einen ſchwexeren Eindruck in ihrem Gemüth hinterlaſſen habe, als
wir dachten, und daß es viel Pflege und Mühe bedürfen wird, bis der finſtere Geiſt wieder von ihr weicht. Sie redet kein ein⸗
ziges verworrenes Wort, aber ihre Blicke hängen beſtändig am Boden, als fürchte ſie, wenn ſie aufſchaute, den Tod leibhaftig
vor ſich ſtehen zu ſehen oder irgend ein Geſpenſt, das ſie ſich nachlocke. Ich habe ſie nicht bewegen können, einmal durch's
Fenſter auf die Blumenbeete hinaus zu ſehen, und von ihrem Stuhl neben dem Bett iſt ſie nicht wegzubringen. Als ich ihr ſagte, daß der Onkel ſchon heut am Morgen wieder fort müſſe und ob ſie ihm nicht wenigſtens guten Tag ſagen und für ſeine Hülfe danken wolle, hat ſie nur den Kopf geſchüttelt und geſagt: „Ich kann nicht! Gewiß, Sophie, ich kann nicht. Sage Du ihm, daß ich Ihm danken laſſe, aber ich kann keinen Menſchen ſehen.“ Und ſo habe ich ſie endlich allein gelaſſen, um ihr Frühſtück zu holen. Vielleicht wird ihre Stimmung ruhiger werden, wenn ihre leiblichen Kräfte erſt wieder ſich gehoben haben.“
Lorenz hatte das Alles, ohne ein Wort zu ſagen, in tiefer Betrübniß mitangehört und ſich das Seine dabei gedacht. Es war ihm ganz klar, daß vor Allem die Scheu, nach den Vor⸗ gängen der letzten Nacht ihm wieder in's Geſicht zu ſehn, das arme Kind ſo menſchenfeindlich machte. Was ſie ihm gebeichtet hatte, in der Meinung, es ſei wie ein Teſtament und ſie nehme damit Abſchied von ihm für dieſes Leben, müßte ihr jetzt, da ſie weiter leben ſollte, als eine Entweihung ihrer heiligſten Geheim⸗ niſſe, als ein unheilbarer Bruch aller jungfräulichen Sitte er⸗ ſcheinen, zumal da ſie nicht wußte noch ahnte, wie es jetzt um ſein Herz ſtand, vielmehr der Meinung war, es habe ſich ſchon lange ganz von der Jugendgeſpielin abgewendet. Darum ſchien ihm nichts nöthiger, als ihr dieſen Wahn zu benehmen und ſie zu überzeugen, daß ihre rührende Hingebung, weit entfernt ihm zunweiblich zu erſcheinen, ihn vielmehr wie ein unverhofftes Ge⸗ ſchenk überſchwänglich beglückt habe. Als daher der Tag ohne neuen Zwiſchenfall vergangen war und die Schweſter berichtet hatte, die Stille und liebevolle Pflege fange ſichtbar an, wohl⸗ thätig auf ihre Stimmung einzuwirken, faßte er einen raſchen Entſchluß und trat, ohne Jemand davon zu ſagen, in Lore's Zimmer. Sie ſaß am Fenſter, beſchäftigt, aus dem ſchwarzen Stoff, den die Pfarrerin ihr hatte kaufen müſſen, ein Trauerkleid für ſich zu nähen.
Als ſie die Thüre gehen hörte, wandte ſie den Kopf ein wenig, in der Meinung, die Sophie eintreten zu ſehen. Kaum aber erkannte ſie den noch auf der Schwelle Zaudernden, als ſie die Arbeit von ihrem Schooß gleiten ließ und mit einer Geberde des tödlichſten Entſetzens in die hinterſte Ecke des Zimmers ſtürzte. „Bitte! bitte!“ war Alles, was ſie, das Geſicht in die Hand ge⸗ drückt, mit der andern Hand ihm flehentlich abwinkend, hervor⸗ bringen konnte.
„Lore,“ rief er,„ſoll denn das Leben wieder ſcheiden, was der Tod zuſammengefügt hat? Bin ich Dir plötzlich ſo ſehr ver⸗ haßt geworden, daß Du mich nicht einmal anſehn magſt? Was habe ich nur gethan, daß nun Alles vergeſſen ſein ſoll, was uns
zu einander geführt hat? Sieh mich nur ein einziges Mal an,
damit Du erkennſt, daß ich der Alte geblieben bin, nein, nicht
maehr der Alte, der Dich nicht begriff und Deinen ganzen Werth
nicht verſtand, ſondern ein unglücklicher Menſch, wenn Du Dich
von mir abwendeſt und Alles wieder verleugneſt, was mir in jenen dunklen Stunden einen ganzen Himmel aufgeſchloſſen hat.“
Er ſchwieg und hoffte, daß ſie ruhiger werden und ſich end⸗ lich zu ihm wenden würde. Aber als hätte ſie keins ſeiner Worte verſtanden, wiederholte ſie nur immer ihre beſchwörende Geberde und ihr ängſtliches„bitte, bitte!“ und ſo verließ er ſie zuletzt in rathloſer Betrübniß, aus Furcht, ihren Zuſtand nur zu ver⸗ ſchlimmern, indem er ihn zu heilen verſuchte.
Auch jetzt konnte er ſich noch nicht entſchließen, irgend Jemand von den Seinigen ins Vertrauen zu ziehn. Er glaubte es Lore ſchuldig zu ſein, das, was ſie jetzt ſogar ihm bekannt zu haben bereute, keinen Dritten erfahren zu laſſen. Als aber der Reſt der Woche ſo hinging, ohne daß man einen Schritt weiter kam, und Lore, ſo ſehr ſie im Uebrigen aufzuleben ſchien, an ihrer Menſchenſcheu eigenſinnig feſthielt, fühlte er, daß zu viel auf dem Spiele ſtand, um nicht etwas Entſcheidendes zu wagen. Am Samstag Abend alſo, als die Kinder zu Bett geſchickt waren und die Familie in ziemlich gedrückter Stimmung beiſammen ſaß,
— 819.⸗
rathſchlagend, ob man einen Arzt zu Hülfe rufen oder nech eine Woche ſich in Geduld faſſen ſolle, erklärte Lorenz plötzlich, er habe ſich entſchloſſen, morgen abzureiſen, da er gewiß wiſſe, nur ſeine Gegenwart ſei die Urſache, daß die Lore ſich ſo beharrlich von allen Menſchen abſchließe. Er erzählte nun mit den klein⸗ ſten Umſtänden Alles, was in jener Nacht geſchehen und geſprochen worden war, und wie er beſtimmt glaube, ſie ſtelle ſich ihren nächtlichen Beſuch als etwas weit Schlimmeres vor, das ſie ſelbſt ſich nie verzeihen könne und das auch ihm einen tiefen Schatten über ihr Bild werfen müſſe. Darum wolle er für's Erſte ganz aus dem Wege gehn und es der Zeit und der klugen Freund⸗ ſchaft der Frauen überlaſſen, nach und nach ihr eine mildere An⸗ ſicht der Sache beizubringen.
Als er geendet hatte und die Anderen, über dieſe unerwar⸗ tete Aufklärung betroffen, ſtumm blieben, wandte ſich die Schweſter zu ihm und fragte halblaut, ob er denn wirklich ſeiner Neigung für die Lore gewiß oder nur durch Mitleid und eine Art ritter⸗ lichen Pflichtgefühls für ſie erwärmt ſei?
„Nein, wahrhaftig,“ erwiderte Lorenz mit lauter Stimme und ſah dabei den Vater an,„ich fühle, daß ich nur ſie und keine Andere je zum Weibe haben kann, und Gott weiß, was ich darum gäbe, es ihr je eher je lieber ſagen und die Eltern um ihren Segen bitten zu können.“
„Den haſt Du,“ ſagte der alte Meiſter und ſtand in großer Bewegung auf, den Sohn zu umarmen, und als er ihn los ließ, ſtand die Mutter neben ihm, ihren Liebling gleichfalls an's Herz zu drücken, worauf er, keines Wortes mächtig, in die Arme der Schweſter und des Schwagers ſank.
Als aber die erſte Rührung, die Alle ſtumm machte, ſich wieder gemäßigt hatte und Lorenz, wie man denken kann, von der Schweſter geſcholten worden war, daß er dieſe wichtigen Ent⸗ hüllungen ihnen ſo lange vorenthalten hatte, wurde eifrig bis tief in die Nacht hinein berathen, was nun geſchehen ſollte, um auf möglichſt zarte und ſichere Art den peinlichen Knoten zu löſen. Zuletzt vereinigten ſich Alle dahin, einem Vorſchlage der Pfarrerin beizuſtimmen, gegen den nur ihr Mann einige ſchwache Bedenken hatte, da er ſelbſt eine Rolle dabei ſpielen ſollte. Aber der munteren Beredſamkeit ſeines klugen Weibes konnte er auf die Länge nicht widerſtehen, und ſo ergab er ſich und man trennte ſich mit fröhlichen Hoffnnngen für den anderen Morgen, wo der Plan zur Ausführung kommen ſollte.
Dieſer andere Morgen war, wie geſagt, ein Sonntag und hierauf hatte die Pfarrerin ihren Plan gebaut. Als ſie nämlich zugleich mit der Lore, neben der ſie noch immer ſchlief, aufge⸗ ſtanden war, fragte ſie, während das Mädchen zum erſten Mal ihr ſchwarzes Kleid anzog, ob ſie heute nicht mit ihnen in die Kirche gehen wolle, es werde ihr gewiß wohlthun und ihre Stim⸗ mung beruhigen. Das Mädchen, das überhaupt die Art hatte, auf jede Frage erſt nach einem kleinen Beſinnen zu antworten, ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und erwiderte dann:„ſie habe ſelbſt das lebhafteſte Verlangen, die Predigt zu hören, aber es ſei über ihre Kräfte, heute ſchon unter Menſchen zu gehen, und man möge noch ein wenig Geduld mit ihr haben.“
„Das wollen wir gewiß,“ verſetzte die Pfarrerin.„Aber um meinen Bruder thut mir's leid, der wieder in ſeine Schule zurück muß, heute ſchon, und nun mit dem Gedanken von hier weggeht, Du habeſt, obwohl er Dich ſo herzlich lieb hat, einen Haß auf ihn, und ſein Anblick ſei Dir ſo widerwärtig, daß Du ſeinetwegen auch uns Anderen auswicheſt.“
Während ſie das ſagte, ſtand das arme Kind abgekehrt, um zu verbergen, daß ſie über und über von tiefer Schamröthe über⸗ goſſen war.„Wie ſoll ich ihn haſſen?“ brachte ſie endlich ſtockend hervor.„Ich bin ihm ſo vielen Dank ſchuldig, und gewiß, Sophie, ich habe meine Geſinnung gegen ihn nicht geändert und wollte, ich könnt' es ihm beweiſen, und wenn es mich das Leben koſtete. Aber verlange nicht, daß ich ihn ſehen ſoll, und frage auch nicht, warum; er ſoll gehen und mich vergeſſen. Ich bin nicht werth, daß er nach mir fragt.“ 8 1
„Mag's darum ſein,“ ſagte die Pfarrerin mit verſtellter Gleichgültigkeit, während ſie heimlich über die Beſtätigung von Lorenz' Vermuthung frohlockte.„Du biſt eben ein krankes Kind, dem man ſeine Launen zu Gute halten muß, und mit der Zeit machen wir Dich ſchon wieder geſund. Aber wenn Dich ſo nach der Predigt verlangt, die kannſt Du hören, ohne in die Kirche zu


