Jahrgang 
43 (1868)
Seite
680
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Stücken wörtlich nimmt, und daß man dann namentlich entdecken wird, wie nur die Taufe Erwachſener wahre Kraft hat.

Die Abrahamsbärte im Goethefrack ſind alſo deutſche Wieder⸗ täufer, und fragen wir in der Welt, die nicht zu ihnen gehört, weiter nach, ſo erfahren wir, daß ihre Gemeinſchaft einen ziemlich großen Theil der Farmer in den Wäldern und auf den Prairien des Miſſiſſippithales umfaßt, und daß man ihnen, weil ihre Secte die Taufe ſtatt durch Beſprengen durch Untertauchen vollzieht, den Namen der Tunker, engliſch Dunkards, gegeben hat. Sie ſelbſt aber nennen ſichBrüder, engliſch Brethren, weil Jeſus ge⸗ ſagt hat:Einer iſt euer Herr, Chriſtus, ihr alle aber ſeid Brüder. Von unduldſamen Witzbolden haben ſie ſich auch den SpitznamenTumblers gefallen laſſen müſſen, weil ſie den im Waſſer knieenden Täufling mit dem Kopfe drei Mal nach vorn, nicht wie bei den Baptiſten nach rückwärts, untertauchen, eine Procedur, die einige Aehnlichkeit mit den Bewegungen der Tumm⸗ ler oder Schweinfiſche hat.

Als Bauersleute wiſſen die meiſten nichts von der Geſchichte ihrer Secte oder ſagen wir lieber, da Secte in Amerika einen üblen Klang hat und dieſe Blätter möglicherweiſe auchBrüdern in die Hände kommen werden, ihrer Gemeinſchaft. Wußte doch einer ihrer Biſchöfe, als ich ihn danach fragte, nicht einmal, was Geſchichte ſei. Auch außerhalb des Kreiſes dieſer deutſchen Täufer⸗ brüderſchaft im amerikaniſchen Hinterwalde iſt, meines Wiſſens, ſo gut wie nichts über ihren Urſprung und ebenſowenig über ihren Glauben bekannt, und ſo wird es nicht unverdienſtlich ſein, bevor ich ein Zuſammentreffen mit ihnen ſchildere, in der Kürze mitzu⸗ theilen, was ich aus allerhand Quellen über ſie in Erfahrung brachte.

Die Tunker oder Brüder erſcheinen in Amerika zuerſt im Herbſt 1719, wo etwa zwanzig Familien in Philadelphia landeten und ſich bald darauf zerſtreuten. Einige gingen nach German⸗ town, andere nach Shippack, noch andere ließen ſich in Oley und bei Coneſtoga nieder. Bei dieſer Zerſtreuung kam es zu keinem gemeinſamen Gottesdienſte, und die vereinzelten Familien begannen lau im Glauben zu werden. Eine Reiſe, die im Jahre 1722 von den Gebrüdern Trautz und mehreren Anderen, namentlich Peter Beck von Germantown, zu denſelben unternommen wurde, um ihnen in's Gewiſſen zu reden, hatte Erfolg. Ein großes Re⸗ vival, d. h. eine Wiederbelebung des religiöſen Sinnes und Eifers, fand ſtatt, und überall verbanden ſich Gruppen von Familien zu regelmäßiger Feier des Gottesdienſtes, den ſie mitgebracht. Nach einiger Zeit aber hörte auch das wieder auf, da die Schwierigkeit des Verkehrs damals in der Wildniß zu groß war, und die Tunker würden ſich allmählich in der übrigen pennſylvaniſchen Bevölkerung verloren haben, wenn nicht im Herbſt 1729 eine zweite Geſell⸗ ſchaft der Ihrigen eingetroffen wäre. Dieſe, einige dreißig Familien ſtark, verſtärkte ihre Zahl und brachte neues Leben unter ſie, ſo daß die Genoſſenſchaft ſich erholte und fortan erhalten blieb. Bei dem Segenſeid fruchtbar und mehret euch, der im Hinterwalde über Alles, Menſchen wie Maiskolben, ausgegoſſen iſt, wurde dann im Laufe von etwa anderthalbhundert Jahren aus dieſen erſten Einwanderern eine zahlreiche Gemeinde, die an fünfzigtauſend Köpfe zählen ſoll(Genaues weiß man darüber nicht, da die Tunker über ein weites Gebiet vertheilt ſind und es überdies nach dem übeln Ausgang der Zählung Iſraels durch David für ſündhaft halten, Zählungen anzuſtellen) und in der wenigſtens ein lofer Zuſammen⸗ hang unter den Brüdern bewahrt wurde.

Jene beiden Einwanderergeſellſchaften aber kamen aus Deutſch⸗ land und waren Glieder einer Genoſſenſchaft frommer, grübelnder Bauersleute, die, durch Spener's Schriften angeregt, vom Jahre 1708 an ſich zu Schwarzenau bei Schriesheim(Baden) zuſammengethan hatte, umſorgfältig und ohne Vorurtheil die Lehren des Neuen Teſtaments zu prüfen und ſich klar zu werden, welche Pflichten es dem Bekenner des Chriſtenthums auferlege. Der Stifter der Genoſſenſchaft war Alexander Mack, ſonſt gehötten zu ihr anfäng⸗ lich nur deſſen Frau, Johann Köppen und deſſen Frau, Georg

Gräfe, Andreas Bohne, Lukas Vetter und Johanne Nettigheim.

Das Ergebniß ihrer Forſchungen, bei denen ſie den Grundſatz ver⸗ folgten, von allen Lehren und Bräuchen der beſtehenden Kirche

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ſie mit derTaufe der Gläubigen, d. h. der Zurechnungsfähigen oder Erwachſenen, getauft wurden. Aber da ergab ſich eine Schwie⸗ rigkeit. Mack, als Vorſteher erſucht, die heilige Handlung an den anderen Separatiſten zu vollziehen, weigerte ſich als gewiſſenhafter und logiſch denkender Mann. Er war nach ſeiner Auffaſſung wie jene ungetauft, weil nicht auf die von der Bibel vorgeſchriebene Weiſe getauft, und deßhalb nicht berechtigt, als Täufer zu fungiren. Zuletzt indeß half man ſich damit aus der Verlegenheit, daß man unter Gebet das Loos entſcheiden ließ, wer von den acht wunder⸗ lichen Heiligen der Nothhelfer ſein ſollte. Der Name deſſelben iſt ſorgfältig geheim gehalten worden. Wir wiſſen nur, daß die Taufe der Leute im Flüßchen Eder bei Schwarzenau ſtattgefunden hat, und daß Mack dann zum Geiſtlichen der neuen Gemeinde ge⸗ wählt wurde.

Dieſe Wiedertäufergenoſſenſchaft wuchs nun raſch durch Hin⸗ zutritt von Nachbarn, und bald gab es Tochtergemeinden in Ma⸗ rienborn, wo ein gewiſſer Johann Naaß, und in Epſtein, wo Chriſtian Levy die Leitung übernahm. Aber die alte Kirche ver⸗ ſtand damals keinen Scherz. Die harmloſen Brüder erlitten Ver⸗ folgung, und da ſie von ihrer Ueberzeugung nicht laſſen wollten, ſo waren ſie genöthigt, ſich eine andere Heimath zu ſuchen. Einige flüchteten nach Holland, wo die verwandten Mennoniten geduldet waren, andere nach Crefeld im damaligen Herzogthum Cleve. Die Mutterkirche zog von Schwarzenau nach Seruſtervin in Fries⸗ land, von wo die zu derſelben Gehörigen nach Pennſylvanien aus⸗ wanderten. Die beiden andern Gemeinden folgten ihr zehn Jahre ſpäter dahin.

Damit hört die Geſchichte der Tunker für uns auf. Wir wiſſen nur noch, daß ihre Genoſſenſchaft ſich in den erſten Jahren nach 1729 auch durch Hinzutritt anderer deutſcher Einwanderer von Wiſſahikon und aus Lancaſter County verſtärkte, daß in letz⸗ terer Grafſchaft eine ſtarke Gemeinde am Mühlbach oder Mill Creek entſtand, und daß aus dieſer ſich auf Anregung eines ge⸗ wiſſen Conrad Beiſſel, der die Entdeckung gemacht, nicht der Sonn⸗ tag, ſondern der Sonnabend ſei von dem wahren Chriſten als heiliger Tag zu feiern, eine neue Gemeinde abſonderte, die den Namen Siebendtäger erhielt, und über deren Verſuch, in der Wildniß am Fluſſe Cocalico ein proteſtantiſches Kloſter in der Weiſe der Kapuziner zu gründen, ich in einem anderen Abſchnitte ausführlich berichten will.

Die ſonſtigen Thaten und Leiden der Anhänger Mack's ver⸗ bergen ſich im Schatten des Urwalds, wie andere Geſchicke der Deutſchen, die in der Zeit vor dem Unabhängigkeitskriege in die dunkle Einöde des Innern von dem damaligen Pennſylvanien, Penn's Waldland, auswanderten. Mack ſelbſt ſcheint ſchon in Friesland oder doch bald nach ſeiner Ankunft auf amerikaniſchem Boden geſtorben zu ſein.

Fragt man die Brüder nach ihren Bekenntnißſchriften, ſo er⸗ hält man in der Regel die Antwort, daß es deren keine gebe, und daß die einzige Quelle ihres Glaubens und ihrer Einrichtung die Bibel ſei. Dies iſt indeß nicht richtig. Es exiſtirt ein Buch jener Art von ihrem Stifter, es giebt ferner ein zweites, welches von dem Tunkerbiſchof Wincheſter verfaßt iſt, und ich ſelbſt beſitze ein drittes, welches mir von ſeinem Autor, dem früheren Gerber und jetzigen Farmer und Biſchof Peter Nead bei Dayton in Ohio, verehrt wurde. Das letztere, mit Holzſchnitten ausgeſtattet, welche die Tunker bei verſchiedenen religiöſen Handlungen, Taufe, Abend⸗ mahl, heiligem Kuß ꝛc. darſtellen, führt in deutſcher Ueberſetzung den TitelTheologiſche Schriften über verſchiedene Gegenſtände; oder Vertheidigung des urſprünglichen Chriſtenthums, wie es im Worte Gottes aufgezeichnet iſt und iſt 1850 zu Dayton er⸗ ſchienen. Endlich aber halten ſie alle Jahre um Pfingſten eine Art Concil, welches von den Biſchöfen und Lehrern der einzelnen Gemeinden ſowie Abgeordneten der letzteren beſucht wird, und wo man unter Vorſitz der fünf älteſten Biſchöfe unter andern Fragen von allgemeiner Bedeutung auch etwaige Glaubensſtreitigkeiten entſcheidet, Entſcheidungen, die dann deutſch und engliſch gedruckt den Vorſtänden der Einzelgemeinden zur Verleſung überſandt werden. 3

abzuſehen und die Bibel ſo wörtlich als irgend möglich verſtanden zur alleinigen Richtſchnur zu nehmen, war, daß ſie aus der pro⸗ teſtantiſchen Kirche austraten und eine Gemeinde für ſich grün⸗ deten. Nach ihrer Meinung that ihnen nun vor Allem Noth, daß

Aus dieſen Schriften geht hervor, daß die Tunker Evangeliſche ſind, welche ſich eigentlich von anderen Evangeliſchen nur dadurch

buchſtäblich nehmen und befolgen. Daher vollziehen ſie die Taufe,

unterſcheiden, daß ſie alle Anordnungen Jeſu und der Apoſtel

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