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Angeſichts der herrlichen Gotteswelt, ein feierliches Hochamt ab⸗ gehalten. Beim Schalle des Glöckchens, welches das Sanctus verkündigt, werfen ſich Hunderte von bunten Geſtalten auf die Kniee, und mit brauſendem Klange vereinen ſich nun alle Stimmen der Andächtigen zu der herrlichen Melodie:„Großer Gott, Dich loben wir ꝛc.“*
Sich dem Eindruck dieſes lebensvollen Vorganges zu ent⸗ ziehen, dürfte dem gleichgültigſten Naturell kaum möglich ſein. Die ganze Menge ſcheint in dieſem Augenblick nur dem Gedanken
an einen freundlichen Gott der Güte hingegeben, und der heilige
Friede der von Schönheit verklärten Natur rings umher muß
ſelbſt ein kaltes Gemüth mit ſanftem Hauch berühren.
Kaum aber iſt das letzte Wort des Prieſters verklungen, ohne allen Uebergang, den Freuden dieſer Welt ge⸗ huldigt wird. Die leichtbewegten Maſſen ſtrömen auseinander, wie eine Proceſſion geht es zurück über die kleine Brücke, und eilfertig ſucht Jeder ein Plätzchen in den Gartenanlagen oder auf der Terraſſe zu erbeuten. Am Eingange zu der engen Küche, die in den erhaltenen Räumen der Burg etablirt iſt, wird ein Sturm nach dem andern auf die Hunderte von kleinen Bratwürſten gewagt, die, als officielles Gericht des Tages, vom hartbedrängten Reſtaurateur in immer neuen Auflagen herausgereicht werden. Das braune Bier ſchäumt in den Gläſern, zwei Muſikchöre laſſen ihre Klänge abwechſelnd erſchallen und ein volksthümliches Leben und Treiben entfaltet ſich in allen Schattirungen. Allerwärts ertönt Plaudern und Lachen, die Gläſer klingen, ſelbſt die Diſſonanz einer ſchreienden Kinderſtimme, die mitunter erſchallt, ſcheint zum Enſemble zu gehören; während die mit ſtaunenswerther Ausdauer fortgeſetzten Mahlzeiten entſchieden einen Theil der Luſtbarkeit ausmachen, wird auch der Tanz im Saale, trotz der Frühlings⸗ ſonne, die hereinblitzt, von den jungen Bürgermädchen nicht verſchmäht.
Den Freunden war es gelungen, ein gutes Plätzchen zu erobern und mit Ergötzen und manch launiger Bemerkung muſterten ſie das Treiben rings umher. In der Mauerecke, nahe der Brüſtung, ſaß eine kleine Geſellſchaft, die ſichtlich den höheren Ständen angehörte und für die Blicke der beiden jungen Männer ein Magnet war, der ſie unbewußt immer von Neuem anzog.
Die Gruppe beſtand aus zwei Damen und einem Herrn. Letzterer, ein Stabsofficier von hohem Wuchſe und einnehmenden Zügen, mochte ein Vierziger ſein; ſein dunkles Haar war an den Schläfen bereits ergraut, auf dem noch friſchen, ſcharf markirten Geſicht zeigten ſich Linien, die mehr das Leben als das Altex in manche Phyſiognomie zeichnet. Die eine der Damen war alt und hatte eines jener gutmüthigen Geſichter, die ſtets zugleich Erſtaunen und Beſorgniß auszudrücken pflegen; um ſo mehr diente ſie ihrer Nachbarin zur Folie, einer Erſcheinung von ſolch zarter Friſche, daß kein erſter Blick ſie treffen konnte, ohne daß ein zweiter folgte und gefeſſelt verweilte. Das moderne Hütchen
verſteckte nichts von dem Reichthum der prachtvollen, aſchblonden
Flechten, die den kleinen Kopf belaſteten, blaue Augen, die tauben⸗
ſanft blicken und doch Blitze ſprühen konnten, drückten mit ſeltener⸗
Beredſamkeit jede Regung aus, und eine zarte, leicht aufgebaute Geſtalt von libellenhafter Beweglichkeit trug dieſen zierlichen Kopf mit großer Anmuth. Wie abſichtslos trafen manche ihrer raſchen Blicke im Fluge einen oder den andern unſerer Freunde, deren Converſation nach und nach in's Stocken kam. cher das Auge des Aſſeſſors wieder einmal nach jener Gegend gewandert und von dieſem Ausflug ziemlich lange nicht zurück⸗ gekehrt war,„warum ſchmachteſt Du hier aus der Ferne, und überſchreiteſt nicht den gewaltigen Rubikon dieſes nur zehn Schritt breiten Raſens?“
„Soll ich Dich heute vorſtellen?“
„Nein!“ erwiderte Otto.„Geh nicht lang.“
Marbach erhob ſich und trat an den benachbarten Tiſch.
„Wie gerufen!“ nickte Helene Dalen ihm lebhaft entgegen, als er ſie begrüßte.„Sie ſollen mir gegen den Major beiſtehen! Wir ſprachen von ſommerlichen Reiſeplänen, und da behauptet dieſer Kriegsheld, das Reiſen ſei heut zu Tage ſeiner ganzen Romantik beraubt!“
„Was die Romantik des Reiſens betrifft,“ lächelte der Aſſeſſor, „ſo liegt ſie vor Allem im Reiſenden ſelbſt, und ich will gern
nur, mir wird die Zeit
Nun,“ ſagte Schaumberg nach einer Pauſe, während wel⸗
der Altenburg,
zugeben, gnädige Frau, daß Sie aller Romantik, deren Sie be⸗ dürfen, auf Tritt und Schritt hegegnen werden.“
„Mit Ihren Spötteleien iſt mir hier nicht gedient,“ ſchmollte die ſchöne Frau, das Köpfchen ſchüttelnd.„Was aber hat die gegenwärtige Zeit und all ihre Proſa damit zu thun, daß Einem ſchon bei dem bloßen Gedanken das Herz ſchlägt, nun in die blaue Welt hineinzufahren, um Neues zu ſehen und Neues zu hören? Wer könnte auch nur den Dampfwagen dahin ſauſen ſehen, wenn er, etwas Lebendigem gleich, brauſend und ziſchend, als der verkörperte, feurige Menſchengeiſt das Land durchſchneidet, ohne ſich— ja, ich wage das Wort! ohne ſich poetiſch angeregt zu fühlen? Und der Sonnenſchein, der auf grünen Blättern funkelt, die wir nicht knospen und werden ſahen, die gute Stim⸗ mung, die jeder ſchöne Tag dem Reiſenden als Mitgift bringt, die Wärme und Natürlichkeit, die uns aus wildfremden Geſichtern entgegen grüßt— das Alles ſollte nichts mit Romantik zu thun haben?“
„Aber, Kind,“ warf die Couſine bekümmert dazwiſchen,„es hat mit dem Reiſen doch auch ſeine zwei Seiten! Wenn man den Zug verpaßt, und wenn man den ganzen Tag mit aufgerecktem Kopfe in den Muſeen herumſteigen muß, um Bilder zu ſehen, von denen man nicht weiß, was ſie vorſtellen, und wenn man nie dazu kommt, in Ruhe ſein Strickzeug herauszunehmen—“
„Ja, und wenn man Morgens ſeinen Sonnenſchirm und Nachmittags ſeinen Haubenbeutel im Gaſthof liegen läßt ꝛc. x.,“ unterbrach Helene neckend die alte Dame.„Und doch läßt mich, trotz all dieſer Noth, mein Couſinchen nicht im Stich, wenn ich's, als ächter Zugvogel, im Lande nicht mehr aushalten kann.“
„Die Sonntagsſtimmung freier Reiſezeit fühlt Ihnen wohl Jeder nach,“ ſagte der Aſſeſſor, deſſen Blick die lebhaft Plaudernde nicht einen Augenblick verlaſſen hatte.„Es iſt hoch anzuſchlagen, daß dieſer Genuß heut zu Tage nicht mehr das Monopol weniger Begüterten, ſondern ein Gemeingut geworden iſt, das Jedem ein⸗ mal erreichbar bleibt.“.
„Wir Soldaten haben triftige Urſachen, dem vielen Reiſen, das jetzt Sitte geworden iſt, nicht das Wort zu reden,“ fiel der Major ein,„denn zuletzt wird es jeden Krieg der Völker gegen⸗ einander unmöglich machen. Sicher gewinnt das Bedürfniß welt⸗ bürgerlicher Gemeinſchaft, das jetzt ſo allgemein durch die Völker geht, durch die eigene Anſchauung fremder Gauen. Die jedem Lande eigenthümlichen Sitten werden vom Gedächtniß Deſſen, der ſich in freieſter Stimmung ihnen anſchloß, von Süd nach Nord, von Nord nach Süd getragen, manche Anſchauung wird gemil⸗ dert, manches Vorurtheil aufgeklärt. Das Intereſſe an Orten und Dingen, das früher mehr ein locales war, gewinnt allgemeinere liebevolle Bedeutung, und gern kommt Jeder in ſpäterer Zeit der Erinnerung zu Hülfe und erzählt ſich und Anderen das Geſchaute wieder.“ S.
„„So wird es audch heute wohl nicht an Fremden fehlen, die unſer liebes Frühlingsfeſt wie Brieftauben in die weite Welt hin⸗ austragen,“ ſagte Helene, heiter um ſich blickend.„Welch ein Feiertag! Waruff ſitzen wir eigentlich hier ſo feſt? wollen wir nicht lieber ein Weilchen umbexwandern? Ich muß mir anſehen, wie ſich die gefüllte Terraſſe, von drüben her ausnimmt!“— Schon war ſie aufgeſprungen, die beiden Herren ſchickten ſich an, ſie zu begleiten. „Mich dispenſirſt Du, ich werde den Platz hüten, nicht wahr, Kindchen?“ bat die alte Dame, und, fröhlich nach ihr zurück⸗ winkend, wanderte Helene mit ihren Begleitern durch die Halle dem Platze zu, wo der Altar ſtand. Auch dort 4 war es noch ſehr belebt, und jeden Augenblick ſtreiften Vorüber⸗ gehende aneinander.
„Wollen Sie mir nicht lieber den Arm geben, Helene?“ fragte der Major, als eben wieder ein kleiner Stoß ihn gegen ſie gedrängt hatte..
„Mich führen laſſen, heut', wo ich fliegen möchte!“ rief die junge Frau.„Nein, daraus wird nichts!“ Mit geflügelten Schritten eilte ſie bei dieſen Worten ihren Begleitern voraus und lief wie ein Kind den grünen Wieſenabhang hinunter. Plötzli aber ſahen die Herren ſie ſchwanken und mit einem unterdrückten Schrei in die Kniee ſinken. Augenblicklich waren Beide an ihrer
Seite, ſie erhob ſich lachend, te aber gleich darauf und biß
die Lippen zuſammen.— l „Ich glaube wirklich, ich habe ur den Fuß verſtaucht,“
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