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Helene liebte, und war ſich deſſen voll bewußt. Mit tiefen Zügen trank ſie aus dem perlenden Becher des unbekannten Glückes, deſſen Inhalt ihr ſo ſüß, und doch ſchon jetzt ſo fremd⸗ artig erſchien. Was war es, das ſo oft einen Schatten über ihre Stirn, einen verſchleierten Blick in ihr Auge warf? Sie konnte nicht daran zweifeln, daß ihr Gefühl lebhaft erwidert ward, und doch lebte in ihrer Seele neben Otto's Bilde eine ſeltſame Ahnung von Sorge. Was konnte ſie zu fürchten haben? Kein Hinderniß lag zwiſchen ihr und ihrem Glück— nur das ent⸗ ſcheidende Wort durfte von ſeinen Lippen fallen, und das Leben, die Zukunft ſtrahlten ihr licht entgegen.
Dies Wort aber blieb aus, noch immer aus, ſo oft es auch ſchon ſich auf dem Rande der Lippen zu wiegen ſchien, die ihre Hand ſo lebhaft zu küſſen verſtanden. Es war etwas da, was ſich nur allzu oft wie eine unſichtbare Schranke zwiſchen Beide ſtahl, etwas, das man nicht ſah, nur fühlte, das mit ihm bei ihr eintrat und, wenn es in ihrer ſiegenden Gegenwart auch wich, doch immer wiederkam und ſie wie mit dunklem Flügelſchlag umſchattete.
Helene hätte lange ſinnen und ſuchen können, nimmer würde ſie herausgefunden haben, daß die Schranke, die ſie ahnungsvoll empfand, in ihrem eigenen Weſen lag.
Otto Schaumberg gehörte zu den Naturen, die der Anziehungs⸗ kraft leicht nachgeben, der Beherrſchung aber entſchlüpfen. Das originelle und feſſelnde Weſen der jungen Frau hatte eine feurige Empfindung für ſie raſch geweckt, und in kürzerer Zeit, als er für möglich gehalten, drängten ſich die Conſequenzen dieſes Ge⸗ fühls in ſeine gewohnte, mit Ueberzeugung adoptirte Lebensſphäre. Trotz allem Genuß, der in dem in jeder Weiſe intereſſanten Ver⸗ kehr mit Helene für ihn lag, fühlte doch Schaumberg bei all den fremdartigen Beſchäftigungen, in die ſie ihn hineinzog, bei der zuverſichtlichen Weiſe, wie ſie ſeine Zeit in Anſpruch nahm, ein wachſendes Unbehagen. Ihm, deſſen Charakter intenſiv war, bis zur Pedanterie ſogar, war jede Zerſplitterung von Zeit und Kräften ſtörend und verſtimmend. Er empfand es ſcharf und deutlich, daß Helenens Weltanſchauung von der ſeinigen gänzlich verſchieden ſei, daß er, mit dieſer Frau als Gefährtin auf ſeinem
Lebenswege, entweder ihr eigenthümliches Weſen umſchmelzen, oder die feſtgeſchloſſenen Bahnen verlaſſen mußte, die er ſich vorge⸗ zeichnet. Was ihn trotz dieſer Ueberzeugung feſter an ſie band als all ihr Reiz, war die Gewißheit, ihre Liebe zu beſitzen.
„Man muß es empfunden haben, wie die Liebe eines Andern
zuns überraſcht und erwärmt, wie ſie uns gefangen nimmt und zuletzt mit uns fortzieht, um der ganzen Macht eines ſolchen Be⸗ wußtſeins gerecht zu werden! Otto's Ahnung, daß Helene jene Briefe an ihn gerichtet habe, ward ihm bei öfterem Zuſammen⸗ ſein mit ihr zwar durch keinen ſichtbaren Beweis, aber durch manche Zufälligkeit beſtätigt und hatte ſich als feſte Ueberzeugung in der Tiefe ſeines Herzens eingeniſtet. Eine eigenthümliche Rüh⸗ rung ergriff ihn bei dem Gedanken, daß dies ſchöne, reichbegabte Geſchöpf ihn aus der Fülle des eigenen Gemüthes heraus erfaßt hatte. Oft, wenn ihr allzu ſelbſtſtändiges, kühnes Verſchmähen der öffentlichen Meinung ihn rerletzte, ſtieg verſöhnend der Ge⸗ danke an jenen zweiten Brief in ihm auf, der eine ſo echt weib⸗ liche, ja mädchenhafte Geſinnung verrieth. Dann ſagte er ſich gern, daß ein Weib, das ihn ſo ſelbſtlos und innig liebe, ſich ſeiner Denkweiſe, ſeinen Lebensgewohnheiten anpaſſen würde, ſei ihr Weſen auch noch ſo ausgeprägt.
Wcochen und Monate vergingen ihm ſo in wachſender Auf⸗ regung und Spannung, die ſich oft bis zum Unerträglichen ſtei⸗ gerte. Ein unwiderſtehlicher Zug führte ihn immer von Neuem zu der Geliebten, aber oft und öfter kehrte er mit einem Gefühl der Müdigkeit und Abſpannung von ihr heim in ſein ſtilles
Studirzimmer, unfähig, nach ſeiner einſtigen Gewohnheit dort zu⸗
ſchaffen und zu leiſten, wozu er ſich berufen und verpflichtet fühlte. Helene war eine Künſtlernatur, ſie gab unaufhörlich, gab, ohne es zu ahnen, oft allzu viel— ſolche Frauen haben nur eine Weiſe etwas zu lieben oder zu thun, und das iſt, von ganzer Seele! Weil ihnen ſelbſt die Verſchwendung ſo natürlich, ſo leicht iſt, erwarten und fordern ſie beſtändig mehr, als der Mann zu gewähren vermag, will er nicht Alles von ſich werfen, was ſeine Weſenheit ausmacht.
Auch das Vexrhältniß der jungen Frau zu Feldheim ſtörte und verſtimmte Schaumberg immer von Neuem. Er empfand zu
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lebhaft für Helene, um, trotz aller Selbſtbeherrſchung ihres älteren Freundes, deſſen heißes Gefühl nicht bald errathen zu haben. Es ſchien ihm unzweifelhaft, daß auch Helene hierüber klar ſehen müſſe, und darum verletzte und erbitterte es ihn, wenn er ſah, wie die Geliebte mit Feldheim ſchmollte, ſo oft er ausblieb, wie ſie ihn mit Jubel empfing, wenn er wiederkam, und durch hun⸗ dert unwillkürliche Aeußerungen verrieth, daß der Umgang, die Freundſchaft des Majors ihr unentbehrlich
Vielleicht war es doch vor Allem dieſe die unſerem jungen Freunde endlich den um jeden Preis von der Kette loszureißen, Tag feſter umſchlang und zu exſticken drohte.
Ein äußerer Anlaß brachte dieſen Entſchluß zur Reife. In Berneck, einem nahegelegenen Badeorte des Fichtelgebirges, ward durch einen plötzlichen Todesfall die Stelle des Bade⸗ und Bezirks⸗ arztes erledigt, und von Seiten des Medieinal-Collegiums erging an Schaumberg ganz unerwartet die Anfrage, ob er geneigt ſei, dieſe Stellung zu übernehmen.
Trotz aller vorhergegangenen Kämpfe warf dennoch die nun drängend vor ihm ſtehende Entſcheidung einen Brand in die Seele des jungen Mannes, der von der Macht ſeines energiſchen Willens zwar gelöſcht ward, dabei aber gar Vieles in ihm ver⸗ heerte. Als er ſeine Zuſage an die Behörde unterzeichnete, in welcher er ſich bereit erklärt hatte, in den nächſten Tagen nach dem neuen Berufsorte abzugehen, ging es wie ein Riß durch ſeine Seele. Nur wenige Meilen waren es zwar, die ihn fortan von Helene trennen ſollten, ihm aber bedeuteten ſie ein Scheiden auf Nimmerwiederſehen.—
Es dämmerte. Helene ſaß, von den ſchweren Gardinen halb verhüllt, in der tiefen Fenſterniſche ihres Wohnzimmers und ſah unverwandt auf die menſcheuleere Straße hinaus.
Die junge Frau ſah heute leidend aus, eine durchſichtige Bläſſe war über ihre feinen Züge ausgegoſſen, tiefe Schatten lagen um die fieberiſch glänzenden Augen. Obgleich ſie ſich nicht rührte, würde doch ein Beobachter leicht erkannt haben, daß ſie heftig erregt war; die kleine Hand, die auf dem Fenſterkiſſen lag, erzitterte mitunter, und eine der blauen Adern, die ihre freien Schläfe durchzogen, pulſirte unaufhörlich. Seit vorgeſtern hatte ſie von Schaumberg weder etwas gehört, noch geſehen, dieſen Morgen aber ſeine Verſetzung und Beförderung als amtliche Ankündigung im Tagblatt geleſen. Seitdem ſaß ſie und wartete auf ihn.
Das Warten einer Frau, die liebt und leidet— was käme Dem wohl gleich! Man hat oft geſagt und geſchrieben, die Liebe des Weibes ſei deßhalb ſo viel tiefer und ausdauernder als die des Mannes, weil ihr ſo viel Zeit bleibt, mit dem eigenen Herzen zu verkehren— das aber iſt es nicht, was ihr Gefühl ſo ver⸗ tieft, es iſt das ſtumme Warten auf ein Glück, das ſie ſich nicht ſelbſt erobern darf. Sie kann nichts thun für ihre Liebe, ſie kann nicht hinaus aus dem Zauberkreiſe, den Sitte und Zartgefühl um ſie ziehen; will ſie handeln für das Glück ihres Herzens, ſo handelt ſie gerade dagegen— ſie kann nichts thun, als warten! Oft allerdings mit lächelnder Zuverſicht, die das Erſehnte ſogar freiwillig verzögert, weil ſolches Warten ſo ſüß iſt— oft aber auch mit ſtockendem Herzſchlag, der jede Secunde zur tödtlichen Qual werden läßt! Und ſo wartete heut Helene. †
Als die ihr unglaubliche Neuigkeit von Schaumberg's be⸗ vorſtehendem Wegzug ſo unerwartet ihr Auge getroffen hatte, war ihre erſte Regung auflodernder Unwille. Er wollte fortgehen— er hatte dieſen in ſein Leben eingreifenden Entſchluß gefaßt, ohne ihren Rath, ihre Wünſche zu befragen, der Entſchluß war zur That geworden, und ſie wußte nichts davon! Der Gedanke an Vergeltung, der in leidenſchaftlichen Gemüthern ſo raſch aufwallt, färbte ihre Wangen mit dunkler Gluth— ſie wollte ihn Das fühlen laſſen, ihn dafür ſtrafen, auch er ſollte leiden, ſcharf und glühend leiden, wie ſie in dieſem Augenblick! Sie würde ihn kalt empfangen, wenn er heute käme,
Inde Empfindung, aluß abrang, ſich von Tag zu
Mit fliegender Bruſt wanderte ſie raſtlos in ihrem Zimmer auf und nieder, dazwiſchen immer von Neuem athemlos aufhorchend. Bei dem ſaſ Geräuſch im Hauſe drohte ihr wilder Herzſchlag ſie zu erſticken— ſie haßte Otto in dieſen Stunden faſt, um all der Qual wille die ſie um ihn litt. 8
. mit gleichgültiger Miene ſeine Mittheilung anhören, ihn nichts von dem Aufruhr ahnen laſſen, der ſie in dieſem Augenblick durchwühlte!
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