gehen. Siehſt Du da am Ende des Gartens das Sommerhäus⸗ chen, zu dem die drei Stufen hinaufführen? Von da aus ſieht man über die Gartenmauer auf den Kirchhof, und der Chor der Kirche iſt nur zehn Schritte weit entfernt. Wenn im Sommer, wie jetzt, die Kirchenfenſter offen ſtehen, hört man den Prediger Wort für Wort bis in unſern Garten herüber. Da kannſt Du Dich hinſetzen und ganz im Verborgenen den Feiertag heiligen, und wenn es aus iſt, vor uns Anderen wieder hier in Deinem Schmollwinkel ſitzen.“
Damit nahm ſie den geſenkten Kopf des Mädchens zwiſchen ihre Hände, küßte ſie herzlich auf Stirn und Mund und ließ ſie dann allein.
Bald darauf fingen die Glocken an zu läuten und nun ſah die einſam Trauernde, hinter den Vorhängen des offenen Fenſters verborgen, alle Hausgenoſſen, die Kinder voran, durch den Garten wandeln, nach dem Pförtchen, das auf den Kirchhof führte. Lorenz ging neben ſeiner Mutter; er hatte das Geſicht ſtill zu Boden gekehrt, und Lore glaubte einen traurigen Zug um die Lippen zu bemerken, und daß er blaſſer als ſonſt war. Es wurde ihr ſo weh dabei, daß ihr die Augen übergingen. Dann aber, als nun außer ihr keine lebende Seele im Hauſe war, faßte ſie ſich doch ein Herz und ging mit ungewiſſen Schritten, wie eine eben Ge⸗ neſene, über den Hausflur in den Garten. Es war ihr ſo ſelig beklommen zu Muth, als kehrte ſie aus dem Grabe wieder in die himmliſchen Lüfte zurück, die ſie zu athmen faſt verlernt. Die Lilien und Centifolien betäubten ſie faſt mit ihrem Duft, die Morgenſonne übergoß ſie ſo gewaltig mit Wärme und Glanz, daß ſie nach jedem zehnten Schritt ſtehen bleiben und die Augen ſchließen mußte. Sie athmete erſt wieder freier, als ſie das Sommerhäuschen erreicht hatte, in deſſen kühlem, von Jalouſieen rings umſchloſſenem Raum eine lauſchige grüne Dämmerung herrſchte. Da ſetzte ſie ſich mit zitternden Knieen auf eine Bank, faltete die Hände im Schooß und horchte andächtig hinaus, wie nun die Glocken verhallten, die Orgel anhob und bald darauf der Geſang der Gemeine einfiel. Wie einem Wanderer, der viele Tage durch Froſt und Hitze auf wilden Wegen ſich durchgeſchlagen hat, ein warmes Bad allen Staub und alle Mühſal von den Gliedern ſpült, ſo umbrauſte ſie der feierliche Strom der Muſik und löſte den Druck, der duf ihrer Seele lag. Dann hörte ſie die tiefe ruhige Stimme des Pfarrers und verſtand wirklich hier in der⸗Ferne jedes ſeiner Worte. Er hatte den Text gewählt, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Beſten dienen müſſen. Dieſes tiefſinnige Wort, deſſen Gepräge durch gedankenloſen Ge⸗ brauch wie manch anderer goldene Spruch abgegriffen und ver⸗ flacht worden iſt, ſuchte er erſt, ſo weit es ſeiner ländlichen Ge⸗ meinde verſtändlich war, nach ſeinem ganzen Umfang im All⸗ gemeinen auszulegen, und ging dann auf die Erlebniſſe der nächſten Gegenwart über, die Wahrheit dieſer Verheißung an der furchtbaren Heimſuchung durch die mörderiſche Krankheit zu be⸗ währen. So viele, die ſorglos hingelebt und ihres Schöpfers ſchier vergeſſen hätten, ſeien durch die Trauer, die über ſie und ihre Nächſten gekommen, nach innen geführt und an das Heilige und Ewige erinnert worden. Alle chriſtlichen Tugenden, die in
„Anmuthig Thal! Du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das Beſte;
Entfaltet mir die ſchwerbehangnen Aeſte,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
Erqguickt von euren Höh'n, am Tag der Lieb und Luſt,
Mit friſcher Luft und Balſam meine Bruſt!“ Goethe.
Als der Minnegeſang von der Wartburg in das Land er⸗ klang, zog die Mythe mit ihm über Berg und Thal und legte den Schleier poetiſcher Weihe um Wald, Fels und Quelle, die lebendig wurden im ſagen⸗ und liederreichen Volksmunde. Selbſt die alten Zeugen einer bedeutenden Geſchichte, die Burgen und Warten, die Schlöſſer und Klöſter Thüringens ſind davon um⸗ woben. Aber auch einfache Häuſer und niedrige Hütten ſtehen im grünen Lande umher, die in anderer Weiſe verherrlicht erſcheinen, auf den Wanderer eine beſondere Anziehungskraft ausüben, die
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guten Tagen verachtet und kaum gedankt zu werden pflegten, habe die allgemeine Noth zu Hülfe und That aufgeboten; der Menſch ſei dem Menſchen brüderlicher nahe getreten, als ſonſt, und unter den ſchweren Prüfungen des himmliſchen Vaters habe die bange Seele wieder lernen müſſen, daß wir alle Kinder Gottes ſeien, und daß unſer Vater uns liebe, weil er uns züchtige. Wie bei einem Erdbeben, das friedliche Hütten und Häuſer zerſtöre, oft eine warme Heilquelle oder verborgene Erzadern zu Tage kämen, deren Entdeckung die heimgeſuchte Gegend zehnfach für ihren Ver⸗ luſt entſchädige, ſo werde der Segen, den hier der Tod geſtiftet, hoffentlich auf Geſchlechter hinaus nachwirken, und die Saat der Trübſal Früchte der Freude bringen.
Das und Aehnliches ſagte der wackere Diener Gottes und wohl Wenige unter ſeinen Zuhörern wurden tiefer von ſeinen eindringlichen Worten bewegt, als das verwaiſte Mädchen, das ihnen über den Friedhof hinüber lauſchte. Als er dann gebetet hatte, hub er noch einmal an: er habe der andächtigen Gemeinde noch mitzutheilen, daß der Segen des Herrn in dieſer Zeit der Prüfung ſich an zwei getreuen Herzen erwieſen habe, die angeſichts des Todes den Bund für's Leben geſchloſſen und ſomit ein neues Zeugniß dafür abgelegt hätten, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Beſten dienen müſſen. Auch in ihnen habe das Beben der Erde, auf der ſie bisher, ohne ſich zu erkennen, neben ein⸗ ander gewandelt, die warme Quelle an den Tag gebracht und ihre Kinder und Kindeskinder würden dereinſt die ſchwere Schickung zu preiſen haben, aus der, wenn Gott Segen verleihe, eine fröhliche Zukunft entſprießen würde.
Bis hierhin hatte die Lauſcherin im Sommerhaus mit Herz⸗ klopfen zwar, weil ſie an ihre eigene Liebe dachte, aber noch ahnungslos zugehört. Als aber nun die Gemeinde aufgefordert wurde, das verlobte Paar mit dem Prediger gemeinſam der Gnade des Herrn zu empfehlen und nach dem Namen, der ihr der theuerſte war, ihr eigner Name von der Kanzel ertönte, war der Eindruck ſo übermächtig, daß ihr einen Augenblick die Beſinnung ſchwand und ihr Kopf gegen den Fenſterrahmen ſank, hinter dem ſie geſeſſen hatte. Sie hörte nichts von dem Segen, den der Prediger der Gemeinde ertheilte, nichts von der Orgel, die mit Brauſen einſiel und den Schlußgeſang begleitete, und erſt, als ſich Schritte den Stufen des Sommerhäuschens näherten, wachten ihre Sinne wieder auf.„Wo ſteckt das eigenſinnige Ding?“ hörte ſie den Meiſter rufen.„Was? Nicht mit in die Kirche gehen, wenn man aufgeboten wird? Und nun mit dem eigenen Schwieger⸗ vater Verſteckens ſpielen? Schöne Sitten das! Aber nun ſoll ſie auch zur Strafe erſt dem alten Graubart einen Kuß geben, ehe wir ſie dem Bräutigam laſſen.“
Mit dieſen Worten öffnete der Alte die Thür und kam gerade recht, das Mädchen, das aufgeſtanden war, ihm entgegenzugehen, und von der Erſchütterung in eine zweite Ohnmacht fiel, in ſeinen Armen aufzufangen.— Als ſie die Augen wieder aufſchlug, fand ſie ſich, auf der Bank ſitzend, allein in der ſonnigen Dämmerung mit Dem, dem ſie ihr ganzes Lebenlang nie wieder hatte in die Augen ſehen wollen, und von dem nun erſt der Tod, der ſie
Die liebe luſtige Zeit in Stützerbach.
vereinigt, ſie wieder ſcheiden ſollte.
als Stätten, welche große und gute Menſchen betreten haben,
I geweiht ſind für alle Zeiten. In der Nähe von Ilmenau, auf der Höhe des Berges„Gickel⸗
hahn“ mit der weiten Umſchau, ſteht ein Jagdſchlößchen in hölzernem Gewande. Das kleine Haus war ehemals ein Lieblingsaufenthalt Karl Auguſt's von Weimar und erweckt beim Anblick immer
wieder das Andenken an eine große Zeit und an ein geniales
Treiben in dem Walde, der in der Nähe auch die Beetterhütte
beim Fenſter ſchrieb. Als er im Greiſenalter an ſeinem Geburts⸗
können.
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birgt, in welcher Goethe wochenlang ſeinen Aufenthalt nahm und das ſeelenvolle Lied„Ueber allen Wipfeln iſt Ruh“ an die Wand
tage es wieder auffand, weinte er, und auch der Wanderer wird die eigenhändigen Züge des Dichters, mitten im hohen ſtillen Walde, nicht anders als in der gehobenſten Stimmung betrachten
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