon ge⸗ wohnt zu ſein. Der Mann war alt, lang, ha⸗ ger, faſt nackt; ſein Haar hing wild verworren um ſein Geſicht, ſein Bart erreichte den Gürtel. Sakuntala,*) ſagte der Einſiedler beim An⸗ blick des Mädchens,Du wirſt mich nicht mehr zu pflegen brauchen, dort drüben, er zeigte auf die Ebene, wo die Feuer der Karavane brann⸗ ten,harret Deiner der Palankin, der Dich in die bunte Welt führen wird, wenn ich hinüber lo⸗ dere in die große Weltſeele. Setze Dich und höre die Geſchichte Deiner Jugend.

Das Mädchen gehorchte mit ehrerbieti⸗ gem Schweigen, der Einſiedler ſchloß ſeine Augen und begann:Unſer Volk, das größte und älteſte der Erde, aber auch das weiſeſte

und mächtigſte, wurde von Barbaren unter⸗

jocht, die unſere Töchter raubten, unſere Söhne zu Sklaven machten und ihren Stahl in das

Herz unſerer Fürſtengeſchlechter tauchten, deren

uralten Throne ſie ihnen raubten. Nur we⸗ nige Sprößlinge des erlauchten Stammes flüchteten in dieſe unnahbaren Berge. Zu denen gehöre ich und meine beiden Brüder, die Du bald ſehen ſollſt. Auch der weiſe Mena⸗ ſatha, der vor mir dieſe Stätte bewohnte, ge⸗

hörte zu den Geflüchteten; er ſtammte von den

Göttern her, wir nur von dem uralten Fürſten⸗ ſtamme. Er unterwies uns in der Weisheit unſerer alten heiligen Lehre, da wir noch Kinder waren. Er beſaß eine Tochter, deren himmli⸗ ſche Reize ihren göttlichen Urſprung zeigten. Während wir unſere heiligen Betrachtun⸗ gen fortſetzten, und in tiefer Verehrung Me⸗ naſatha's Weisheit huldigten, geſellte ſich uns ein Sohn der fernen Inſeln im weſtlichen Meere, wir nahmen den Fremdling freundlich

auf, der lange unter unſerem Volke gelebt

hatte, er ehrte unſere heiligen Gebräuche und Menaſatha, der weiſe und fromme, hatte bald eine thörichte Vorliebe für den Fremden, die endlich auch von ſeiner göttlichen Tochter getheilt wurde. Ja, dieſer Abkömmling einer Göttin, Menaſatha's Tochter, zeigte bald die Folgen ihrer Schuld, und Menaſatha beweinte den Frevel ſeines Geſchlechtes bis er erblindete.

Als beide einen verzweifelten Fluchtver⸗

ſuch machten, überfielen wir ſie, und unter den

»)Sakuntala der Name der Heldin eines alten indiſchen Dramas von Kalidaſas, das zuerſt von Horſter und neuerdings von Meyer in's Deutſche übertragen wurde.

Bemühungen ſie zu feſſeln, wurde ſie von der Frucht ihres Verbrechens entbunden, es war ein Mädchen; der einzige Nachkomme Mena⸗ ſatha's und der Sproß einer Himmliſchen, den wir ſorgſam bewahrten und pflegten. Die⸗ ſes Mädchen, o Sakuntalal dieſes Mädchen einer dem Tode geweihten Mutter, warſt Du! Vom heftigen Schmerze erbebend zer⸗ floß die Angeredete in Thränen.

Du warſt es. Wir brachten Dich vor den bitter weinenden Menaſatha, der die Schul⸗ digen uns zur gerechten Strafe übergab, Dich aber hieß er leben, und empfahl Dich unſerer Obhut.

Nun übten wir an beiden die verſchuldete Strafe, indem wir ihn entkleideten und an einen Pfahl banden, ſie aber vor ſeinen Augen bis an den Hals in die Erde gruben, damit ſeine verruchte Seele die der Entweihten aus⸗ hauchen ſehe. Er raſte wie ein gefeſſelter wüthender Löwe an ſeinen Banden, daß das Blut aus ſeinen Hautporen in Strömen her⸗ abfloß, er fluchte die gräßlichſten Flüche, die je ein menſchlicher Mund ausſprach, während vor ſeinen Augen ſein Weib mit den letzten Verzuckungen einer Sterbenden ſeine Hilfe ver⸗ langte, bis ſie verſchied. Wir verließen den Ort der Qual, um Menaſatha von der vollzo⸗ genen Strafe und vom Tode ſeiner Tochter zu berichten. Der Fremde am Pfahl mußte durch die brennende Sonne und durch die herangelock⸗ ten Geier auch bald des erbärmlichſten Todes ſterben. Menaſatha überlebte nur wenige Stunden ſeine verbrecheriſche Tochter.

Nachdem wir ſeine Leiche in den heiligen Strom verſenkt hatten, kehrten wir hieher zurück, der Fremde war entkommen; wir er⸗ fuhren ſpäter, daß eine Schaar hieher verirr⸗ ter Fremdlinge ſeine Bande löſte und ihn ſo dem ſichern Tode entriß. Wir drei Brüder loſten nun über Dich, wem von uns Du bis zu einem ge⸗ wiſſen Alter gehören ſollſt. Wir gelobten nach Ablauf dieſer Zeit uns hier auf dieſem Felſen wieder zu finden. Du fielſt mir durch das Los zu. Ich brachte Dich zu den armen Hirten, Deinen gegenwärtigen Pflegeeltern, während ich mich hier den Göttern zu weihen beſchloß, um hier entfernt von der Welt mich in Betrachtungen des Ewigen zu vertiefen, gleich den Heiligen meines Volkes, hier, wo Menaſathass Tochter endete; denn ich hatte ſie geliebt mit der Liebe, die man himmliſchen Weſen widmet, und die Stelle, die ihre Leiche barg, war mir heilig.

Nun iſt die Zeit um, die ich mit meinen Brüdern feſtgeſetzt habe, bald werden ſie nahen, deren Händen ich Dich übergeben will. Ich aber werde mich nach dem Vorgange der Weiſen unſeres Volkes den Flammen opfern nach Brama's heiligem Willen. Das Mädchen ſchluchzte laut und jammerte bitter beim Anhö⸗ ren dieſer grauſenhaften Erzählung.

Mit den erſten Zeichen des grauenden Morgens erhob ſich die ganze Karavane, welche im Thale die Nacht über verweilt hatte, um

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ſich dem Berge Wiswatra's zu nähern; am Fuße des Berges ließen die beiden Führer der Reiſegeſellſchaft ihre Diener zurück, und be⸗ gaben ſich allein den ſteilen Berg hinan, den ſie mit ſichtlicher Mühe und Anſtrengung er⸗ ſtiegen.Wie ſind wir doch verändert, be⸗ merkte Seat,ſeit wir dieſe Berge verließen; die Luft der Ebene wirkt entnervend auch auf den Kräftigſten. Als unſere Vorfahren noch in dieſen Bergen ein wildes und kräftiges Le⸗ ben führten, waren ſie fähig, ſich erobernd von hier hinabzuſtürzen. Aber im Laufe der Zeiten erſchlaffte ihre Kraft, und ſie erlitten ſelbſt das Schickſal, das ſie einſt andern auf⸗ erlegt. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo bereiten ſich jetzt ähnliche Dinge vor. Das Inſelvolk, das ſich bei uns eingeniſtet, wird uns erdrücken, und unſer Volk wird ſich vor dem Kreuze beugen.

Das war Menaſatha's Prophezeiung, unterbrach Dariman den Sprecher.Welche furchtbare Erinnerungen knüpfen ſich an dieſen Namen, an dieſen Ort! 1

Würden wir heute ſo handeln, wie wir damals handelten?Das bezweifle ich ſehr, wir haben im Getriebe des Lebens unſere An⸗ ſichten, die wir damals vom Leben hatten, be⸗ deutend geändert, wir haben einſehen gelernt, daß Vieles von der Weisheit Menaſatha's, die uns damals begeiſterte, eitle Thorheit iſt. Wir haben Reichthum, Macht und Einfluß gewonnen, wir haben unſere Herrſcher durch Schmeicheleien und fein geſponnene Intriguen von uns abhängig gemacht, ohne daß ſie dieſe Abhängigkeit bemerken. Wer gilt mehr am Hofe Rajah Dowlah's, des Herrſchers von Bengalen, als wir?

Die Stellung iſt wohl unſicher, be⸗ merkt Seat,doch iſt dieß das Los der Herrſcher ſelbſt, und kann auch das Los des Rajah Dawlah' ſein. Er iſt jung und wie Du weißt, allen Leidenſchaften und Thorheiten der Jugend ergeben, und ſolche Fürſten werden ſelten alt.

Deſto beſſer für uns. Für jetzt will ich ihn indeſſen beſchäftigen, damit er nicht im beſtändigen Strudel von Rauſch und Wolluſt, durch Ekel und Ueberſättigung zu früh er⸗ ſchlaffe.

Und wie will dieß mein weiſer Bruder an⸗ fangen?Ich benütze den wüthenden Haß des Rajah gegen die Engländer. Er muß bald mit ihnen anbinden, und wird alle Hände voll mit ihnen zu thun bekommen.

Während dieſes Weges erhob ſich die auf⸗ ſteigende Sonne immer mehr zwiſchen zwei himmelaufſtarrenden Gipfeln, und es entrollte ſich vor ihren Augen das prachtvollſte Bild einer zauberhaft ſchönen Gegend. Sie bogen um eine Felswand und ſtanden in wenigen Minuten vor Wiswatra.

Möge Brama Euer Kommen ſegnen, begrüßte ſie der Einſiedler.Ihr habt Euer Wort gehalten, meine Brüder.

Dieſe verneigten ſich ſchweigend, indem ſie