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mit der Rechten ihre Lippen berührten, und dann ihre Arme auf der Bruſt kreuzten.
„Und ſo ſehen wir uns nach einer Reihe von Jahren wieder,“ nahm Dahriman das Wort,„aber wir ſind nicht dieſelben geblieben, Du Wiswatra haſt Dich mehr den Göttern, wir haben uns mehr den Menſchen genähert.“
„Sehe ich ſo den Zögling Menaſatha's?“ fragte der Einſiedler.„Du haſt, geblendet vom Sinnesreize des Lebens der hohen Weisheits⸗ Lehre vergeſſen, die uns unſere Weiſen über⸗ liefert haben aus grauer Vorzeit, während ich dem Sinnestruge entgegengeſtrebt durch Ab⸗ tödtung und Selbſtkaſteiung. Alle Euere Freuden wiegen die Entzückungen nicht auf, die ich empfand, wenn es mir gelang, hier auf dieſem einſamen Felſen aus mir ſelber zu fliehen und mich in den Schoß der Gottheit zu verſenken. Und wenn ich in die unermeßliche Leere der reinen Betrachtung mich verloren hatte, tauchte das Bild vor mir auf, an das ſich die ganze entſchwundene Sinnenwelt knüpfte. Es war das Bild der Tochter Menaſatha's.“
Die beiden Brüder ſchwiegen, ziemlich ge⸗ rührt von dem Zuſtande und dem Geſtänd⸗ niſſe des Einſiedlers, der ihnen nach langen ähnlichen Ausbrüchen eines bis zum Wahnſinn geſteigerten Fanatismus die Enkelin Me⸗ naſatha's übergab und ihnen ſeinen Ent⸗ ſchluß mittheilte, nach erfüllter Pflicht in den Flammen zu Bram a's Thron außzuſteigen. Und zu dem weinenden Mädchen gewandt, ſagte er:„Du Sakuntala, wenn Du den Scheiter⸗ haufen angezündet haben wirſt, in deſſen Flam⸗ men ich zu Aſche und Aether werden ſoll, ge⸗ hörſt Du meinen Brüdern, denen ich Dich hie⸗ mit übergebe, folge ihnen, dieß iſt der letzte Be⸗ fehl Wiswatra's an Dich. Lebe wohl!“
Der Scheiterhaufen, den der Fanatiker nun beſtieg, indem er eine Hymne zu Ehren Bramass ſang, wurde nun angezündet, und bald umhüllten Flammen und Rauchwirbel den Einſiedler.
Die Zuſchauer dieſes grauſenhaften Schau⸗ ſpieles, zu dem auch die in der Nähe gelager⸗ ten Diener herankamen, ſahen dieſe freiwillige Selbſtopferung in ihrem religibſen Wahne als den höchſten Grad menſchlichen Verdienſtes an, daher dieſe Geſellſchaft ohne weitere Um⸗ ſtände dieſen Platz verließ und Sakuntala in ihre Mitte nahm. Dariman theilte ſei⸗ nem Bruder Seat ſeine Abſicht mit, dieſes mit allen Reizen der Jugend ausgeſtattete Mädchen für den Harem ſeines Fürſten Do⸗ wlah zu beſtimmen, und um ſie gehörig vor⸗ zubereiten, ſie in Calcutta einer Geſellſchaft Bajaderen zur Ausbildung zu übergeben. Er hüllte ſie ſorgfältig in Schleier und Shawls ein, und nachdem ſie in einen neu herge⸗ richteten Palankin gepackt worden, wendete ſich die Karavane wieder dem Wege zu, von welchem ſie gekommen war.
ſterſtützt die angeborene Trägheit der Bewohner
6.
Unſere Erzählung fällt in eine Periode, wo in Indien der Samen zu einer großen Zukunft geſtreut wurde, und wo nach dem bloßen Intereſſe der Eroberung, wie es die Mohamedaner vertreten hatten, das Handels⸗ intereſſe und das Prinzip der Civiliſation ſich Bahn brachen.
Der Schauplatz, auf welchem die erſten Keime der britiſchen Macht ſich glänzend ent⸗ falteten, war Bengalen. Dieſe öſtliche Pro⸗ vinz Indiens machte das Reich des Groß⸗ Moguls aus. Der Ganges, der größte Strom Indiens, wälzt ſeine ungeheuern Waſſermaſſen durch dieſe Provinz dem Meere zu, und trägt mächtig dazu bei, den Handel mit andern Welt⸗ theilen zu erleichtern. Die ungeheuere Fläche dieſer Provinz wird noch von vielen andern aus dem Gebirge kommenden Strömen frucht⸗ bar gemacht; zudem dauert die Regenzeit vom Mai bis zum Auguſt, daher die Frucht⸗ barkeit dieſes Erdſtriches mit keinem andern der Welt verglichen werden kann, und den Einwohnern ihre Nahrung verſchafft, ohne daß dieſe die geringſte Mühe anwenden müſſen. Die ungemeine Fruchtbarkeit des Landes un⸗
desſelben, welche auch durch eine unelaſtiſche, abſpannende Athmoſphäre der entnervteſte und ſchwächſte Menſchenſchlag des moguliſchen Rei⸗ ches ſind.—
Von der Geſchichte der Ureinwohner wiſſen wir nichts. Etwa 2000 Jahre v. Chr. ſtiegen kriegeriſche Völker kaukaſiſchen Urſprungs in das Stromgebiet zwiſchen den Indus und den Ganges herab, eroberten mit leichter Mühe das Land, und jagten die Stämme, welche ſie beſiegt hatten, in die Gebirge. Dort bewahrten ſie ihre nationalen Eigenthümlich⸗ keiten in Sitte, Religion, Sprache und Kör⸗ perbildung. Ihre Nachkommen will man in einer ganzen Reihe von Stämmen erkennen. Man nennt in dieſer Hinſicht die Ramuſis, ferner die Puharis der Wildniſſe, an den Grenzen von Bengalen die negerartigen Pu⸗ lindas, die räuberiſchen Pindaris, die Bhils, die Räuber der Berge; die Kulis, Kands und Sur, die Mianas, welche den mohamedaniſchen Glauben angenommen haben; die vielen Völkerſchaften des Himalaja, und noch viele andere, die das Gebiet des Ganges bewohnen und unter dem Geſammtnamen der Hindus begriffen werden— bei denen die alten Kaſtenunterſchiede ſich fort und fort er⸗ halten haben; als: die Kſchotris, Krieger, die Waiſchis, Arbeiter, die Schudris, Diener und die von Letztern mit Mitgliedern höherer Kaſten erzeugten Kinder, die unter den Namen Parias, als die Verachteteſten bekannt ſind. Solche Kinder haben keine Rechte.
Ein ſo in ſich zerſpaltenes Volk konnte ſeine Selbſtändigkeit nur ſo lange bewahren, als es nicht von einem andern kräftigeren
welches die Lehre Mohameds entzündet hatte, breitete ſich im Laufe der Zeit auch gegen In⸗ dien aus. Mord und Verheerung bezeichnet die Regierung der verſchiedenen nach einan⸗ der ſich folgenden Geſchlechter.
Das mohamedaniſche Element hat auf die Hindus die ſchlechteſten Einflüſſe geäußert. Alle verwerflichen Sitten ihres Charakters, die im Verlaufe unſerer Erzählung hervortreten: Grauſamkeit, Heimtücke, Untreue und Eidbruch, ſind ihnen erſt durch die Berührung mit den Muſelmännern eingeflößt worden, und in 700
gewaltigſten Rückſchritte gemacht.
Deer Handel in dieſes Land wurde den Engländern durch einen Wundarzt, Namens Boughton eröffnet, der 1636 die Tochter des Kaiſers Schah Jehan von einer ſchweren Krankheit heilte, und dafür das Patent zu einem zollfreien Handel in allen ſeinen Staaten erhielt. Späterhin bildete ſich eine eigene Handelsgeſellſchaft in London, die den Handel in Bengalen in großem Maßſtabe führte und Calcutta zum Sitze eines Direktoriums wählte, das allein von ihr abhängig war. Im Jahre 1756 hatte ſich dieſe britiſch⸗oſtindiſche Kom⸗ pagnie ſchon ſo kräftig gefühlt, daß ſie Erobe⸗ rungskriege begann, welche noch heute nicht be⸗ endet ſind.—
Dariman mit Sakuntala ſehen wir auf dem Wege nach Calcutta, während ſein Bruder den Weg nach Murſchidabad, der Hauptſtadt des Sarajah Dowlah, ſeines Fürſten, einſchlug.
Außer den verwerflichen Zweck, Sakun⸗ tala unter die Obhut von Bajaderen zu geben, um ſie von dieſen käuflichen Frauen⸗ zimmern in allen Künſten zu unterrichten, und ſie ſo für den Harem des Nabob's ge⸗ eignet zu machen, hatte er noch tiefere und umfaſſendere Pläne, welche ſeine Anweſenheit in Calcutta nöthig machten.
So einförmig die Fahrt auf dieſem Strome war, hatte doch Dariman Gele⸗ genheit, ſich das Verdienſt einer beſondern Auf⸗ merkſamkeit für ſeinen Schützling zu erwerben gewußt, nicht ſo ſehr aus gutem Herzen als viel⸗ mehr um ſich deſſen Vertrauen zu erwerben. So ließ er, um von der drückenden Hitze der brennenden Sonne ihr Erholung zu verſchaffen, in der Nähe des Ufers unter dem erfriſchenden Schatten einer Gruppe von Kokosbäumen einen prachtvollen Teppich ausbreiten, auf welchem ſie ſich niederließen, und die überra⸗ ſchenden Kunſtſtücke eines vorüberziehenden Jongleurs mit anſahen. Mit der Kühle der anbrechenden Abenddämmerung begaben ſie ſich wieder auf das Schiff, und Sakun⸗ tala, durch die Zerſtreuung und durch die neuen überraſchenden Eindrücke etwas vertrau⸗ licher geſtimmt, erzählte ihre Jugendgeſchichte und ihr Leben in den Bergen. Wie ſie von den Hirten Ramanyan, denen ſie Wiswa⸗ tra zur Pflege übergab, erzogen wurde, von
Volke angegriffen wurde. Das Kriegsfeuer,
ihren Ziegen und Schafen, von ihrer Wallfahrt
Jahren hat das Kulturleben der Nation die


