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Wundercuren ſo viel von ſich hat reden gemacht, wirkt jetzt im Stillen und verdient viel Geld. Er hat ſeine Uniform ausge zogen und lebt in Paſſy, wo ihn eine zahlreiche Kundſchaft auf ſucht. Er arbeitet vorzüglich auf dem Gebiete der Rheumatismen. und behandelt die Patienten, wie ein Corporal ſeine Gemei nen behandelt. Die Leidenden, die ſich an ihn wenden, werden mit den Worten angeſchrieen:„Die Arme ausgeſtreckt! Die Beine in die Höhe! Pas de drogues! Allez-vous en!“(Keine Medi cin! Marſch!) Dieſer unhöfliche Lakonismus erfüllt die Gebrech lichen mit Vertrauen. Sie glauben ſich geheilt und belohnen ihn reichlich, und was die Obrigkeit betrifft, ſo kann ſie ihm nichts anhaben, da er keine Medicin verſchreibt.
Sprechen wir jetzt ein Wort von der Kartenſchlägerei, die in Paris ebenfalls ein ſehr verbreitetes Gewerbe iſt. Die Karten ſchlägerei oder Cartomancie, wie die Franzoſen ſagen, wird meiſtens von Frauen betrieben, und zwar von ſolchen Frauen, die eine mehr oder minder ſtürmiſche Vergangenheit hinter ſich haben. Sie beſitzen viel Menſchenkenntniß und verſtehen ſich vortrefflich auf Phyſiognomieen. Auch wiſſen ſie durch die Unterhaltung mit den Kunden, die größtentheils dem ſchwachen Geſchlecht angehören, auf indirecte Weiſe und ohne daß dieſe eg merken, ſo viel zu erfahren, daß ſie mit ziemlicher Sicherheit und geſchützt vor lächer lichen Widerſprüchen ihre Offenbarungen formuliren können. Iſt die Kunde eine verheirathete Frau mit ſchwermüthigem Geſichte, ſo ermangelt die Sibylle nicht, ihr den baldigen Eintritt in den Wittwenſtand zu prophezeien. Sie kommt dabei ſehr häufig dem ſtillen Wunſche der Dame zuvor; denn in der Regel wenden ſich an die Kartenſchlägerinnen ſchmachtende Frauen,“ die mit ihren Gatten in Hader leben. Keine dieſer Prophetinnen erlangt zwar einen ſolchen Ruhm wie weiland Mademoiſelle Lenormand, die Freundin der Kaiſerin Joſephine, des Kaiſers Alexander und anderer gekrönter Häupter; indeſſen giebt es doch manche unter ihnen, die ſich einer ſehr vornehmen Kundſchaft erfreuen. Eine dieſer Prophetinnen, Madame Guloten, hat ſogar vor Kurzem die Ehre gehabt, in die Tuilerien geladen zu werden und der Herrin des Hauſes die Zukunſt zu entſchleiern.
Wie gewiſſe Putzmacherinnen und Schneiderinnen ſind auch gewiſſe Kartenſchlägerinnen eine Zeit lang in der Mode, um dann andern den Rang abzutreten. Die Cartomancie wird auch von vielen Männern betrieben und zuweilen mit glänzendem Erfolg. So erregte vor einigen Jahren der Kartenſchläger Edmond unter den wundergläubigen Seelen großes Erſtaunen. Er wohnte
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in der Rue Fontaine St. Georges. Seine Zimmer waren mit Skeleten, Todtenköpfen, Himmelsgloben, kabbaliſtiſchen Figuren und ſonſtigem Firlefanz verziert und er ſelbſt zeigte ſich ſeinen Beſucherinnen in der Tracht eines Magiers. Ein junger ſchöner Mann, nahm er ſich in dem langen ſchwarzſammetnen Talar und dem ſpitzen, mit goldenen Charaktetem geſtickten chaldäiſchen Hut vortrefflich aus. Die vornehmſten arrten ſtunden⸗ lang in ſeinen Vorzimmern und bezahl gungen mit ſchwerem Golde. Er war jedoch kein ſtokrat und verſchmähte es nicht, auch der kargen Bh mäßiges Honorar zu verrathen, was in der Zeitéh gen liege. Aber nachdem das Geld, nachdem die W and jeu“ war für die höheren Claſſen, das„Petit Fu ringeren. Nachdem Edmond mehrere Jahre als Magfe Girtk, warf er eines Tages die Skelete, die Todtenköpfe, die kabbaliſtiſchen Figu ren und ſeine chaldäiſche Garderobe in die Rumpelkammer und zog ſich in die Provinz zurück, wo er als Rentier lebt und Muße genug hat, über die Thorheiten der Menſchen zu lachen.
Die Cartomanten werden von der Polizei nicht verfolgt; viele von ihnen ſtehen ſogar mit derſelben auf vertrautem Fuße und leiſten ihr manchen Dienſt. Da ſich nämlich beſtohlene Per ſonen häufig an ſie wenden, um den Dieb zu entdecken, ſo ſetzen ſich mit ihnen die Diener der öffentlichen Sicherheit in Verbin dung, erfahren von ihnen eine Menge Details und kommen da durch nicht ſelten dem Hehler und Stehler auf die Spur. Viel leicht leiſten ſie der Polizei noch andere Dienſte, die ſich weniger auf das Mein und Dein beziehen.
Es leben, beſonders in den ärmeren Vierteln von Paris, ſehr viele Frauen, die aus dem Kaffeeſatz prophezeien und von denen Einige großen Zuſpruch haben. Auch die Chiromantie, die Handwahrſagerei, iſt in Paris ein Gewerbe und wird von Manchen nicht ohne erklecklichen Gewinn betrieben. Die Welt will betrogen
ſein, und der gewandte Betrüger erfreut ſich gewöhnlich eines wärmeren Dankes, als derjenige, der den Betrug enthüllt und dadurch die Eigenliebe des Betrogenen verletzt. Wir wundern
uns über die Erfolge Caglioſtro's; wir haben jedoch an den Er ſolgen des Amerikaners Home geſehen, daß das neunzehnte Jahr hundert kein Recht hat, der Leichtgläubigkeit des achtzehnten zu ſpotten, und daß es nicht die niederen, ſondern die höheren und höchſten Stände ſind, in denen der alberne Wunderglaube am tiefſten wurzelt.
Die Staßfurter Salzlager.
Von Profeſſor Dr.
K. Birnbaum.
(Schluß.)
Von weit höherem Werthe zwar einmal an ſich ſelbſt, zum Staßfurt in dieſen Mineralien faſt keine Concurrenz zu beſtehen hat. Außer dem Lager von Sylvin in Kalucz in Oeſterreich kennt man bis jetzt derartige Lager nicht. Ihre Bedeutung haben ſie durch das in ihnen vorkommende Kali erlangt, und ehe man zur Beſichtigung der Fabrikanlagen ſchreitet, iſt es gerathen, ſich über die Rolle des Kali in der Induſtrie und Landwirthſchaft zu vergewiſſern.
Vom Kali wird in der Induſtrie wendung gemacht; man braucht:
Chlorkalium zur Darſtellung von Salpeter, zur Alaunfabri kation, zu Kältemiſchungen; Jodkalium und Bromkalium in der Photographie, Cyankalium zur Bereitung von Metallauflöſungen, zur galvaniſchen Verſilberung und Vergoldung u. ſ. w.; kohlen ſaures Kali(Pottaſche) zur Seifenſiederei, Bleicherei, Färberei, Glasfabrikation und zu allerlei wichtigen⸗Kalipräparaten; ſchwefel ſaures Kali zur Alaun⸗ und Glasfabrikation, zur Darſtellung von Pottaſche; ſalpeterſaures Kali(Kaliſalpeter) zu Schieß⸗ und Spreng pulver, zum Conſerviren und Einpökeln von Fleiſch; chlorſaures Kali zur Erzeugung von Sauerſtoff, zu Zündmaſſen, zu gefärbten Feuerwerken; chromſaures und blauſaures Kali in der Färberei, letzteres zu Berliner⸗ und Pariſerblau; kieſelſaures Kali iſt bekannt als Waſſerglas, und Aetzkali wird zum Bleichen, Färben und in
ſind aber die Kaliſalze und anderen aber dadurch, daß
ſehr mannigfache An
der Seifenſiederei gebraucht. In den Apotheken und Laboratorien werden außerdem noch alle dieſe und andere Kalipräparate in
1 Mengen verbraucht.
Für die einzelnen Staaten war ſeit Erfindung des Pulvers
die ausgiebige Beſchaffung der dazu erforderlichen Rohmaterialien Schwefel, Kohle, Salpeter) eine wahre Lebensfrage, und mancher blutige Krieg iſt um ihretwillen ſchon geführt worden. Um der Schwefelzufuhren aus Sicilien und Neapel willen hat England von jeher in ſeiner italieniſchen Politik die der„freien Hand“ geliebt. In Ceylon und Bengalen wird Kaliſalpeter in Menge gefunden; die Zufuhren nach England betrugen von 1858 bis
1863 jährlich von dreiundzwanzig bis vierundzc Millionen Pfund, wovon nur fünf bis zehn Millionen Pfr wieder SLect
ausgeführt wurden, ein anderer Theil in ze bis vierzehn Millionen Pfund fertigem Pulver. Natürlichen iſalpeter findet man in beachtenswerther Menge nur noch in Spanund vereinzelt
in Ungarn, Frankreich damerika fiuee Andere Staaten mußten d dr einführen(Da
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