Jahrgang 
52 (1868)
Seite
818
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Helldunkel, das unter dem warmbeſonnten Linnendach webte! Er mußte ſich Gewalt anthun, um die Augen wieder abzuwenden, und wenn ihnen Wanderer oder Landleute begegneten und neu⸗ gierig in den verdeckten Wagen hineinſchielten, hätte er ihnen am liebſten zugerufen:Es iſt ſchon der Mühe werth, zu ſehen, was wir da mit uns führen: einen Schatz, ein Goldherz, ein Kleinod von einem Mädchen, deſſen ganzer Werth erſt im Feuer der ſchwerſten Prüfung an den Tag gekommen iſt!

Mit dem Onkel wechſelte er nur ſelten ein Wort. Der alte Mann, ganz in ſeinen friſchen Kummer vertieft, ſah ſtumm vor ſich nieder und ſchien von der Stimmung, in der ſein junger Ge⸗ fährte das ſchlafende Mädchen betrachtete, keine Ahnung zu haben.

So verging Stunde um Stunde, ohne daß die Lore ein ein⸗ ziges Mal die Augen aufgeſchlagen oder auch nur aus dem Traume geſprochen hätte. Es wurde ihrem Freunde faſt ängſtlich, und da ſie Mittags ein paar Stunden raſteten, weil die Pferde Ruhe brauchten und ſie ſelbſt hungrig geworden waren, trat er an den Wagen heran, lüftete das Dach ein wenig und rief leiſe ihren Namen. Ob ſie nicht etwas eſſen wolle, fragte er, und fuhr ihr ſogar mit der Hand über die Stirn. Sie ſchlief bei alledem ruhig fort, und ihre friſche Farbe und die gleichmäßigen Athemzüge zeugten dafür, daß ihr nichts Anderes noth that, als eben Schlaf. Der Onkel wußte allerlei Fälle zu erzählen, wo Menſchen nach ſchweren Erſchütterungen durch Krankheit oder übermäßige An⸗ ſtrengung drei Tage und Nächte und noch darüber in Einem Strich geſchlafen hätten und hernach friſch und geſund aufgewacht ſeien. So mußte Lorenz ſich in Geduld faſſen, was ihm ſchwerer ward, als er ſich eingeſtand. Denn was ihn aufregte, war durch⸗ aus nicht die Sorge, ſie möchte überhaupt nicht wieder aufwachen, ſondern die Sehnſucht, zu erfahren, ob ſie am hellen Tage noch wiſſen würde, was ſie ihm in der Nacht gebeichtet hatte.

Der Tag neigte ſich ſchon und unter dem Wagendach war tiefe Dämmerung, als ſie das Dorf erreichten, an deſſen Pfarrer Sophie, des Lorenz Schweſter, verheirathet war. Eben da der Wagen in den Hof rollte, trat die Pfarrerin aus dem Hauſe und erſtaunte nicht wenig, ihren Bruder ſo völlig unverhofft wie⸗ derzuſehen, noch mehr aber, als er ſchon vom Sitz herab ihr ein Zeichen machte, jeden lauten Ausruf ſchweſterlicher Freude zu unterdrücken, da Jemand im Wagen ſchlafend liege. Die Mutter kam indeß dazu, empfing den langentbehrten Sohn mit tauſend Freuden und lauſchte dann gleich der Tochter mit tiefſtem Antheil der halblauten Erzählung, wie Alles gekommen und wen er da im Wagen mitgebracht habe. Nachdem aber der erſte Schrecken über alles Traurige, was Lorenz berichtete, überwunden war, be⸗ hielt bei der Schweſter die muntere, lebensfriſche Natur die Ober⸗ hand. Sie öffnete ſelbſt das Leintuch über dem Wagen und konnte die ſchlafende Lore, die ſo roſig wie ein Kind in ihren Kiſſen lag, nicht genug betrachten.Wer hätte gedacht, ſagte ſie leiſe zu dem Bruder,daß die wilde Hummel einmal ſo zahm und der unſcheinbare magere Zaunſtecken ein ſo allerliebſter Roſenſtock wer den würde! Liegt ſie nicht da wie zum Anbeißen und verzieht nur manchmal ordentlich vornehm das Mündchen, wenn eine Fliege ſich darauf ſetzen will? Und jetzt ſeufzt ſie tief aus der Bruſt, als träume ſie von dem Schrecklichen, das ſie überſtanden hat! So Gott will, iſt es nun vorbei, armes Herz, und Du ſollſt hier gute Tage haben. Wir wollen ſie unten in die große Bügelſtube legen, meinſt Du nicht auch, Mutter? Da ſieht ſie, wenn ſie aufwacht, gleich in den Garten und meint am Ende, ſie ſei ſchon im Paradieſe. Und ich ſchlafe die Nacht bei ihr, daß ich gleich bei der Hand bin, wenn ſie etwa im Finſtern die Augen aufmacht und ſich nicht zurechtfindet. Der Lorenz aber ſoll gelobt werden, daß er ſo vernünftig geweſeg iſt, das Kind gleich aufzu⸗ packen und zu uns zu bringen. u was unſere Männer für Augen machen werden, wenn ſie vom Spaziergang heimkommen und finden hier das ſchlafende Dornröschen! Ich ſtehe nicht da⸗ für, Mutter, daß der Vater ſich nicht auf ſeine alten Tage noch einmal verliebt. Er hatte ſchon immer über die Straße hinüber

ein Auge auf das liebe Geſicht, und hier auf dem Lande, wo er

nichts zu baſteln hat, kann er leicht aus Müßiggang auf böſe Gedanken kommen. Dann muß der Lorenz ſehen, wie er die Unheilſtifterin wieder aus dem Hauſe bringt.

Sie warf dabei ihrem Bruder, der ſich erröthend abwandte, einen ſchalkhaften Blick zu und machte ſich eilig daran, das Gar⸗ tenzimmer einzurichten, Betten aufzuſchlagen und den Kindern

Schweigen zu gebieten, die lärmend zwiſchen den Gemüſebeeten ſpielten. Erſt als das Alles beſchickt war, rief ſie Lorenz und den Oheim zu Hülfe, und eben ſo behutſam, wie ſie das Mädchen hin⸗ aufgebettet hatten, wurde ſie jetzt vom Wagen gehoben und in's Haus getragen. Als ſie in dem neuen Bette lag, ſchien es einen Augenblick, als wolle ſie wach werden. Sie verlangte zu trinken, öffnete aber, während die Pfarrerin ihr Waſſer reichte, die Augen nicht, und gleich darauf ſank das Haupt wieder in die Kiſſen und ſie ſchlief von Neuem.

So fanden ſie die heimkehrenden Männer und die Weiſſagung der Pfarrerin ſchien einzutreffen.Wenigſtens war der alte Meiſter erſt, nachdem er eine halbe Stunde lang ſo ſcharf, als ob er es zeichnen wollte, das ſchlafende Kind betrachtet hatte, aus dem Zimmer wieder herauszubringen, und auch der Pfarrer, ein ſchlich⸗ ter, faſt ſchüchterner Mann von wenig Worten, wurde ganz be⸗ redt, als Abends am runden Tiſch, an dem auch der Onkel Platz gefunden, die Rede natürlich gleich wieder auf die Lore kam. Mutter, ſagte Sophie mit drolligem Eifer,die Hexe muß wieder fort, je eher je lieber. Wir waren bisher doch auch nicht ſo übel, wenigſtens betheuerten es in ſchwachen Stunden unſere eigenen Männer. Jetzt iſt gar nicht mehr die Rede von uns. Ich hoffe nur, ſie hat es nicht allein auf die Ehemänner abge⸗ ſehen, ſondern behext auch nächſtens einmal einen Junggeſellen, daß der ſie uns dann vom Halſe ſchafft.

Der, auf den dieſer Pfeil gezielt war, ließ nicht merken, daß er ſich getroffen fühlte. Er war heiterer als gewöhnlich, hatte viel zu erzählen, Schulgeſchichten und Streiche aus ſeiner Knaben⸗ zeit, bei denen Lore ſtets eine Rolle ſpielte, und ging endlich in ſo fröhlicher Müdigkeit zu Bette, wie ein Menſch, der mit ſchwe⸗ rem Kopf und leichtem Herzen von einem luſtigen Gelage kommt. Als er am andern Tag, ſpäter als gewöhnlich, erwachte, war ſein erſter Gedanke, wie die Nacht wohl vergangen ſein möchte und ob Lore endlich die Augen aufgeſchlagen hätte. Er fand die Eltern, den Schwager und den Onkel unten in dem Familien⸗ zimmer verſammelt, noch ungewiß, wie es ſtehe. Man hatte am Morgen durch die Thür Sophie mit ihrer Schlafcameradin ſpre⸗ chen hören und erwartete nun jeden Augenblick Beide zum Früh ſtück eintreten zu ſehen. Statt deſſen aber kam, nachdem noch eine ziemliche Zeit verſtrichen war, die Pfarrerin allein, nicht mit ſo heiterem Geſicht, wie ſie geſtern gute Nacht gewünſcht hatte, ſondern betroffen und nachdenklich. Gegen Morgen, erzählte ſie, ſei Lore, da die Hähne draußen überlaut krähten, mit einem tie⸗ fen Seufzer aufgewacht und habe ſich im Bette aufgerichtet. Sie ſelbſt ſei gleich bei der Hand geweſen, habe ihr guten Morgen gewünſcht, und da ſie erſtaunt gefragt, wie ſie hieher komme und warum ſie nicht mehr bei der Tante ſei, nach und nach unter tauſend Troſtworten und Liebkoſungen ihr den Zuſammenhang aufzuklären verſucht. Ob ſie ihn ganz begriffen, wiſſe ſie nicht; denn ohne irgend darauf einzugehen und über das Geſchehene ein Wort zu verlieren, ſei das arme Kind plötzlich in die heftigſten Thränen ausgebrochen und habe, in ihr Kiſſen gedrückt, ein paar Stunden unaufhörlich fortgeweint. Das ſei nun gewiß gut und heilſam geweſen und ſie habe ſich auch wohl gehütet, dieſe erleich ternden Thränen durch Zureden und Beſchwichtigen hemmen zu wollen. Auch ſeien ſie endlich von ſelbſt verſiecht. Aber ſtatt daß nun, wie ſie gehofft, das Gefühl der Rettung und der Wohlthat, in reinerer Luft bei befreundeten Menſchen geborgen zu ſein, ſie milde und zugänglich gemacht hätte, habe ſich eine Starrheit und Stummheit ihrer bemächtigt, an der die liebevollſten Bemühungen erfolglos abglitten. Sie ſei zwar aufgeſtanden und habe erklärt, daß ſie ſich ganz geſund fühle, bis auf eine Schwere in den Glie⸗ dern. Auch habe ſie Luſt bezeigt, etwas zu genießen. Aber zum Frühſtück herüberzukommen ſei ſie nicht zu bewegen geweſen und habe auch auf's Aengſtlichſte gebeten, daß Niemand, nicht einmal die Mutter, ſie aufſuchen möchte, da ſie ſich unfähig fühle, mit irgend einem Menſchen ein Wort zu ſprechen.

Der alte Meiſter, der immer gleich damit bei der Hand war, auf Weiberlaunen zu ſchelten, und ſich überdies ſehr viel Macht über kranke Gemüther zutraute, wollte ſofort zu dem wun⸗ derlichen Mädchen hinüber und vermaß ſich, ſie in Kurzem zur Raiſon zu bringen. Dem widerſetzte ſich die Tochter auf's Be⸗ ſtimmteſte.Wenn ich, ſagte ſie,ihr jetziges Betragen mit dem früheren Zuſtand zuſammenhalte, in dem Lorenz ſie gefunden, ſo kommt mir faſt die Sorge, daß die Verſtörung dieſer entſetzlichen Tage