mich an ein logiſches Denken gewöhnen ſollte, wie ſie auch in allen übrigen Dingen auf eine gewiſſe Ordnung hielt, weshalb ſie mir oft mein zerfahrenes, wildes Weſen zum Vorwurf machte. Ueberwiegend neigte ſie ſich zur Reflexion, zum Nachdenken, ſelbſt zu einem gewiſſen kritiſchen Mißtrauen gegen ſich und Andere. Als aber mein Bruder Clemens ihr dies einmal ſchrieb oder ſagte, antwortete ſie ihm:„Sagen Sie nicht, mein Weſen ſei Reflexion oder gar mißtrauiſch— das Mißtrauen iſt eine Harpyie, die ſich gierig über das Göttermahl der Begeiſterung wirft und es beſudelt mit unreiner Erfahrung und gemeiner Klugheit, die ich ſtets jedem Würdigen gegenüber verſchmäht habe.““
„Es bleibt doch immer,“ verſetzte ich,„räthſelhaft, daß eine ſo fein organiſirte, beſonnene und reflectirende Frauennatur, ein ſo zartes, ſchüchternes Mädchen, wie Sie ſelbſt Ihre Freundin ſchildern, ſich gewaltſam das Leben nahm. Welche Gründe konn⸗ ten ſie zu einer ſolch ſchrecklichen That drängen, und iſt es wahr, daß die Veranlaſſung dazu eine unglückliche Liebe geweſen ſein ſoll?“
„Ich ſelbſt,“ erwiderte Bettina,„habe erſt nach ihrem Tode die Wahrheit erfahren, von der ich, ſo lange ſie lebte, keine Ahnung hatte. Ich wußte nichts von ihren ſonſtigen Verbin⸗ dungen und Verhältniſſen, nur zuweilen ſprach ſie den Wunſch aus, früh zu ſterben. Ich weiß nicht, ob Sie ſich meiner Mit⸗ theilungen erinnern, die ich in meinem Briefwechſel mit Goethe über die ſeltſame Todesſehnſucht der Günderode gegeben habe?“ Ehe ich Bettina noch antwortete, ſprang ſie von ihrem Sopha aauf und kletterte auf die bereitſtehende Leiter, um das genannte Buuch aus einem der oberen Fächer ihrer Bibliothek zu holen. Sie ſchlug die bezeichnete Stelle auf und las ſie mir mit ergrei⸗ fender Stimme vor:
„Einmal kam mir die Günderode freudig entgegen und ſagte: ‚Geſtern habe ich einen Chirurg geſprochen, der hat mir geſagt, daß es ſehr leicht iſt ſich umzubringen.“ Sie öffnete haſtig ihr Kleid und zeigte mir unter der ſchönen Bruſt den Fleck; ihre Augen funkelten freudig; ich ſtarrte ſie an, es ward mir zum erſten Mal unheimlich, ich fragte: nun!— und was ſoll ich denn thun, wenn Du todt biſt??—„O,“ ſagte ſie, ‚dann iſt Dir nichts mehr an mir gelegen, bis dahin ſind wir nicht mehr ſo eng verbunden, ich werd' mich erſt mit Dir entzweien;“— ich wendete mich ab nach dem Fenſter gewendet und ſchwieg;— ich ſah ſie von der Seite an, ihr Auge war gen Himmel gewendet,
aber der Strahl war gebrochen, als ob ſich ſein ganzes Feuer nach innen gewendet habe;— nachdem ich ſie mir eine Weile beobachtet hatte, konnt' ich mich nicht mehr faſſen,— ich brach in lautes Schreien aus, ich fiel ihr um den Hals und riß ſie nieder auf den Sitz und ſetzte mich auf ihre Kniee und weinte viel Thränen und küßte ſie zum erſten Mal auf ihren Mund, und riß ihr das Kleid auf und küßte ſie an die Stelle, wo ſie gelernt hatte das Herz treffen; und ich bat mit ſchmerzlichen Thränen, daß ſie ſich meiner erbarme, fiel ihr wieder um den Hals und küßte ihre Hände, die waren kalt und zitterten, ihre Lippen zuck⸗ ten, ſie war ganz kalt, ſtarr und konnte nicht die Stimme er⸗ hveben; ſie ſagte leiſe: ‚Bettina, brich mir das Herz nicht.““ V„Einige Zeit darauf,“ fuhr die berühmte Frau mit Ueber⸗
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ſchlagung einiger Zeilen fort,„kam ich wieder zu ihr; da zeigte ſie mir einen Dolch mit ſilbernem Griff, den ſie auf der Meſſe gekauft hatte: ſie freute ſich über den ſchönen Stahl und über ſeine Schärfe; ich nahm das Meſſer in die Hand und probte es am Finger, da floß gleich Blut, ſie erſchrak; ich ſagte:„O Günderode, Du biſt ſo zaghaft und kannſt kein Blut ſehen, und geheſt immer mit einer Idee um, die den höchſten Muth voraus⸗ ſetzt; ich hab' doch noch das Bewußtſein, daß ich eher vermögend wär', etwas zu wagen, obſchon ich mich nie umbringen würde; aber mich und Dich in einer Gefahr zu vertheidigen, dazu hab' ich Muth; und wenn ich jetzt mit dem Meſſer auf Dich ein⸗ dringe— ſiehſt Du, wie Du Dich fürchteſt?— ſie zog ſich ängſtlich zurück; der alte Zorn regte ſich wieder in mir unter der Decke des glühendſten Muthwillens; ich ging immer ernſtlicher auf ſiie ein, ſie lief in ihr Schlafzimmer hinter einen ledernen Seſſel, um ſich zu ſichern; ich ſtach in den Seſſel, ich riß ihn mit vielen Stichen in Stücken, das Roßhaar flog hier⸗ und dahin in der Stube, ſie ſtand flehend hinter dem Seſſel und bat ihr nichts zu thun; ich ſagte: ‚eh' ich dulde, daß Du Dich umbringſt, thu' ich's lieber ſelbſt;“ ‚mein armer Stuhl!“ rief ſie;„ja was, Dein
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Stuhl, der ſoll den Dolch ſtumpf machen; ich geb' ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich., Das ganze Zimmer wurde eine Staubwolke; ſo warf ich den Dolch weit in die Stube, daß er praſſelnd unter das Sopha fuhr; ich nahm ſie bei der Hand und führte ſie in den Garten in die Weinlaube, ich riß die jungen Weinreben ab und warf ſie ihr vor die Füße, ich trat darauf und ſagte:„So mißhandelſt Du unſere Freundſchaft.“— Ich zeigte ihr die Vögel auf den Zweigen und daß wir, wie jene, ſpielend, aber treu gegen einander bisher zuſammen gelebt hätten, ich ſagte:„Du kannſt ſicher auf mich bauen, es iſt keine Stunde in der Nacht, die, wenn Du mir Deinen Willen kund thuſt, mich nur einen Augenblick beſinnen machte,— komm vor mein Fenſter und pfeif' um Mitternacht, und ich geh' ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt. Und was ich für mich nicht wagte, das wag' ich für Dich;— aber Du!— was berechtigt Dich, mich aufzu⸗ geben?— und wie kannſt Du ſolche Treue verrathen? und ver⸗ ſprich mir, daß Du nicht mehr Deine zaghafte Natur hinter ſo grauſenhaft prahleriſche Ideen verſchanzen willſt;— ich ſah ſie an, ſie war beſchämt und ſenkte den Kopf und ſah auf die Seite und war blaß; wir waren beide ſtill, lange Zeit.„Günderode,“ ſagte ich, wenn es ernſt iſt, dann gieb mir ein Zeichen;— ſie nickte, bald darauf reiſte ſie in's Rheingau und ich ſah ſie nicht mehr wieder.“ 5
Tief ergriffen und voll Bewunderung durchlebte ich im Geiſte
die dramatiſche Scene, welche zugleich einen ſo lebendigen Einblicke
in dies romantiſche Verhältniß und in den Geiſt jener von Ueber⸗ ſchwänglichkeit und Schwärmerei erfüllten Periode gewährte.
„Alles, was Sie über die Günderode mittheilen,“ ſagte ich nach einer Pauſe,„klingt ſo geheimnißvoll und poetiſch, daß Sie gewiß meine Neugierde verzeihlich finden werden, wenn ich von Ihnen, gnädige Frau, die näheren Umſtände und vor Allen die Urſache ihres Todes zu hören wünſche.“
„Die Sache iſt kein Geheimniß mehr und ich will Ihnen gerne mittheilen, was ich ſelbſt ſpäter darüber erfahren habe. Allerdings war eine unglückliche Liebe ſchuld an ihrem Tode. In einem befreundeten Hauſe hatte die Günderode den bekannten Profeſſor Creuzer kennen gelernt, der, wie Sie wiſſen, Lehrer an der Univerſität zu Heidelberg war. Obgleich er nichts weniger als ſchön war, machte ſein tiefes Wiſſen, verbunden mit ſeiner perſönlichen Liebenswürdigkeit, einen tiefen Eindruck auf das Herz meiner armen Freundin. Sie ſympathiſirte mit ſeinen ſymboliſchen Studien, für die ich mich nie begeiſtern konnte, während er an ihren poetiſchen Arbeiten den lebhafteſten Antheil nahm. Mehrere Gedichte von ihr in dem von ihr herausgegebenen ‚Tian“ ver⸗ dankten dieſem Verhältniß ihr Entſtehen, ſo wie Creuzer manche ihrer Gedanken in ſeine Schriften aufgenommen hat. Mit jedem Tage wurde ihre Verbindung inniger und leidenſchaftlicher, ſo daß ſie nicht mehr getrennt zu leben vermochten. Leider aber war
Creuzer an eine weit ältere ungeliebte Frau gefeſſelt, die er vor
Jahren aus Dankbarkeit geheirathet hatte.“ „Die alte Geſchichte!“ unterbrach ich Bettina.„Nun iſt mir Alles erklärlich.“
„Und doch war das Schickſal meiner unglücklichen Günderode weit tragiſcher, als Sie ſich vorſtellen können. Es liegt eine furchtbare Ironie in der Weiſe, wie es mit der Armen ſpielte, ihr den Himmel aufthat, um ſie dann in das dunkle Grab zu ſtoßen. Creuzer war feſt entſchloſſen, die verhaßte Ehe mit ſeiner alten Frau zu löſen, und, wenn auch mit Widerſtreben, willigte dieſe, eine gutherzig beſchränkte Natur, in die von ihm vorge⸗ ſchlagene Scheidung. Schon glaubte die Günderode am Ziele ihrer Wünſche zu ſtehn, als der Geliebte, wahrſcheinlich in Folge der voraufgegangenen Kämpfe und Aufregungen, heftig am Ner⸗ venfieber erkrankte. Sein Leben ſchwebte in der höchſten Gefahr, und ſicher wäre er ſeinen Leiden erlegen, wenn ihn nicht jene von ihm halb verſtoßene Frau mit der größten Aufopferung bei Tag und Nacht gepflegt hätte, ohne von ſeinem Bette zu weichen, ohne ſich vor der Gefahr der Anſteckung zu fürchten.“—
„Welch' entſetzlicher Kampf für den armen Mann!“ rief ich unwillkürlich.
„Gerührt von der treuen Anhänglichkeit des vernachläſſigten Weibes, ergriffen von ihrer uneigennützigen Liebe, beſtürmt von ſeinen Verwandten und Freunden, von Dankbarkeit erfüllt, viel⸗
leicht auch aus kleinlicher Rückſicht auf die öffentliche Meinung, oder aus Furcht und Schwäche, die den Grundzug ſeines pedana ..
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