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Das civiliſirte Europa iſt trotz der erſtaunlichen Fortſchritte, welche die Naturwiſſenſchaften ſeit zwei Menſchenaltern gemacht, bei Weitem nicht ſo aufgeklärt, als es ſich einbildet, al den Wunder⸗ und Aberglauben der Menſchen mit einigem Geſchick ſpeculirt, iſt immer noch ſicher ſeinen Zweck zu erreichen. Das größte Wunder unſerer Zeit iſt, daß Tauſende und aber Tauſende noch an Wunder glauben, und zwar nicht blos auf dem platten Lande, ſondern auch in den großen Städten, und nicht nur in den niedern Ständen, ſondern auch in den höheren und höchſten Schich⸗ ten der Geſellſchaft. Nirgends ſieht man dies ſo ſehr wie in Paris, wo trotz der Sorbonne, des College de France und der Akademie der Wiſſenſchaften der wunderthätige Schwindel ein ſehr ausgebrei⸗ tetes Gewerbe bildet. In der Hauptſtadt Frankreichs leben an ſechshundert Somnambulen, die den Aerzten in's Handwerk pfuſchen und ihnen eine ſehr empfindliche Concurrenz machen; denn es giebt viele Häuſer, in denen man Zutrauen zu dem Somnambulismus, aber nicht zu den Aerzten hat und in Krankheitsfällen ſich nur an jenen und nicht an dieſe wendet. Wenn eine Somnambule das Glück hat, in einem bedeutenden Hauſe zufällig einen Patienten zu heilen, bekommt ſie ſchnell eine zahlreiche Praxis und macht die vortrefflichſten Einnahmen.
In dieſem Augenblick wohnt in der Nähe der Kirche Notre Dame de Lorette eine Somnambule, die ſich eines großen Rufs in der vornehmen Welt erfreut. Vor ungefähr zehn Jahren kam ſie, ein ſchmuckes normänniſches Bauermädchen, in Holzſchuhen und eine große Haube auf dem Kopfe, nach Paris, um hier wie ſo viele Tauſende ein Unterkommen zu ſuchen. Ihre großen ſchwarzen Augen, ihr hübſches ausdrucksvolles Geſicht und eine gewiſſe Verſtandesſchärfe, die man bei der normänniſchen Be⸗ völkerung ſo häufig findet, erregten die Aufmerkſamkeit eines Mag⸗ netiſeurs. Es war ihm nicht ſchwer, die Normännin zu überzeugen, daß ihr als Magd ſelbſt in dem vornehmſten Hauſe keine glän⸗ zende Zukunft bevorſtehe, daß ſie aber als Hellſeherin ihr Glück machen könne. Ohne beſondere Wehmuth warf ſie die vatérlän⸗ diſchen Holzſchuhe in's Feuer, vertauſchte die ſteife normänniſche Haube mit einem eleganten Pariſer Hut und ließ ſich vor dem Publicum in magnetiſchen Schlaf verſetzen. Einige Patienten, die ſich an ſie gewendet und feſt überzeugt waren, ihr die Heilung zu verdanken, führten ihr eine zahlreiche Kundſchaft zu, die bis jetzt noch im Zunehmen begriffen iſt. Ihre Zimmer ſind eben ſo reich als geſchmackvoll eingerichtet. Die Thür ſteht keinen Augenblick ſtill. Bald werden Briefe, bald Depeſchen, bald kleine Packete ge⸗ bracht, in denen ſich Haarlocken oder Kleidungsſtücke der Leidenden befinden, die außerhalb Paris leben. Sie giebt in ihrer Wohnung täglich acht bis zehn Sitzungen, die nicht nur trefflich honorirt, ſondern auch mitunter durch anſehnliche Geſchenke belohnt werden. Sie iſt ſehr regſamen Geiſtes und unterhält ſich gern mit Künſtlern und Schriftſtellern. Während meines Beſuches zeigte ſie mir eine Menge Briefe von den angeſehenſten Männern und von den vor⸗ nehmſten Damen, ſo wie die Geſchenke, die ſie von denſelben er⸗
halten. Unter ihren Verehrern befinden ſich renommirte Staats⸗ männer und ſogar— ein Mitglied des Inſtituts. Sie hat viel
geleſen, beſonders populäre mediciniſche Bücher, und aus denſelben ſo viel gelernt, als nöthig iſt, um einige Hausmittel zu nennen, die weder helfen noch ſchaden. Wie ſo viele andere Somnambulen iſt auch ſie von der Iuſtiz wegen unbefugter Ausübung der Mediein verfolgt worden; es verwendete ſich aber für ſie eine ſolche Schaar angeſehener Leute, daß ſie jetzt unangefochten die Hellſeherei aus⸗ üben kann. Sie iſt übrigens entſchloſſen, nächſtens den Somnam⸗ bulismus an den Nagel zu hängen und zurückgezogen von ihren Renten zu leben.
Indeſſen ſind nicht alle Hellſeherinnen ſo glücklich wie beſagte Normännin, da nur wenige ſo viel Tact und Verſtand beſitzen wie ſie. Die meiſten bringen ſich ſchlecht und recht durch, oder ſie endigen gar als„Somnambules en plein vent,“ d. h. ſie ſpenden auf öffentlichen Plätzen ihre Orakel für ein Honorar von zwei Sous. Auf der Place de Clichy, wo ſich jeden Nachmittag Taſchenſpieler, Athleten, Seiltänzer, abgerichtete Hunde und Affen ſehen laſſen, ſitzt auch eine ſolche Pythia. Schier ſechzig Jahre iſt ſie alt und hat
und wer auf
Der Wunderglaube in Paris. Von Ludwig Kaliſch.
manchen Sturm erlebt. Ihre Kundſchaft beſteht großentheils aus
Ammen, Köchinnen, Mägden und Soldaten, denen ſie, nicht von Apollo, ſondern von Abſynth begeiſtert, den Schleier der Zukunft lüftet. Während der Winterſaiſon finden in Paris viele magnetiſche Soiréen ſtatt, zu denen man durch einen Freund des Hauſes eingeführt werden kann. Ich wohnte einer ſolchen Soirée vor mehreren Jahren bei. Der Salon ſo wie die Nebenzimmer waren prachtvoll erleuchtet und von Herren und Damen aus allen Stän⸗ den überfüllt. Der Hausherr, ein Magnetiſeur, empfing die Gäſte auf's Liebenswürdigſte und ſtellte denſelben acht ſchöne Mädchen vor, an denen er ſeine magnetiſche Kraft ausüben ſollte. Er verſuchte ſeine Manipulationen zuerſt an einer reizenden Brünette, die er in einen ſtarrſüchtigen Zuſtand verſetzte. Er hielt ihr eine große Lampe dicht vor die Augen, ohne daß ſie mit denſelben auch nur im Ge⸗ ringſten zwinkerte oder irgend einen Zug des ſchönen Geſichtes verzerrte. Er ſtach ſie mit Nadeln, er zwickte ſie mit kleinen Zan⸗ gen— ſie bewegte ſich nicht. Eine zweite verſetzte er in eine muſikaliſche Ekſtaſe. Sie ging an's Piano, an dem ein Künſtler ſeine Fingerfertigkeit übte, ſchien ganz entzückt von den Tönen, die, beiläufig geſagt, durchaus nicht entzückend waren, und küßte das Inſtrument mit Inbrunſt. Eine dritte wurde in eine poetiſche Ekſtaſe verſetzt, und ſie citirte mit verklärtem Geſichte einige Verſe von Lamartine zur Bewunderung mancher Zuhörer und Zu⸗ hörerinnen. In einer vierten erregte er die Leidenſchaft des Zor⸗ nes und ſie zeigte ſich in ihren Stellungen als eine Furie. Kurz, ſämmtliche acht Sujets kamen nach einander an die Reihe, und die Vorſtellung ſchloß zur größten Zufriedenheit der Geſellſchaft. Der Leſer wird ſich leicht denken, warum dieſe Soiréen ge⸗ geben werden. Sie ſind Reclamen, die dem Geſchäft auf die Beine helfen oder es in Blüthe erhalten ſollen; denn unter den Einge⸗ ladenen ſind doch Manche, die an den Hokuspokus glauben und ihn als ein nie geahntes Wunder verbreiten. Auch befinden ſich in der Geſellſchaft ſtets mehrere Perſonen, die zur Boutique ge⸗ hören und Propaganda machen. Was die Sujets betrifft, ſo finden ſie, wie es ſich von ſelbſt verſteht, ebenfalls ihre Rechnung dabei. Dieſe Nachtwandlerinnen wandeln nicht immer auf dem Wege der Tugend; und die magnetiſchen Abende geben ihnen Gelegenheit, ſich nicht blos als Hellſeherinnen zu empfehlen.
Der Spiritismus giebt auch ſeine Abendvorſtellungen. Die beſuchteſten ſind in der Rue Beaujolais dicht am Palais Royal. Sie werden von dem Baron D... geleitet, der eine lange Reihe von Schriften und Aufſätzen über den thieriſchen Magnetismus herausgegeben hat. Ein reicher Engländer, der, wie ſeine Ehehälfte,
im fanatiſchen Eifer für den alleinſeligmachenden magnetiſchen
Glauben, nichts unterließ, um Proſelyten zu werben, rang mir einſt das Verſprechen ab, eiuer ſolchen Abendunterhaltung bei⸗ zuwohnen, in der feſten Ueberzeugung, daß ich mich dann bekehren würde. DaskEhepaar führte mich eines Abende unter Ver⸗
heißungen der wunderbarſten Offenbarungen in den Falon des
Herrn Barons. Derſelbe ſaß hinter einem Tiſche, und Si zur Rechten eine wohlbeleibte ſchöne Dame. Vor ihr lag ein Heft Papier von ungeheuerm Format, und in der Hand hielt ſie einen langen Bleiſtift. Wir ſetzten uns dicht neben ſie und harrten wie die übrige Geſellſchaft, die den Salon füllte, der Dinge, die da kommen ſollten. Punkt acht Uhr eröffnete der Baron die Sitzung und ſtellte uns die corpulente Dame mit dem Bleiſtift als ein Medium erſter Claſſe vor, als ein Medium, das mit den ab⸗ geſchiedenen Geiſtern in innigſtem Verkehr ſtünde. Man erſuchte ſie nun, ſich in Communication mit dem Geiſte Voltaire's zu ſetzen und ihn zu fragen, was er in ſeinem jetzigen Zuſtande von ſeinen Schriften denke. Das Medium blickte eine Weile mit ver⸗ zückten Augen auf die Stubendecke und fuhr ſodann mehrere Minuten mit dem Bleiſtift auf dem Papier herum. Endlich hielt ſie ein und las mit wohlklingender und höchſt feierlicher Stimme einen Unſinn vor, der nicht blühender hätte ſein können. Das Ding hatte weder Hand noch Fuß; die Vorderſätze paf„ zu den Nachſätzen, und wie die Logik bekam auch die(. ſehr derbe Ohrfeigen. Der größte Theil der Geſel erſtaunt über den tiefen Sinn dieſes Unſinns. Ich w. erſtaunt, und als mich das engliſche Ehepaar, ds war von dem Voltaire'ſchen Dictat, um meine Anſi⸗
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