Jahrgang 
43 (1868)
Seite
682
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ſondirte das rothe gutmüthige Geſicht, welches während des Gottes⸗ dienſtes neben mir geglänzt und mich in ſein Geſangbuch hatte ſehen laſſen. Es wußte nicht, was ich meinte, und wies mich an einen Bekannten von der Bruderſchaft, derBücher hatte. Auch hier war nicht viel zu erfahren. Ich hörte nur Mack's Namen, und daß man zuerſt am Mill Creek gewohnt habe. Der Biſchof

da hiermit zeigte er auf den ebenerwähnten ſtattlichen Vater Noah im Frack würde mir mehr ſagen.

Ich trug meine Bitte bei dieſer dritten Inſtanz vor, und zwar deutſch. Er ſah mich eine Weile fragend an.

Geſchichte unſerer rnomtnation?! fragte Noah mit leiſem Schütteln der ehrwürdigen Silberlocken.Geſchichte was iſt Geſchichte? Schwätze doch lieber deutſch. Ich verſtehe das Deutſch ländiſche nicht gut.

Ich entſchuldigte mich, daß ich mit dem Deutſchen nicht fertig werden könne, da ich noch nicht lange im Lande ſei, erklärte ihm den Begriff Geſchichte kurzweg mitRise and Progress(Ur- ſprung und Entwickelung) und erbot mich, engliſch mit ihm weiter zu verhandeln. Vater Noah war damit zufrieden und erfuhr jetzt, was ich wollte, aber mein Begehren wurde auch von ihm nicht erfüllt. Nachdem er noch einmal die Silberlocken geſchüttelt, ſagte er würdevoll, mit Selbſtgefühl und mit einem leichten Anflug von Geringſchätzung, wie man ſie vor Leuten empfindet, die unnütze Fragen an ihre Nebenmenſchen richten:Urſprung und Entwicke⸗ lung? Unſer Urſprung fängt mit den Apoſteln an, und unſere Entwickelung iſt die Hiſtorie der unſichtbaren Kirche Gottes.

Da hatte ich's und war ſo klug wie zuvor. Ein weiterer Verſuch, mich mit dem alten Herrn zu verſtändigen, führte zu nichts, als einer ausführlicheren Wiederholung ſeiner vorigen Ant wort. Er hatte offenbar nicht die Fähigkeit, ſich aus dem her⸗ kömmlichen Vorſtellungskreiſe ſeiner Secte herauszuhelfen, und meine Wißbegier kam ihm augenſcheinlich als Neugier vor und zwar als Neugier nach Dingen, die einen rechtſchaffenen Menſchen und guten Chriſten nicht im Mindeſten intereſſiren konnten. So half er mir aus einer erlegenheit als er, dem Rufe zum Eſſen fol dend, ſich verabſchiedete

Die jüngeren Leute, die dieſem Geſpräch zugehört, waren weniger würdevoll, aber zugänglicher. Wir disputirten ein wenig, da hier wie faſt überall, wo man zu wunderlichen Heiligen kommt, um ſich über ſie zu informiren, bei den Leuten die Anſicht zu herrſchen ſchien, der Fremde ſei gekommen, mit ihnen zu ſtreiten und ſie zu bekehren. Indeß ging Alles friedſam her, und wenn ich auf eine Frage, weshalb der in der Bibel angeordnete heilige Kuß von unſeren Paſtoren nicht zur Verabreichung empfohlen würde, nur mit den Achſeln zucken konnte, ſo hatte ich dafür die Freude, die wackeren Leute darüber mit der ihnen neuen Benach richtigung einigermaßen 8 tröſten, daßim alten Lande Kaiſer und Könige, ja ſe lbſt d heilige Vater der katholiſchen Chriſten⸗ heit zuweilen die Fu Fwaſch hung vollzögen. Zuletzt hatten wir Wohlgefallen aneinander gefunden, ich erfuhr das Eine und das Andere von Intereſſe und theilte Fragern, die ſich immer zahl⸗ reicher einfanden, das Eine und das Andere mit; ja, als wir zum Eſſen gerufen wurden, hatte ich zu weiterer Unterhaltung in der Heimath der Wißbegierigen wohl ein halb Dutzend Einladungen erhalten, und Einer hatte es damit ſo eilig, daß er mich am liebſten noch dieſen ſelben Abend mitgenommen hätte

Nach dem Eſſen, bei dem ſich die auweſenden Nichttunker, großentheils Loafer, ſehr unanſtändig aufgeführt, die Tiſche foͤrm lich geſtürmt, die Schüſſeln wie im Nu geleert und zu alledem Arerſam gelärmt und geflucht hatten, hob das Beten, Singen und Ermahnen von Neuem an und währte ununterbrochen fort, bis es

dunkel wurde. In der That es gehörte ein guter Magen dazu, ſo viel geiſtliche Speiſe, die überdies ſolche Bauernkoſt und in der Hauptſache ienmer daſſelbe Gericht war, zu verdauen. Indeß ſchienen die Leute lange nichts davon gehabt zu haben. Es war wie ein Kirmeßeſſen, das auch ſelten, aber dafür um ſo reichlicher iſt.

Endlich wurden in Blethlenchtern Talglichte auf den Tiſch vor den zuedi ern geſtellt, und die Scene änderte ſich. Man ſtimmte zunächſt einige Paſſionslieder an. Dann wurde die Lei⸗ densgeſchichte Jeſu aus dem Mareusevangelium vorgeleſen, und hierauf brachten zwei Brüder ein Faß herein, in welchem ſie, nachdem ſie die Hemdärmel aufgeſtreift, allen mänmürhe Mit⸗ gliedern der Verſammlung die Füße wuſchen, die ſie dann mit langen Handtüchern trockneten, welche ſie um den Leib gewunden hatten. Aehnlich verfuhren auf der Seite der Schweſtern zwei Diakoniſſinnen. Während dieſer Ceremonie ſprach einer der Bi⸗ ſchöfe über die Bedeutung derſelben. Der Waſchende verſinnbil⸗ dete danach durch ſein Niederbeugen die Pflicht des Chriſten zur Demuth, der zu Waſchende durch Darreichung ſeiner Füße zur Reinigung die Willigkeit der Brüder, ſich von den Genoſſen durch Ermahnung zum Guten und durch Vergebung von Uebertretungen geiſtig ſäubern zu laſſen. Auf die Fußwaſch ung folgte das Abendmahl in der Geſtalt, daß man nach einem Tiſchgebet aus Blechnäpfen Suppe und dann Rindfleiſch, Brod und Butter, und dann ſchritt die Ber ſenanlieng nach einer Rede, in welcher Biſchof Nead auf die 2 Bedeutung der Feier hinwies, zur Commu⸗ nion. Dieſelbe ſollte, wie jener geſagt, eine Gelegenheit ſein zu recht innigem Empfinden der Gemeinſchaft Aller in Glauben und Liebe, und deshalb ſolle Jedermann, der noch irgend welchen Groll gegen einen Bruder oder eine Schweſter hege, denſelben von ſich thun oder von der Ceremonie fernbleiben.

Erſt nach dieſer Rede ging unter den Brüdern auf der einen, den Schweſtern auf der anderen Seite von Mund zu Mund der heilige Kuß. Hierauf. ſtand ein anderer Biſchof auf, um über das inzwiſchen auf den Tiſch in der Mitte geſtellte Brod, welches in dünnen Kuchen, ähnlich den Judenmazzen, beſtand, ein Gebet zu ſprechen, zu dem die ganze Verſammlung das Amen ſagte. Nun brach der Ausſpender des Kuchen einen langen Streifen ab, wendete ſich zu dem Nachbar zur Rechten und ſprach zu ihm:Lieber Bruder, das Brod, wel⸗ ches wir brechen, iſt die Gemeinſchaft des Leibes Chriſt⸗ 6 worauf er ein Stück von dem Streifen abbrach und es dem Angeredeten übergab, der es vor ſich hinlegte, dann aber auch den Streifen erhielt, mit dem er, ſeinem Nachbar auf der rechten Seite zuge⸗ kehrt, ebenſo verfuhr, wie der erſte Vertheiler. Als auf dieſe Art Alle ihr Stück Kuchen erhalten, forderte der vorſitzende Biſchof die Verſammlung auf, das Brod nun zu eſſen, ſich dabei aberdes gebrochenen und verwundeten Leibes unſeres theuren Heilandes zu erinnern.

Nach Ausſpendung des Brodes wurde über dem Wein ge⸗ betet, der in grünen Bocksbeutelflaſchen herringebrach worden war, und von dem Borſthzenden in Zinnbecher eingeſchenkt wurde. Es war Rothwein, und die Becher gingen in derſelben Weiſe, her die Kucheuſtreifen, an den Tiſchen herum, während man ſich dabei deutſchodder engliſch zurief:Lieber Bruder, der Wein, den wir t trink ken, iſt die Gemeinſchaft des Blutes Jeſu Chriſti.

Die ganze Feier ſchloß mit einem Gebete, worauf Biſchof Nead die von fernher Rſchi nenen Brüder zu einem Frühſtück im Meetinghouſe einlud. Dann zerſtreute ſich die Verſammlung, und auch ich machte mich auf den Heimweg. Noch oft aber ſtieg in der Erinnerung das Bild auf von dieſer nächtlichen Abendmahls⸗ feier der Tunkerbrüder im Hinterwalde.

Ein Bauernhaus der rothen Erde und ein Schloß am Schwabenmeer.

Von E.

Es war im Jahre 1830 und als ein großer und ſtattlich ausſehender Mann in einem grünen mit ſchwarzen Schnüren(Brandenburgs genannt) beſetzten Rock, ein leichtes ſpaniſches Rohr in der Hand, aus einem der Thore der alten Stadt Münſter ſchritt und einer nordweſtwärts führenden ſandigen Landſtraße folgte. Er ſchritt raſch und

v. Hohenhauſen.

einige Jahre vielleicht mehr, alle Augen hafteten auf der fremden Erſcheinung, die

elaſtiſch dahin;

und mannhaft, ganz wie ein Muſterbild eines adligen Waidmanns

und trotz des grauen Haars und des kleinen ſchneeweißen Knebel⸗

bartes ſo jugendlich kräftig ausſah. Eine Stunde weit mochte der ſtattliche Wandrer gegangen⸗ ſein, nur demüthige Landleute, beladene Botenfrauen, Biehtreiben

Sacraments von dem

wie vor⸗

war nig erh wie Er klei zür fein geſe der Sch Kor um

ſich zwe bar