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Vom Wirthe begleitet, trat er vor die Thür, tief athmend herumſchauend.
„Hier iſt doch andere Luft, wie in Berlin,“ ſprach er mit lachendem Pathos.„Was bedeutet denn das Haus dort oben? Iſt es das Sans⸗ ſouci eines Dorfmonarchen?“
Herr Lambert, angeſprochen von ſeiner Scherzweiſe, erklärte ihm heiter, wer Eigen⸗ thümer dieſer„Villa“ ſei und pries ihm die Ueberſicht von dort aus.
„Dann wollen wir hinaufſteigen und uns den Thron des Herrn Voigtländer einmal näher beſichtigen,“ ſcherzte der Kaufmann mit einem eigenthümlichen Lächeln.
„Hüten Sie ſich nur vor Kätchens Au⸗ gen,“ warnte der Wirth.„Sie kommen ſonſt Herrn Behrens in's Gehege.“
„Was tauſend?“ rief der Kaufmann über⸗ raſcht.„Sponſirt„Ihr Herr Behrens“ in Voigtländers Revier? Kätchen Voigt⸗ länder? Hm— nicht übel— der Mosje iſt klüger als ich gedacht habe. Aber,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„entweder muß das Mädel, das Sie Kätchen Voigtländer nennen, verteufelt häßlich ſein oder ſie hat einen abomi⸗ nablen Geſchmack.“
Mit dieſem Ausſpruche trennte er ſich von dem goldenen Löwenwirthe und ſtieg gemäch⸗ lich, wie es ſchien, den ſchmalen Waldweg auf⸗ wärts.
Ob die kleine Höhe ſchon im Stande war ſeine ſonſt kräftige Bruſt anzugreifen, oder ob andere Gründe obwalteten, ihm Herzklopfen zu verurſachen?
Unweit des Hauſes blieb er ſtehen, lehnte ſich an einen Baum und blickte träumeriſch auf die Umhegung des Etabliſſements, die es vor dem Eindringen neugieriger Blicke ſchützte. Seine Gedanken ſtrichen über den Namen „Kätchen“ hin.
„Es wäre ein guter Ausweg, wenn ich dieß Kätchen ratete,“ ſagte er plötzlich vor ſich hin,„aber— pfli!“—
Langſam, faſt nur gezwungen von der Nothwendigkeit, vorwärts oder rückwärts zu müſſen, ſchritt er dem Hauſe näher und betrat den Fußſteig, der ſich in Schlangenlinien bis zur Gartenpforte hinzog. Bei einer plötzlichen Wendung aus dem dichten Geſträuche hervor⸗ ſchreitend, befand er ſich unerwartet dicht vor dem Eingange der Taxushecken und ſah eine alte, einfach, aber ſehr ſauber gekleidete Frau auf einer Gartenbank außerhalb der Hecke im Schatten der hohen Buchen ſitzen. Sie ſchien des friſchern Luftzuges wegen mit ihrem Strick⸗ zeuge hiehergeflüchtet zu ſein. Ein ſchöner, braun gefleckter Wachtelhund lag ſchlafend zu ihren Füßen und erhob ſich erſt, leiſe knurrend, als der Fremde ſchon grüßend ſeinen Hut ge⸗ zogen hatte..
Die alte Frau dankte freundlich. Ihre hel⸗ len Augen richteten ſich ruhig zu dem Geſichte des jungen Wanderers auf und ſie bedeutete ihren Hund, der, zwar nicht ſo jähzornig wie bei früherer Gelegenheit, aber doch etwas un⸗
gnädig gegen den Fremden zu Felde zog. Beide, der junge Mann und die alte Frau ſahen ſich ſtill und prüfend eine ganze Weile an. Wäh⸗ rend ſich im Mienenſpiele der Frau die Frage: „wer iſt doch das— den ſollteſt du doch ſchon geſehen haben—“ immer deutlicher ausprägte, zeigte ſich im Geſichte des Mannes zuerſt eine leichte Verlegenheit, die endlich bis zu einer ge⸗ wiſſen Befangenheit und Spannung heran⸗ wuchs. Merkwürdigerweiſe fehlten ihm, dem gewandten Weltmenſchen, die Worte hier ein Geſpräch anzuknüpfen, und ſeine Stimme klang mehr als gedrückt, indem er endlich hervorſtieß: „Ein ſchöner Punkt— eine prächtige Ausſicht!“
„Jſt es Ihnen gefällig, hier neben mir Platz zu nehmen, um ein wenig zu ruhen?“ antwor⸗ tete Frau Voigtländer gemüthlich.„Der Mühe möchte es ſchon werth ſein und des Zeit⸗ verluſtes auch, wenn Sie ſich ein paar hundert Schritte höher hinauf“— ſie zeigte nach der Gegend hin—„dort wo die Bank ſteht, ver⸗ fügen wollten. Meine Nichte iſt oben— ſie kann Ihnen die einzelnen ſchönen Punkte zeigen.“
Der Fremde ſtand erſt regungslos und ſah in die Pforte hinein, ſtarr und wie abwe⸗ ſend auf das hübſche Haus, welches einladend, mit Sonnenläden vor der Gluth der Som⸗ merſonne geſchützt, vor ihm lag. Sein Auge irrte von einem Fenſter zum andern— er ſchien die verſchiedenartig vertheilten Räume ſondiren zu wollen. Von einem unwiderſtehli⸗ chen Impulſe getrieben trat er näher und wurde nun dem Auge des alten Voigtlän⸗ ders ſichtbar, der bei ſeinen Blumen beſchäf⸗ tigt war. Der Fremde aber ſah ihn nicht, ſon⸗ dern ſchritt raſch dem Hauſe zu, ſah daran hin⸗ auf, wendete ſich und umging es auf der rech⸗ ten Seite, um es dort eben ſo gedankenvoll zu betrachten.
Verwundert hatte ſich die alte Frau in die Pforte geſtellt und verwundert richtete ſich der alte Mann ſteif in die Höhe. Hektor, der Wachtelhund, ſtand und ſah bald ſeinen Herrn, bald die Frau an, als warte er nur eines Befehles, um dieſen Eindringling wü⸗ thend anzufallen. Er ſchien gleichfalls über alle Maßen verwundert zu ſein, ließ jedoch weder ein zorniges Brummen hören, noch wies er boshaft ſeine weißen Zähne.
Die ganze Szene währte kaum einige Mi⸗ nuten. Dann kehrte der Fremde, gleichſam zur Beſinnung kommend, haſtig zurück, gewahrte nun den Hausherrn in ſeinem verſteinerten Er⸗ ſtaunen und riß verlegen grüßend den Hut vom Kopfe.
„Ah— Sie entſchuldigen,“ rief er dabei. „Ich hatte das Haus von unten ſchon bewun⸗ dert— es iſt ganz allerliebſt gelegen.“
Voigtländer murmelte eine Antwort und bückte ſich wieder zu ſeinen Blumen. Die alte Frau aber betrachtete ihn wohlwollend, als er recht ehrerbietig mit abgezogenem Hute bei ihrem Alten ſtand, und ſagte:
„Wollen Sie vielleicht eintreten, lieber Herr?“
„Nein— ich danke!“ ſtammelte der Fremde. „Vielleicht ein ander Mal.“ Er grüßte noch⸗ mals und ging eilig dem Waldwege wieder zu, der nach oben führte. Sein Herz klopfte und ſeine Stirn glühete. Er mußte ſtill ſtehen.
Frau Voigtländer ſchien eine Ahnung ſeines Seelenzuſtandes zu haben. Sie ſchaute ihm mit Intereſſe nach und da ſah ſie zu ihrem Erſtaunen, daß Hektor, der Wachtelhund, ihm nachlief, daß er bei ihm ſtill ſtand, ohne ſein eigenſinniges Gebell hören zu laſſen, daß der junge Mann ſich bückte, und daß Hektor ſich wirklich, gegen ſeine ſonſtige Art und Weiſe, ruhig liebkoſen ließ. Die alte Frau traute ihren Augen nicht. Das war noch nie paſſirt, ſo lange ſie denken konnte. Wer war der Fremde? Welche Anziehungskraft lag in ihm, um die falſche, heimtückiſche Natur des Thieres dergeſtalt zu zähmen? Jedenfalls mußte dieſer Menſch ſchon in der Gegend geweſen und die Bekanntſchaft des Hundes gemacht haben, ſonſt war die Sache nicht erklärlich. Sie konnte nicht umhin in den Garten zurück zu gehen und dem Alten ihre Wahrnehmungen mitzutheilen.
Während ſich Beide darüber zu unterhalten begannen, ob ſie dieſen Fremden wohl nicht frü⸗ her ſchon geſehen hätten, ſtieg er, ſchnell von ſeiner Gemüthsaufregung geneſen und von dem Hunde wieder verlaſſen, den Pfad aufwärts und gelangte in kurzer Zeit auf ein terraſſen förmiges Plateau, wo ein ſchmales Ruhebän⸗ chen angebracht war.
Eine Frauengeſtalt im hellen Somme⸗ kleide, beſchattet von einem breiten Strohhut, ſaß auf dieſer Bank und las.
„Das muß„Kätchen“ ſein,“ dachte e, indem ein ſpöttiſches Lächeln die letzten Spurer einer fremdartigen Aufregung in ſeinem Ge ſichte vertilgte.
Sein Heranſchreiten war von dem Mäd⸗ chen überhört. Ihr Geiſt erging ſich in den Regionen, welche die fruchtbare Phantaſie Bul⸗ wer's in den„Kindern der Nacht“ zauberhaft anziehend vor ihren Geiſtesblicken entrollt hatte. Erſt der laute, ſehr herzhaft ausgeſprochene Gruß des jungen Mannes weckte ſie aus ihrer Verſunkenheit und machte, daß ſie ſich jähe auf⸗ richtete und demſelben groß in's Auge ſah.
Betroffen wich der Fremde zurück. Nur ſein belebtes Auge verrieth einen Theil der Be⸗ wunderung, die er an ihrem Anblicke empfand. Er geſtand ſich ein, daß dieß das reizendſte Mädchen ſei, was er bis jetzt geſehen habe, und wenn vorhin ſein Herz aus unverſtändlichen Beweggründen heftig gepocht hatte, ſo wußte er jetzt auf das Allerbeſtimmteſte, daß das un⸗
vernünftig heftige Pulſixen desſelben durch einen
Strahl aus dieſen ſchönen Mädchenaugen entt ſtanden war. Auch Kätchen glühete in hel ler, lichter Purpurröthe, als ſie haſtig ihren Platz verließ und Miene machte, bergab zu ent fliehen.
„O, bitte—“ flüſterte der Fremde un vertrat ihr den Weg.„Ihre Frau Tante ſchickt mich herauf— Sie können mich dankbar ve
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