Jahrgang 
47 (1868)
Seite
737
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Das Erkennungszeichen. Von A.

(Fortſetzung.)

War es denn ein Traum, ein leerer Wahn geweſen, als Feld⸗ heim noch vor wenigen Wochen mit ſo ruhiger Sicherheit ſich dies reizende Weib als die Seine dachte? Und nun! Er dachte zurück an vergangene Tage, wie ein Schattenſpiel glitten ſie an ſeinem inneren Auge vorüber. Als er Helene vor ſechs Jahren zuerſt kennen lernte, war ihm das Herz vom Verluſt einer ge liebten Braut todesſchwer geweſen; das liebliche Naturell, das gute Herz der jungen Frau hatte ihm zuerſt wieder einen ſchwachen Antheil am Leben abgewounen.

Das Haus, in dem ſie waltete wie Sonnenſchein, war ihm as einzige Aſyl geweſen, wo er ſich nicht ganz heimathlos und troſtlos fühlte.

Als ein Altersgenoſſe, Freund und naher Verwandter ihres Gatten, war er in dieſem Hauſe immer heimiſcher geworden, und als Ernſt Dalen vor einigen Jahren ſtarb, hatte er Feldheim zum Teſtamentsvollſtrecker und Berather ſeiner Wittwe beſtimmt, was allen Theilen als ſelbſtverſtändlich erſchien. So herzlich hatte ſich das gegenſeitige Verhältniß zwiſchen Beiden geſtaltet, daß Feldheim's Verſetzung von München nach Bamberg Helene be⸗ ſtimmt hatte, ſpäter auch dahin überzuſiedeln.

Er ſelbſt hätte wohl kaum zu ſagen gewußt, wann das jahrelang ſo brüderliche Gefühl ſich zuerſt in ihm wandelte genug, es war ihm ſeit einiger Zeit nur allzuklar geworden, daß er Helene mit jedem Herzſchlag zu der Seinen begehre!

Die wiederholte Zurückweiſung jüngerer glänzenderer Bewerber, die Art, wie Helene ſich von Allen ihm mit Innigkeit zuwandte, gab ihm Zuverſicht, und ſchon ſchwebte die entſcheidende Frage auf ſeinen Lippen, als die erſte Begegnung der jungen Frau mit Schaumberg ſtattfand. Mit jenem ſeltſamen Inſtinct, der jedes in ſeinem Glück bedrohte Gefühl eine Gefahr ſofort erkennen läßt, empfand Feldheim vom erſten Angenblicke an, daß es mit ſeinen erträumten Hoffnungen aus ſei.

Zum erſten Mal in ſeinem Leben rang er mit der brennenden Qual einer Eiferſucht, deren Stachel ſich um ſo tiefer in ſeine Scele bohrte, als er es ſcharf empfand, wie nothwendig Be⸗ herrſchung ſei, wenn er nicht mit ſeinen mächtigſten Empfindungen an der Klippe der Lächerlichkeit ſcheitern ſollte.

So lange er ohne wirklichen Nebenbuhler Helenen gegen⸗

über ſtand, hatte er den Unterſchied der Jahre, die ſie von ihm

trennten, kaum empfunden. Er liebte mit aller Gluth ſeiner Seele

und Sinne, mit aller Kraft eines reichen, nie vergeudeten Gefühls. Von den Frauen bis zur Stunde bevorzugt, ja verwöhnt, hatte

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Godin.

nichts ihn daran erinnert, daß auch ihm das Leben verrann, er fühlte ſich innerlich noch jung und reich genug, um eine zweite Seele in den vollen Strom der Empfindung mit ſich untertauchen zu laſſen. Nun aber, den jugendlichen Geſtalten gegenüber, die vor ſeinen Augen ſo plötzlich ſich ſuchten und fanden, erſchien er ſich ſelbſt wie ein Bettler, wie ein Thor!

Er auf der Neige des Lebens, er mit dem ergrauenden Haar, er ſollte rivaliſiren wollen mit dem Manne dort, der ihn an Jugend, an lebensvoller Friſche ſo weit übertraf! Sein Stolz, mehr als das, ein tiefes, innerſtes Schamgefühl bäumte ſich in ihm bei dem Gedanken, daß irgend ein Auge entdecken könne, was in ihm vorging vor Allem das Auge Helenens! Und doch vermochte er es nicht immer, ihr gegenüber die ruhige Haltung zu bewahren, um die er rang. jungen Arzt täglich zu Helenen geführt, hatten hingereicht, eine Intimität zwiſchen Beiden zu erzeugen, die in den gemeinſchaftlichen Muſikſtudien ihren Vorwand, in täglich wachſender Vertraulichkeit ihren Ausdruck fand. Eine unerträgliche Qual durchſchnitt Feld⸗ heim's Seele, wenn er, wie eben jetzt, zuſehen mußte, wie der junge Mann ſich zu Helene beugte, wie ihr Blick mit dem ſeinen ſo leuchtend zuſammentraf, wie ein neues, ſeelenvolles Leben ihre Züge in ſeiner Gegenwart verſchönerte.

Noch rauſchten die vollen Klänge der Eroica dahin, als, von den begeiſtert Spielenden ungehört, der Major lautlos das Zimmer verließ.

5.

Der Sommer war bereits weit vorgeſchritten. Bei Helene Dalen, der ſonſt ſo Reiſeluſtigen, wurden aber, zur geheimen Befriedigung der alten Couſine, in dieſem Jahre keine An⸗ ſtalten zu irgend einem Ausfluge gemacht. Längſt ſchon wan⸗ derte der leichte Fuß der jungen Frau wieder ohne Hinderniß durch Flur und Wald, ſie ſah lebensfriſcher aus, als je, und doch war ſie, zum Verdruß ihrer zahlreichen Bewunderer, an den Sammelplätzen der eleganten Welt nur ſelten zu treffen. Geſchah es einmal, ſo fehlten ihr zwar die friſche Heiterkeit, das mädchen⸗ hafte Lachen, das ihr ſo wohl ſtand, auch jetzt nicht, dennoch fand man ſie allgemein verändert. Die Verwandlung mochte vor Allem darin liegen, daß die frühere Koketterie völlig aus ihrem Weſen verſchwunden ſchien, wie ein Parfüm, das nicht mehr benutzt wird. Ein anderer, ſüßerer Duft umgab jetzt wie ein durchſichtiger Schleier die ganze Erſcheinung der jungen Frau.

Die wenigen Wochen, die den

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