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waren ihm begegnet und auch nur eine ſpärliche Zahl. Die ſon⸗ nige, ſandige Ebene lag menſchenleer vor ihm, hin und wieder erhob ſich darin ein kleines Gehölz, neben dem ein niedriges Haus wie ein banger Vogel ſich verſteckte n Wallhecken und Buſehwerk. Er zog ein Blatt Papier aus der Bruſttaſche, auf welchem eine kleine kunſtloſe Beichnung eine Art Situationsplan angab. Die zur Erläuterung dazwiſchen geſchriebenen Worte waren von klarer, feiner weiblicher Hand. Nachdem er noch einmal prüfend umher geſchaut und die Gegend mit der Zeichnung verglichen hatte ,ſchritt der Fremde raſch rnüſchloſſen links vom Wege ab, ſtieg über einen Schlagbaum, verfolgte einen ſchmalen Fußpfad, der durch ein Kornfeld führte, erreichte ein ſchattiges Gehölz und blieb wieder⸗ um ſpähend und lauſchend einige Minuten ſtehen.
Da entdeckte er ein weißes Kleid wie eine Blume im Grünen ſich ihm entgegen bewegen, ein Freudenton erreichte ſein Ohr und zwei weiche Hände legten ſih in die ſeinigen, ein erglühendes Antlitz barg ſich an ſeiner lautklopfenden Bruſt.
Der alte ritterliche Herr war ein Bräutigam! Die Braut, die ihm bis in das ſani ige Gehölz entgegengeeilt, war ſeiner voll⸗ kommen würdig und dazu wenigſtens dreißig Jahr jünger als er. Man konnte nichts Edleres ſohen als dieſe große, ſchlanke, in jed Bewegung anmuthige Geſtalt. Das Haupt, von glattem braunem Haar geziert, trug ſie ein wenig nach vorn gebeugt, wie ein Schwan, an den auch die edle geſchwungene Linie des Nackens erinnerte! Die Züge waren ſcharf geſchnitten, namentlich die Naſe, deren feſte
Biegung auf Charaltorſtaͤrde ſchließen ließ.
Nach der erſten zärtlichen Begrüßung zeigte die Dame mehr ängſtliche Zurückhaltung, als ſich für die Braut eines ſo ehrwürd digen, wenn auch noch jugendlichen Greiſt s ziemte. Es war eine heim⸗ liche Zuſammenkunft, daher die Scheu in dem Benehmen der Braut. Durch Briefe verlobt, war das Paar noch keineswegs der gütlichen Einwilligung der Mutter gewiß. Sie ſollte durch den perſönlichen B Beſuch des würdigen Bräutigams jetzt erſt errungen werden.
Zaghaft ſchritt das Paar ab in eine Eichen⸗Allee, an deren Ende jenes weſtäih äliſche Haus aus rothem Ziegelſtein lag; es war Rüſchhaus, der baſheiden Wittwenſitz der edlen Freifrau von Sroſte⸗Hul shoff, d die mit zwei Töchtern dort in tiefſter Zurück⸗
gezogenheit nicht weit von dem großen, ſtolzen Familienſitz Hülshoff ähre welchen ihr Sohn als Erbherr bezogen hatte. Die älteſte Tochter Jenny war, obwohl noch ſehr ſchön, ſchon über fünfund dreißig Jahr und hatte als Liiſisdame eine ſichere und geachtete Zukunft vor ſich. Deshalb wollte die Mutter nicht t zugeben, daß ſie dieſelbe nſgehe um ſich einem fremden Manne in weiter Ferne antrauen zu laſſen,
Als das Haus in Sicht war, das nur von der Hofſeite einem Bauernhaus ähnlich ſah, von der Gartenſeite aber einen vornehmen Anbau wie ein Jagdſchlößchen mit zierlichem Giebel erhalten hatte, eilte die heimlich Verlobte voraus, um die ſtrenge Mutter auf den Beſuch vorzubereiten. Der ritterl iche Wandrer aber, der ſchwäbiſche Freiherr Joſeph von Laßberg, der berühmte Kronenwächter der Krone deutſcher Dichtung, des unſchätz baren Manuſyrißt t⸗Schatzes, des älteſten Nibelungen⸗Codex, um deſſen? Beſitz er viel beneidet und weit berühmt wurde, der allverehrte„Meiſter Seppevon Eppis hauſen“, wußte in ſpäter Zeit höchſt ergötzlich zu erzählen, welche bange Viertelſtunde er„gleich einem Malviventen, einem Contra⸗ bandiſten, einem Verdammten“ in einem weſtphäliſchen Bauernhofe verſteckt geweſen war..
Er durfte endlich eintreten und der Mutter ſeiner Braut ſelbſt ſchildern, wie er vor Jahresfriſt bezaubert worden war als Letztere auf der Rückreiſe aus Italien mit zwei gelehrten Oheimen die Kunſtſchätze ſeines Schloſſes beſichtigt hatte. Ihr ſcharfer? Verſtand und ihr richtiges Urtheil waren im Bunde mit ihrer edlen Schön⸗ heit und echt weiblichen? Anmuth vollkommen geeignet, einen ſo ſehr durch Frauengunſt verwöhnten Mann noch einmal zu jugendlicher
Gluth) anzufachen. Mutt rund Schweſter, die Gegnerinnen dieſes allerdings un⸗ gewöhnlichen Bündniſſes, das durch Briefwechſel der Betheiligten
ſich befeſtig hatte, wurden nun bald durch die perſönliche Liebens würdigkeit des Freiers überwunden. Nament tlich wendete ſich die Schweſter mit raſchem Verſtändniß ſeiner vielſeitigen Bildung und Behabung zu; ſie ſelbſt war eine 5 bevorzugte Natur, daß ſie einem ſolchen Kenner geiſtiger Schätze das größte Interreſſe ein⸗ flößen mußte, denn dieſe Schweſter der künftigen Fran von Laß⸗
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berg war Niemand anders als die berühmte deutſche Dichterin Annette von Droſte. Sie war ſeddeh damals noch lange nicht als ſolche anerkannt und galt ſogar in der eigenen Famlir mehr für wunderlich als bewundernswerth. Auch ihr Aeußeres trug dazu bei, ihr dieſe Geltung zu erhalten; neben der ſchönen Schweſter war daſſelbe nicht vortheilhaft. Die kleine zierliche Geſtalt vom feinſten Kuochengerüſt war gebeugt und neigte zum Fettwerden. Der Kopf mit hoher Stirn war zu groß für den kleinen Körper, ſogar die ſchönen großen Augen entſtellten eigentlich ihr Geſicht, weil ſie ſehr hervortraten und überſichtig waren, wie man ſie in Weſtphalen den Sehern des zweiten Weſüihis zuſchreibt. Die Naſe hatte zwar einen feinen edlen Schnitt, aber doch die ſchiefe Richtung, die den Zügen den Ausdruck der Klugheit verleiht und M dummen Leuten für häßlich gilt. Nur Mund und Zähne, Hände und Füße waren von wirklich tadelloſer Form. Eine große Schänhei beſaß ſie aber i ihrem prachtvollen Blondhaar, das wie ein goldener Mantel, einer Lorelei würdig, ſie umwallte, wenn ſie es aus den Flechten löſte.
Aber auch das gereichte ihr nicht zur Zierde, weil ſie es nicht vor⸗ theilhaft zu tragen verſtand, wie ſie überhaupt kein Geſchick beſaß ſich durch den Anzug zu verſchönern. Die ernſte Muſe war keine
heitere Grazie! Es fehlte ihr ebenſo an Ligne wie an Be⸗ fähigung für die große Welt. Das Einſiedlerleben in dem weſt⸗ phäliſchen Bauernhauſe und ſpäter in dem ſchwäbiſchen Schloß war ganz ihre eigene Wahl und genügte ihrer poetiſchen Natur voll⸗ kommen.
Bevor wir mit ihr und dem neuvermählten Paar nach Meers⸗ burg überſiedeln, müſſen wir uns noch rechtfertigen, weshalb wir Rüſchhaus, den Wittwenſitz einer Edelfrau, ein weſtphäliſches Bauern⸗ haus genannt haben. Es iſt nämlich nach dem aus der Urväter Zeiten ſtammenden und treu bewahrten Plane eines ſolchen erbaut worden, mit ſeiner breiten Tenne, einer Art Halle oder Scheune, die mit feſtgeſtampftem Lehm gepflaſtert und ſo hoch iſt, daß ein wohlgeladener Heuwagen hineingebracht werden kann. dient als Vorzimmer, Wohnſtube und Küche; zu beiden Seiten liegen die Ställe. Pferde und Kühe ſchanen durch ihre Krippen mit pat riarchaliſchem Geſichtsausdruck den Bewohnern zu und erhalten ihre Fütterung in bequemſter Weiſe vom Wohnraume aus. Ueber den Ställen liegen die Schlafkammern und neben dem niedrigen Prend über dem ſtets der rußige Waſſerkeſſel hängt, befindet ſich
kleine Putzſtube, deren runde, in Blei gefaßte Fenſter die Aus⸗ ſuht in ein Blumengärtchen, von dichten Hecken umkränzt, haben. Hohe Bäume ſtehen Schildwacht auf dem Hofe, der von Gräben voll blauer Vergißmeinnicht umgeben iſt. Genau wie Tacitus die Bauernhöfe Germaniens ſchildert, findet man ſie noch jetzt in Weſtphalen.
Wie ſchon erwähnt worden, hatte Rüſchhaus an ſeiner Lang⸗ ſeite einen Anbau erhalten, der dem Bauernhaus das Anſehen eines Herrenhauſes gab. Ein Domherr aus Münſter hatte es ſiche zum Jagdſchlößchen eingerichtet und dabei die Bauernwirthſchaft
Sie
in ihrem alten Recht gelaſſen. Eine breite ſteinerne Freitreppe führte aus einem Garten mit franzöſiſch zugeſchnittenen L ris⸗ hecken und plumpen Steinfiguren in einen hübſchen Salon, hinter
deſſen I Tapetenwänden der geiſtliche Herr eine richtige Capelle auf⸗ führen ließ, um bequem darin ſeine pflichtmäßige Meſſe trotz des Jagdvergnügens abhalten zu können.
Durch Erbſchaft und Kauf war Rüſchhaus mit ſeinen anſehn⸗ lichen Ländereien an die Familie des Freiherrn von Droſte⸗Hüls⸗ hoff gekommen, der einen erblichen Wittwenſitz dort gründete.
Wenden wir uns jetzt der Meersburg und ihrem Burg⸗ herrn zu.
» Joſeph von Laßberg ſtammenden Geſchlechte an, von Fürſtenberg ſtand.
gehörte einem aus Ober⸗Oeſterreich das zuletzt im Hofdienſt des Fürſten Geboren 1770 zu Donaueſchingen, in einer Kloſterſchule daſelbſt erzogen, ſtudirte er in Freiburg im Breisgau die Forſtwiſſenſchaften und wurde ſchon in ſeinem drei⸗ undzwanzigſten Jahre als Oberforſtmeiſter zu Heiligenberg ange⸗ ſtellt, wo er ſich den erſten häuslichen Heerd gründete. In dieſer Stellung erweiterte ſich ſeine Wirkſamkeit in bedeutſamer Weiſe. Das Ländchen vexlor ſeinen regierenden Fürſten durch den Tod und bekam einen minderjährigen Herrn, für den die verwittwete Mutter, eine geborene Fürſtin Thurn und Taxis, die Regentſchaft führte. Die ſchöne und geiſtreiche Frau ſchenkte dem ritterlichen Gelehrten ſehr balde ihr ganzes Vertrauen. Er wurde Landes⸗ Oberforſtmeiſter, Geheimer Nath und endlich nach dem Tode ſeiner


