Jahrgang 
46 (1868)
Seite
721
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Illuſtrirtes Familienblatt. Herausgeber Ernſt Keil.

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Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. In Heften à 5 Ngr.

Das Erkennungszeichen. Von A. Godin. (Fortſetzung.)

3.

Es iſt der erſte Sonntag im Mai. Die Sonne lacht ſtrahlend vom wolkenloſen Himmel hernieder, als wolle ſie das Frühlingsfeſt, das alljährlich an dieſem Tage in Bamberg gefeiert wird, begrüßen. Wie Pilger zu einem Wallfahrtsort wandern von des Morgens an Schaaren von Spaziergängern den Pfad entlang, der zur Höhe der Altenburg führt; die dienenden Claſſen, wo es ihnen nicht gelungen war, ſich den Nachmittag frei zu bitten, ſchon um vier Uhr früh, um ſich von dem Pächter, der die Gartenanlagen pflegt, ein gutes Frühmahl bereiten zu laſſen und dem fröhlichen erſten Morgenconcerte beizuwohnen. Gegen acht Uhr nimmt die herbeiſtrömende Menge ſchon einen gewähl⸗ teren Charakter an. Selbſt die beau monde, deren jüngerer Theil namentlich, dem Tage zu Ehren, heut ungewöhnlich zeitig das Lager verlaſſen hat, miſcht ſich jetzt, im friſcheſten Frühlings⸗ putze, unter die Bürgersleute, denn um neun Uhr ſollte dort oben der Gottesdienſt im Freien beginnen, eine Frühlingsfeier, wie ein andächtiges und für die Poeſie der Natur empfängliches Herz ſie nicht ſchöner wünſchen kann.

Bald nach acht Uhr trommelte der Finger des Aſſeſſors an die Scheiben des Freundes, der die erſte Morgenrunde bereits beendigt und ſich für ein paar Stunden frei gemacht hatte. Mit Genuß wanderten die beiden jungen Männer in den himmelblauen, ſonnengoldenen Morgen hinein, durch die alte, charaktervolle Stadt den engen Schluchten zu, die ſie, langſam aufſteigend, durchſchritten, oft genug vom Reize des Landſchaftsbildes gefeſſelt, das ſie bei mancher Wendung plötzlich anlachte, wie die ver⸗ einzelte Strophe eines ſchönen Gedichtes, deſſen vollen Genuß reudig ahnen laſſend.

Nachdem der letzte ziemlich ſteile Theil des Berges über⸗

uinden und ein von Bäumen beſetztes Plateau erreicht war, Alte die volle Pracht der Ausſicht in der That Fuß und Auge der, ſo oft ſie den Ausblick auch ſchon genoſſen hatten. Eine eo, lachende Thalebene dehnt ſich dort in aller Mannigfaltigkeit 65 reich angebauten Landes aus und bildet in ihrer ſanften zung eine Folie für die Stadt, deren Anblick um ſo maleriſcher

er eint, als ihre ſchönſten Kirchen, ihre bedeutendſten Gebäude hochgelegen ſind. Die reiche Ebene, von ſanft anſteigenden Bergen amphitheatraliſch begrenzt, vnn dem lebendigen Fluſſe erhellt, wird durch einen dichten Föhrenwald um ſo effectvoller ſchattirt, als ein dem Forſte nahegelegener klarer See wie ein Thautropfen auf einem Blatte funkelt und mitten aus dem Walde die weißen

Mauern des hübſchen, mit vier Thürmen geſchmückten Schlößchens Seehof hervorleuchten. Manche Bergeapelle giebt, von den Höhen herabgrüßend, der Landſchaft die locale katholiſche Färbung, während die Thürme der zahlreichen Kirchen, beſonders des ſchönen byzantiniſchen Doms, ein hochgelegenes Kloſtergebäude, ein weit⸗ läufiges Reſidenzſchloß, dem kundigen Blick leicht verrathen, daß er in der Stadt ſelbſt einen Biſchofsſitz vor ſich liegen ſieht. Wohl fünfzig Ortſchaften ſind rings umher ausgeſtreut, manche Burg beſchirmte oder bedrohte das flache Land, als ihre jetzt zerbröckelten Mauern noch ſtolz emporragten. Die großartigen Trümmer der Feſte Giech ſcheinen das Pendant zu dem ſtattlichen Bergſchloſſe Banz zu bilden, das, ein ehemaliges Kloſter, jetzt hell von der Morgenſonne beſchienen wird; dieſelbe Sonne tanzt ſpülend und hüpfend auf der muntern Regnitz und ſcheint ihr zu ihrer Vermählung mit dem Main, der blau herüber ſchimmert, den Segen zu geben.

Die Freunde ſchritten weiter, der Altenburg entgegen, wo ſich an der mit jungem Raſen bekleideten Bruſtwehr, welche den Schloßgraben abgrenzt, eine wogende Menge in lebensvollen Gruppen bewegte. Denn hier war der Punkt, von wo aus ſich

der bevorſtehende Hauptmoment der heutigen Feier am beſten ge⸗ nießen ließ. Bot der Anblick von Hunderten feſtlich geſchmückter

und geſtimmter Menſchen ein Allegro friſchen Lebens, ſo glich der Schauplatz, dem ſie entgegenblickten, dem Adagio einer lieb⸗ lichen Idylle. Auf der Wieſenfläche jenſeits des Grabens ſteht ein ſchmuckloſer, in weißem Sandſtein ausgehauener Altar; drei Crucifixe, welche Chriſtus und die beiden Schächer in mehr als Lebensgröße tragen, erheben ſich hinter demſelben und treten einfach, aber wirkungsvoll aus dem Hintergrund einer Gruppe alter

Buchen hervor. Wieſen und Bäume füllen in allen Schattirungen von Frühlingsgrün die Schlucht aus, die ſich von dort bis zur Ebene hinzieht, und, wie ein Ei im Neſte, liegt tief unten im

Grunde ganz lauſchig und einſam das Dörfchen Wildenſorge. Immer neue Gruppen ſtrömen, da es in wenigen Minuten neun Uhr war, über die hölzerne Brücke, die aus dem Burgthor über den Graben führt, der unmittelbaren Nähe des Altares zu, und ſowohl diesſeits als jenſeits des Grabens, bis tief in den grünen Thalgrund hinab, war bald jedes Plätzchen beſetzt. Das Glöckchen des Meßners erklang, und aus dem Schatten der Bäume hervor trat der Prieſter mit ſeinen Chorknaben an den heute mit Teppichen und Blumen reich ausgeſtatteten Altar. Mit allen Ceremonien des katholiſchen Cultus ward nun, mitten im Grün,

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