Jahrgang 
43 (1868)
Seite
681
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wie angedeutet, und daher feiern ſie das Abendmahl bei Nacht und als wirkliches Eſſen, dem indeß noch die Communion in der Weiſe der Reformirten folgt, nachdem eine allgemeine Fußwaſchung ſtattgefunden hat. Begegnen ſie ſich bei kirchlichen Gelegenheiten, ſo begrüßen ſie ſich mit demheiligen Kuß oder demKuß der Liebe, von dem in den Pauliniſchen Briefen zuweilen geſprochen wird, und über den, um falſchen Schlüſſen vorzubeugen, gleich hier bemerkt werden mag, daß er ſich nicht über die Grenze des Ge⸗ ſchlechts entfernt, alſo nur von Mann zu Mann und von. Frau zu Frau geht. Ferner haben ſie aus der Bibel herausgeleſen, daß Sterbende mit geweihtem Oel geſalbt werden müſſen, daß Waffen zu tragen, Proceſſe zu führen und Eide zu leiſten un⸗ chriſtlich iſt. Früher war unter ihnen ſogar verboten, von Geldern, die ſie verliehen, Zinſen zu nehmen, und noch jetzt verlangen die Frömmeren unter ihnen von Nichttunkern nur ſehr geringe und von armen Gemeindegliedern gar keine Intereſſen für das vorge⸗ ſtreckte Capital. Jeder zur Gemeinſchaft der Brüder Gehörige, der ſich während des Gottesdienſtes bewogen findet, einen Vortrag zu halten, hat Erlaubniß dies zu thun. Zeichnet ſich einer dabei durch Bibelkenntniß und Beredſamkeit aus, ſo wählt ihn die Ge⸗ meinde zu ihrem Prediger, und er wird durch Handauflegung und unter Faſten und Gebet vom Biſchof geweiht. Dieſe Prediger bleiben Farmer oder Handwerker; denn nach dem Bibelworte: Geben iſt ſeliger denn Nehmen beanſpruchen ſie keinen Gehalt, und man belohnt ſie nur gelegentlich durch ein Geſchenk. Sie haben auch Diakonen und Diakoniſſinnen, welche letzteren, aus den älteren Frauen genommen, beim Abendmahl die Küche und die Fußwaſchung für dieSchweſtern beſorgen, während die erſteren mit der Armen⸗ und Krankenpflege und mit der Schlichtung von etwa vorkommenden Streitigkeiten in ihrem Sprengel betraut ſind. Manche Gemeinden ſind mehrere hundert Mitglieder ſtark, und von dieſen gehen alljährlich zu den zerſtreut wohnenden Brüdern Reiſeprediger aus, die gewöhnlich paarweiſe auftreten, wo dann der eine deutſch, der andere engliſch predigt. Endlich haben die Tunker auch Biſchöfe, welche aus ihren Predigern gewählt werden und denen die Beaufſichtigung der verſchiedenen Sprengel, die Leitung ihrer Abendmahlsfeiern und Liebesfeſte, die Weihung der Prediger und die Mitwirkung bei Excommunicationen obliegt.

Kirchen beſitzen die Tunker nicht. Wo die Gemeinde klein iſt, hält man den Gottesdienſt in dem geräumigſten Farmhauſe oder der größten Blockhütte derſelben ab. Wo ſie viele Mitglieder zählt, hat man in der Regel ein beſonderes, nur zu kirchlichem Zweck beſtimmtes Verſammlungslocal, aber daſſelbe unterſcheidet ſich, ohne Thurm und Glocken, äußerlich durch nichts von den gewöhnlichen ländlichen Privathäuſern und hat im Inneren weder Chor oder Emporkirche, noch Orgel oder Kanzel. Wie es aber in einem ſolchen. Meetinghouſe ausſieht und bei einem Tunker⸗ gottesdienſte zugeht, wollen wir jetzt ſehen.

Beſonders zahlreich angeſiedelt ſind die Tunker, die ſich auf gutes Land verſtehen, in dem Gebiete zwiſchen den beiden Miamis und dem Mad NRiver, und hier haben ſie auf einer Waldblöße an der Straße von Dayton nach Salem, etwa drei Stunden Weges von erſtgenannter Stadt, eines jener Meetinghouſes, zu dem die Leſer mir jetzt folgen mögen, um einem Gottesdienſte unſerer wunderlichen Heiligen beizuwohnen.

Es iſt etwa neun Uhr Morgens, wie wir durch den Wald von Eichen und Ahornbäumen, der die Straße mit Ausnahme einiger Klärungen begleitet, einen mit dem landesüblichen im Zick⸗ zack laufenden Zaun, der ſogenannten Wormfence, eingefaßten

offenen Raum vor uns erblicken, in deſſen Mitte ſich ein langge⸗ ſtreckes, mit Schindeln gedecktes Ziegelhaus befindet. Es iſt unſer Ziel. Innerhalb der Umzäunung, an deren Niegel zahlreiche Pferde angebunden ſind, und vor der ein Marketender ſich mit Flaſchen und Gläſern neben einem flackernden Kochfeuer nieder⸗ gelaſſen hat, tummelt ſich allerlei Volk, langbärtige Tunker, zum Theil in weißen Wollenmänteln, zum Theil in braunen oder aſch⸗ grauen Fracks, die ſich mit demheiligen Kuß und derbrüder⸗

lichen Rechten begrüßen, Tunkerfrauen in alterthümlichen Hauben und Bruſttüchern und eine Menge profaner Zuſchauer, unter nen Daytons Loafer nicht fehlen dürfen. Aus dem Schornſtein Meettinghouſes ſteigt eine blaue Rauchſäule empor; denn ſchon in die Diakoniſſinnen in der Küche dahinter die Speiſen, die heutigen Liebesmahl verzehrt werden ſollen.

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Plötzlich Aufbruch von allen Seiten nach dem Hauſe, welches bald in allen ſeinen Theilen gafüllt iſt. Die größere Hälfte des⸗ ſelben nimmt ein langer niedriger Saal ein, der einer großen Bauernſtube gleicht. Die Bretterdecke deſſelben wird von vier grob⸗ zugehauenen Holzſäulen getragen. Vier Thüren, von denen ſich eine nach der Küche öffnet, führen hinein, neun Fenſter geben ihm Licht. Ein Altar iſt nicht vorhanden, die Altarkerzen mag das Heerdfeuer erſetzen, welches durch die Küchenthür hereinflackert. Chor und Kanzel zugleich vertritt eine weißgedeckte Tafel, aus zwei Böcken und etlichen darüber gelegten Brettern conſtruirt, um welche gegen zwanzig meiſt bejahrte Tunker, die Prediger und Biſchöfe, ſitzen. Die übrigen Theilnehmer an der Feier ſowie die Zuſchauer nehmen, etwa dreihundert an der Zahl, zu beiden Seiten des Tiſches auf niedrigen Bänken ohne Lehne Platz, rechts, wie billig, da hier die Küche iſt, die Schweſtern, links, ihre Hüte auf den Knieen, die Brüder.

Und nun will ich im Perfectum weiter erzählen.

Nachdem ſich das Geſcharr und Geſumme der Eintretenden gelegt hatte, eröffnete man den Gottesdienſt mit einem engliſchen Liede aus einer Art Geſangbuch, welches ſichdas Harfenſpiel der Kinder Zions nannte. Dann ſprach einer der Prediger ein deutſches Gebet, welches ein ungeberdiger Tunkerſäugling mit ſeinem Geſchrei begleitete. Nach dem Amen erhob ſich einer der Biſchöfe, ein ſchöner alter Mann mit einem ſilberweißen Noahbarte, um aus der engliſchen Bibel ein Capitel aus dem Propheten Jeremias vorzuleſen, worauf die Gemeinde wieder einige deutſche Verſe ſang, die ihr einer der Prediger zeilenweiſe vorſagte.

Hierauf begann das Predigen, meiſt weniger ſtark als breit, bald in deutſcher, bald in engliſcher Sprache, bisweilen auf gut Pennſylvaniſch, was die hier gebornen Bauern für das eigentliche Deutſch halten, wogegen ſie unſre Schriftſprache alsdeutſchlän⸗ diſch bezeichnen. Ein alter Seelenhirt, der über das nach Luther's Ueberſetzung verleſene dritte Capitel der Apoſtelgeſchichte in eng⸗ liſcher Zunge ſich vernehmen ließ, zog, als ihm von der An⸗ ſtrengung warm wurde, ohne Weiteres den Rock aus, um ihn an die über ſeinem Kopfe von Säule zu Säule befeſtigte Leiſte zu hängen, und brach bald nachher, indem er den Lahmen an der Pforte des Tempels zu Jeruſalem, über den er die Brüder bis dahin, beiläufig nicht ungeſchickt, verſtändigt hatte, für einen Augen⸗ blick ſtehen ließ und ſein Engliſch vergaß, mit der Geberde des Schmerzes in die Worte aus:Merk könnte noch viel ſchwätze

Uff!

über dieſen Text, aber meine Lungs wolln's net ſtände. meine Lungs.(Ständen heißt Aushalten, Lungs Lungen.) Ihm folgte, nachdem er trotz der erſchöpften Lunge noch eine reichliche Viertelſtunde, ſo ziemlich immer daſſelbe wiederholend, geſprochen, ein Amtsbruder, der auf Deutſch ungefähr wieder daſſelbe ſagte, bis ihn ein blaſſer, ſchwarzbärtiger Prediger ablöſte, der, wiederum engliſch, ein neues Thema behandelte und offenbar das meiſte Nedetalent entwickelte, ſo daß ihm ſelbſt der rieſenhafte Diakon, der neben mir an der Thür bisher mehr Portiergeſchäfte gegen zudringliche Loafer beſorgt, als an ſein Seelenheil gedacht hatte, ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte und während ſeiner Rede bewahrte. Als nach ihm wieder deutſch gepredigt worden, folgte wieder Ge⸗ bet, wobei die Verſammlung auf die Kniee fiel, während der Vor⸗ beter mit geſchloſſenen Augenlidern und den Kopf auf den einen Arm geſtemmt, am Tiſche ſitzen blieb. Nun wieder Vorträge und Ermahnungen, bald engliſch, bald V deutſch, die meiſten in Hemdärmeln; denn es war allmählich un⸗ erträglich heiß in dem Raume geworden, und der Schweiß rieſelte von allen Stirnen. Endlich machte es war ungefähr drei Uhr geworden, und es mochten faſt ein Dutzend Prediger geredet haben der vorſitzende Biſchof dieſer Speiſung der Seelen mit V dem Bemerken ein Ende, daß es Zeit zum Mittagseſſen ſei, und bat, das Haus zu räumen, da der Saal dazu hergerichtet werden ſollte. Erſt würden die alten Leute und die Frauen ſich zu Tiſch V ſetzen, dann die Uebrigen bei einer zweiten Anrichtung ihr Theil finden. Auch die Zuſchauer ſeien als Gäſte willkommen. Endlich ſei auch für die Thiere Aller geſorgt, und würde der Diakon das Nöthige auf Wunſch verabfolgen. Während dieſer Aufforderung und Erlaubniß Folge gegeben wurde, die, welche zu Pferde oder zu Wagen gekommen waren, ſich Taſchentücher voll Hafer und Arme voll Maiskolben holten, und drinnen die Kirche in einen Speiſeſaal verwandelt wurde, ſuchte ich mich ein wenig über die Geſchichte und die Glaubensmeinungen der Leute zu belehren. Ich

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