Jahrgang 
46 (1868)
Seite
727
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kaum zu genügen vermochte.

harmlos ſcherzend und lachend, erſchien zerſtreut und unruhig.

ungeduldige Blicke auf die prachtvolle Pendule, die bereits die ſiebente Stunde zeigte. Der Capellmeiſter Himmel war von ihm abgeſandt worden, den Ehrengaſt in das Palais zu geleiten, und mit einer Spannung ohne Gleichen erwartete Louis Ferdinand den Eintritt Beethoven's. Jede Unterhaltung ermüdete ihn, er brach ſie, kaum begonnen, wieder ab. In dieſem Augenblick nun blieb er bei der Kronprinzeſſin ſtehen und ſagte lächelnd:es iſt als ob ich eine Geliebte erwartete, ich bin wie im Fieber!

Und iſt es nicht eine Geliebte, theurer Vetter, erwiderte die ſchöne Frau,wenn auch in etwas ſeltſamer Geſtalt, nämlich die heilige Cäcilia? Wenn die Schönſte und Gefährlichſte der Frauen einen Beſuch verheißen, da iſt ſolch Fieber wohl natürlich!

Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die Flügelthüren ſich öffneten und Frangois, der Kammerdiener des Prinzen, die Erwarteten meldete. Tief aufathmend und erregt eilte Louis Ferdinand ihnen einige Schritte entgegen. Am Arme Himmel's trat Ludwig van Beethoven in den Saal.

Die damalige Erſcheinung des Meiſters beſchreibt Seyfried folgendermaßen:Der Körperbau Beethoven's war gedrungen,

nicht groß, ſtarkknochig, voll Rüſtigkeit, ein Bild der Kraft; ſein Haupt hatte ſich mit dunklem Haargebüſch bedeckt, das ungeordnet, mehr mähnenartig als lockig umherlag; die Stirn war breit und vordringend über den dunkeln Augen gelagert, die ſchon tiefer und verſchloſſener zurücktraten; die Naſe war kräftig, mehr in die Breite entwickelt als vordringend, von deutſchem, nicht römiſchem Profilſchnitt; der Mund war wohlgebildet.

Ohne Schüchternheit, aber auch ohne Verbindlichkeiten grüßte Beethoven die Verſammlung und war, als die Vorſtellung vor über, ſofort mit dem Prinzen in ein tiefes Geſpräch verwickelt. Später nahm auf den Wunſch der Prinzeſſin Ferdinand der Ca pellmeiſter Himmel Platz am Clavier und phantaſirte mit ge wohnter Meiſterſchaft unter dem lebhafteſten Beifall, indem er aus ſeinen Opern von dem primo navigatore an bis herab zu der beliebten Fanchon die bekannteſten Melodieen kunſtvoll in einander webte zu einem lebendigen farbenfriſchen Tonbilde. Dann ſpielte Prinz Louis Ferdinand auf die Bitte ſeines Gaſtes die Beetho ven'ſche Fdur-Sonate mit ihrem herrlichen Largo. Als er ge endet, reichte ihm Beethoven beide Hände in lebhafter Bewegung hin und ſagte mit ſeinem herzgewinnenden Lächeln:Das war gar nicht königlich oder prinzlich, ſondern meiſterlich wie ein tüch tiger Clavierſpieler und Muſiker geſpielt!

Wie oft und mit welchem freudigen Stolz citirte Louis Fer dinand ſpäter noch dieſe Worte ſeines geliebten und bewunderten Meiſters! Man durfte nun endlich hoffen auch den Gaſt ſpielen zu hören. Eine erwartungsvolle Stille trat einnachdem die Damen Platz genommen, Aller Augen wandten ſich dem Clavier zu, ein mächtiger Accord und Ludwig, Beethoven ſpielte die Serren aller ſeiner Hörer gewaltſam mit ſich reißend hinauf in ſeine Sonnenbahn.

Bekanntlich iſt Beethoven als muſikaliſcher unerreicht geweſen. Selbſt bei dem Wettſtreit und dem berühmteſten Pianiſten der damaligen Zeit, Wölfl, der einſt in Wien im Hauſe des Freiherrn von Werthern ſtattfand, ſiegte er glänzend, obgleich beide Nebenbuhler in der Technik auf gleicher Stufe ſtanden und Wölfl's Hand viel größer war und mit Leichtigkeit zehn Töne ſpannte. Aber Wölfl unterhielt nur angenehm, während Beethoven allem Irdiſchen entrücktim Reiche der Töne ſchwelgte, wie Seyfried ſagt,und ſein Geiſt ihn zu Kraftäußerungen trieb, denen das Inſtrument Das Feuer ſeines Vortrags, die düſtere Leidenſchaft ſeines Weſens, die überraſchenden Wendungen

Improviſator zwiſchen ihm

und Contraſte, die abenteuerlich erhabenen Ideen wirkten immer

Auguſt und der ſchöne Graf Tilly ſtanden in einer Fenſterniſche und nur Prinz Louis Ferdinand

Wiederholt glitt er mit der ſchlanken Hand über die Taſten, wanderte hin und her und warf

überwältigend. Jeder mußte eben fühlen, wie heiliger Ernſt es

ihm war mit der Muſik, wie er ſie als die einzige wirkliche Sprache ſeiner Seele betrachtete. Die Gruppe ſeiner Hörer war in Feſſeln geſchlagen. Der Fürſt Radziwill, auf den Seſſel ſeiner Frau geſtützt, verwandte kein Auge von dem Spieler. Seine muſikaliſche Seele war hingeriſſen, und auf den Wangen der lieb lichen Prinzeſſin blühten die Roſen lebhafteſter Erregung. In tiefes Sinnen verloren lehnte die Prinzeſſin Ferdinand in ihrem Seſſel, die Mutteraugen ruhten mit einem Gemiſch von Zärtlich

keit und Sorge auf dem Antlitz ihres Lieblings, Louis Ferdinand, deſſen Sein und Weſen ihr ſchon ſo manchen ſtillen Kummer ge

bracht, den ſie bewunderte, auf den ſie ſtolz war, und um deſſen Zukunft ihr doch heimlich bangte, wie eben nur einer Mutter, deren Herz ſie ja ſo oft zur Hellſeherin macht, bangen kann. Unmittelbar hinter dem Seſſel Beethoven's ſaß der Prinz. Das vollſte Licht fiel auf die ſchlanke Zünglingsgeſtalt, auf dieſe wun

derbar edle Stirn, auf das Antlitz, das im Glanze höchſter Be

geiſterung ſtrahlend ſchöner als je erſchien. derbare Doppelſeele, von der

Die Seele, jene wun

Die eine hält in derber Liebesluſt

Sich an die Welt mit klammernden Organen, Die andre hebt gewaltſam ſich vom Duſt

Zu den Gefilden hoher Ahnen

durchleuchtete die Hülle, es war ein Bild ungebrochener Jugend kraft. Zehn Jahre ſpäter an demſelben Tage, vielleicht zu der ſelben Stunde, wer hätte es damals ahnen können, umzog dies ſtolze Haupt die Glorie des Heldentodes Prinz Louis Ferdi nand lag kalt und ſtarr auf dem Schlachtfeld von Saalfeld. Und jetzt? Die eine Hand umſchloß feſt die goldene Verzierung der Lehne des Seſſels Beethoven's, wie in Träumen verloren hing ſein Blick an jener Frauengeſtalt, die ſich langſam erhoben und jetzt, wie die Muſe der Tonkunſt ſelber, neben dem Spieler ſtand. In tiefſter Bewegung, das wunderſchöne Haupt gegen ihn hingeneigt, war die Kronprinzeſſin unwillkürlich näher und näher herangetreten, wie gewaltſam vorwärts getrieben bis ſie endlich hingeriſſen, unter ſtrömenden Thränen leiſe die zarte Hand auf den Arm Beethoven's legte und flüſterte:O laßt den Himmel

wieder blau werden, das Herz thut mir zum Sterben weh!

Da hob er ſeine Augen und ſah ſie lange und faſt ſtaunend an, die ſchöne Frau, die künftige Königin Louiſe, und allmäh lich zog ein leiſes Lächeln wie ein Sonnenſtrahl über das ernſte Antlitz. Mit einem kraftvollen Accord verließ er nun das Reich der bangen Klage, die wilden Wogen ebneten ſich, Wolkenſchatten huſchten dahin, die Nacht verſchwand allmählich, höher und höher zog das Licht herauf, bis Alles hell wurde und blau wie die Augen der zauberiſchen Frau, deren Thränen eben vor ihm ge floſſen.

Beethoven hat dem Prinzen Louis Ferdinand zum Andenken an jenen Abend des 10. Octobers 1796 ſein herrliches C moll⸗ Concerk op. 37 dedicirt. Es war in dem Rudolſtädter Schloſſe in der Nacht vor der verhängnißvollen Schlacht bei Saalſeld, als Prinz Louis Ferdinand es zum letzten Mal ſpielte.

Wie eine Fata Morgana ſtieg die Erinnerung an jenen Muſikabend in den glänzenden Räumen daheim vor ſeiner Seele auf: er ſah den geliebten Meiſter ſo deutlich vor ſich und fühlte ſein Herz von ſeltſamen Schauern bewegt, es ſang und klang wunderbar um ihn her, auf den goldenen Wellen der Töne tauch ten ſie empor, alle jene lieben fernen Geſtalten, die ihn damals umgaben, und wie zwei Sterne ſtrahlten ſie ihn an, die thränen vollen Augen einer angebeteten Königin, und er hörte ihre ſüße Stimme ſo deutlich flüſtern:das Herz thut mir zum Sterben weh! daß er erſchrocken aufſprang und das Clavier ſchloß. Ahnete er, daß ein Tag heraufzog, um den noch heißere Thränen aus den ſchönſten Augen fließen ſollten, als damals, daß die Königin Louiſe bald noch bitterer klagen werde:mein Herz thut mir zum Sterben weh, als an jenem Muſikabende und daß dieſe Thränen und dieſe Klage dann ihm galten einem Todten?!

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