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Aerzte verfolgte die Apoſtel der Chirurgie von Norcia, und oft genug mußten ſie bei Nacht und Nebel vor der pedantiſchen Facultät flüchten. Germain Colot, der in günſtigen Vermögens⸗ verhältniſſen lebte, kümmerte ſich nicht viel um die blinden Eiferer gegen eine Kunſt, deren Jünger ihm ehrwürdig ſchienen, von welcher er ſchon ſo viel gehört hatte, die ſeinen Geiſt, ſein Nach⸗ denken mächtig erregte. Er hatte in vergilbten Schriften geleſen, wie die Alten zu Rom die gefährliche Operation betrieben, daß ſchon in grauer Vorzeit ein Privilegium darauf beſtanden. Celſus, Meges und Paulus der Arzt gaben ihr Verfahren an, deſſen ſich auch viele Aerzte der Epoche Colot's bedienten. Aber er hatte auch gefunden und durch ſich ſelbſt die Erfahrung gemacht, wie wenig ausreichend jene Methode ſei, wie oft der Leidende, in den der grauſamen Zerfleiſchung
meiſten Fällen ſogar, ein Opfer wurde. Die Norcianer allein beſaßen das Richtige, ihre Werk⸗
zeuge, ihre Kunſtgriffe waren allein vermögend, das Uebel zu be⸗ ſeitigen und den Kranken zu erhalten. Wenn er hinter das Ge⸗ heimniß kam, die Art jener Operation ſich zu eigen machte— welch' ein Glück für ihn! welch' ein Ruhm! welch' ein Segen für die Menſchheit!
Da pochte es in ſtürmiſcher Nacht an das Thor ſeines Hauſes. Es iſt ein flüchtender, fahrender Arzt. Unwiſſende Mönche haben ſeine Kunſt für Teufelswerk erklärt, neidiſche Aerzte haben die verbrieften Rechte emporgehalten, nach denen kein Anderer als ſie, die mit der Robe Bekleideten, das Leben eines Menſchen retten dürfe. Von dem Schmerzenslager eines in Qualen ſich Krümmenden, der jammernd und winſelnd die Arme nach dem Erlöſer ausſtreckt, hat das ſtarre, vermoderte Recht der Stubengelehrten denſelben hinweggeſcheucht, ihn mit harter Strafe bedroht. Er flüchtet in das Haus Germain Colot's, den man als einen Freund der Verfolgten ſchildert.
Germain verſchloß ſeine Thür dem Geächteten nicht. Er bereitete ihm ein Lager und bei dem Nachtmahle entdeckte der Flüchtling ſeinem Schützer, daß er ein Mitglied der Genoſſenſchaft von Norcia ſei, daß er eine Steinoperation vollenden gewollt und vertrieben worden. Germain Colot horchte auf; er hatte das wichtige Geheimniß in ſeiner Nähe, es mußte um jeden Preis ſein
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Der Arzt begab ſich eines Tages. in trüber Stimmung nach Paris, um daſelbſt Einkäufe für ſeine Hausapotheke zu machen.
Die feuchten Nebel eines Novembermorgens begannen ein wenig zu weichen, als Colot auf ſeinem Klepper von der Straße, welche nach Charenton führte, abbiegend durch das Thor St. Antoine ritt. Die ſchwarzen Steinmaſſen der Baſtille ragten aus den ſie umfluthenden Dunſtwolken hervor, ein Gewirre von Stim⸗ men, Menſchen und Thieren angehörend, ſcholl von dem Baſtille⸗ Platze herüber, zahlreiche Marktkarren, Treiber, Krämer und Bettler umringten den Reiter. Als Colot bei dem Palais Tournelles angekommen war, bemerkte er plötzlich, daß der ganze Menſchenknäuel ſich nach einer gewiſſen Richtung hin wälzte. Es ertönten die Rufe:„Da bringen ſie ihn!“„Sie haben ihn!“ „Armer Teufel!“ u. ſ. w. Colot lenkte ſein Pferd nach dem Orte, wo ſich die Maſſen zuſammenballten, und erblickte den Gegenſtand, welchem die Menge eine ſo beſondere Aufmerkſamkeit zollte. Es war ein Mann etwa in dem Alter von fünfundvierzig Jahren, der, auf einem Eſel rückwärts ſitzend, feſtgebunden und geknebelt war. Sein zerfetzter Anzug ließ eine Beſchäftigung oder ein Leben im Walde vermuthen, denn die grüne Friesjacke war mit vielen kleinen Rehkronen und Schweinshauern verziert. Bart und Haar, von der Anſtrengung, der Flucht und dem Transporte verwirrt, umgaben Kopf und Geſicht wie ein Büſchel aus Gras und Aeſten
zuſammengeſetzt.
Colot erfuhr, daß der arme Teufel ein Wilddieb aus Meudon ſei, der von den Jägern nach vergeblichem Suchen endlich er⸗ griffen, geknebelt ward und nun zum Gefängniß geſchleppt wurde. Der Arzt zuckte mit den Achſeln und warf noch einen Blick auf den Unglücklichen, der nach den grauſamen Geſetzen jener Zeit eine fürchterliche Todesſtrafe erdulden mußte. Glücklich, wenn er mit einem Hiebe durch den Henker vom Leben zum Tode befördert wurde, und nicht, auf einen Hirſch geſchmiedet oder mit Eiſen an den Stamm eines Baumes gefeſſelt, ſein elendes Leben in langer Qual verhauchen mußte!
Der Arzt beſorgte ſeine verſchiedenen Geſchäfte und kam end⸗ lich zu dem Apotheker in der Straße Saint⸗Jacques, wo er ſein Pferd eingeſtellt hatte. Dieſer Apotheker wohnte in der Gegend des kleinen Chaͤtelet, welches zu jener Zeit das Hauptgefäͤngniß
eigen werden. Der Norcianer fand den beſten Schutz bei Colot, deſſen große Popularität ernſtliche Maßregeln gegen den fahrenden Arzt verhinderte. Der Schützling war nicht undankbar. Er hatte den glühenden Wunſch Germain's vernommen.—
Eine Zeit lang waren der Arzt und ſein Schützling für Niemand ſichtbar. Die Hausgenoſſen Colot's deuteten verſtohlen auf die verſchloſſene Thür ſeines Arbeitszimmers, hinter welcher er ſich mit dem Norcianer befand⸗ Man trug ihnen Speiſe und Trank auf die Schwelle, ſah noch ſpät in der Nacht. die Fenſter erleuchtet, hörte feilen und hämmern. Endlich am vierten Mor⸗ gen, noch ehe die Sonne heraufſtieg, nahm der Norcianer Abſchied von Colot und zog auf einem ſtattlichen Pferde, die Taſchen mit Geld gefüllt, aus der Stadt.
Germain aber ſtand vor dem Secirtiſche ſeines Gemaches und blickte triumphirend, mit funkelnden Augen auf eine kleine Caſſette, welche einen Theil ſeines gewonnenen Geheimniſſes barg; der Norcianer hatte dem Arzte das Verfahren erklärt, deſſen er und ſeine Landsleute ſich bei der Operation bedienten.
Germain Colot war in großer Aufregung, denn obwohl er nunmehr in den Beſitz des wichtigen Geheimniſſes gelangt und über die Anwendung ganz einig mit ſich war, fehlte doch die Hauptſache: die Gelegenheit, eine ſo ſchwierige Heilung durch das Meſſer praktiſch zu vollführen. Wer ſollte ſich ihm anvertrauen? Die Steinkranken litten häufig eher an den Schmerzen, als einer ſo fürchterlichen Operation ſich auszuſetzen; außerdem ſtanden die Peimiſchen Aerzte gar nicht in dem Rufe, gerade dieſe Uebel durch ihre Hand vertilgen zu können, und erklärte Colot ſein Verfahren, ſo beſaß er es nicht mehr allein, der Werth des Ge⸗ heimniſſes ging verloren; auch fand ſich in der Gegend von Iuviſi, wo Colot ſeine ärztliche Praxis betrieb, kein Steinkranker um dieſe Zeit; wenn er zu lange zögerte, kam ihm vielleicht Jemand zuvor, denn wer bürgte dafür, daß der Norcianer ſein Geheimniß nicht zum zweiten Male verkaufte?
Der Arzt ſpähte wie ein Geier umher, der Beute ſucht— umſonſt. 3
von Paris war. Als der Doctor, noch damit beſchäftigt, ſeine Einkäufe in den Mantelſack zu packen, in den Laden des Apo⸗ thekers blickte, ſah er einen Mann eintreten, der auf ſeinem rothen Wamms das Wappen der Stadt Paris, das Schiff, in weißer Seide geſtickt, trug. Es war einer der Stadtſchergen oder Häſcher. „Hollah, Meiſter Patelin,“ rief er.„Schnell ein kühlendes Arcanum, eine Art von Schlagwaſſer oder dergleichen.“ „Was giebt es?“ ſagte der Apotheker.„Wofür ſoll es ſein?“ „Nun, der Wildſchütze, den ſie heut Morgen eingebracht haben, droht uns durch den Tod zu entſchlüpfen,“ lachte der Scherge roh.„Er ſchreit und wimmert und behauptet, er habe einen Stein im Leibe, der ihn zur Verzweiflung treibt. Meiſter Artus, der Schließer vom Chatelet, ſendet mich zu Euch, daß ich einen kühlenden Umſchlag hole. Es wird wohl nicht ſo arg ſein.“ Germain Colot war bei dieſen Worten aufmerkſam gewor⸗ den; er legte haſtig ſeinen Mantelſack nieder und trat zu dem Schergen. „Wie ſagt Ihr? einen Stein?“ fragte er.„Dafür iſt dieſes Schlagwaſſer kein Mittel. Hier— da habt Ihr ein Stück, zwei Livres tournois; wollt Ihr noch einmal ſo viel verdienen, ſo ſorgt dafür, daß ich zu dem Gefangenen kommen und ihn unter⸗ ſuchen darf.“
kenne Euch wohl.
Bei der Bekanntſchaft mit dem Häſcher, und auf eine Em⸗ pfehlung des Apothekers hielt es für den Arzt nicht ſchwer, in das Gefängniß zu gelangen. Der arme Sünder ſaß in einem niedrigen Gewölbe. Ein ſchmales Fenſterkoch ließ den ſpärlichen
„Ah, Ihr ſeid der Doctor Colot,“ grinſ'te der Scherge,„ich Geht mit mir.“ 8
Lichtſtreifen hereinfallen, der das feuchte Behältniß nur an einer Stelle matt erleuchtete. Der Wilddieb ruhte auf einem Steinen den man mit ſchlechter Wolldecke bekleidet hatte, ſein linker Fu war durch eine ſtarke Kette an die Wand gefeſſelt. Als de
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Der Herbſt kam heran, die Winterſtürme begannen zu wehen und Germain Colot hatte noch immer keine Gelegenheit gefunden, ſeine Kunſt bei dem neuen Verfahren zeigen zu können.
ſich zu erheben, ſiel aber mit lautem Stöhnen auf ſein hart Lager zurück.“
Doctor mit dem Schließer in die Zelle trat, ſuchte der Gefeſſel


