Jahrgang 
47 (1868)
Seite
752
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ſitzung eine heftige Attake auf d'Israeli losgelaſſen; vielleicht ſind in Tottenham Court Road oder ſonſt wo eine ganze Reihe Häuſer eingeſtürzt, gerade als ſich die Bewohner derſelben zur Ruhe gelegt hatten Er eigniſſe, wie ſie während der Londoner Saiſon faſt allwöchentlich ſich zu tragen, die brühwarm nach Dublin und Glasgow gemeldet werden müſſen, wo ſie das Publicum bereits beim Frühſtück zu genießen wünſcht. Was dem Telegraphenbureau nach Mitternacht zugeht, das iſt unfehlbar alle mal von Wichtigkeit, denn unbedeutendere und unintereſſantere Mitthei⸗ lungen werden nach elf Uhr nicht mehr ewpedirt..

Beſitzt der Telegraphiſt die gehörige Geſchicklichkeit, ſo befördert er hundertundzwanzig Worte in ſechszig Secunden und ſchlägt ſo auf der vierhundert engliſche Meilen langen Rennbahn zwiſchen London und Glasgow Mutter Zeit um eine Minute in Berückſichtigung des Längen⸗ wrierſchiedes der beiden Orte. Der Correſpondent, welchem das Referat einer ſpäten Rede, der Bericht von der großen Feuersbrunſt oder dem herzbrechenden Begebniß, von dem geheimnißvollen Vorfall oder dem bru talen Anfall auf eine vornehme oder garhohe Perſon obliegt, ſitzt neben dem Telegraphiſten am Apparat und ſchreibt ſeine rührenden oder er⸗ ſchreckenden. Mittheilungen mit Hochdruckgeſchwindigkeit nieder. Sobald er eine Seite gefüllt hat, reicht er ſie dem Telegraphiſten zu, um ſie dem Drahte zu übermitteln, ſo daß, während Seite Zwei auf das Papier ge⸗ worfen wird, Seite Eins bereits ihre Beſtimmung erreicht hat, und ſo fort, bis die ganze Geſchichte telegraphirt iſt. In Glasgow hat die Re⸗ daction auch ihren Beamten auf dem Telegraphenbureau ſtationirt, der Seite für Seite in Empfang nimmt und in die Druckerei befördert. Auf dieſe Weiſe iſt in vier Minuten, nachdem der Reporter in London ſeine Arbeit beendet hat, ſchon die Ueberſchreibung der Depeſche in Glasgow be⸗ werkſtelligt, eine Stunde darauf ſteht der Bericht gedruckt, und mit den Morgenzügen der Bahnen geht die Zeitung, welche ihn enthält, in die Welt hinaus. Drängt die Zeit noch mehr, ſo dictirt der Berichterſtatter ſeinen Artikel unmittelbar dem Telegraphiſten und mittelbar einem Collegen, der vierhundert engliſche Meilen davon in Glasgow oder Edinburghin ſtiller Mitternacht am Arbeitstiſche Wacht hält.

Aus dieſem Allen ſcheint hervorzugehen, daß die Redactionen in Schottland und Irland nichts weiter zu thun haben, als das ihnen von London aus zugehende Manuſeript in die Druckerei zu ſchicken und dafür zu ſorgen, daß es rechtzeitig und ſo correct wie möglich in die Preſſe kommt. Das würde jedoch eine ſehr irrige Annahme ſein. Wie ſorgfältig die ver⸗ ſchiedenen Artikel auch in London verfaßt ſind, wenn ſie nach Glasgow oder Edinburgh oder Dublin kommen, befinden ſie ſich meiſtens in einem Zuſtande, für welchen man in England den techniſchen AusdruckPie (Paſtete) zu gebrauchen pflegt, durch die lange Reiſe oft völlig durchein ander geſchoben und aus dem Zuſammenhange geriſſen; Sätze ſind aus gelaſſen, Ueberſchriften und Rubriken fehlen und das Ganze iſt ohne An ordnung und ohne Interpunction. In London ſind zwar die Mittheilungen in einzelnen Abſchnitten, Satz für Satz expedirt worden, allein in Edin⸗ burgh oder Glasgow langen ſie in einer endloſen und ungeſchiedenen Maſſe an; ein Gegenſtand miſcht ſich mit dem andern, und die Unter redacteure, in deren Departement dies Geſchäft fällt, haben in der Regel die größte Mühe und müſſen allen ihren Scharfſinn aufbieten, das Chaos zu entwirren und den Text in die rechte Verfaſſung zu ſetzen. Börſen⸗ ſchlußcourſe der Fonds; gefühlloſes Benehmen eines Waliſer Pfarrers; Tod eines Cabinetminiſters; Gerücht vom Abgang des Premiers; Verzeich⸗ niß der Faſtenprediger; Brutalität in Whitechapel; Einſturz eines Theils der Themſeeinfaſſung; verwegener Straßenraub; Schiffbruch in Cornwallis;; Hinrichtung in Preſton ſo läuft es wild durch einander, gleich den Phantaſien eines Fieberkranken, und der geplagte Unterredacteur in ſeinem dicht neben dem Setzerſaale gelegenen Bureau hat kaum eine halbe Stunde zi⸗ das tolle Durcheinander zu lichten und die gehörige Ordnung herzu⸗ eelllen!

Die Arbeit wird dadurch noch mehr erſchwert und verwickelt, daß von Zeit zu Zeit Privatmittheilungen, insbeſondere von hervorragenden politiſchen Perſönlichkeiten, auf die man Rückſicht zu nehmen hat, einlaufen und ſofort zumn Abdruck kommen müſſen. So läßt vielleicht Gladſtone oder Bright, mitten in der Hitze einer Debatte, dem betreffenden Londoner Sub redacteur plötzlich den Wunſch ausdrücken,für ihn zwei Columnen Petitſatz behufs Erörterung dieſer oder jener eben auf dem Tapete befindlichen Frage offen zu laſſen, und ſomit bleibt das endgültige Arrangement des Blat⸗ tes ſuspendirt, bis ſeine Darlegung eingelaufen iſt. Langen im Londoner Telegraphenzimmer Nachrichten an von mehr als gewöhnlichem Intereſſe, ſo wird die Depeſche, mit deren Beſörderung man ſoeben beſchäftigt iſt, ohne Weiteres unterbrochen und zunächſt die wichtigere Mittheilung tele graphirt. Demgemäß kommet es öfters vor, daß die Ankündigung einer Miniſterkriſis oder der Bericht eines Unfalls, durch welchen zwanzig Men⸗ ſchen das Leben verloren haben, oder die Anzeige vom Tode eines regie⸗ renden Hauptes und dergleichen mitten aus einem Referate über das Wetter und die Ernte oder über die letzten Wollmärkte herausgeſchält werden müſſen.

Während der Parlamentstagung haben die Specialdrähte wahrhaft Unglaubliches zu vollbringen. Gar oft müſſen ſieben Columnen Debatten im Verlaufe eines Abends in Weſtminſter ſtenographirt, dann umgeſchrie⸗ ben, hierauf nach dem in der City in Threadneedleſtreet derſelben Straße, wo ſich die Bank von England befindet gelegenen Telegraphen⸗ bureau geſandt, hier telegraphirt, in Glasgow oder Edinburgh. überge⸗ ſchrieben, für die Preſſe zurecht gemacht, geſetzt, corrigirt und gedruckt werden, um in der nächſten Morgenausgabe des Blattes erſcheinen zu können. Zu dieſer Zeit iſt der Telegraphenſaal der Schauplatz von Augſt, Aufregung und Spectakel. Die Verhandlungen imHauſe haben viel⸗ leicht bis tief in die Nacht hinein gewährt und Haufen von Manuſcript fluthen bis zum Thorſchluß ins Bureau, zum Theil in unleſerlichem Ge kritzel. Der Bote, welcher die erſte Rede in der Taſche hat, iſt ſaum⸗ ſelig und erſcheint erſt eine Stunde ſpäter als der zweite Bote mit der zweiten Rede; drei Seiten aus dem wichtigſten Theile der wichtigſten Rede des Abends fehlen ganz; neue Boten müſſen danach ausgeſandt werden, und dazwiſchen regnet es Telegramme von Glasgow und Edinburgh, daß dort die Setzer warten! Den Beamten an den dreißig Apparaten läuft der Schweiß von der Stirn; die Unterredacteure ſind in Verzweiflung. Manuſcriptbündel in der einen Hand, die Abendblätter in der andern, den Bleiſtift hinter den Ohren, das Federmeſſer im Munde ſe rennen ſie von einem Telegraphiſten zum andern, roth von Hitze und Aerger, ſtreichen hier ein paar Sätze, fügen dort welche hinzu, laſſen plötzlich mitten in einem Telegramm pauſiren, um geſchwind ein anderes zu entſenden, und verwünſchen, während das Klappern der Inſtrumente und das Klin⸗ geln der Glocken die Ohren betäubt, den Telegraphen als eine Erfindung der Hölle. So geht es fort, bis mit dem grauenden Morgen London er wacht und die armen Telegraphiſten, ohne der Wunder zu achten, die ſie vollbracht, müde und matt nach Hauſe und zu Bette ſchleichen.

Iſt das Parlament aber vertagt, jagen ſeine Mitglieder auf den ſchottiſchen Mooren oder lungern ſie am Seeſtrande, ſteht Belgravia ver⸗ ödet, haben die Clubs ſich entleert, ſchweigt die Politik, alsdann hat der Specialdraht ein paar Monate gute Zeit. Selbſt in dem großen Verkehrsſtrom von London beginnt dann das Meer der Neuigkeiten zu ebben. Dennoch wird dem Telegraphen nicht völlige Ruhe gegönnt; die armſeligſte Nachricht aus den Londoner Abendblättern muß derSpecial nach Irland und Schottland tragen. Und ſo geſchieht es, daß häufig Mittheilungen Hunderte von Meilen geſandt und der Ehre des Druckes gewürdigt werden, die man, wären ſie ohne Koſtenaufwand in Edinburgh oder Glasgow ſelbſt den Redactionen zugegangen, einfach in den Papierkorb geworfen hätte. Was thut es? man hat doch ſeinenSpecialdraht!

Das Erdbeben in Südamerika. Die Kataſtrophe an der Weſtküſte Südamerika's, deren die Gartenlaube bereits in Nr. 42 ausführlicher ge⸗ dachte, hat auch eine große Anzahl deutſcher Landsleute ihrer ganzen Habe beraubt und in namenloſes Elend geſtürzt. Ein Hülfscomité, beſtehend aus den angeſehenſten Kaufleuten in Lima, wendet ſich in einer warmen Anſprache an alle Deutſchen mit der Bitte, den ſo plötzlich unglücklich gewordenen, deren Sympathieen für die alte Heimath bei allen Gelegen heiten, zuletzt bei den Sammlungen für die Verwundeten aus dem Kriege von 1866 ſich ſo wacker bethätigten, hülfreiche Hand zu leiſten, und durch Einſendung von Liebesgaben der ſchrecklichen Noth mit ſteuern zu helfen. Wir wollen nicht unterlaſſen, auch unſere Leſer auf dieſen Aufruf hinzu⸗ weiſen, mit dem Bemerken, daß das Comité in Bremen, an deſſen Spitze Herr S. M. Gildemeiſter(Firma J. Gildemeiſter u. Co.) ſteht, alle, ſelbſt die kleinſten Gaben entgegennimmt und für ſchnellſte Weiterbeförderung beſorgt ſein wird.

Kleiner Briefkaſten.

L. B. in R. Eine ausführliche Antwort auf Ihre verſchiedenen An fragen können wir leider nicht abgeben. Ein Leitfaden zur Kenntniß der Mineralien iſt von G. Ramann(in Arnſtadt) erſchienen, auch können wir Ihnen die dazu gehörigen Mineralienſammlungen in ſaubern Holzkäſten ſehr empfehlen, namentlich bei der herannahenden Weihnachtszeit für Schu⸗ len und Familien. Es exiſtiren von dieſen Sammlungen vier Ausgaben, achtzig Species zu 2 ½ Thlr., hundert Species zu 4 Thlr. 3 Sgr., hundert Species größeren Formats zu 8 Thlr. und hundertundfünfzig Species zu 15 Thlr. Wenden Sie ſich bezüglich Ihrer übrigen Aufragen an den Verfertiger dieſer Sammlungen, Herrn G. Ramann in Arnſtadt.

Den Herren C. F. Rh. in L., B. in Frankenberg, L. und G. E. in Esp. Die Erfindung, welche in dem ArtikelEin Lendoner Kum⸗ merhof nur beiläufig erwähnt iſt, wird in einer der nächſten Nummern, ſo weit ſie bis jetzt bekannt geworden, mit einigen anderen praktiſchen Rathſchlägen mitgetheilt werden.

Eine deutſche Frau. Möchten Sie nicht dem Dichter, zur Be⸗ antwortung Ihrer Anfragen, Ihren Namen nennen?

83 3 2 Zur Beachtung.

offſan r Nop... 3.......

Oefter vorgekommene Verwechſelungen nöthigen mich zu der wiederholten Mittheilung, daß die meiner Zeitſchrift zuweilen eaende 9 31 p 5.. 6.. 5 21: 2 ,f beiliegendenAllgemeinen Anzeigen in durchaus keinem innern Zuſammenhange mit derGartenlaube ſtehen und daß, ABre 0 8 to 544 51 1........ während dieGartenlaube mein alleiniges Eigenthum iſt und von mir allein redigirt und herausgegeben wird, dieAllgemeinen

O e Gor ARNrS 7 4 7. 5:.. S Anzeigen Eigenthum des Herausgebers derſelben, Herrn Robert Apitzſch in Leipzig ſind, der dieſe Anzeigen der Gartenla)aall

unter denſelben Bedingungen beilegt, welche für jeden andern Geſchäftsmann maßgebend ſind.

Leipzig, im October 1868.

3 Inhalt: Das Erkennungszeichen. Von A. Godin.(Fortſetzung.) Deutſche Wanderſchaft. Gedicht von Emanuel Geibel. tr Katzen Raphael. Mit Abbildungen. Aus dem Unterinnthal. Von Ludwig Steub. 1. Das Paſſionsſpiel in Brixlegg. Germain Co kail Steinoperateur. Von George Hiltl. Ein Kleinod aus deutſcher Vergangeuheit. Mit Abbildungen, Blätter und Blüthen: Der Speſ 1

Das Erdbeben in Südamerika. Kleiner Briefkaſten. Zur Beachtung. de

Ernſt Keil.

B; 1* 8 5 2117 8 Verantwortlicher Redacteur Ernſt Keil in Leipzig. Verlag vonſruſ Keil in Leipzig. Druck von Alexander Wiede in L

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