Jahrgang 
52 (1868)
Seite
825
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Im Jahre 1839 war die berühmte Bettina von Arnim der Mittelpunkt eines ſchwärmeriſchen Cultus, an dem ſich vor⸗ zugsweiſe eine Anzahl jugendlicher Studenten und angehender Doctoren, Moritz Carrier, Heinrich Oppenheim, Otto⸗ mar von Behr, Gebhard von Alvensleben, Philipp Nathuſiuns c. betheiligten.)

Ein Brief von Carrier, der Berlin verließ, bot mir ſelbſt die erwünſchte Gelegenheit, mich bei der genialen Frau einzufüh⸗ ren, welche damals durch die Herausgabe vonGoethe's Brief⸗ wechſel mit einem Kinde die höchſte Senſation erregte und all⸗ gemein gefeiert wurde. Mit klopfendem Herzen, voll Begeiſterung und Erwartung ſtieg der neunzehnjährige Burſche die breite Stein⸗ treppe des früher gräflichRaczinsky'ſchen Palais unter den Lin⸗ den hinauf, wo Bettina in jener Zeit noch wohnte.

Ein Diener meldete mich und nach einigem Zögern wurde ich vorgelaſſen. Ich trat in ein großes ſaalähnliches Zimmer, deſſen graue, ſchmuckloſe Wände mit hohen Büchergeſtellen und zahlreichen Bänden bekleidet waren. Unter einer ausgezeichneten Copie derJo von Correggio, dieſer gemalten Liebes⸗Apotheoſe, ſtand ein einfaches Sopha, auf dem eine Frau von ungefähr fünf⸗ undfünfzig Jahren, in halb ſitzender, halb liegender Stellung ruhte. Sie trug ein ſchwarzes, bequemes, bis zum Halſe hinaufreichendes Seidenkleid und um das dunkle, hier und da ſchon grau gefärbte Haar ein feines Spitzentuch unter dem Kinn feſtgeſchlungen. Ihr Geſicht war nicht ſchön, aber im höchſten Grade intereſſant und geiſtreich zu nennen, beſonders erſchien der Blick ihrer dunklen Augen von einer magnetiſch feſſelnden Gewalt beſeelt. In den Bewegungen ihrer kleinen, aber zierlichen Geſtalt verrieth ſich eine jugendliche Elaſticität, in ihrer Sprache eine wunderbar über⸗ raſchende Lebendigkeit..

Ohne ſich aus ihrer nachläſſigen Lage zu erheben, nahm ſie den Brief aus meiner Hand, las ihn und richtete während des Leſens von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den ihr durch Carrier empfohlenen Ueberbringer deſſelben.

Es iſt gut, ſagte ſie nach einer Pauſe in ihrem Frank⸗ furter Dialect.Wenn Sie an Ihren Freund Carrier wieder ſchreiben, ſo benachrichtigen Sie ihn von mir, daß er mir nicht ſo viele Studenten auf den Hals ſchicken ſoll. Ich hab' jetzt grad' genug von der Sorte geſehn. 4

Aber die Studenten haben nur den einen Wunſch, Sie zu ſehen und Sie kennen zu lernen, gnädige Frau! erwiderte ich keck.

Sie ſcheinen mir ja ein ganz vernünftiges Bürſchle zu ſein, verſetzte ſie lachend.Nehmen Sie ſich einen Stuhl, ſetzen Sie ſich her zu mir und erzählen Sie mir, was Sie hier in Berlin wollen.

Nur zu gern folgte ich der freundlichen Einladung und bald

begabte Frau auf ihre Umgebung, beſonders auf den empfäng⸗ lichen Geiſt der Jugend ausübte. Wie ein Gewitter entlud ſich über mir die hinreißende Gewalt ihrer Rede; ein elektriſcher Strom floß ununterbrochen von ihren feinen Lippen, der Sturm

jagten im wirbelnden Sturm an mir vorüber und drohten mir die Beſinnung zu rauben.

Unwillkürlich mahnte mich ihre ganze Erſcheinung an die prophetiſchen Sibyllen, an jene gottbegeiſterten oder vom Dämon erfaßten Frauen des Alterthums, deren Mund die Wunder des

floß. Bald ſprach ſie von ihrem Verhältniß zu Goethe, von der hochſten Poeſie der Liebe, von Jean Paul, den ſie mit einem Bergwerk voll edler, aber ungeſchmolzener Metalle, voll koſtbarer ungeſchliffener Steine verglich, von häßlichen Gnomen und wun⸗ derlichen Kobolden gehütet; bald ſprang ſie auf die Theologie berühmte Geiſtliche, der ihr Freund geweſen, einen oder den andern ſeiner Schüler zugeſchickt habe, um ihnen den Kopf zu öffnen, das Weſen der Religion klar zu machen. Dann wieder wendete ſie

Jetzt erſt begriff ich den dämoniſchen Zauber, den dieſe hoch⸗

ſah ich mich in ein Geſpräch verwickelt, wobei ich nach und nach nur die Stelle des ſtummen bewundernden Zuhörers übernahm.

und das Wehen dithyrambiſcher Begeiſterung. Zuckende Gedanken⸗ blitze, blendende Paradoxen, poetiſche Schönheiten, witzige Einfälle

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Karoline von Günderode.

Eine Erinnerung.

ſich zur heutigen Medicin, deren Unzulänglichkeit und Schwächen ſie mit dem geiſtreichſten Spott geißelte, wogegen ſie ſich als eine eifrige Anhängerin und Freundin der Homöopathie zu erkennen gab. Als ich aber als angehender Arzt die Allopathie zu ver⸗ theidigen ſuchte, widerlegte ſie mich mit mehr beſtechenden, als wiſſenſchaftlichen Gründen. 1

Ein Tröpfchen Schlangengift, ſagte ſie bei dieſer Gelegen⸗ heit,ein unſichtbares Partikelchen von dem Speichel eines tollen Hundes reicht ſchon hin, einen Menſchen zu tödten; warum ſoll ein Zehntauſendſtel der paſſenden Arznei nicht hinreichen, ihn zu heilen? Der bloße Geiſt, Freude und Schreck, Kummer und Sorge können uns krank machen, warum ſoll der Geiſt uns nicht auch geſund machen?

So ging es fort, und mir ſelbſt war dabei zu Muthe wie dem Schüler in Goethe'sFauſt, als ginge mir ein Mühlrad im Kopfe herum. Aber trotzdem ſchied ich voll Bewunderung von der genialen Frau, die mich freundlich einlud, ſie bald wieder zu beſuchen. Seitdem ſah ich Bettina öfters bald allein, bald in größerer Geſellſchaft jener ausgezeichneten Männer und Frauen, die ſich wöchentlich wenigſtens einmal um ſie zu verſammeln pflegten.

Einige Wochen ſpäter ließ ſieDie Günderode bei einem bisher gänzlich unbekannten jungen Buchhändler Levyſohn in Grünberg erſcheinen, der als Student zu unſerem Freundes⸗ kreiſe zählte und auch ſpäter mit uns noch in literariſcher Ver⸗ bindung ſtand. Sie hatte dieſes neue Buch, welches den Brief⸗ wechſel Bettina's mit dem Stiftsfräulein von Günderode enthielt, den Studenten gewidmet:Deutſchlands Jüngerſchaft, welche, dem Recht zur Seite, Klingen wetzend der Gnade trotzt; mit Schwerterklirren und der Begeiſterung Zuverſicht der Burſchen Hochgeſang an⸗ ſtimmt: ‚Landesvater, Schutz und Rather! mit flammen⸗ der Fackel, donnernd ein dreifach Hoch dem Herrſcher, dem Vater⸗ land, dem Bruderbunde jauchzt und, Strömen gleich, zuſam⸗ menrauſchet in ein gewaltig Heldenlied.

Angeregt durch dieſe Widmung, welche ihre begeiſterten Freunde und jugendlichen Verehrer wohl zunächſt auf ſich beziehen durften, beſchloſſen wir durch Ueberreichung eines prachtvollen Albums unſern Dank im Namen der ſtudirenden Jugend aus⸗ zuſprechen. Ein talentvoller Maler zeichnete das Titelblatt, wor⸗ auf Bettina ſelbſt mit der Günderode dargeſtellt war, wie ſie in romantiſcher Umgebung an den Ufern des Rheins Hand in Hand ſtanden. Poetiſche Gaben, Lieder und Geſänge feierten die beiden Dichterinnen und beklagten den frühen Tod der ſchönen, geiſt⸗ vollen Freundin Bettina's. Eine Deputation aus unſerer Mitte überreichte der Letzteren das ſinnreiche Geſchenk als Zeichen unſerer ſchwärmeriſchen Verehrung, worüber ſie offen ihre große Freude zu erkennen gab.

Bald darauf beſuchte ich die geniale Frau; ich fand ſie allein, vor ihr lag das ihr von uns gewidmete Album aufgeſchlagen. Sie war ſichtlich bewegt und ſprach mit mir mehr als ſonſt von ihrer eigenen Vergangenheit, von ihrem Leben mit den Geſchwiſtern, von ihrem Bruder Clemens Brentano, vor Allen aber von der Günderode und dem traurigen Ende ihrer unglücklichen Freun⸗ din, die ſich bekanntlich ſelbſt den Tod gegeben.Das Meiſte und Beſte, ſagte Bettina im Laufe des Geſprächs,was ich ge⸗ worden bin, habe ich der Günderode zu danken. Sie war eine entzückende Erſcheinung, eben ſo ſchön, als wunderbar begabt.

Sie hatte braunes Haar und blaue Augen, die waren gedeckt mit

Himmels verkündigte und von überirdiſchen Offenbarungen über⸗ e nzes körperte Poeſie, ſie ſelbſt eine begabte Dichterin. Ihre Verſe

langen Augenwimpern. Ihr Lachen klang ſo ſanft und doch ſo heiter wie das Girren der Turteltaube. Ihre Geſtalt war ſo weich und fließend, daß man unwillkürlich das Gefühl hatte, ſie paßte nicht für dieſe rauhe Erde. Ihr ganzes Weſen war ver

klangen, wenn ſie las, wie eine fremde Sprache, die ich mir erſt überſetzen mußte, aber ſie waren reich an ſinnigen Gedanken. Sie hatte, als ich ſie kennen lernte, unter dem angenommenen NamenTian ein Bändchen Gedichte und Phantaſien erſchei⸗

und Schleiermacher über, indem ſie mir erzählte, wie ihr der nen laſſen, auch mehrere Dramen und eine dialogiſirte Geſchichte

Pietro geſchrieben. Weit größer aber als ihre poetiſche Be⸗ gabung war ihre wiſſenſchaftliche und philoſophiſche Bildung. Sie wollte mich Philoſophie lehren und drang darauf, daß ich

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XVI. Nr. 52.