Jahrgang 
47 (1868)
Seite
744
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Bruder unterſtützt, ſo daß ein Duett entſteht, welches durch den Zutritt eines anderen Sohnes, der vielleicht ſchon auf der Uni verſität iſt und als ſonorer Baryton ſpricht, zum Trio erhoben wird. Endlich reden Vater und Mutter auch wieder drein und es giebt ein lebendiges Tutti, welches anfangs darſtellt, wie man ſich über die Witterung von allen Seiten abdisputirt, zuletzt aber auch, wie man ſich verſtändigt, den Ausflug nach Alpbach oder Brandenberg gleichwohl beſchließt und ſich plaudernd und ſchäkernd auf den Weg macht. Derlei oder andere Sachen laſſen ſich bei dieſen vielſagenden Glockentönen allerdings denken, allein Mancher, der ſeinen geſunden Schlaf zu ſchätzen weiß, wird ſich gleichwohl ärgern, daß er aufgeweckt worden, und chriſtlicher wäre es jeden⸗ falls, den müden Menſchen in Frieden ſchlummern zu laſſen, bis die Zeit ſeiner Thätigkeit gekommen, als ihm lange vor Tages⸗ anbruch mit ſiebenfachem Glockenſchall zu melden, daß nichts paſſirt, vielmehr noch alles finſter ſei und daß er ſich immerhin noch einige Stunden auf's Ohr legen könne.

Das arme Land Tirol hat überhaupt einen ungemeinen Reichthum an ſchönen Glocken. Selbſt in den kleinſten Dörfern hört man oft ein Geläute, wie es anderswo kaum der Herr Stadtpfarrer erklingen laſſen kann. Wohlthäter und Wohlthä⸗ terinnen ſorgen überdies durch Schenkungen und Vermächtniſſe, durch freiwillige Sammlungen für jeden Schmuck der Kirche. Stets wird an neuen Fahnen, an neuen Meßgewändern geſtick, die alten Bilder werden durch neue erſetzt, die vergilbten Altäre wieder friſch bemalt und neu vergoldet, zuweilen mit ſchweren Koſten ein heiliger Leib verſchrieben auf Büheln und Bergen entſtehen neue Einſiedeleien, Capellen und Kirchen, die man faſt für überflüſſig halten möchte, weil deren im Thal ſchon zu viele ſind. Dieſe rege Sorge für die Kirche läßt aber wenig Theil nahme für die Schule aufkommen, und es war jedenfalls ein ſchlimmes Seitenſtück zu dem Glanz des Cultus, daß es in Tirol vor nicht ſo langer Zeit noch Schullehrer gab, welche jährlich ſechszig Gulden einnahmen und ihre mageren Kücheln mit Leinöl backen mußten.

Es iſt jetzt ſieben Uhr des Morgens und ein wunderſchöner Tag. Unter der Altane rauſcht der Mühlbach dahin; die Aepfel bäume des Dorfes paradiren mit ihren goldenen Früchten; da und dort ſchlendert ein ſchmauchender Jüngling, ein ffiertäglich prangendes Mädchen durch die Gaſſen. Rechts auf der Höhe ſteht die Dorfkirche im ſtillen Friedhofe und ſtreckt den rothen Spitzthurm ſehnſüchtig in die Luft; die rothen Kuppeln, die das Herrenhaus zieren, zeugen von der einſtigen Bedeutung dieſes Baues, der jetzt zum Gaſthof geworden, früher aber ein adeliger Anſitz geweſen iſt. Ueber dem freundlichen Dörfchen mit ſeinen raſchen Bächen, ſeinen ſteinbeſchwerten Dächern, unter denen die Kürbiſſe und die gelben Maiskolben trocknen, ſeinen Büſchen und Bäumen erheben ſich die wilden Hörner verſchiedenen Namens, der waldige Brandenberg, das kahle Sonnwendjoch, die nackten Spitzen des Vomperjoches. Jenſeits des Baches aber in nächſter Nähe zeigt ſich die lange, mächtige Hütte, in welcher das Paſſions⸗ ſpiel vor ſich gehen ſoll. Den Giebel zieren einige Flaggen und der rothe tiroliſche Adler. Unter dieſem hängt ein Laubkranz mit der Inſchrift: Willkommen! Die Caſſirer haben ſich bereits auf ihren Amtsſitz begeben, denn vorſichtige Leute treten wohl jetzt ſchon ein, um ſich einen guten Platz zu ſichern. Auch die Höke⸗ rinnen ſetzen ihre Tiſche zurecht, decken ihre Obſtkörbe auf oder legen Würſtchen, Krapfen, Trauben und andere beliebte Näſchereien zum Verkaufe aus. Allmählich ſtellen ſich am rauſchenden Bach verſchiedene Häuflein beiderlei Geſchlechts im Sonntagsſtaat zu⸗ ſammen, um die Hütte, die Landſchaft und ſich ſelbſt zu be⸗ trachten.

Ferner fahren zahlreiche Rollwagen aus dem Zillerthal und anderer Nachbarſchaft knallend herein und bringen viel zierliche Jugend, viel würdiges Alter mit. Auch der Extrazug, der von Bozen und Innsbruck kommt, rollt in den Bahnhof und wirft unzähliges Volk aus, das ſich in dichtem Gedränge durch das Dorf nach der Spielhütte wälzt.

Nachgerade iſt es neun Uhr geworden und krachende Böller verkünden den Anfang des Stücks. Dort drinnen ſpielen ſie zum Willkomm bereits die Ouvertüre zur Stummen von Portici, über deren Zuſammenhang mit dem bittern Leiden und Sterben unſeres lieben Heilandes ſich mancher ſtädtiſche Grübler den Kopf zerbricht. Auchdie ſchönſten Augen, welche gleich darauf folgen,

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ſcheinen eher geeignet, die Stimmung für ein Schäferſpiel vorzu⸗ bereiten, als für den Kreuzestod auf Golgatha. Glückliches Land⸗ volk, das über ſolche Zweifel weit hinaus iſt und mit ungeſtörtem Behagen ſich von den weichen Klängen ergötzen läßt!

Endlich haben wir Platz genommen und betrachten uns zu⸗ nächſt den Vorhang. Dieſer ſtellt das Dorf Brixlegg mit ſeiner Kirche, dem Herrenhauſe und andern namhaften Gebäuden, den Hüttenwerken, dem Bahnhof und zwei dampfenden Zügen, ſowie die geſammte Berglandſchaft wahrheitsgetreu vor Augen. Iſt es auch nicht Rottmann's Pinſel, ſo würden wir doch, wenn wir Kunſtkritiker wären, dem Vorhang eine milde Beurtheilung nicht verſagen können, da ihn Anton Windhager, damals Gehülfe im nahen Bade Mähren, umſonſt gemalt hat. Ob die inneren Deco⸗ rationen, mit denen wir im Laufe des Stücks bekannt werden, ihm an Kunſtfertigkeit vor⸗ oder nachſtehen, wollen wir auch nicht unterſuchen genug, daß Herr Franz Staudacher, der Tiſchler⸗ meiſter und Maler zu Rattenberg, der ſie gefertigt, ein ſehr braver Mann iſt. 3 3

Die Hütte faßt gegen dreitauſend Zuſchauer und war dieſes Mal nahezu gefüllt. Auf dem erſten Platze zeigte ſich heute wenig Vornehmheit, dagegen erſchienen viele wohlhabende Bauern, Müller und Wirthe mit den gutgenährten und reichgeſchmückten Gattinnen. Hinter dieſen, auf den wohlfeileren Bänken, ſitzt der mindere, aber gleich biedere Landmann von Tirol mit Weib und Kindern. Doch miſchen ſich auch einige Zuzügler und Pilgerinnen aus dem bai⸗ riſchen Gebirge ein, wie aus den niederen Spitzhüten mit den

goldenen Schnüren und Quaſten leicht zu erſehen. Der Hitze

wegen hatten viele Männer ihre Röcke ausgezogen und ſahen dem

Spiele in bloßen, doch reinlichen Hemdärmeln zu.

Den Inhalt dürfen wir wohl bei allen guten Chriſten als bekannt vorausſetzen; daher nur einige Mittheilungen über die Art der Darſtellung. Dieſe iſt der Hauptſache nach dieſelbe, wie bei dem Paſſionsſpiel, welches alle Jahrzehnte zu Ammergau im bairiſchen Gebirge abgehalten wird. in zwei geſonderte Beſtandtheile, in die ſymboliſchen Vorgänge aus dem alten Teſtamente, welche als prophetiſche Vorzeichen der Leidensgeſchichte in lebenden Bildern oder Pantomimen dargeſtellt werden, und in die Ereigniſſe der Leidensgeſchichte ſelbſt. So oft ein lebendes Bild erſcheinen ſoll, treten fünfzehn Genien, lauter Mädchen von ſechs bis achtzehn Jahren, vor den niedergelaſſenen inneren Vorhang und eine der älteren giebt die Erklärung der kommenden Darſtellung. Hierauf entfernen ſich die Genien, der

Vorhang rollt auf, das lebende Bild wird bei griechiſchem Feuer

ſichtbar und unten fällt Geſang mit Inſtrumentalbegleitung ein. Nach einer kleinen Weile ſinkt der Vorhang, erhebt ſich wieder und es zieht dann ein Stück der Leidensgeſchichte mit Bewegung und Rede an uns vorüber, um ſpäter wieder einem lebenden Bilde Raum zu geben.

Dieſe Einrichtung iſt zwar altherkömmlich, vielleicht doch beſſer geweſen, ſie zu beſeitigen.

allein es wäre Einmal iſt die

Symbolik mitunter ſehr geſucht, denn es gehört faſt übermenſch⸗

liche Combinationsgabe dazu, um in dem Backenſtreiche, welcher dem Propheten Micha zu Theil wurde, weil er dem König Achab die Wahrheit ſagte(I. Kön. 22, V. 24.), ein Vorbild jenes ſpä⸗

teren zu ſehen, welchen Jeſus vor dem Hohenprieſter Annas er⸗

hielt. Ebenſo fraglich wird es Vielen vorkommen, ob ſich Judas mit Beziehung auf den treuloſen Ahitophel erhängt hat, welch'

letzterer viele Jahrhunderte vorher(nach II. Sam. 17, B. 23.)

jene Todesart ebenfalls wählte, weil ſein Rath nicht befolgt wor⸗ den war. Dieſe Bilder wären an und für ſich gar nicht zu ver⸗ ſtehen, und es kommt dem Beſchauer daher ein billiges Paſſions⸗ büchlein zu Hülfe, welches Vor bild und Handlung nach der Reihenfolge angiebt, allein auch ſo ſetzt die Bekanntſchaft mit

Micha, Achab, Ahitophel und andern jüdiſchen Celebritäten des alten

Teſtaments eine Bibelfeſtigteit voraus, wie ſie bei dem Tiroler Landmann nicht geſucht werden darf und vielleicht auch nicht gern gefunden werden möchte. erſten Vorſtellungen durch einen Walfiſch und den Propheten Jonas ſymboliſirt, deren erſterer letzterengeſund an das Land ſetzte.

Beide miteinander, und zwar der Prophet trotz oder vielleicht wegen ſeiner Geſundheit, erregten aber jedesmal ein ſo heiteres

Gelächter, daß man ſpäter dieſes Vorbild ganz entfallen ließ.

Wenn man aber die lebenden Bilder einmal zulaſſen wollte, ſo müßte man, meine ich, dem Ammergauer Theater auch die

Das Stück zerfällt darnach

Die Auferſtehung Chriſti wurde in den